Lyriktheorie im Gedicht

Analyse: „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“ von J.W. von Goethe und „Wünschelrute“ von J. von Eichendorff


Seminararbeit, 2009
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

Kapitel I – „ Wünschelrute“, „Philister“ und „Zauberwort“: Schlüsselworte/
-wörter bei Eichendorff und Goethe

Kapitel II – Lyrische Fenster: Die Urpolarität von Licht und DunkelS

Kapitel III – Das Zauberwort: zwischen Oberfläche und Tiefe

FAZIT

Literaturverzeichnis

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen, a
Die da träumen fort und fort, b
Und die Welt hebt an zu singen, a
Triffst du nur das Zauberwort. b

Joseph von Eichendorff [1]

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben! a

Sieht man vom Markt in die Kirche hinein, b

Da ist alles dunkel und düster; c

Und so sieht's auch der Herr Philister: c

Der mag denn wohl verdrießlich sein b

Und lebenslang verdrießlich bleiben. a

Kommt aber nur einmal herein! b

Begrüßt die heilige Kapelle; d

Da ist's auf einmal farbig helle, d

Geschicht´ und Zierat glänzt in Schnelle, d

Bedeutend wirkt ein edler Schein. b

Dies wird euch Kindern Gottes taugen, e

Erbaut euch und ergötzt die Augen! e

Johann Wolfgang von Goethe[2],[3]

EINLEITUNG

In der folgenden Untersuchung werden die beiden genannten Gedichte in Hinblick auf ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede analysiert. Sowohl die „Wünschelrute“ Joseph von Eichendorffs als auch das Gedicht „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“ von Johann Wolfgang von Goethe sind spezifische Lyrikwerke, da sie in sich selbst eine kompakte Lyriktheorie enthalten: In beiden Fällen handelt es sich um „Gedichte über Gedichte“. Lyriktheorie und –praxis sind unzertrennlich ineinander verschmolzen, so wie Form und Inhalt der beiden Gedichte ebenfalls nicht voneinander zu trennen sind.

Ziel der Kurzanalyse ist es, den programmatischen Ansatz beider Gedichte eingehend zu untersuchen und zu versuchen, die in den Versen angedeuteten lyriktheoretischen Aussagen herauszuarbeiten, um sie anschließend miteinander zu konfrontieren. Hierbei scheinen Berührungspunkte und Differenzen wichtig, als auch die Verwendung von möglichst vielen Interpretationsansätzen.

Im ersten Kapitel gilt es sich den lyriktheoretischen Konzepten durch begriffliche Untersuchungen - der in den Gedichten auftretenden - Schlüsselworte/-wörter wie „Wünschelrute“, „Philister“ oder „Zauberwort“ möglichst sinngetreu anzunähern. Hierzu werden vor allem die Wörterbucheinträge der Gebrüder Grimm sowie andere Werke der beiden Dichter herangezogen.

Das zweite Kapitel ist den „lyrischen Fenstern“ gewidmet: die Urpolarität zwischen Licht und Dunkel soll anhand des Gedichts Goethes analysiert werden. Kapitel III setzt sich zum Ziel, das Zauberwort aus dem Zwischenraum zwischen Oberfläche und Tiefe „hervorzuholen“.

Hierbei soll vor allem der zeitgenössische Kontext gewahrt werden, aus diesem Grund sollen auch die Lexikoneinträge des Grimmschen Wörterbuchs in die Erwägungen miteinbezogen werden und auf andere Werke der beiden Dichter Bezug genommen werden. Von besonderem Interesse für die vorliegende Arbeit sind die Rolle von Dichter und Dichtung in Literatur und Leben sowie kurze Angaben zur Periodisierung und zeitgeschichtlichen Einordnung der Werke anhand der Anmerkungen der historisch-kritischen Ausgaben der Gedichte.

Besonderes Augenmerk soll zudem auch auf solche Topoi wie Zauber, Magie, Licht und Optik gerichtet und diese im Hinblick auf ihren Stellenwert an den beiden ausgewählten Beispielen der Lyriktheorie in der Poesie analysiert werden.

KAPITEL I – „ Wünschelrute“, „Philister“ und „Zauberwort“: Schlüsselworte/-wörter bei Eichendorff und Goethe

„Wünschelrute“

Um den Zugang zu den beiden Gedichten zu ermöglichen, gilt es zunächst die auftretenden Begrifflichkeiten, um die die beiden lyrischen Werke von Eichendorff und Goethe organisiert sind, in ihrem ursprünglichen Zeitkontext semantisch näher zu bestimmen. Hierzu bietet sich eine Analyse der Begriffserläuterungen in dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm an. Vor allem die Begriffe „Wünschelrute“, „Zauberwort“ und „Philister“ sollen im folgenden Abschnitt eingehender untersucht werden.

Laut dem Grimmschen Wörterbuch ist der Begriff „Wünschelrute“ schon seit dem
13. Jahrhundert belegt. Im Mittelhochdeutschen sei eine Wünschelrute gleichbedeutend mit einem „ stab, mit dessen hilfe auszerordentliches geleistet oder bewirkt werden kann“.[4] Schon diese erste Definition lässt auf das nahe iunctim zwischen „Wünschelrute“ und „Zauberwort“ deuten. Auch laut dem heutigen Sprachgebrauch kann mit dem „Zauberwort“ Außerordentliches bewirkt werden, das mitunter weit über den menschlichen Verstand hinausgehen kann. Das Wörterbuch belegt auch eine weitere Bedeutung im übertragenen Sinne: „ übertragen von personen, kräften u. dgl., denen eine besondere wirksamkeit eignet“ [5]. Als illustrierendes Beispiel wird ein besonders einprägsamer Vers von Hans Sachs zitiert:

sie (die ehefrau) ist mein wünschelrut [6] und segen,
ist offt mein schawer und platzregen.
sie ist mein may und rosen-hag,
ist offt mein plitz unnd donnerschlag
H ANS S ACHS [7]

Die Interpretation der Wünschelrute als Inspirationskraft der Frau scheint auch in diesem Fall nicht besonders abwegig zu sein, auch wenn sie sich nicht näher belegen lässt. Zudem eröffnet der übertragene Sinn den Interpretationsansatz, der in der ersten Zeile des Gedichts anklingt: „ Schläft ein Lied in allen Dingen“. Hieraus kann man folgern, dass der Benutzer der Wünschelrute das schlummernde Lied in allen Dingen „treffen“ kann.

Die schon dritte Bedeutung ist für unseren Interpretationsansatz eher redundant, da sie im Gedicht selbst keinerlei Beleg findet: laut den Grimms ist die „Wünschelrute“ nämlich auch „ für penis, über die mhd. zeit hinaus bezeugt.“[8].

Die Definition des Neuhochdeutschen ist heutzutage wohl bei weitem geläufiger. Demnach handle es sich bei dem Begriff „Wünschelrute“ um eine von bestimmten Sträuchern geschnittene, gabelförmige Rute, die zum Aufspüren von Wasseradern oder Erzen „ und überhaupt verborgenen dingen“[9] dient . Für die Betrachtungen zu Eichendorffs Gedicht scheint das letztere von besonderer Relevanz zu sein. Es ist anzunehmen, dass das lyrische Ich oder auch der Dichter selbst mit „Wünschelrute“ nicht bloß auf das Aufspüren von Wasseradern Bezug nimmt, sondern dieses „Werkzeug“ eher metaphorisch als Mittel zum Entdecken des Zauberworts dient.

Von keinem geringeren als dem zweiten Dichter unserer Betrachtungen (Goethe) ist bei den Grimms ebenfalls ein Zitat vermerkt: „wir vergruben geld und silber, wo sie's mit keiner wünschelruthe finden sollten“ GÖTHE[10] Hier haben wir es mit der wörtlichen Verwendung der „Wünschelrute“ in der Suche nach dem „heißersehnten Erz“ zu tun.

Dem Gebrauch des Begriffs „Zauberwort“ im Gedicht nähert sich besonders nahe das Begriffsverständnis des 16. Jahrhunderts, wie dies die Brüder Grimm belegen:

„im 16. jh. auch als zauber- und vor allem wahrsagestab im gebrauch älterer zeiten vorgestellt: der (germanische) priester ... bat ... zu den göttern und sah gên himmel und hebet die rütlin wider auf und legets nach dem eingedruckten zeichen ausz ... die vorgemelt ruten ist noch bei uns im brauch, und man heiszts die wünschelruten AVENTIN [11]

Die Wünschelrute als Zauber- oder Wahrsagestab stellt das Gedicht in einem neuen, sehr viel einheitlicheren Licht dar. Durch die Wahrung des zeitgenössischen Kontextes entsteht eine kohärente literarische Isotopie, die von „Zauber“ und „Magie“ durchsetzt ist. Demnach diene die Wünschelrute zum Wahrsagen oder gar Zaubern, außerordentlich harmonisch korrespondiert dieses Begriffsverständnis mit dem „Zauberwort“.

Im Vergleich hierzu bieten die Grimms noch eine weitere Bedeutungsvariante an, laut der der Mensch/Dichter dazu imstande ist, die menschlichen Herzen eingehend zu erforschen. Letzten Endes ist es gerade der Anspruch der romantischen Dichtung die Tiefen des menschlichen Herzens mittels lyrischer Instrumente zu ergründen:

„denn es lassen sich durch keine wünschel-ruthe so wohl die heimlichen ertz-adern erforschen, als menschliche hertzen durch den trieb der freundschafft LOHENSTEIN [...]; wenn ihm der schrank in die augen fiel, schlug ihm das herz, gleich einer wünschelruthe MUSÄUS [12].

[...]


[1] J. von Eichendorff, Sämtliche Werke des Freiherrn Joseph von Eichendorff, (Hrsg.) H. Schulhof und A. Bauer, Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 1: Gedichte, Regensburg 1923, S. 134.

[2] J. W. von Goethe, Werke, (Hrsg.) textkritisch durchgesehen und kommentiert von E. Trunz, Hamburger Ausgabe, München 1982, S. 326.

[3] Alle nachfolgenden Zitate der beiden Gedichte entstammen den oben genannten Ausgaben samt bibliographischen Angaben.

[4] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, (Hrsg.) M. von Lexer, Bd. 30, Stuttgart 1991, S. 2035.

[5] Ebenda, S. 2035.

[6] Alle nachfolgenden Hervorhebungen in Fettdruck stammen von dem Verfasser – R.M.

[7] Zit. nach: Deutsches Wörterbuch, S. 2035.

[8] Ebenda, S. 2035.

[9] Ebenda, S. 2036.

[10] Zit. nach: ebenda, S. 2036.

[11] Zit. nach: ebenda, S. 2036.

[12] Ebenda, S. 2036.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Lyriktheorie im Gedicht
Untertitel
Analyse: „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“ von J.W. von Goethe und „Wünschelrute“ von J. von Eichendorff
Hochschule
Uniwersytet Mikołaja Kopernika  (Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V169872
ISBN (eBook)
9783640883776
ISBN (Buch)
9783640883530
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Eichendorff, Gedichte, Lyriktheorie, Wünschelrute, Gedichte sind gemalte Fensterscheiben, Antagonismus, Polarität, Germanistik, Studienarbeit, Aufsatz, Essay, Interpretation, Lyrik, Gedichte über Gedichte, Romantik, Romantiker, Zauber, Magie, Dunkelheit
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Rafael Michalczuk (Autor), 2009, Lyriktheorie im Gedicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169872

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Titel: Lyriktheorie im Gedicht


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