Postmoderne Ethik als Antwort auf die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts?

Eine kleine Anfrage bei Zygmunt Bauman


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Ausgangspunkt undErkenntnisinteresse

2. Das zwangslaufige Scheitern der Moralkonzeption der Moderne
2.1 Universalitat
2.2 (Letzt)begrundunci
2.3 Sozialisierung
2.4 Sozialitat
2.5 Moderne Technilt

3. Postmoderne Ethik als adaquate Antwort auf die totalitaren Exzesse?

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Auseinandersetzung mit den Ursachen und Determinanten fur die Entstehung von totalitaren Herrschaftssystemen im 20. Jahrhundert ist eines der zentralen Themen mit denen sich die wissenschaftlichen Arbeiten des polnisch-englischen Soziologen Zygmunt Bauman beschaftigen.[1] In diesem Kontext vertritt er die These, dass die totalitaren Exzesse keine Atavismen waren, sondern im Projekt der Moderne - mit ihrem rationalen Anspruch auf Universalitat, Homogenitat, Gleichformigkeit und Transparenz - tief verwurzelt sind.[2] Mithilfe dieser Prinzipien sollte der Makel der Ambivalenz und der permanenten Unsicher- und Ungewissheit beseitigt und damit die Lucke geschlossen werden, welche die Aufklarung durch die ,,Entmachtung Grundannahme zu verandern, wonach Zugellosigkeit und Chaos mundet.[3] sozialistischen Herrsch aftssysteme Gottes“ erzeugte, ohne jedoch die unkontrollierte Freiheit zwangslaufig in Spatestens mit dem Scheitern der in Osteuropa sind diese Begrundungszusammenhange jedoch obsolet und durch neue normative Bezugspunkte, die eine postmoderne Perspektive ermoglichte bzw. hervorbrachte, diskreditiert worden. Diese „neue Sichtweise“ stellt der Eindeutigkeit und dem Ordnungspostulat der Moderne die „Bürde“ der Ambivalenz und Kontingenz gegenuber, welche die Chance auf eine Revitalisierung der moralischen Befahigung der Menschen mit sich bringt.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werden die Chancen und Risiken im Hinblick auf eine Wiederentdeckung und -belebung der Moral aus einer postmodernen Perspektive aufgezeigt, wie sie Zygmunt Bauman in seinem Buch „Postmoderne Ethik“[4] entwickelt und darlegt. In einem ersten Schritt werden sein Erkenntnisinteresse und seine Untersuchungsziele offengelegt sowie seine thematische und methodische Zugangs- bzw. Vorgehensweise theoretisch verortet, um eine adaquate Bewertungsgrundlage zu erhalten. Darauf aufbauend werden die Grundzuge seiner Moralkonzeption wiedergegeben und deren zentralen Pramissen auf ihre Plausibilitat hin uberpruft. Im Anschluss daran werden die von Bauman identifizierten negativen Einflusse auf die Moralfahigkeit des Individuums in Form von sozialen Organisationen und der Anwendung moderner Technologie naher beschrieben und kritisch be- und durchleuchtet. Abschließend wird die Frage erortert, ob diese neue Konzeption einer ,,postmodernen Ethik“ als adaquate Antwort auf die totalitaren Exzesse des 20. Jahrhunderts betrachtetwerden kann.

Da sich Bauman aus unterschiedlichen Perspektiven seinem Untersuchungsgegenstand nahert und seine Gedanken in essayistischer Form zu Papier bringt, sich also einem linear entwickelten Erklarungsstrang widersetzt, indem er sein Thema immer wieder „umkreist“ und mitneuen Aspekten anreichert, die nur lose miteinander verbunden sind, fallt eine konsistente und stringente Wiedergabe seiner theoretischen Konzeption besonders schwer.[5] [6] Auch der in letzter Zeit anwachsenden Sekundarliteratur gelingt es nicht, die Ambivalenzen in Baumanns Werk einzuebnen. Auch die vorliegende Arbeit muss sich letztendlich dem Eindeutigkeitspostulat der Moderne entziehen und offnet sich damit einer postmodernen Sichtweise.

1. Ausgangspunkt und Erkenntnisinteresse

Mit seinem Buch ,,Postmoderne Ethik“ verfolgt Bauman das Ziel, die Verschleierungstaktik der Moderne zu entlarven, um mithilfe einer postmodernen Perspektive eine „’Wiederverzauberung’ der Welt" zu ermoglichen, in der die menschlichen Gefuhle und Leidenschaften wieder zum Tragen kommen und ihre Wurde erhalten.6 Denn hinter dem Deckmantel der Moderne verbirgt sich laut Bauman die Absicht der Autoritaten, den Menschen ein ambivalenz- und aporiefreies Leben auf Basis einer Vernunftherrschaft zu suggerieren und das in ihr innewohnende Gewalt- und Vernichtungspotential auszublenden bzw. zu verleugnen. Baumans Ethikentwurf kann folglich als ein vehementes Pladoyer fur die unumgangliche Akzeptanz der Doppelwertigkeit und Ambiguitat moralischer Handlungen aufgefasst werden. Ein Leben ohne Ambivalenz ist seiner Auffassung nach ein nicht bzw. nur unter der Heranziehung von Gewalt und Brutalitat zu erreichendes Ziel und deshalb als Lugengebaude zu demaskieren. Diese in seinen Augen alternativlose Perspektive bezeichnet er in Abgrenzung zur ,,SackgassederModerne“als Postmoderne: „Postmoderne, so konnte man sagen, ist Moderne ohne Illusion [im Original kursiv; d. Verf.] (die Kehrseite dessen lautet, die Moderne ist eine Postmoderne, die ihre eigene Wahrheit nicht akzeptieren will). Die besagten Illusionen laufen auf den Glauben hinaus, dieses .Durcheinander' der menschlichen Welt sei nur von temporarer und reparabler Art und wurde fruher oder spater durch die geordnete und systematische Herrschaft der Vernunft ersetzt werden. Die maßgebliche Wahrheit ist, daft dies vertrackte Durcheinander erhalten bleibt, was immer wir tun oder wissen; daft die kleinen Ordnungen und .Systeme', die wir herausmeiBeln, brocklig, vorlaufig und genauso beliebig und am Ende so kontingent sind wie ihre Alternativen."[7]

Im Gegensatz zu der im wissenschaftlichen und offentlichen Diskurs weit verbreiteten Annahme ist Bauman davon uberzeugt, dass eine postmoderne Sichtweise gerade nicht den Relativismus eines „anything goes" fordert, sondern die Beliebigkeit der ethischen Codes der Moderne zum Vorschein bringt, da diese nur willkUrlich gesetzt und somit austauschbar sind. DarUber hinaus wendet er sich strikt gegen „die Substitution der Ethik durch die Asthetik"[8], die von einigen postmodernen Vordenkern postuliertwird.

In „Postmoderne Ethik" bestimmt Zygmunt Bauman das Verhaltnis zwischen Individuum und Gesellschaft radikal zugunsten der individuellen Option und rUckt somit die Verantwortung des Individuums in den Vordergrund seiner Moralkonzeption: „Den Weg zwischen Gut und Bose zu finden, ist nun eine Sache des Individuums."[9] Dies bedeutet auch zugleich, „dass die moralische Beurteilung von Handlungen dem Individuum selbst obliegt. Moralische Bewertung kann nur Selbstbewertung sein."[10] Sein streng normativ-individualistischer Ansatz hebt sich von der universalistischen Konzeption von Kant, wie sie in der Form seines kategorischen Imperativs zum Ausdruck kommt, dezidiert ab und lehnt sich im Gegenzug stark an das von Simmel postulierte „individuelle Gesetz" an.[11]

2. Das zwangslaufige Scheitern der Moralkonzeption der Moderne

Nach Bauman besteht das primare Ziel einer,,postmodernen Ethik“ in der ,,Zurückweisung typisch moderner Umgangsweisen mit moralischen Problemen'[12] In einem zwanghaften, normativen Regulierungsdrang sieht er das konstituierende Grundprinzip moderner ethischer Problemlosungsmechanismen, die den individuellen moralischen Handlungsspielraum eingrenzen; wenn nicht gar ganz beschneiden. Diese heteronomen ethischen Verpflichtungen werden aus Legitimationsgrunden mit dem Anspruch auf ,,Universalitat“ und „(Letzt)- begründung“ versehen und sollen den Glauben an ein moralisch ambivalenz- und aporiefreies Leben aufrechterhalten bzw. in die Zukunft projizieren. Dass dieser Anspruch der Moderne gescheitert ist bzw. scheitern muss, steht fur Bauman außer Frage: „Der narrensichere - universale und unerschutterlich be- und gegrundete - ethische Code wird niemals gefunden werden. Nun, da wir uns die Finger zu oft verbrannt haben, wissen wir, was wir damals nicht wuBten, als wir die Forschungsreise antraten: daft eine nicht-aporetische, nicht- ambivalente Moralitat, eine universale und objektiv begrundete Ethik, praktisch unmoglich ist; vielleicht sogar ein Oxymoron [im Original kursiv; d. Verf.], ein Widerspruch in sich selbst."[13]

Im Folgenden werde ich mich naher mit der Kritik von Bauman an den beiden theoretischen Postulaten der „Universalitat“ und „(Letzt)begründung“ auseinandersetzen, die in seinen Augen als Kennzeichen der Moralkonzeption der Moderne verstanden werden konnen.

2.1 Universalitat

Der Anspruch auf Universalitat bedeutet laut Bauman zunachst einmal, dass temporale und territoriale Aspekte bei der Festlegung des moralischen Regelwerks ausgeblendet bzw. verleugnet werden,[14] obwohl die „Tatsache, daft die Vorstellungen von Gut und Bose von Ort zu Ort und Epoche zu Epoche differieren und daft sich daran nur wenig andern laftt,“[15] mittlerweile als Allgemeinplatz betrachtet werden kann. Ungeachtet dieser Ignoranz von temporalen und territorialen Aspekten stoßt der Universalitatsanspruch an seine naturliche Grenzen, die aus der „Pluralitat souveraner Machte"[16] entstehen: „Konsistent universalistisch kann eine Macht nur sein, wenn sie partout die ganze Menschheit mit der ihr gegenwartig oder zukunftig unterworfenen Bevolkerung identifiziert. Eine solche Macht wird sich in einer Welt, die nach dem Prinzip der Nationalstaatlichkeit organisiert ist und keine dieser Nationalstaaten lange von einer weltweiten Souveranitat traumen laßt, nur sehr unwahrscheinlich durchsetzen.“[17]

Neben diesem zwangslaufigen Scheitern des Universalitatsanspruches auf politischer Ebene sind diesem aber auch in moralischer Beziehung enge Grenzen gesetzt, da moralische Verantwortung laut Bauman nur aus einem asymmetrischen Beziehungsverhaltnis entstehen kann und damit ausschließlich an das Individuum adressiert bzw. gebunden ist, also gerade nicht, wie im Universalitatsgedanken verankert, eine symmetrische Beziehung zwischen den Menschen voraussetzt.[18] Moralische Verpflichtungen konnen folglich nicht einfach auf den Anderen ubertragen werden, sondern richten sich ausschließlich an das eigene Ich. Eine Pluralauflosung der Ich- in die Wir-Form ist deshalb nicht moglich, weil die vielen ,,Ichs“ nicht - oder nur unter Heranziehung von Attributen zur Bestimmung einer Gruppe - austauschbar sind.[19]

In Anlehnung an den Moralphilosophen Levinas geht Bauman also davon aus, dass moralische Beziehungen eine asymmetrische Struktur aufweisen und damit eben nicht auf Reziprozitat sowie Gleichbehandlung ausgerichtet sind.[20] Hiermit lost er sich sowohl vom symmetrisch angelegten „Mitsein“ der Ontologie Martin Heideggers als auch von der reziproken Vorstellung einer ,,Ich-Du-Beziehung“ Martin Bubers und substitutiert diese durch die Konstruktion des von Levinas begrUndeten„FUrsein“: „Ich bin fur den Anderen, ob der Andere fur mich ist oder nicht. Sein Fur-mich-Sein ist sozusagen sein Problem, und ob und wie er damit umgeht, beruhrt mein Fur-ihn-sein nicht im mindesten (insoweit mein Fur-den-anderen-sein den Respekt vor der Autonomie des anderen einschlieBt), was umgekehrt mein Einverstandnis einschlieBt, den Anderen nicht zu einem Fur-mich-sein zu erpressen noch in irgendeiner anderen Weise die Freiheit des Anderen einzuschranken. Was immer das ich fur dich [im Original kursiv; d. Verf.] noch umfassen mag, es enthalt keinen Ruckzugsbefehl, widergespiegelt oder ausbalanciert im du fur mich [im Original kursiv; d. Verf.].

[...]


[1] Ohne autobiographischen Bezuge zu seinem Werk uberstrapazieren zu wollen, sei an dieser Stelle kurz erwahnt, dass Bauman und seine Familie sowohl Opfer des Nationalsozialismus waren als auch aufgrund ihrer judischen Abstammung unter dem sozialistischen Regime in Polen litten und deshalb nach Israel emigrierten. Siehe hierzu die Interviews in: Die Zeit vom 17.11.2005; Die Tageszeitung vom 29.04.2006; Mittelweg 36 1993, H. 4, S. 17-22.

[2] Vgl. Schweppenhauser (1999: 513).

[3] Vgl. Bauman (1995: 17).

[4] Bauman (1995).

[5] Diese Meinung teilt auch Kastner (2000: 12). Mit etwas Humor und Ironie konnte man sagen, dass Bauman dem postmodernen Paradigma der Uneindeutigkeit auch beim Schreiben treu bleibt.

[6] Bauman (1995: 55).

[7] Bauman (1995: 55).

[8] Bauman (1995: 10).

[9] Zygmunt Bauman zitiert nach Kron (2001: 130).

[10] Kron (2001:132).

[11] Siehe hierzu insbesondere Kron (2001).

[12] Bauman (1995: 13).

[13] Bauman (1995: 22).

[14] vgl. Bauman (1995: 65).

[15] Bauman (1995: 63).

[16] Bauman (1995: 68).

[17] Bauman (1995: 68-69).

[18] Bauman (1995: 82).

[19] Bauman (1995: 78).

[20] Bauman (1995: 77-86).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Postmoderne Ethik als Antwort auf die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts?
Untertitel
Eine kleine Anfrage bei Zygmunt Bauman
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V170010
ISBN (eBook)
9783640885879
ISBN (Buch)
9783668272897
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postmoderne, Ethik
Arbeit zitieren
Bernhard Stecher (Autor), 2007, Postmoderne Ethik als Antwort auf die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170010

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