Paula Modersohn-Becker - Die Pionierin des Expressionismus


Fachbuch, 2011

33 Seiten


Leseprobe

Ernst Probst

Paula Modersohn-Becker

Die Pionierin des Expressionismus

Meiner Ehefrau Doris

sowie meinen Kindern Beate, Sonja und Stefan

gewidmet

Paula Modersohn-Becker

Die Pionierin des Expressionismus

Mit dem Ehrentitel „Pionierin des Expressionismus in Deutschland“ ging die Künstlerin Paula Modersohn-Becker (1876–1907), geborene Minna Hermine Paula Becker, in die Geschichte der Malerei ein. Innerhalb von knapp 14 Jahren, in denen sie künstlerisch tätig war, schuf sie 750 Gemälde, etwa 1.000 Zeichnungen und 13 Radierungen, welche die bedeutendsten Aspekte der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in sich vereinen. Ihre beliebtesten Motive waren bäuerliche Frauen und Kinder, Selbstbildnisse und Stilleben. Sie vertrat die Auffassung: „Die Stärke, mit der ein Gegenstand erfasst wird (Stilleben, Porträts oder Phantasiegebilde), das ist die Schönheit in der Kunst“. In der Literatur wird sie zuweilen auch „Paula Modersohn“ oder „Paula Becker-Modersohn“ genannt.

Minna Hermine Paula Becker kam am 8. Februar 1876 in Dresden-Friedrichstadt (Sachsen) zur Welt. Sie war das dritte von sieben Kindern des Ingenieurs Carl Woldemar Becker (1841–1901) und dessen aus einer adeligen thüringischen Familie stammenden Frau Mathilde, geborene von Bültzingslöwen. Ihr Vater arbeitete als Bau- und Betriebsinspektor der Berlin-Dresdener-Eisenbahngesellschaft. Carl Woldemar Becker kannte Paris, Sankt Petersburg und London. Neben Russisch sprach er auch Französisch und Englisch. Der Vater von Mathilde von Bültzingsleben war im Ausland Kommandeur eines Truppenkontingents. Einige Brüder von Mathilde sind nach Indonesien, Neuseeland und Australien ausgewandert.

Der Bruder von Carl Woldemar Becker und Onkel von Paula war Oskar Becker (1839–1868), der 1861 als Leipziger Student in Baden-Baden auf den damaligen preußischen König Wilhelm von Preußen (1797–1888) ein Attentat verübte. Der König erlitt dabei nur eine unbedeutende Verletzung am Hals. Oskar Becker wurde zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt, aber bereits im Oktober 1866 auf Fürsprache von König Wilhelm begnadigt.

Von den sieben Kindern der Familie Becker ist eines früh gestorben. Die anderen – drei Jungen und drei Mädchen – erhielten eine standesgemäße Erziehung. Der älteste Sohn Kurt studierte Medizin, der zweite wurde Kaufmann und der dritte Offizier bei der Handelsmarine.

Paula verbrachte die ersten zwölf Jahre ihres Lebens in Dresden-Friedrichstadt. Im Alter von zehn Jahren hatte sie 1886 ein schreckliches Erlebnis: Sie wurde in einer Sandgrube von Hosterwitz bei Dresden beim Spielen zusammen mit zwei Cousinen verschüttet. Bei diesem Unfall erstickte ihre elfjährige Cousine Cora Parizot unter den Sandmassen. Paula und ihre Cousine Maidli Parizot konnten rechtzeitig gerettet werden. Dieses Ereignis hat das Wesen von Paula stark geprägt.

In der Literatur wird das Elternhaus von Paula als liberal-bürgerlich, jedoch nicht als wohlhabend bezeichnet. Wie ihre Schwestern erhielt auch Paula Klavierunterricht. Ihre älteste Schwester hatte eine schöne Singstimme und bekam Gesangsunterricht. Außer Paula schätzten alle Familienmitglieder den deutschen Komponisten Richard Wagner (1813–1883). Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) wurde in der Familie Becker als alles überragender Dichter betrachtet.

Nach der Verurteilung seines Bruders Oskar wegen des Attentats von 1861 verlor dessen Bruder Carl Woldemar Becker, also Paulas Vater, seine Beamtenstelle. 1888 zog die Familie von Paula in die Hansestadt Bremen, wo der Vater eine städtische Stelle als Baurat erhielt. Die Familie wohnte in einem Haus an der Schwachhauser Chaussee 23 (heute Schwachhauser Heerstraße). In Bremen besuchte Paula die private „Töchterbürgerschule Ida Janson“ und bekam sie ihr erstes kleines Atelier. Dank Freundschaften ihrer Mutter bestand zu künstlerischen Kreisen in Bremen reger Kontakt.

Im April 1892 reiste die 16-jährige Paula auf Wunsch ihrer Eltern nach England. Dort lebten eine Halbschwester ihres Vaters, nämlich ihre Tante Marie Hill, und ihr Onkel Charles Hill auf einem Landgut in Willey unweit von London. Paula sollte verschiedene Haushaltsarbeiten und die englische Sprache lernen. Unter anderem lernte sie, Butter zu machen und mit der Nähmaschine zu nähen.

Dank der Unterstützung ihres Onkels erhielt Paula ab Mitte Oktober 1892 Zeichenunterricht in der privaten „School of Arts“ in London. Dort wurde sie täglich von zehn bis sechzehn Uhr im Zeichen unterrichtet. Damals reifte ihr Entschluss, Malerin zu werden. Der Kunstunterricht in London dauerte aber nicht lange. Denn nach den Weihnachtsferien 1892 weigerte sich Paula, nach England zurückzukehren. Sie hatte unter Heimweh gelitten und die autoritäre Führung von Tante Marie hatte ihr nicht behagt.

Der Berufswunsch, Malerin zu werden, stieß vor allem auf den Widerstand des Vaters von Paula. Er bezweifelte, dass sie eine „gottbegnadete Künstlerin ersten Ranges“ werden könnte. Die Eltern zwangen Paula, sich von 1893 bis 1895 am „Lehrerinnenseminar Janson“ in Bremen als Lehrerin ausbilden zu lassen. Damit folgte sie dem Beispiel ihrer ältesten Schwester Milly, die ebenfalls dieses Seminar besucht hatte. Alle drei Töchter der Beckers – auch die Jüngste Herma – wurden auf das Lehrerinnenseminar geschickt. Damals erhielt Paula privaten Malunterricht. Dies war ein Entgegenkommen ihres Vaters, weil Paula die Ausbildung zur Lehrerin ungern begonnen hatte.

1893 unterrichtete der Oberbaudirektor Ludwig Franzius (1832–1903), ein Freund ihres Vaters, Paula im Zeichnen und der Bremer Maler Bernhardt Wiegandt (1851–1918) im Malen. Erstmals konnte sie beim Malen nach einem lebenden Modell arbeiten. In jener Zeit entstanden einige Porträts ihrer Geschwister sowie 1893 ihr erstes Selbstporträt. Im September 1895 legte Paula ihr Lehrerinnenexamen ab, bemühte sich aber anschließend um keine Gouvernantenstelle.

Im Frühjahr 1893 sah die 17-jährige Paula erstmals Bilder des Worpsweder Künstlerkreises. Damals stellten Otto Modersohn (1865–1943), Fritz Mackensen (1866–1953), Fritz Overbeck (1869–1909), Hans am Ende (1864–1918) und Heinrich Vogeler (1872–1942) in der „Kunsthalle Bremen“ ihre Gemälde aus. Besonders gut gefiel ihr ein Bild von Otto Modersohn, der später in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielte. Sie war von den eigenartigen Farben sowie von der Art und Weise, mit der er die Stimmung in der Heide einfing, beeindruckt.

Ab April 1896 nahm Paula an einem sechswöchigen Kurs der Zeichen- und Malschule des „Vereins der Berliner Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“ von 1867 teil. An dieser angesehenen Malschule hatte zuvor die Graphikerin und Zeichnerin Käthe Kollwitz (1867–1945) ihre Ausbildung begonnen. Als Frau hatte Paula keinen Zutritt zu einer Kunstakademie. In Berlin wohnte sie bei ihrer Tante Paula Rabe, geborene Bültzingslöwen. Im Sommer 1896 reiste sie mit ihrer Tante Marie ins Allgäu und nach München. Danach setzte sie am 12. Oktober 1896 in Berlin ihre Malstudien fort. Ihre Mutter hatte eine Ermäßigung des Schulgeldes erreicht. Um die Kosten für den Malunterricht von Paula zu decken, nahm deren Mutter eine Pensionärin in ihr Haus auf. Eine Bleibe fand Paula in der Villa ihres Onkels Wulf von Bültzingslöwen und dessen Frau Cora.

Bei der Ausbildung in Berlin stand der Zeichenunterricht mit lebenden Modellen im Vordergrund. Nur wer das Zeichnen sicher beherrschte, wurde zu den Malklassen zugelassen. Damals schuf Paula etliche Aktzeichnungen, bei denen – laut Online-Lexikon „Wikipedia“ das Lineare stark betont wurde und die deutliche Hell-Dunkel-Kontraste aufweisen.

1897 wurde Paula zur ersten Malklasse bei Jeanne Bauck (geboren 1840) zugelassen. In einem Brief an ihre Eltern beschrieb Paula das Äußere ihrer Lehrerin als ruppig-struppig, ihre Haare glichen gerupften Federn, ihre Figur sei groß, dick und ohne Korsett, ihre blau karierte Bluse sei hässlich. Leicht entsetzt berichtete Paula in einem anderen Brief, ihre Lehrerin bedaure es, dass die Schüler ihrer Klasse nicht nackend malen dürften, damit die Haut atmen könne. Bald imponierte ihr diese selbstbewusste Lehrerin, die Ende des Jahres von der Schulleitung gefeuert wurde.

In Berlin besuchte Paula oft Museen. Sie schätzte vor allem Künstler der deutschen und italienischen Renaissance wie Albrecht Dürer, Lucas Cranach, Hans Holbein der Ältere sowie Tizian, Botticelli und Leonardo da Vinci.

Zum Ausklang der Silberhochzeit ihrer Eltern am 11. Juli 1897 unternahm Paula mit den Gästen eine Fahrt in das Dorf Worpswede bei Bremen. Von der Landschaft und ihrem Farbenspiel, der Einsamkeit des Ortes und der Künstlerkolonie sehr beeindruckt äußerte sie den Wunsch, dort eine Zeitlang malen zu dürfen. In Worpswede hatten sich seit 1889 Künstler angesiedelt. Zu ihren Zielen zählten eine schlichte, unverfälschte Malerei in freier Natur und eine positive Darstellung der als ursprünglich und unverdorben empfundenen Bauernschaft.

Im Juli und August 1897 vor Beginn ihres Herbstsemesters in Berlin besuchte Paula mit ihrer Freundin und Berliner Studienkollegin, Paula Ritter, erneut Worpswede. Sie wanderte dort und lernte unter anderem die Maler Fritz Mackensen und Fritz Overbeck kennen. Nach dem ersten Worpsweder Sommer sagte sie glücklich über sich selbst: „Du lebst ja überhaupt, Du Glückliche, lebst intensiv, das heißt: Du malst.“

Am 15. Oktober 1897 war Paula zum Herbstsemester wieder in Berlin. Im Januar 1898 erbte sie von ihren kinderlosen Tante Grete Becker 600 Mark. Ihr Vater erhielt von seinem Stiefbruder Arthur Becker als Geburtstagsgeschenk für die Ausbildung von Paula zwei bis drei Jahre lang monatlich 50 Mark. Dank dieser Unterstützung beschloss Paula nach Worpswede zu gehen. Anfangs war nur ein kurzer Ferienaufenthalt geplant. Mathilde Becker hatte vorgesehen, dass ihre Tochter einige Wochen bei Fritz Mackensen Mal- und Zeichenunterricht erhalten und dann im Herbst eine Aupair-Stelle in Paris antreten sollte.

Im Juli 1898 kehrte Paula nach dem Abschluss der Zeichen- und Malschule in Berlin nach Bremen zurück. Statt sich nur kurz in Worpswede aufzuhalten, blieb sie vom 7. September 1898 bis Dezember 1899 dort. Dank der Fürsprache ihres Vaters hatte sich Fritz Mackensen dazu bereit erklärt, Paula Mal- und Zeichenunterricht zu geben. Mackensen stellte fest, dass Paula „vollständig in den Anfängen steckte“. Sie habe gleich tüchtig drauf los gemalt, obwohl ihr der feste Grund für das Können, das Gefühl für das Organische und die Beherrschung der Form vollständig gefehlt habe.

Im Auftrag des Kölner Schokoladenproduzenten Ludwig Stollwerck (1857–1922) entwarf Paula ab etwa 1898 zusammen mit Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler Stollwerk-Bilder. Zu diesen Motiven gehörten unter anderem die Motive „Gänsejunge mit Flöte“, „Bauernfrau mit zwei Gänsen“ sowie Porträts von sechs Frauen mit Blumenranken.

[...]

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Paula Modersohn-Becker - Die Pionierin des Expressionismus
Autor
Jahr
2011
Seiten
33
Katalognummer
V169897
ISBN (eBook)
9783640884865
ISBN (Buch)
9783640885374
Dateigröße
1570 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
modersohn-becker, pionierin, expressionismus, paula
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2011, Paula Modersohn-Becker - Die Pionierin des Expressionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169897

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