Prometheus vs. Ganymed

Zwei Texte im Vergleich


Seminararbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. „Hier sitz‘ ich, forme Menschen nach meinem Bilde“ – Eine Einführung 2

2. „Bedecke deinen Himmel, Zeus“ – Interpretation der Hymne „Prometheus“ ...... 4

3. Ganymed
3.1 „Alliebender Vater!“ – Interpretation der Hymne „Ganymed“

4. Prometheus und Ganymed – Typische Sturm und Drang-Dichtung?
4.1 Erlösungs-Pyramide

5. Resümee und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. „Hier sitz‘ ich, forme Menschen nach meinem Bilde“ Eine Einführung

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit . […] >Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! < ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“[1]

Als Kant 1784 den berühmten Aufsatz über die Aufklärung schrieb, hatten einige deutsche Autoren längst damit begonnen, Werke fernab der Rationalität zu schreiben. Neben dem Verstand spielte auch das Gefühl oder die Empfindung eine wichtige Rolle in der zeitgenössischen Literatur: Die Epoche der Stürmer-und-Dränger war gekommen.

Die Periode des Sturms und Drangs wird oft als eine Gegenbewegung zur Aufklärung gesehen, vielmehr war sie aber eine Fortführung derselben, in der der Mensch in seiner Ganzheit betrachtet wurde. Sturm-und-Drang ohne Aufklärung wäre nicht möglich gewesen. Anstelle einer rein rationalen Denkweise wurde das Genie gesetzt – jener Mensch, der allein durch die in ihm wohnenden Begabungen zum Künstler wird, ohne sich an eine „Regelpoetik“[2] zu halten. Dieses Genie wurde zunächst allerdings nur in einer verklärten Vergangenheit gesucht, wie Goethes Rede zum Shakespearetag deutlich macht. Eben Goethe war es aber auch, der als erster Autor den Geniegedanken in seinen Werken umsetzte. Erich Trunz schreibt in einer kommentierten Ausgabe von Goethes Werken treffend:

„Für Goethe, den schöpferischen Künstler, verschmolz die Genielehre mit der Ich-Erfahrung. Er, als erster, stellt dar, wie dem Genie zumute ist. Während jene [Theoretiker] das Wesen des Genies beschreibend faßten, faßte er es dichtend.“[3]

Zum Ausdruck kam der Geniegedanke in den großen Oden und Hymnen Goethes.

„Sie waren selbst überströmend kraftvoll, waren neu, einmalig, eigenartig, innerlich notwendig. In ihnen gipfelt die Geniebewegung des 18. Jahrhundert.“[4]

Eine dieser Hymnen ist Prometheus[5]:

Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus,

Mit Wolkendunst!

Und übe, Knaben gleich,

Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöh'n!

Mußt mir meine Erde

Doch lassen steh'n,

Und meine Hütte,

Die du nicht gebaut,

Und meinen Herd,

Um dessen Glut

Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres

Unter der Sonn' als euch Götter!

Ihr nähret kümmerlich

Von Opfersteuern

Und Gebetshauch

Eure Majestät

Und darbtet, wären

Nicht Kinder und Bettler

Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,

Nicht wußte, wo aus, wo ein,

Kehrt' ich mein verirrtes Auge

Zur Sonne, als wenn drüber wär

Ein Ohr zu hören meine Klage,

Ein Herz wie meins,

Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir

Wider der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverei?

Hast du's nicht alles selbst vollendet,

Heilig glühend Herz?

Und glühtest, jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden dadroben?

Ich dich ehren? Wofür?

Hast du die Schmerzen gelindert

Je des Beladenen?

Hast du die Tränen gestillet

Je des Geängsteten?

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet

Die allmächtige Zeit

Und das ewige Schicksal,

Meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,

Ich sollte das Leben hassen,

In Wüsten fliehn,

Weil nicht alle Knabenmorgen-

Blütenträume reiften?

Hier sitz' ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, weinen,

Genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten,

Wie ich!

Achtundfünfzig unregelmäßige Verse, ohne Reime: Schon anhand der äußeren Form kann man der 1773 verfassten Hymne das von Trunz beschriebene „Neue, Einmalige und Besondere“ ansehen. Es wird Unabhängigkeit und der Wille nach Eigenständigkeit ausgedrückt.

Goethe verwendet für die neue Gedichtform einen antiken, griechischen Mythos, den des Titanen Prometheus. Dieser erzählt, wie Prometheus Menschen aus Ton formt und ihnen dann gegen den Willen von Zeus das Feuer (=Kultur) bringt. Zur Strafe wird Prometheus an den Kaukasus geschmiedet. Jeden Tag frisst ein Adler seine Leber, die während der Nacht wieder nachwächst. Erst Herakles schafft es, Prometheus zu befreien und tötet den Adler.

Goethe hält sich allerdings nur sehr vage an die griechische Vorlage – was seinen Zwecken nicht dient, lässt er weg.

Diese Hausarbeit behandelt neben „Prometheus“ auch „Ganymed“, Goethes andere Hymne, die eine Figur der griechischen Mythologie zum Titel hat. Schwerpunkt liegt auf einer werkimmanenten Interpretation der beiden Gedichte unter besonderer Berücksichtigung der unterschiedlichen Gottesbilder. Es wird die These aufgestellt und überprüft, dass es Goethe bei „Prometheus“ um die Darstellung einer extremen „Verselbstung“ ging, während bei „Ganymed“ die „Entselbstung“ im Vordergrund steht. In einem abschließenden Vergleich wird dargelegt, dass beide Werke in Verbindung miteinander zu verstehen sind und Ganymeds Erlösung nur vor dem Hintergrund der prometheischen Verselbstung möglich ist.

2. „Bedecke Deinen Himmel, Zeus!“

Interpretation der Hymne Prometheus

Die Hymne beginnt mit einem direkten Befehl an Zeus. In selbstbewusstem, ja fast trotzigem Ton verlangt Prometheus, Zeus solle sich hinter „Wolkendunst“ (2)[6] verbergen. Klar grenzt Prometheus sein Reich von dem der Götter ab. Zeus Wirkungssphären sind „Himmel“ (1), „Wolkendunst“ (2), „Eichen“ (5) und „Bergeshöh’n“ (5). Hier darf der mächtige Göttervater sich an Bäumen und Berggipfeln austoben und „knabengleich“ (3) nach Belieben Disteln köpfen. Durch den Vergleich mit einem bockigen Kind, wird Zeus lächerlich gemacht und seine Macht ins Nichtige gezogen. Der Machtbereich von Zeus lässt sich mit den Attributen wie „weit weg“, „oben“ und „Zerstörung“ beschreiben. Klar getrennt von diesem semantischen Raum ist der Prometheus‘ Bereich. Hier sind die zentralen Begriffe „Erde“ (6), „Hütte“ (8), „Herd“ (10) und „Glut“ (11). Anstelle der bei Zeus assoziierten Begriffe treten hier die komplementären Ausdrücke „nah dran“, „unten“ und „Schöpfung“ in den Vordergrund. Die Trennlinie zwischen Zeus und Prometheus lässt sich auch sprachlich festmachen. Während in Zeile 1 bis 5 Plosivlaute dominieren („ B e d e ck e d einen Himmel“ (1) … „Wol k en d uns t “ (2) … „ K na b en g leich“ (3)) werden in Prometheus‘ Gebiet häufig m-Laute verwendet („ M ußt m ir m eine“ (6)). Auffallend ist Prometheus‘ häufige Verwendung der Pronomen „ich“ und „mein“ (insgesamt 16-mal). Hierdurch wird eine starke Subjektivität des Sprechers hergestellt und gleichzeitig die feindliche Gesinnung Prometheus‘ weiter betont. Inhaltlich lässt sich nun die Frage stellen, warum der als allmächtig geltende Zeus Prometheus‘ Hütte nicht anhaben kann und sie sogar stehen lassen „ muss “ (6)? Und warum beneidet Zeus die Glut aus Prometheus‘ Herd, wie es in den Zeilen 10 bis 12 steht? Mit der Glut ist die schöpferische Kraft des Menschen gemeint auf die Zeus neidisch ist[7]. Um den Zorn der Götter auf sich zu lenken genügt es schon, eine einfache Hütte zu bauen, obwohl die Götter mächtige Paläste und Tempel ihr Eigen nennen können. Die feste Hütte kann von Zeus aber nicht zerstört werden, weil er sie nicht errichtet hat. Vom Menschen selbst geschaffene Dinge sind gegen die Wut der Götter resistent. Durch die Fähigkeit der Selbstbestimmung werden die Götter von den Menschen hinter den „Wolkendunst“ (2), der durchaus mit Jenseits und Abseits gleichgesetzt werden kann, verbannt.

Schon nach der ersten Strophe wird deutlich, dass es sich bei „Prometheus“ nicht um eine Hymne oder Ode im klassischen Sinne handelt. Denn statt die Götter zu loben und zu preisen, wird Zeus vom lyrischen Ich verspottet und verachtet.

In der zweiten Strophe wird der Spott- und Hohngesang auf die Götter fortgesetzt. Gab es zuvor noch eine deutliche Trennung zwischen den beiden semantischen Bereichen „Gott“ und „Mensch“ so folgen in der zweiten Strophe stark gegensätzliche Wortpaare schnell aufeinander. Hierdurch erhält die Strophe eine starke Dynamik, die den Leser quasi von einer Sekunde auf die andere zwischen positiven und negativen Assoziationen hin- und herwirft und gleichzeitig den emotional aufgewühlte Zustand Prometheus‘ transportiert. „Ich kenne nichts Ärmeres unter der Sonn‘ als euch Götter“ (13-14) ist eindeutig blasphemisch, der Begriff „Eure Majestät“ (18) wird von „kümmerlich“ (15) ausgehoben und das an sich positive Attribut „hoffnungsvoll“ (21) wird durch das sich direkt anschließende Subjekt „Toren“ bedeutungslos gemacht. Die Existenz der Götter schimmert als bloßer Hohn und Spott durch die Strophe. Die sich selbst als allmächtige beschreibenden Götter werden als Betrüger entlarvt, als bloße Taschenspieler, deren Bestehen allein auf der Leichtgläubigkeit, der Furcht und Unkenntnis von „Kindern und Bettlern“ (20) beruht.

[...]


[1] Immanuel Kant:. S. 481 – 494.

[2] Unter einer Regelpoetik versteht man nach streng vorgegebenen Normen und Regeln arbeitende Dichtkunst. Besonders weit verbreitet war diese Auffassung in der Renaissance und im Barock.

[3] Trunz S. 465.

[4] Vgl. Trunz 465 ff.

[5] Goethe, Johann Wolfgang: Gedichte. Reclam Verlag. Stuttgart 2003, S. 35f.

[6] Die Zahlen in Klammern bezeichnen die Zeilenangaben des jeweiligen Gedichtes.

[7] Vgl. auch Weimar, S. 91f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Prometheus vs. Ganymed
Untertitel
Zwei Texte im Vergleich
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Germasistisches Institut)
Veranstaltung
Dichtung des Sturms und Drangs
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V169855
ISBN (eBook)
9783640883141
ISBN (Buch)
9783640882946
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Sturm und Drang, Ganymed, Prometheus, Erlösung, Interpretation, Schiller, Aufklärung
Arbeit zitieren
Jan Patrick Faatz (Autor), 2010, Prometheus vs. Ganymed , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169855

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