Unterschiedliche Sichtweisen des Selbstkonzepts und seiner Entstehung


Seminararbeit, 2010
23 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Zum Begriff der / des
1.1...Personenzentrierte Psychotherapie / personenzentrierter Ansatz
1.2...Carl R. Rogers
1.3...Selbst / Selbstkonzept

2 Die psychoanalytische Entwicklungstheorie nach Margaret Mahler

3 Die Phasen des Selbstempfindens bei Daniel Stern

4 Die Bedeutung der frühkindlichen Beziehungserfahrungen in der Selbst-Theorie Biermann-Ratjens

5 Die Entwicklung des Selbst bei Martin Dornes und Vertretern der Mentalisierungstheorie

6 Das personenzentrierte Konzept der Entwicklung der Persönlichkeit von Carl R. Rogers

7 Unterschiede / Gemeinsamkeiten der Konzepte

8 Resumé – persönliche Stellungnahme

9 Literaturverzeichnis

0 Einleitung

„Dieses Gewahrsein des Seins und des Handelns entwickelt sich durch Interaktion mit der Umwelt – und hier besonders durch zwischenmenschliche Erfahrungen – zum Selbstkonzept, einem Wahrnehmungsobjekt im eigenen Erfahrungsfeld“

(Rogers 2009 [Original 1959], 58).

Im Rahmen des Seminars 'Personenzentrierte Entwicklungstheorie und Säuglingsforschung' haben wir uns intensiv mit der Thematik unterschiedlicher Persönlichkeits- und Entwicklungstheorien sowie Entstehung von Selbstkonzepten bei Säuglingen und Kleinkindern auseinandergesetzt. Diese wurden aus psychoanalytischer, personenzentrierter und der Perspektive moderner Säuglingsforschung erläutert und die unterschiedlichen Theorien auch in Bezug auf unterschiedliche Phänomene in der Kindheit diskutiert.

Meine dieser Seminararbeit zugrunde liegende Forschungsfrage lautet demzufolge: Inwiefern lassen sich unterschiedliche Sichtweisen des Selbstkonzeptes und seiner Entstehung ausmachen? Des Weiteren wird folgende Subfragestellung behandelt: Welche Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten treten hervor, vergleicht man sie mit dem personenzentrierten Konzept der Selbstentwicklung?

Vorangestellt werden sowohl Carl R. Rogers, die personenzentrierte Psychotherapie sowie der Begriff des Selbst/Selbstkonzept einer kurzen Betrachtung unterzogen, um dem Leser[1] den Einstieg in die Thematik zu erleichtern. Mittels Literaturrecherche werden sodann Einführungen in die einzelnen Entwicklungstheorien geben und ihre wesentlichen Grundgedanken herausgearbeitet. Da eine Behandlung aller existierenden Theorien zur Entstehung von Selbst und Selbstkonzepten den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, beschränke ich mich auf die in diesem Seminar erörterten. Demnach folgen Abschnitte über die Entstehungsentwürfe Margaret Mahlers, Daniel Sterns, Eva-Maria Biermann-Ratjens, Martin Dornes' und die Forschungsgruppe um Peter Fonagy sowie Carl Rogers'. Dem Entwicklungskonzept von Rogers wird dabei die größte Aufmerksamkeit gewidmet, da diese Arbeit im Rahmen des Schwerpunktes 'Personenzentrierte Beratung und Psychotherapie' geschrieben wird und in vielen wissenschaftlichen Arbeiten auf sein Modell immer noch Bezug genommen wird. In einem nächsten Kapitel erfolgt eine Gegenüberstellung der behandelten Entwicklungskonzepte und werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Theorien näher erläutert.

Abschließend dient ein Resumé der Zusammenfassung der Erkenntnisse dieser Arbeit und schließe ich die Arbeit mit einigen persönlichen Überlegungen, Gedanken und Einschätzungen.

1 Zum Begriff der / des...

1.1...Personenzentrierte Psychotherapie / personenzentrierter Ansatz

Dieser humanistische therapeutische Ansatz hat seine Geburtsstunde im Jahre 1940, als Carl R. Rogers seinen ersten Vortrag an der Universität in Minnesota gehalten hat. Das Ziel einer personenzentrierten Psychotherapie liegt nicht in der Problemlösung, sondern ist auf die persönliche Entwicklung des Klienten konzentriert. Überdies wird jegliches Expertentum von Psychotherapeuten abgelehnt und die nicht-direktive Vorgangsweise propagiert. Der Hauptfokus dieses Ansatzes liegt auf der Beziehung zwischen Therapeut und Klient. Die Persönlichkeitstheorie beziehungsweise das Menschenbild, das hinter der Rogerianischen Psychotherapie steht, geht von der Annahme aus, dass der Mensch eine innere Kraft (Aktualisierungstendenz) besitzt, sich in Richtung größerer Reife und Wachstum zu entwickeln (Hutterer 2007/2008).

In der Literatur finden sich neben der Bezeichnung personenzentrierte Psychotherapie, je nach Entwicklungsphase, Erscheinungsdatum beziehungsweise -land, ebenso non-direktiver Ansatz, klientenzentrierte Psychotherapie, Rogerianische Psychotherapie sowie Gesprächspsychotherapie, die jedoch alle auf den Grundgedanken Carl R. Rogers' und dessen Überzeugungen basieren und somit in dieser Arbeit synonym verwendet werden. Überdies folge ich der Tradition Rogers, der selbst zeitweilig nicht zwischen den Begriffen Beratung und Psychotherapie unterschieden hat, sondern seine grundsätzlichen Annahmen für beide Formen geltend machte.

1.2...Carl R. Rogers

Der Psychologe und Psychotherapeut Carl Ransom Rogers wurde im Jahre 1902 in Illinois in den USA geboren. Nach Abschluss eines Psychologiestudiums arbeitete er in der „Child Guidance Clinic“ sowie als klinischer Psychologe am „Child Study Department of the Society for the Prevention of Cruelty to Children“ in Rochester. In dieser Zeit entwickelt er nach und nach einen eigenen, nicht-direktiven und klientenzentrierten, theoretischen Ansatz, den er 1940, nachdem er als Professor an die Ohio State University berufen wurde, im Rahmen eines Vortrags erstmalig öffentlich vor einem Fachpublikum postulierte. Diesen Zeitpunkt benannte er später als „Geburtsstunde der personenzentrierten Psychotherapie“ (Kirschenbaum 1979). Ab 1945 war er Professor an der Universität von Chicago, wo er überdies ein eigenes „Counseling Center“ aufbaute. 1986 gründete er das „Center for Studies of the Person“ in La Jolla. In den darauf folgenden Jahren galt sein Interesse vorrangig der (Schul-)Pädagogik sowie Selbsterfahrungsgruppen (sog. 'Encounter Groups'). Überdies setzte er sich für internationale Friedensarbeit und interkulturelle Kommunikation ein. Er starb 1987 im Alter von 85 Jahren in Kalifornien in den USA (Bommert 1977).

1.3...Selbst / Selbstkonzept

Das Selbst bzw. das Konzept vom Selbst ist ein Teil der phänomenologischen Welt, da es nicht „beobachtbar“ ist. Daher ist sind die Definitionen und Beschreibungen in diesem Zusammenhang kontrovers und eine einheitliche Begriffsbestimmung, bedingt durch die unterschiedlichen psychologischen/psychotherapeutischen Schulen bzw. Sichtweisen, kaum auffindbar.

Das Selbst wird als Kern der Persönlichkeit betrachtet, das Selbstkonzept beschreibt die Auffassung einer Person von sich selbst. Hier wird oft zwischen einer kognitiven (Selbstwahrnehmung und Wissen über die eigene Person) und einer affektiven Komponente (Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen) unterschieden. Die Begriffe werden oft synonym verwendet, sie sind empirisch schwer zu trennen (Weinberger & Papastefanou 2008).

Im personenzentrierten Bereich kann man Definitionsversuche wie „Das Selbst (Selbstgefühl) lässt sich allgemein als „Gesamtheit (geordneter) Erfahrungen und Affekte“ normieren“ (Fröhlich-Gildhoff & Hufnagel 1997, 7) oder auch „Das Selbst kann als Gestalt (als dynamisches Muster) aus Repräsentanzen von Selbst- und Beziehungserfahrungen verstanden werden, die in das Bewusstsein geholt werden können, mit einem Identitäts- und Kontinuitätsgefühl verbunden sind und mit Erfahrungen im Hier und Jetzt verglichen werden“ (Biermann-Ratjen 2007, 58) finden.

Stern als Vertreter der Psychoanalyse beschreibt das Selbstempfinden als zum Kleinkinderalter zughörig und definiert es als „invariantes Gewahrseinsmuster, das nur anläßlich der Aktivitäten oder psychischen Vorgänge des Säuglings zum Vorschein kommt“ (Stern 1992, 20), wobei er unter invariantes Gewahrseinsmuster ein Ordnungsmuster versteht.

Zusammenfassend lässt sich das Selbst bzw. das Selbstkonzept als Gesamtheit eines organisierten Bildes sehen, das vom Körper getrennt ist, aus Erfahrungen entsteht und sich in Interaktionen mit der Umwelt zeigt.

Rogers ist der Überzeugung, dass psychische Gesundheit dadurch definiert werden kann, dass „das Selbst-Konzept dergestalt ist, daß alle Körper- und Sinnes-Erfahrungen des Organismus auf einer symbolischen Ebene in eine übereinstimmende Beziehung mit dem Konzept vom Selbst assimiliert werden […]“ (Rogers 2005, 442 [Original 1951]). Dieser Zustand, den er später als Kongruenz bezeichnet, beinhaltet, völlig offen für Neues zu sein und ein bewegliches Selbstkonzept zu haben.

Oftmals kann es bei instabilen bzw. bei zu starren, pathologischen Selbstkonzepten zu Störungen des Sozialverhaltens kommen und verlangt eine diesbezügliche Therapie eine besondere therapeutische Haltung – eine wertschätzende, empathische, akzeptierende - da gerade die betroffenen Personen in frühen Lebensphasen oftmals ein zu geringes Maß an Wertschätzung und Akzeptanz erlebt haben.. All diese Grundeinstellungen sind Voraussetzungen der personenzentrierten Psychotherapie, wodurch diese Therapieform hervorragend geeignet zu sein scheint (Fröhlich-Gildhoff, Klaus & Rose 2010).

Fröhlich-Gildhoff & Hufnagel haben in ihrer Abhandlung über die personenzentrierte Störungslehre zentrale Charakteristika des Selbst in der personenzentrierten Entwicklungslehre ausfindig gemacht:

1. Entstehung durch Beziehungs- und Objekterfahrungen
2. Daraus resultierende Wertvorstellungen
3. Bewußstseins fähige Inhalte
4. Das Selbstideal als Teilstruktur
5. Wirkung der Aktualisierungstendenz auf das Selbst
6. Temporäre Veränderbarkeit des Selbstbildes
7. Mögliche Existenz unabhängiger Bereiche des Selbst

(Fröhlich-Gildhoff & Hufnagel 1997).

Diese Merkmale machen somit das Selbst zum gegenwärtigen Forschungszeitpunkt aus und kann die Konzeption des „fertigen“ Selbst dementsprechend beschrieben werden.

All diese Begriffsbestimmungen beziehen sich auf ein ausgereiftes Selbst/Selbstkonzept. Wie kommt es nun aber zu seiner Entstehung, welche Stadien durchlaufen Säuglinge und Kleinkinder bei dessen Ausbildung? In den nachfolgenden Kapiteln werden verschiedenste Entwicklungskonzepte einer Betrachtung unterzogen.

2 Die psychoanalytische Entwicklungstheorie nach Margaret Mahler

Die ungarisch-amerikanische Psychoanalytikerin Margaret Mahler war eine der ersten, die Schritte auf dem Gebiet der Säuglingsforschung (Forschung auch bei normal entwickelten, gesunden Kindern) unternahm. Bezugnehmend auf ihr Werk 'Die psychische Geburt des Menschen' aus dem Jahre 1980 (Original 1975) teilt sie ihr Modell zur Entwicklung von Individuen bzw. des Selbst in unterschiedliche Phasen, welche im Folgenden kurz erörtert werden.

1) Autistische Phase (ab der Geburt – ca. 4.-6. Lebenswoche):

In dieser Phase herrschen vor allem schlafähnliche Zustände vor, in denen äußere Reize kaum wahrgenommen werden. Im Vordergrund steht die physiologische Bedürfnisbefriedigung. Das gesamte Stadium ähnelt noch sehr dem pränatalen, wobei dennoch der sogenannte Moro-Reflex (Greifreflex) zu beobachten ist. Der Säugling ist – ähnlich einem Autisten – relativ unbeteiligt und selbstabsorbiert, wodurch diese Phase ihren Namen erhalten hat.

2) Symbiotische Phase (ca. 2.-5./6. Lebensmonat):

In diesem Stadium dringen schon mehr äußere Reize zu dem Säugling durch und das Kind lernt lustvolle von unlustvollen Erfahrungen zu unterscheiden. Jedoch ist es noch sehr auf die Mutter angewiesen, fühlt sich sozusagen eins mit der Mutter, als Zweieinheit. Es findet ein Verschmelzungserleben statt, in dem die beiden Personen eine scheinbar gemeinsame Grenze aufweisen.

3) Loslösung und Individuation (ca. 8.-36. Lebensmonat):

Diese dritte Periode im Laufe der kindlichen Entwicklung besteht aus mehreren, sich teilweise überschneidenden Subphasen. Grundsätzlich laufen hier jedoch 2 Prozesse parallel ab: die Loslösung als physische Abgrenzung sowie die Individuation als physische Trennung von der Mutter. Mahler selbst beschreibt diese Phase folgendermaßen „Die Loslösungs- und Indivduationsphase ist eine Art zweiter Geburtserfahrung, die einer von uns als 'ein Ausschlüpfen aus der gemeinsamen symbiotischen Mutter-Kind-Membran' bezeichnet hat“ (Mahler 1955, 142). Die symbiotische Erfahrung gelangt in diesen Phasen zu einem Ende.

a) Differenzierungsphase (ca. 5.-12. Lebensmonat):

Hierbei wird das eigene Körperschema ausdifferenziert. Der Säugling erlebt erstmals seine eigene körperliche Begrenzung. Im 8. Lebensmonat kommt es zu dem sogenannten Fremdeln (8-Monats-Angst), was daraufhin deutet, dass die stattfindende Trennung dem Kind nun auch emotional bewusst wird.

[...]


[1] IS der leichteren Lesbarkeit wird in vorliegender Seminararbeit auf eine geschlechtsneutrale Schreibweise verzichtet.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Unterschiedliche Sichtweisen des Selbstkonzepts und seiner Entstehung
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V169918
ISBN (eBook)
9783640884209
ISBN (Buch)
9783640884001
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
personenzentriert, personzentriert, psychotherapie, gesprächstherapie, gesprächspsychotherapie, rogers, carl rogers, klientenzentriert, klientzentriert, selbstkonzept, entwicklungstheorie, persönlichkeitstheorie, Sein, Selbst, Selbstbild, Entwicklung, mensch, Person, Individuum
Arbeit zitieren
Kristina Kokta (Autor), 2010, Unterschiedliche Sichtweisen des Selbstkonzepts und seiner Entstehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169918

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