Die deutsche Staatsverschuldung


Studienarbeit, 2009
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung

2 Die ökonomische "Vernunft"
2.1 Verschuldungsursachen u. Motive
2.2 Kurzfrtistige Verschuldungseffekte
2.3 Langfrisige Verschuldungseffekte
2.4 "tragfähige" Verschuldung

3 Die (politische) "Realität"
3.1 Wähler, Politiker, Partei. Eine fatale Beziehung?
3.2 Schwächen den "Systems"
3.3 Das Resultat

4 Fazit
4.1 Optimierungsmöglichkeiten

5 Anhang
5.1 Abbildungen
5.2 Erläuterungen und Definitionen
5.3 Rückblick
5.4 Ausblick
5.5 Tabellen

6 Quellen
6.1 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

„In keinem Industrieland der Welt fürchten sich die Bürger so sehr vor hohen Staatsschulden wie in Deutschland. Wir Deutschen erfanden den europäischen Stabilitätspakt, um uns vor der sorglosen Haushaltspolitik unserer Nachbarn zu schützen - und litten dann selbst am meisten unter den strengen Schuldenregeln. Wir diskutieren über Schuldengrenzen, eine Schuldenbremse und das totale Verbot neuer Schulden. Staatsschulden sind für uns eine Frage von Schuld und Moral! Wir plündern das Konto unserer Enkel! Wir versündigen uns an unseren Töchtern und Söhnen! Auf Schuldenbergen können unsere Kinder nicht spielen! Es ist ein seltsam verkürztes Verständnis von der Verschuldung des Staates, das wir da offenbaren. Verkürzt und voller Angst.“1 Dieses von Brost provokant in der "Zeit" skizzierte Bild grenzt schon fast an Hysterie. Doch ist tatsächlich so? Hat der „Bürger“ de facto schlaflose Nächte, wenn er über die deutsche Staatsverschuldung denkt oder nimmt er diese Verschuldung - in Anbetracht alternativer Steuererhöhung - doch eher entspannt zur Kenntnis? Es gilt untersucht zu werden, ob dieses verkürzte Verständnis - diese sogenannte „gefühlte Informiertheit“ mit ihren Parallelen zur privaten Verschuldungspraxis und bekannten Nebenwirkungen - tatsächlich zu unberechtigten Befürchtungen führt oder ist, trotz dem begrenzten ökonomischen Sachverstand Normalsterblicher und der sich daraus ergebenden vereinfachten Betrachtungsweisen, die dargestellte Angst, nur ein gesunder Instinkt, der vor nahenden Gefahren oder versteckten Fallen warnen soll? Die folgende Studienarbeit konzentriert sich daher einerseits auf die wichtigsten ökonomischen Ursachen und Motive der Staatsverschuldund inklusive ihrer kurz -u. langfristiger Effekte, andererseits auf die reale Staatsverschuldungspraxis, in deren Fokus, die Wähler, Parteien und direkten politischen Entscheider stehen. Abschließend werden noch Optimierungsmöglichkeiten zur Beherrschbarkeit der Staatsschuld vorgestellt.

2 Die ökonomische "Vernunft"

2.1 Verschuldungsursachen u. Motive

Ob man nun meint, die öffentliche Kreditfinanzierung sei makroökonomisch betrachtet hilfreich, schädlich oder irrelevant, für jede Position findet sich ein entsprechendes wirtschaftstheoretisches Konzept.2 Als Eingangsargument für eine Finanzierung öffentlicher Ausgaben durch Verschuldung sei angeführt, dass Kredite freiwillig gewährt werden, während eine Steuerfinanzierung Zwang bedeutet.3 Im Hinblick auf die Beschäftigungssituation muss zwischen einer konjunkturellen und einer nichtkonjunkturellen Verschuldung differenziert werden.4 Hier vertreten einige die Ansicht, dass man sich mit den Mitteln der Fiskal- und Geldpolitik „gegen die Windrichtung“ der jeweils aktuellen Konjunkturschwankungen auflehnen könnte, um dadurch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit auch das Produktions- und das Beschäftigungsniveau zu stabilisieren.5 Wird angenommen, dass sich die Konjunktur in gleichmäßigen Wellen um einen gedachten Gleichgewichtspfad herum entwickelt, so fallen in der Rezessionsphase die Steuereinnahmen unterdurchschnittlich, in der Phase der Hochkonjunktur überdurchschnittlich aus. Als Folge dieser Entwicklung müsste der Staat in der Phase der Rezession die Steuern anheben oder die Ausgaben senken. Dieses prozyklische Verhalten würde die Rezession aber noch verstärken.6 Ein temporäres Budgetdefizit könnte daher gerechtfertigt sein, um einen konjunkturellen Abschwung durch eine Stärkung der aggregierten Nachfrage abzufedern.7 Da in der Phase der Hochkonjunktur höhere Steuereinnahmen erzielt werden, sollten dann die Kredite getilgt werden. Dieses Verhalten nennt man antizyklisch.

Eine Kreditaufnahme in Höhe der Einnahmeausfälle trägt aber nicht zur konjunkturellen Trendwende bei. Zur Trendwende bedarf es viel höherer Ausgaben, entweder um den privaten Konsum und Investitionen zu fördern, oder um selbst zu konsumieren oder zu investieren.8 Eine steuerfinanzierte expansive Fiskalpolitik zur Einleitung der Trendwende führt jedoch ebenfalls zu einem teilweisen Rückgang privater Nachfrage: Werden die Steuern erhöht, sinken die verfügbaren Einkommen und damit geht der Konsum zurück. Dieser macht den wichtigsten Teil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage aus und dämpft somit die angestrebte positive Wirkung auf die aggregierte Nachfrage und das aggregierte Angebot sowie die Beschäftigung.9 Also werden diese Mehrausgaben -wie gehabt- mit einer Rückzahlungsverpflichtung in der Hochkonjunktur kreditfinanziert. Somit wäre der Staatshaushalt, auf einen Konjunkturzyklus gerechnet, ausgeglichen.10

Die objektorientierte (nicht-konjunkturelle) Rechtfertigung liegt in rentabilitätsorientierten, belastungspolitischen und verteilungspolitischen Grundsätzen begründet. Insbesondere die objektorientierte Rechtfertigung will im Sinne des Äquivalenzprinzips die zeitliche Kongruenz von Nutzung und Kostenträgerschaft einer Investition gewährleisten.11 Die Lastverschiebungsthese versucht daher, eine staatliche Kreditnahme auch bei Vollbeschäftigung bzw. Normalauslastung des Produktionspotentials zu rechtfertigen.12 Denn, warum sollte die heutige Generation allein für die Finanzierung zuständig sein? Die künftige Generation erbt nicht nur die Schulden, sondern auch das Vermögen; also die reale Infrastruktur und die verbrieften Forderungen an den Staat.13

Die Ü berbrückungsfunktion zur Deckung unvorhergesehener Ausgaben geht davon aus, dass einmalige, große oder unvorhersehbare Ausgaben aus Krediten finanziert werden sollten. Wenn zum Beispiel durch Naturkatastrophen unvorhersehbare hohe Ausgaben zu leisten sind, ist dies besser durch Kredite zu finanzieren und durch leichte Steuererhöhungen langsam abzubauen, als zur Deckung des einmaligen Bedarfes die Steuern dieses Jahres entsprechend zu erhöhen. Aber nicht nur in Notlagen hat die Aufnahme von Krediten eine Überbrückungsfunktion. Auch größere Investitionen kleiner Kommunen lassen sich nicht auf einen Schlag finanzieren. In solchen Situationen empfiehlt sich die Inanspruchnahme von Krediten, deren Tilgung mittelfristig durch an den Finanzbedarf angepasste Steuererhöhungen erfolgt. Diese Möglichkeit verhindert ebenfalls, dass der Steuersatz, je nach Kosten der zu erfüllenden Aufgaben, jedes Jahr geändert wird, sondern führt zu einer konstanten mittelfristigen Steuer- und Finanzplanung ohne eine permanente Steuerdiskussion und der daraus resultierenden Verunsicherung der Wirtschaft.14

Die strukturelle Verschuldung ist wohl die bedeutenste Ursache wachsender Verschuldung. Sie beruht auf einer anhaltenden Finanzierungslücke im Haushalt, die dadurch entsteht, dass die Struktur der Staatsausgaben zu Mittelabflüssen führt, die eben nicht durch entsprechende Steuereinnahmen gedeckt werden. Ein strukturelles Haushaltsdefizit kann auf selbstverschuldete Misswirtschaft ebenso zurückzuführen sein wie auf exogene, unbeeinflussbare Faktoren. Das Strukturproblem beginnt bereits im Kleinen, z.B. für die unvollkommene Erfassung von Ausgabekomponenten, insbesondere der Folgekosten öffentlicher Investitionen, sowie für optimistische Kostenvoranschläge, die geeignet sind, den Entscheidungsträgern die Genehmigung öffentlicher Ausgaben zu erleichtern. Eine strukturelle Finanzierungslücke wird insbesondere begünstigt durch exzessiven Staatskonsum (Abb.2), was zu einer ständigen Überbeanspruchung des Haushalts führen kann.15

Zur Abrundung sei auch das - in der Regel im linken politischen Lager - angeführte Motiv zur Verschuldung zu nennen, welches zu einer geringeren Abhängigkeit vom Ausland führen soll und zu einem Rückgang unfairen Wettbewerbs.16 Darauf werde ich hier allerdings nicht weiter eingehen.

2.2 Kurzfrtistige Verschuldungseffekte

Gemäß konventioneller Analyse ist die Wirtschaft kurzfristig keynesianisch, so dass ein Anstieg der aggregierten Nachfrage einen Anstieg des nationalen Einkommens zur Folge hat.17 Die erzielbaren Einkommens- und Beschäftigungseffekte entscheiden daher über die Rationalität des öffentlichen Kredits. Das sogenannte „deficit spending” ist allerdings nur dann erfolgversprechend, wenn keine gravierenden Verdrängungseffekte (crowding out) im privaten Sektor zustande kommen.18 Manche argumentieren, dass in einer Rezession, in der mangels vorgenommener Investitionen Geldkapital gerade nicht nachfragewirksam verwendet wurde, durchaus auf dieses Instrument zurückgegriffen werden könnte, ohne dass die Zinsen knappheitsbedingt steigen würden.19 Diese These ist jedoch eine zu starke Vereinfachung.20 Der Zusammenhang zwischen „deficit-spending“ und Investitionsverhalten hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab: etwa vom Sparverhalten, von der allgemeinen Erwartungslage, von den Devisen-Wechselkursen und der Außenhandelsbilanz, den Finanzmärkten und der Geldpolitik, so dass die exakten Auswirkungen fiskalpolitischer Änderungen nur mit Vorbehalt zu prognostizieren sind.

Zu einer Verdrängung kommt es mit großer Sicherheit, wenn die Effektivität fiskalpolitischer Maßnahmen durch Reaktionen des Geldmarktes untergraben wird.21 Bleiben diese Reaktionen des Geldmarktes aus, so könnte die Bedeutung derartiger Effekte bei Unterbeschäftigung vergleichsweise geringer ausfallen. Eine erfolgversprechende Globalsteuerung muss daher im Kern lohn- und geldpolitisch abgesichert werden.22

Die intensivere Verflechtung Deutschlands mit der Weltwirtschaft schränkt jedoch die Wirksamkeit einer solchen „Globalsteuerung“ mittels Fiskalpolitik grundsätzlich ein.23 Weiter wird über die politischen Schwierigkeiten bei der Operationalisierung dieser theoretischen Überlegungen noch zu sprechen sein.

2.3 Langfrisige Verschuldungseffekte

Die Beurteilung der Staatsverschuldung in der Finanzwissenschaft hat sich gerade in jüngster Zeit dramatisch verändert. Während bis in die 70er Jahre noch die kurzfristige Analyse der Staatsverschuldung im Rahmen keynesianischer Stabilisierungspolitik im Mittelpunkt stand, zielt die neue Finanzwissenschaft vor allem auf die langfristigen Wirkungen der Staatsverschuldung. Damit geht eine eher ablehnende Beurteilung der Staatsverschuldung einher.24 Dabei ist der entscheidende Effekt der Langzeitverschuldung die Minderung des Nationalen Wohlstandes. Die konventionelle Analyse setzt voraus, dass sich die Wirtschaft auf lange Sicht eher "klassisch" verhält. Diese schwerfälligen bez. unflexiblen Löhne und Preise plus Fehleinschätzungen, die zur Wichtigkeit der aggregierten Nachfrage auf kurze Sicht beitragen, sind daher langfristig weniger wichtig.25 Aller Wahrscheinlichkeit nach darf man heute behaupten, dass - abgesehen von Zeiten tiefer Rezession - Investitionen durch Staatsausgaben in beträchtlichem Ausmaß verdrängt werden.26 Diese Verdrängung ist in der Praxis zumeist negativ zu beurteilen. Positive Wohlfahrtseffekte ergeben sich nur unter der Bedingung, dass die Grenzproduktivität des Kapitals kleiner ist als die reale Wachstumsrate der Volkswirtschaft. Diese Bedingung ist im Fall von Deutschland nicht erfüllt27 Eine staatsbedingte Verringerung der Ersparnisse verursacht einen Anstieg des realen Zinssatzes und einen Rückgang der Investitionen in Realkapital. Daraus ergibt sich nach und nach ein kleinerer Realkapitalbestand als ohne Staatsdefizite mit den üblichen Folgen für das Produktionsniveau, für die Arbeitsproduktivität und das Reallohnniveau.28

Die Wahrscheinlichkeit der Beeinflussung der Geldpolitik durch Staatsverschuldung wird zudem erhöht. Die aus einer großen Schuld bedingten höheren Zinssätze, üben zudem verstärkten Druck auf die Währungsbehörde aus, mit dem Ziel die Zinsrate durch expansionistische Politik zu mindern. Diese Strategie kann Zinssätze kurzfristig verringern, aber langfristig bleiben reale Zinssätze fast unverändert und Inflation und Nominalzinssätze werden steigen.29

Weiter gehören zu den langfristigen fiskalpolitischen Problemen die Auswirkungen der Staatsverschuldung auf die Kapitalbildung und den Konsum nachfolgender Generationen (Anhang 5.2).30 Mit steigendem Verschuldungsstand akkumulieren die Bürger staatliche Schulden anstelle privaten Kapitals, und der private Kapitalstock des Landes wird durch öffentliche Schulden ersetzt.31 Mit der Unterscheidung zwischen interner u. externer Verschuldung wird in diesem Zusammenhang oft das Argument vorgebracht, dass eine interne Verschuldung keinerlei Belastung darstelle, weil „wir ja alles uns selbst schulden". Die externe Verschuldung besteht dagegen gegenüber dem Ausland und diese Schuld stellt per Saldo eine Verringerung der Ressourcen dar, die den Bürgern des Schuldnerlandes zur Verfügung stehen. Die Belastung durch die Rückzahlung externer Staatsschulden bedeute folglich geringere Konsummöglichkeiten für das Schuldnerland. Zudem ist eine Belastung der außenwirtschaftlichen Leistungsbilanz durch das Haushaltsdefizit möglich, u.a. weil sich ein Teil der kreditfinanzierten Nachfrage auf Importgüter erstreckt. Dieser Zusammenhang wird als Zwillingsdefizit bezeichnet und ist z.B. in den USA gut zu beobachten. Im Gegensatz zur Situation vieler anderer Länder bezieht sich die Verschuldung Deutschlands nur zu einem relativ geringen Teil auf externe Kredite (ca. 38%). Allerdings ist dieser Anteil in den letzten Jahren stark gestiegen.32 Eine interne Verschuldung erfordert jedoch auch Zinszahlungen an die Inhaber staatlicher Anleihen u. zu diesem Zweck müssen Steuern erhoben werden. Aber selbst für den fiktiven Fall, dass dieselben Leute in Höhe ihrer Zinserträge aus den Anleihen besteuert würden, käme es als unweigerliche Folge der Besteuerung zu einer Verzerrung wirtschaftlicher Anreize.

Eine hohe Staatsverschuldung verringert also in der Regel das Wachstum der potentiellen Wirtschaftsleistung eines Landes, weil es zu einer Verschiebung privaten Kapitals kommt, weil die Ineffizienz durch die Besteuerung steigt, und weil ein Staat so gezwungen ist, auch den Auslandsanteil der Verschuldung zu bedienen.33

2.4 "tragfähige" Verschuldung

Schon bei Adam Smith ist nachzulesen: „Dort, wo die öffentliche Schuld einmal eine bestimmte Höhe überschritten hat, ist es meines Wissens kaum gelungen, sie auf gerechte Weise und vollständig zurückzuzahlen.“ Entgegenhalten könnte man, dass ebenso wie sich eine Bank mit Blick auf die Einkommensentwicklung eines Kreditnehmers dazu entschließen mag, den Kreditrahmen immer weiterauszudehnen, kann auch die Staatsverschuldung am ständig wachsenden Volkseinkommen gemessen und die Zunahme toleriert werden.34 Es stellt sich daher die Frage, wie nachhaltig die Kreditfinanzierung der Staatstätigkeit ist, d.h. ob eine Politik der fortgesetzten Nettokreditaufnahme dem Staat längerfristig tatsächlich zusätzlichen Haushaltsspielraum verschafft oder ob der kurzfristig gewonnene Haushaltsspielraum im Zeitablauf wegen der Zinsverpflichtungen wieder verloren geht.35 Evsey Domar hat gezeigt, dass eine permanente Nettokreditaufnahme nicht zu einem unbeschränkt wachsenden Anteil der Staatsschuld am Sozialprodukt führen muss. Der Anteil der Verschuldung am BSP wird positiv durch die Wachstumsrate und negativ durch die Zinsen beeinflusst.36 Wenn also die Wachstumsrate des BIP größer ist als der auf Staatspapiere entfallende Zinssatz, dann wird mit einer Politik der permanenten Nettokreditaufnahme langfristig ein größerer Haushaltsspielraum erreicht, und wenn sie kleiner ist, dann wird der Haushaltsspielraum langfristig verringert. Alles hängt also vom Größenverhältnis der Wachstumsrate und des Zinssatzes ab. Beide Größen lassen sich empirisch beobachten und eine solche Beobachtung offenbart, dass die Wachstumsrate des BIP in allen entwickelten Industriestaaten im längerfristigen Durchschnitt kleiner ist als der Zinssatz.37 Bei den Verhandlungen zu den Maastricht-Kriterien im Jahr 1991 wurde jedoch davon ausgegangen, dass die beteiligten Staaten - unter Annahme eines realen Wachstums von durchschnittlich 3% - die Staatsschuld langfristig auf 60% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) begrenzen können. Tatsächlich eingetreten aber sind niedrigere und - infolge des linearen Trends - kontinuierlich sinkende prozentuale Wachstumsraten.

So erfreulich alle Versuche sind, die Staatsverschuldung zumindest einzudämmen, so wenig Erfolg versprechend sind sie, wenn ihnen weiterhin unrealistisch hohe Wachstumserwartungen zu Grunde liegen.38 Die Mehrjahresprojektionen der Finanzpläne des Bundes beispielsweise dokumentieren über Jahrzehnte hinweg geradezu „chronisch“ falsche Wachstumsprognosen (Abb.6). Setzt sich die bisherige Entwicklung fort, müssen sich Parteien und Politiker um Ideen und tragfähige Konzepte bemühen, wie ein Wohlfahrtsstaat auch mit durchschnittlichen Raten von 1,3 Prozent und weniger erhalten werden kann.39 Entsprechend muss in Normalsituationen die Neuverschuldung des Staates wesentlich hinter der ersten Grenze des Maastricht-Kriteriums von 3 % des Bruttoinlandsprodukts zurückbleiben.40 Schenkt man diesem Faktum nicht angemessen Beachtung, so steuert man unweigerlich auf den Punkt zu, ab dem der Schuldendienst nicht mehr aus den laufenden Einnahmen geleistet werden kann und neue Kredite allein zur Verzinsung alter Schulden erforderlich sind. Dann aber steigt die Staatsverschuldung alleine aufgrund der Zinsen und Zinseszinsen exponentiell an,41 woraus sich eine Schraube ohne Ende ergibt: die sog. Schuldenfalle. „Damit nährt sich die Verschuldung aus sich selbst heraus“(Deutsche Bundesbank, Monatsbericht März 1997).42 Entsprechend hat das Bundesfinanzministerium folgerichtig festgestellt, dass die Aufnahme neuer, zusätzlicher Schulden nur dann zu verantworten ist, wenn sie mit langfristig tragfähigen öffentlichen Haushalten vereinbar ist. Hierfür müssen die Schuldenstandsquote und die damit verbundene relative Zinsbelastung schnell und nachhaltig zurückgeführt werden. Der Schuldenstand sollte also deutlich langsamer wachsen als das erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt.43

3 Die (politische) "Realität"

3.1 Wähler, Politiker, Partei. Eine fatale Beziehung?

„Das Denken über das erste Entscheidungstadium hinaus, ist bei der Bewertung von politischen Alternativen besonders wichtig, da sich diese Konsequenzen über Jahre auswirken. Sind die Konsequenzen eingangs gut und die schlechten Konsequenzen machen sich erst später bemerkbar - besonders wenn dieses "später" nach der nächsten Wahl ist - dann ist es für Politiker immer besonders reizvoll, sich für die politisch angenehme Alternative zu entscheiden.“44 Unabhängig von der Frage nach dem Wesen einer „rationalen” Staatsschuldenpolitik kann man sagen, dass die Realisierung einer solchen Politik grundsätzlich Entscheidungsträger voraussetzt, deren primäres Anliegen die Mehrung des Allgemeinwohls ist. Nun hat sich in der Ökonomie generell die Einsicht durchgesetzt, dass menschliches Handeln vor allem aus den persönlichen Zielen der Akteure unter Berücksichtigung der jeweils relevanten institutionellen Rahmenbedingungen erklärt werden muss. D.h.:staatliche Ausgabenentscheide können auf partikuläre Interessen zurückgehen, die einer sachlichen Prüfung unter dem Aspekt des Gemeinwohls nicht immer standhalten würden.45 Dies spricht für eine Analyse der Staatsverschuldung im Sinne der ökonomischen Theorie der Politik, die finanzpolitische Entscheidungen als Ergebnis der am Individualnutzen orientierten Handlungen von Politikern, Wählern und Bürokraten in einer Demokratie betrachtet. Gerade wegen dieser Annahme halten zahlreiche Kritiker die Verfechter der keynesianischen Theorie für allzu naiv.46 Vertreter einer konservativen Fiskalpolitik sind beispielsweise besorgt, es könnte für den Kongress/das Parlament einfacher sein, die Staatsausgaben zu erhöhen und die Steuern zu senken, als sich zu gegenteiligen Maßnahmen durchzuringen. Das heißt: es ist natürlich einfach, in Rezessionsphasen das Budgetdefizit zu erhöhen, aber sehr vielschwieriger, die Wende zu schaffen und das Defizit in der Hochkonjunktur wieder abzubauen, wie es eine antizyklische Fiskalpolitik eigentlich erfordern würde.47 Was auf Dauer dazu führt, dass die öffentliche Verschuldung steigt, da in Rezessions- und Depressionsphasen erhöhte Staatsausgaben über Kredite finanziert werden, in Phasen wirtschaftlicher Expansion aber nicht gespart wird.48 Nehmen wir als Beispiel Politiker der Oppositionsparteien, so jedenfalls zeigen es die Erfahrungen in allen europäischen Staaten und unabhängig von ihrer politischen Grundausrichtung, offenbart sich zumindest verbal immer als vehemente Gegner staatlicher Verschuldung. Die Wandlung findet jedoch meistens mit dem Eintritt in das Regierungsamt statt. Dann wird Verschuldung mit „strukturellen Handlungszwängen“ als unvermeidlich gerechtfertigt oder aber der Vorgängerregierung angelastet.49

Ein fundamentaler Einwand ergibt sich auch zu dem Äquivalenztheorem von Ricardo (Anhang 5.2). Dieses dürfte in der Praxis kaum relevant sein. Zum einen sind die ökonomischen Voraussetzungen für seine Gültigkeit nur selten gegeben, zum anderen sind die Wirtschaftssubjekte über die Folgen der Verschuldung nur unvollkommen informiert und unterliegen in erheblichem Maße der „Staatsschuldillusion”.50

[...]


1 Vgl. Brost 2008 S.1

2 Vgl. Wigger 2006 S.180

3 Vgl. Altmann 2007 S.338

4 Vgl. Scherf 1996 S.3

5 Vgl. Mankiw/Taylor 2008 S.954

6 Vgl. Finsterbusch 2005 S.50

7 Vgl. Mankiw/Taylor 2008 S.964

8 Vgl. Finsterbusch 2005 S.50

9 Vgl. Richert 2007 S.269ff

10 Vgl. Finsterbusch 2005 S.50

11 Vgl. Wagener 2005 S.522

12 Vgl. Scherf 1996 S.4

13 Vgl. Volkmann 2008 S.441

14 Vgl. Finsterbusch S.56

15 Vgl. Altmann 2007 S.329ff

16 Vgl. Volkmann 2008 S.441ff

17 Vgl. Mankiw/Emendorf 1998 S.11

18 Vgl. Scherf 1996 S.4

19 Vgl. Volkmann 2008 S.437

20 Vgl. Bankenverband 2009 S.7

21 Vgl. Samuelson/Nordhaus 1998.S.728ff

22 Vgl. Scherf 1996 S.7

23 Vgl. BMF 2009 S.37

24 Vgl. Wiegard 2006 S.2

25 Vgl. Mankiw/Elmendorf 1998 S.13ff

26 Vgl. Samuelson/Nordhaus 1998 S.736

27 Vgl. WBbBfWT 2008 S.13

28 Vgl. Mankiw/Taylor 2008 S.965

29 Vgl. Mankiw/Elmendorf 1998 S.13

30 Vgl. Samuelson/Nordhaus 1998 S.727-731

31 Vgl. Samuelson/Nordhaus 1998 S.732

32 Vgl. Altmann 2007 S.354

33 Vgl. Samuelson/Nordhaus 1998 S.732-734

34 Vgl. Mankiw/Taylor 2008 S.966

35 Vgl. Wigger 2006 S.191

36 Vgl. Grüner 2008 S.115

37 Vgl. Wigger 2006 S.191

38 Vgl. Bourcarde 2007 S.4ff

39 Vgl. Anschau 2007 S.8

40 Vgl. Scherf 1996 S.19

41 Vgl. Bourcade 2007 S.5

42 Vgl. Altmann 2007 S.350-351

43 Vgl. BMF 2009 S.40

44 Vgl. Sowell 2004 S.5

45 Vgl. ETH 2007 S.42

46 Vgl. Scherf 1996 S.1-9

47 Vgl. Samuelson/Nordhaus 1998 S.745

48 Vgl. Richert 2007 S.271

49 Vgl. Wentzel 2005 S.612

50 Vgl. Scherf 1996 S.10

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die deutsche Staatsverschuldung
Hochschule
Hochschule Deggendorf  (BWL)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V169879
ISBN (eBook)
9783640883820
ISBN (Buch)
9783640884216
Dateigröße
980 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Staatsverschuldung, crowding out, Ricardo, Barro, Artikel 115 Abs. 1 Satz 2 GG, Pay-as-you-use, Strukturelles Defizit, Konjunkturelles Defizit, Budget, Strukturelles Budget, Konjunkturbedingtes Budget, Fiskalpolitik, Diskretionäre Fiskalpolitik, Schuldenstandquote, Finanzierungsaldo, Konsolidierung, Stabilitäts-und Wachstumspakt, Artikel 109 Abs. 2 GG, keynesianische Verschuldungstheorie, neoklassische Verschuldungstheorie, ricardianische Verschuldungstheorie
Arbeit zitieren
Volker Waelther (Autor), 2009, Die deutsche Staatsverschuldung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169879

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