Heutzutage nehmen die psychischen Erkrankungen (in modernen Gesellschaften) von Jahr zu Jahr immer mehr zu, wobei Krisen- wie auch die Coronapandemie als gesellschaftliche Härtetests noch verstärkend hinzukommen. Jene Erkrankungen stellen demzufolge die Bürger*innen auf die Probe, wobei nach Ursachen, Lösungen und offenen Fragen gesucht wird. Resultierend daraus lässt sich dies auch als ein zentrales Problem der Sozial- und Gesundheitswissenschaften (als Wissenschaft) zusammenführen. Émile Durkheims Konzept der Anomie sowie dessen Weiterentwicklung durch Robert K. Merton bieten möglicherweise theoretische Grundlagen, als soziologische Perspektiven, die soziale Desintegration, normative Orientierungslosigkeit und strukturelle Spannungen als zentrale Ursachen abweichenden Verhaltens analysieren. Zusammengefasst können die Theorien auch für das Verständnis psychischer Erkrankungen herangezogen werden, da sie die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft thematisieren. Somit beleuchtet der folgende Essay inwiefern sich Durkheims und Mertons Anomie-Theorien auf heutige psychische Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen, Burnout und Angststörungen beziehen lassen, und diskutiert die Möglichkeiten und Grenzen dieser Ansätze. Zunächst wird im ersten Sinnabschnitt das Anomieverständnis von Durkheim erläutert und anschließend auf die heutige Gesellschaft übertragen. Der darauffolgende Abschnitt umfasst Mertons Erweiterungen bezüglich des Anomieverständnis und illustriert darüber hinaus den zentralen Theoriebegriff des Rückzugs in der heutigen Gesellschaft. Im dritten Sinnabschnitt erfolgt nun eine Verknüpfung beider Verständnisse mit den heutigen psychischen Erkrankungen, wobei Verbindungslinien herausgearbeitet werden sollen. Der letzte Abschnitt resümiert die gesammelten Erkenntnisse in einem Fazit, wodurch die Fragestellung beantwortet und eine kritische Würdigung kundgetan werden soll.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Anomie nach Émile Durkheim: Orientierungslosigkeit und soziale Integration
- 2.1 Verbindung zur heutigen Gesellschaft
- 3. Mertons Anomietheorie: Strukturelle Spannungen und individuelle Anpassungsstrategien
- 3.1 Rückzug in der heutigen Gesellschaft
- 4. Heutige psychische Erkrankungen und Anomie
- 5. Fazit
- 6. Quellen/ Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern die Anomie-Konzepte von Émile Durkheim und Robert K. Merton auf heutige psychische Erkrankungen angewendet werden können, um die sozialen Dimensionen dieser Leiden zu verstehen und ihre Möglichkeiten sowie Grenzen als theoretische Ansätze zu diskutieren.
- Die zunehmende Prävalenz psychischer Erkrankungen in modernen Gesellschaften als zentrales Problem.
- Émile Durkheims Konzept der Anomie, definiert als normativer Orientierungslosigkeit und sozialer Desintegration.
- Robert K. Mertons Anomietheorie, die sich auf strukturelle Spannungen und individuelle Anpassungsstrategien konzentriert.
- Die Verknüpfung beider Anomie-Verständnisse mit heutigen psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Burnout und Angststörungen.
- Herausarbeitung von Verbindungslinien zwischen gesellschaftlichen Strukturen, normativer Unsicherheit und psychischem Wohlbefinden.
- Kritische Würdigung der Anomietheorien und ihre Ergänzung durch psychologische und neurobiologische Modelle.
Auszug aus dem Buch
Anomie nach Émile Durkheim: Orientierungslosigkeit und soziale Integration
Durkheim prägt das Konzept der Anomie in seinem Werk Le Suicide (1897) und definiert es als einen Zustand normativer Orientierungslosigkeit, der durch rasche soziale oder wirtschaftliche Veränderungen ausgelöst wird.
Hierbei identifiziert er mehrere Faktoren, die zur Anomie führen können. So besteht die Möglichkeit, dass durch schnelle gesellschaftliche Veränderungen, etwa durch Industrialisierung, Urbanisierung oder technologischen Fortschritt, die bestehenden sozialen Normen und Werte untergraben werden können. Dies fasst Durkheim unter dem Begriff des sozialen Wandels zusammen. In jener Phase passen sich die institutionellen Regelungen nicht schnell genug an, wodurch ein Zustand der Unsicherheit entsteht. Des Weiteren lassen sich auch eine wirtschaftliche Krise oder Wohlstand als Faktor anführen. Folglich erfasst Durkheim „dass sowohl wirtschaftliche Krisen als auch plötzlicher Wohlstand zu Anomie führen können. In beiden Fällen verändern sich die gesellschaftlichen Erwartungen und Ziele, ohne dass neue Normen zur Orientierung bereitstehen. Außerdem nimmt in modernen Gesellschaften die Bedeutung individueller Entscheidungen zu. Dies schwächt die kollektiven Normen und Werte, was zu einem Zustand der Unsicherheit führen kann. Dies bezeichnet er als Individualisierung. Solche Umbrüche, wie Industrialisierung oder wirtschaftliche Krisen, destabilisieren soziale Normen und Werte und führen dazu, dass Individuen ihre Handlungsorientierung verlieren. Des Weiteren unterscheidet Durkheim zwischen zwei Hauptformen von Anomie: einer durch den Mangel an sozialer Regulierung und einer durch den Zusammenbruch der sozialen Integration. Beide Formen können das psychische Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen. Die sich daraus entwickelnden Folgen sind Orientierungslosigkeit (Menschen verlieren die Fähigkeit, ihr Verhalten an gesellschaftlichen Normen auszurichten) und Abweichendes Verhalten (Ohne klare Regeln steigt die Wahrscheinlichkeit für Kriminalität, Gewalt oder andere Formen sozialer Abweichung). Aber es kann auch zu einer Psychosozialen Belastung (Individuen fühlen sich isoliert, was zu Stress, Depression und in extremen Fällen zu Suizid führen kann) und Gefährdung der sozialen Kohäsion (Gesellschaftliche Solidarität wird geschwächt, was Instabilität und Konflikte hervorbringt ) führen (SozTheo 2024; Mehlkop & Graeff 2006).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel thematisiert die Zunahme psychischer Erkrankungen, positioniert Durkheims und Mertons Anomie-Theorien als soziologische Erklärungsansätze und skizziert den Aufbau des Essays.
Anomie nach Émile Durkheim: Orientierungslosigkeit und soziale Integration: Hier wird Durkheims Anomiebegriff als normativer Orientierungslosigkeit infolge gesellschaftlicher Veränderungen wie Industrialisierung oder wirtschaftlicher Krisen erläutert und dessen psychische sowie soziale Folgen dargestellt.
Verbindung zur heutigen Gesellschaft: Dieses Unterkapitel überträgt Durkheims Konzept auf die moderne Gesellschaft, wobei Individualisierung, Digitalisierung und die COVID-19-Pandemie als Faktoren für verstärkte Orientierungslosigkeit und psychische Erkrankungen hervorgehoben werden.
Mertons Anomietheorie: Strukturelle Spannungen und individuelle Anpassungsstrategien: Merton erweitert Durkheims Anomiebegriff, indem er die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Zielen und den Mitteln zu deren Erreichung fokussiert und fünf Anpassungsstrategien abweichenden Verhaltens darstellt.
Rückzug in der heutigen Gesellschaft: Dieser Abschnitt wendet Mertons "Rückzug"-Strategie auf die moderne Leistungsgesellschaft an, die durch Leistungsdruck und soziale Ungleichheit zu Frustration, Stress und mentalen Erkrankungen wie Isolation und Substanzmissbrauch führen kann.
Heutige psychische Erkrankungen und Anomie: In diesem Kapitel werden die Theorien von Durkheim und Merton verknüpft, um die gesellschaftlichen Ursachen psychischer Erkrankungen zu beleuchten, wobei soziale Desintegration, Leistungsdruck und normative Unsicherheit als zentrale Einflussfaktoren identifiziert werden.
Fazit: Das Fazit resümiert, dass Durkheims und Mertons Anomiekonzepte wertvolle soziologische Grundlagen für das Verständnis psychischer Erkrankungen bieten, jedoch Einschränkungen als makrosoziologische Perspektiven aufweisen, die individuelle und biologische Faktoren weitgehend ausklammern.
Schlüsselwörter
Anomie, Durkheim, Merton, psychische Erkrankungen, soziale Desintegration, normative Orientierungslosigkeit, strukturelle Spannungen, soziale Integration, Anpassungsstrategien, Rückzug, Individualisierung, gesellschaftlicher Wandel, Stress, Depressionen, Angststörungen, Burnout.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie die soziologischen Anomie-Konzepte von Durkheim und Merton zur Erklärung und zum Verständnis heutiger psychischer Erkrankungen beitragen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Anomie-Theorien von Émile Durkheim und Robert K. Merton, deren Bezug zu modernen psychischen Erkrankungen sowie die Analyse gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse als Ursachen für psychisches Leid.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die primäre Forschungsfrage lautet: "Inwiefern lassen sich das Anomie-Verständnis von Durkheim und Merton auf die heutigen psychischen Erkrankungen beziehen?"
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine theoretische Analyse aus soziologischer Perspektive, um die Konzepte von Durkheim und Merton auf aktuelle gesellschaftliche Phänomene und psychische Erkrankungen anzuwenden und zu diskutieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Konzepte der Anomie nach Durkheim und Merton, deren Anwendung auf die heutige Gesellschaft und die Verbindung dieser Theorien zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Burnout und Angststörungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Anomie, Durkheim, Merton, psychische Erkrankungen, soziale Desintegration, normative Orientierungslosigkeit, strukturelle Spannungen und Anpassungsstrategien.
Welche Hauptformen der Anomie unterscheidet Durkheim?
Durkheim unterscheidet hauptsächlich zwischen Anomie, die durch einen Mangel an sozialer Regulierung entsteht, und Anomie, die durch den Zusammenbruch der sozialen Integration bedingt ist.
Welche Anpassungsstrategien an strukturelle Spannungen identifiziert Merton?
Merton identifiziert fünf Anpassungsstrategien: Konformität, Innovation, Ritualismus, Rückzug und Rebellion, die beschreiben, wie Individuen auf Diskrepanzen zwischen kulturellen Zielen und institutionellen Mitteln reagieren.
Wie wird der "Rückzug" im Kontext der heutigen Gesellschaft interpretiert?
Der "Rückzug" wird als eine Anpassungsstrategie interpretiert, bei der Individuen sowohl kulturelle Ziele als auch institutionelle Mittel ablehnen und sich aus der Gesellschaft zurückziehen, oft manifestiert in Isolation, Substanzmissbrauch oder destruktiven Verhaltensweisen, bedingt durch den Druck der Leistungsgesellschaft.
Warum können die Anomietheorien psychische Erkrankungen nicht vollständig erklären?
Die Anomietheorien bieten eine makrosoziologische Perspektive und blenden individuelle sowie biologische Faktoren, die ebenfalls zur Entstehung psychischer Störungen beitragen, weitgehend aus, weshalb sie als Ergänzung zu anderen Modellen dienen.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2024, Anomie-Verständnis von Durkheim und Merton. Verknüpfung der heutigen psychischen Erkrankungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1699545