Umberto Eco "Der Name der Rose" - Ein Roman auf der Schwelle zur Postmoderne


Seminararbeit, 2010

21 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die (Epochen-)Schwelle

3. Von der Moderne zur Postmoderne

4. Der Name der Rose - Ein postmoderner Schwellentext
4.1.Veränderung der Literatur
4.1.1. Fakt oder Fiktion?
4.1.2. Innovation des Erzählmodells
4.1.3. Die Intertextualität
4.2.Autorität und Rezeption von Literatur
4.2.1. Der Idealleser
4.2.2. Die Doppelkodierung
4.2.3. Die ironische Verdoppelung
4.3.Wechsel im Erkenntnisparadigma
4.3.1. Zwerge auf den Schultern von Riesen
4.3.2. Das Lachen und die Pluralität

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Den meisten Lesern ist Umberto Eco lediglich als Romancier bekannt. Der 1932 in Piemont geborene Literat verfasste jedoch schon vor der Erscheinung seines ersten Prosawerkes zahlreiche Schriften zur Theorie und Praxis der Zeichen, der Kunst, der Literatur und nicht zuletzt der Ästhetik des Mittelalters. Seit dem Erfolg seines Romandebüts Der Name der Rose gilt er als einer der meistgelesenen Romanautoren der Gegenwart.

Unter dem Originaltitel Il nome della Rosa erschien 1980 sein erster Roman in Italien und wurde zwei Jahre später von Burkhart Kroeber ins Deutsche übersetzt. Anstelle der erwarteten 30 000 Exemplare stiegen die Verkaufszahlen bis auf neun Millionen. 1986 verfilmte der französische Regisseur Jean-Jaques Annaud das Buch unter Mitwirkung Sean Connerys und Christian Slaters.

Die Geschichte handelt von dem Franziskaner William von Baskerville und seinem Novizen Adson von Melk, die sich im Jahre 1327 auf den Weg in ein Benediktinerkloster in Oberitalien machen, um an einem politisch-theologischem Kongress teilzunehmen. Während ihres Aufenthaltes ereignen sich mysteriöse Todesfälle, deren Aufklärung sich William und Adson annehmen. Die Spuren führen die beiden in die als Labyrinth angelegte Klosterbibliothek. Dort versteckt der blinde Bibliothekar Jorge von Burgos den verloren geglaubten zweiten Teil der Poetik des Aristotelis über die Komödie. Jorge sieht in der Legitimation des Lachens durch Aristotelis eine Bedrohung für die Kirche. Um zu verhindern, dass William an das zuvor vergiftete Buch gelangt, isst Jorge es schließlich auf und begeht damit Selbstmord. Die Bibliothek geht in Flammen auf und die Abtei verbrennt.

Der Name der Rose gilt als Schwellentext zwischen der Moderne und Postmoderne. Welche Eigenheiten des Romans ihn auf die Schwelle zur Postmoderne befördern, wird in der folgenden Arbeit beleuchtet. Dazu soll zunächst der Begriff der (Epochen-)Schwelle geklärt und die Merkmale eines solchen Textes herausgearbeitet werden. Das anschließende Untersuchungsgebiet umfasst die Eigenschaften der Schwellensituation zwischen der Moderne und Postmoderne, diese sollen an Umberto Ecos Der Name der Rose nachgewiesen werden. Dazu soll auch der Autor selbst zu Wort kommen mithilfe seiner Nachschrift zum › Namen der Rose ‹.

2. Die (Epochen-)Schwelle

Die Schwelle ist ein Ort des Übergangs von einem Bereich in den anderen. Sie stellt einen eigenen Raum dar, der Zonen der Unsicherheit und der Prüfung aufweist. Dort trifft Altes auf Neues und die Geschehnisse werden in ein Vorher und Nachher geteilt. Schwellensituationen bilden die Grundlage jeder kulturellen Entwicklung und sind zugleich das Ergebnis eines stätigen Wandels der Kultur. Häufig wird eine Schwelle erst im Nachhinein als solche wahrgenommen.

Die Denkfigur der Schwelle kann zweifellos von der Grenze unterschieden werden. Während bei der Grenze Aus- und Abgrenzung als Grundprinzipien vorherrschen, definiert sich die Schwelle auf Grundlage von Mehrdeutigkeit und Entgrenzung (vgl. Nischik, 9f). „Grenzen schaffen binäre Strukturen, sie konfrontieren Selbst und anderes. [...] Die Schwelle hingegen besitzt eine räumliche und zeitliche Ausdehnung.“ (ebd., 10) Sie positioniert sich im Dazwischen, besitzt jedoch trotzdem ihre eigenen Qualitäten und Gesetze. Auf Schwellen kann man verweilen und sich der Vergangenheit oder Zukunft verschließen. Die Überschreitung einer Schwelle endet häufig mit einem Tabubruch. Dieser kann als neues Prinzip in die Kultur integriert werden, wenn er aber zu abwegig ist, kann er ebenso dem System verwehrt bleiben.

Ebenso wie die Schwelle ist auch die Epoche keineswegs eine gegebene, feststehende Einheit, sondern lediglich ein kulturelles Konstrukt. Laut Aleida Assmann gibt es zwei Möglichkeiten zur Entstehung von Epochen: Einerseits auf Grundlage von damaligen Abgrenzungsbewegungen und andererseits durch spätere Konstruktionen, welche die Ereignisse in eine logische Ordnung bringen. Ein im Nachhinein festgelegter Kanon repräsentiert die jeweilige Epoche. Aufgrund kanonisierter Texte wird eine Epoche auf eine bestimmte Art sichtbar gemacht, alles, was als nicht zeitgemäß begriffen wird, wird jedoch verdeckt und letztendlich vergessen. Die Epochenschwelle1 hat eine wesentliche Rolle für die Veränderung der Kultur, insbesondere der literarischen Welt.

Die Überschreitung einer Epochenschwelle erfolgt oftmals durch Schwellentexte, welche die neue Zeit mithilfe einer neuen Sprache ankündigen. Literarische Schwellentexte kann man an den folgenden Merkmalen erkennen:

Erstens verändern Schwellentexte die Literaturlandschaft unwiederbringlich. Es sind Texte, die im Zusammenhang mit dem historischen, sozialen und kulturellen Geist der Zeit stehen. Sie brechen mit den etablierten Repräsentationsformen und kulturellen Normen. Im Nachhinein wird ihnen häufig eine radikale Neuheit oder eine veränderte/verändernde Weltsicht nachgesagt. Oft werden Schwellentexte in den Kanon aufgenommen, dadurch wird ihr subversives Potential, welches sie zuvor zu Schwellentexten machte, geschwächt. Der Bruch mit der bestehenden Ordnung wird in das System integriert und bildet einen neuen Bestandteil der Kultur. Schwellentexte sind eng mit den Ereignissen der jeweiligen Zeit verbunden, andererseits überwinden sie die sozialen und kulturellen Kontexte durch ihre neuartige Ausdrucksweise (vgl. ebd., 10ff.). „Sie sind eine Zeit reflektierende, aber zeitlose Texte“ (ebd., 12).

Als ein zweites Merkmal von literarischen Schwellen ist die Autorität und Rezeption der Texte zu nennen. In Schwellentexten ist häufig ein veränderter Textsinn als in deren Vorläufermodellen festzustellen. Außerdem kommt es vor, dass sich die Funktion des Lesers verschiebt. Die traditionelle Wahrnehmung von Literatur und ihr Stellenwert in der Kultur werden infrage gestellt und neu inszeniert.

Drittens kennzeichnen sich Schwellentexte durch ihren erkenntnistheoretischen Status. Die Transgression einer Schwelle birgt immer eine Gefahr, allerdings eröffnet sie auch die Möglichkeit eines neuen Erkenntnisgewinns. Indem mit den bestehenden Normen gebrochen wird, werden die Grenzen des Bewusstseins und Handelns neu gesetzt. Auf diese Weise gelangt der Mensch zu einem Wechsel in seinem Erkenntnisparadigma (vgl. ebd., 12ff.).

Eine bedeutende Schwellensituation, der Wechsel von der Moderne zur Postmoderne, soll im folgenden Abschnitt vorgestellt werden.

3. Von der Moderne zur Postmoderne

Die Bestimmung der Postmoderne hängt im Wesentlichen vom Verständnis der Moderne ab. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist die Gefühlswelt der Menschen durch die Industrialisierung, den Krieg und die Entfremdung des Individuums geprägt. Subjektivierung und Psychologisierung kennzeichnen die Wahrnehmung der Realität. Die historische Avantgarde ist bestrebt mit der Vergangenheit zu brechen. Durch immer neue Experimente mit der Erzähltechnik, sowie der Raum-, Zeit- und Figurendarstellung verliert der moderne Roman jeglichen Bezug zur Wirklichkeit und gelangt bis hin zur leeren Seite. Die Forderung nach Originalität erschöpft die literarischen Mittel und führt in eine Krise des Erzählens.

Die Postmoderne hilft dem Roman aus der Krise, indem sie das Innovationsstreben der Avantgarde grundlegend ablehnt und es als automatisiert abtut. Die Vertreter dieser neuen Strömung besinnen sich zurück auf die Geschichte und erschaffen aus dem vorhandenen Material spielerisch etwas Neues. Dabei vermischen sich reale und fiktionale Elemente. Ironie, Parodie und Satire sind beliebte Stilmittel. Die Intertextualität übernimmt eine wichtige Rolle und es entsteht das Bewusstsein, nicht mehr unschuldig erzählen zu können. Die Unterhaltungsfunktion des Romans gewinnt wieder an Wichtigkeit. Kriminal- und Abenteuerromane erleben einen Aufschwung, außerdem kommt es zur Vermischung verschiedener Genres miteinander. Ein weiteres Merkmal ist die Selbstbezogenheit des Textes, der seine eigene Existenz reflektiert. Aufgrund der Doppelkodierung ist der postmoderne Roman sowohl dem intellektuellen als auch dem »naiven« Leser zugänglich (vgl. Eco 1987b, 76ff).

Der Name der Rose von Umberto Eco stellt den Roman schlechthin für den Übergang von der Moderne zu postmodernen Erzählformen dar. Die wesentlichen Kennzeichen eines postmodernen Schwellentextes, welche auf den vorherigen Seiten herausgestellt wurden, sollen nun anhand von Ecos Bestseller aufgezeigt werden.

4.Der Name der Rose - Ein postmoderner Schwellentext

4.1. Veränderung der Literatur

Die Veränderung der literarischen Landschaft ist eines der Hauptmerkmale von Schwellentexten. Beim Übergang vom modernen zum postmodernen Roman liegt hierbei ein besonderes Augenmerk auf der Rückbesinnung auf die Geschichte, die zuvor in der Moderne nahezu geleugnet wurde, daher mischen sich im Namen der Rose fiktionale mit realen Elementen. Außerdem entwirft Umberto Eco ein vollkommen neues Erzählmodell und beruft sich mithilfe der Intertextualität auf eine Vielzahl anderer Texte.

4.1.1. Fakt oder Fiktion?

Vor der Veröffentlichung des Namen der Rose brachte Umberto Eco die Beatus- Kommentare heraus. Dabei handelt es sich um eine echte mittelalterliche Handschrift, die von der Apokalypse erzählt. Tatsächlich weisen die Beatus-Kommentare erstaunlich viele Ähnlichkeiten mit dem Namen der Rose auf. Ein erster Hinweis auf die Bedeutung dieser mittelalterlichen Schrift ist darin erkennbar, dass sie sich in der Bibliothek der Abtei befinden und William dabei behilflich sind, Jorge von Burgos als den Bibliothekar zu entlarven, der diese Schriften über die Apokalypse und auch den sagenumwogenen zweiten Teil der Poetik des Aristotelis in die Bibliothek brachte. Im Buch werden außerdem Miniaturen aus Beatus-Codices beschrieben. Auch die Textstufenabfolge im Vorwort des Romans klingt wie eine Kopie der originalen Beatus- Handschrift (vgl. Langer 2004, 3). So heißt es im Beatus-Kommentar:

Eine aus dem 10. Jh. stammende mozarabische, mit Illustrationen unter hellenischen, persischen und asiatischen Einflüssen versehene Edition eines Textes aus dem 8. Jh., der die Ende des 1. Jh. n. Christi entstandene Apokalypse des Johannes in der lateinischen Fassung kommentiert, die wiederum aus dem Griechischenübersetzt wurde und diese vermutlich aus dem Hebräischen (ebd.).

Der Name der Rose beginnt nach demselben Schema:

[ … ] die deutsche Ü bersetzung meiner italienischen Fassung einer obskuren neugotisch- französischen Version einer im 17. Jahrhundert gedruckten Ausgabe eines im 14. Jahrhundert von einem deutschen Mönch auf Lateinisch verfassten Textes (Eco 1987a, 10).

[...]


1 Von dem deutschen Philosophen Hans Blumenberg geprägter Begriff zur Bezeichnung des Zeitraumes zwischen zwei Epochen.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Umberto Eco "Der Name der Rose" - Ein Roman auf der Schwelle zur Postmoderne
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Künste und Medien)
Veranstaltung
Schwellentexte der Weltliteratur
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V169951
ISBN (eBook)
9783640884711
ISBN (Buch)
9783640884377
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Umberto Eco, Der Name der Rose, Schwellentext, Epochenschwelle
Arbeit zitieren
Christin Lübke (Autor), 2010, Umberto Eco "Der Name der Rose" - Ein Roman auf der Schwelle zur Postmoderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169951

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