Eine kulturtheoretische Betrachtung der Liebe


Hausarbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Niklas Luhmann: Eine Theorie der Gesellschaft

3 Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität
3.1 Luhmanns Liebesbegriff
3.2 Liebe als Kommunikationsmedium im Wandel der Zeit
3.3 Liebe in der Literatur: Peter von Matts „Liebesverrat“

4 Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Liebe ist langmütig und gütig, die Liebe beneidet nicht, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf; sie ist nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu; sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles"[1]

Dieser Auszug aus dem Hohelied der Liebe ist wohl der bekannteste lyri­sche Text, den man mit dem Thema „Liebe“ verbinden würde. Die Bibel beinhaltet „Liebe“ als zentrales Thema. Interessanterweise differenziert dieses Werk in seinem Urtext die unterschiedliche Bedeutung der Liebe begrifflich ganz genau aus. Im griechischen Urtext der Bibel tauchen vier verschiedene Bedeutungslinien der Liebe auf:[2]

- Stroge (Verb: stergo):

Diese Liebe bezeichnet eine Form, die aufgrund natürlicher Gegebenheiten vorhanden ist. Sie drückt eine natürliche und selbstverständliche Verbun­denheit zwischen den Menschen aus. Die klassische Form der Stroge ist die Liebe zwischen den Eltern und dem Kind.

- Philia (Verb: phileo):

Dieser Begriff bezeichnet die Zuneigung, die man zu einem Freund hat. Sie kennzeichnet die starke Solidarität und Treue, die man zu seinem Gegenüber hat. Die Freundschaft kann als klassische Form der Philia gesehen werden.

- Eros (Verb: erao):

Diese Form bezeichnet die leidenschaftliche Liebe. Vornehmlich meint dieser Begriff das sexuelle Begehren und Verlangen. Sie kann als leiden­schaftliches Gefühl den Menschen in einen Rauschzustand oder einer Extase versetzen.

- Agape (Verb: agapao):

Dieser Begriff beschreibt eine besondere Form der Liebe. Im Gegensatz zu den anderen Formen findet sie keine Erfüllung, sondern ist als anstrebens­werte Tugend zu verstehen. Es ist vielmehr eine Tätigkeit, die nach dem Guten trachtet und stets zum Wohle des Anderen handelt. Die Agape wird auch als die göttliche Liebe bezeichnet, weil sie im menschlichen Dasein scheinbar keine Erfüllung findet.

Wie man sehen kann, ist Liebe als Begriff in der griechischen Sprache deutlich fassbarer als in der Deutschen.

Wie Liebe sich erklären lässt und was sie eigentlich in ihrer Urform ist, ver­sucht der Soziologe Niklas Luhmann in seinem Werk „ Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität“ zu fassen.

Die Arbeit möchte die theoretische Herangehensweise Luhmanns verdeutlichen und in den Kontext einer kulturwissenschaftliche Relevanz stellen. Kann „Liebe“ Kultur sein? In welcher Form kommt Liebe kulturell in unserer Gesellschaft vor?

Anwendung der theoretischen Überlegungen findet sich in dem kurzen Einblick des Buches von Peter von Matt: „Liebesverrat“.

In einem ersten Teil beschäftigt sich die Arbeit mit einer deskriptiven Analyse der Theorie von Niklas Luhmann. Aufgrund der Komplexität der Theorie kann hier nicht auf Details eingegangen werden. Die Arbeit bemüht sich um die Darstellung der grundlegendensten Gedanken Luhmanns zu dem Thema Liebe. In einem zweiten Teil soll ein Teilaspekt der Liebe literaturwissenschaftliche aufgegriffen werden. Zum Schluss sei darauf hingewiesen, dass der Rahmen der Arbeit nur darauf ausgelegt ist das Thema „Liebe“ aus kulturtheoretischer Sicht zu verstehen. Sie versteht sich als Versuch, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, da durchaus mehrere theoretische Herangehensweisen ebenfalls relevant für diesen Themenbereich wären.

2 Niklas Luhmann: Eine Theorie der Gesellschaft

Niklas Luhmann, der am 08.12.1927 in Lüneburg geboren wurde, ist wohl der kontroverseste Theoretiker seiner Zeit.[3] Seine Überlegungen stellen einige vermeintliche gesellschaftliche Gewissheiten auf den Kopf, die es dem Leser schwer machen ihm zu folgen. Ein besonderes wissenschaftliches Steckenpferd Luhmanns war das Hervorheben der Paradoxien, die in den Dingen liegen, und der rigorose Bruch mit traditionellen Denkweisen.[4]

Niklas Luhmanns Lebenswerk zielte darauf ab, eine ganzheitliche Theorie der Gesellschaft zu entwerfen.

„Bei meiner Aufnahme in die 1969 gegründete Fakultät für So­ziologie der Universität Bielefeld fand ich mich konfrontiert mit der Aufforderung, Forschungsprojekte zu benennen, an denen ich arbeite. Mein Projekt lautete damals und seitdem: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine.“[5]

In den 30 Jahren war Niklas Luhmann sehr produktiv: Er verfasste rund 70 selbstständige Schriften und 450 Aufsätze.

Den theoretischen Zugang zu seiner Arbeit erlangte er durch das reine Beobach­ten. Mit dieser Methode stieß gerade bei Jürgen Habermas[6] auf Kritik. In den 1968ern führte dies dann zu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung beider Theoretiker, die heute unter dem Namen „Luhmann-Habermas-Kontroverse“ bekannt ist. Luhmann und Habermas lehrten damals an der Frankfurter-Schule und arbeiteten dort gemeinsam an dem Buch „ Theorie der Gesellschaft oder

Sozialtechnologie“(1971). Beide entwarfen im Zuge dessen unterschiedliche An­sätze zu der Thematik, was unter anderem du dem Vorwurf führte, Luhmann sei „anti-humanistisch“.[7] Niklas Luhmann lehnte es ab, den Menschen bzw. das Subjekt als soziologische Kategorie zu begreifen. Er versteht die Gesellschaft als System und systematisiert demnach alles in ihr befindliche, z.B. die Wirtschaft oder Familien. Für Luhmann können nur Systeme miteinander kommunizieren, nicht Menschen. Diese Auffassung brachte ihm den Titel des „Anti-Humanisten“ ein. Im Gegensatz zu Habermas, der die Soziologie als Kritik der Gesellschaft begreift und ihre Verantwortung in der moralischen Verpflichtung sieht, ver­stand sich Luhmann als Beobachter der Gesellschaft und die Soziologie als Wissenschaft der Selbstbeobachtung. Der Begriff „Kommunikation“ ist für die Wissenschaftler von großer Bedeutung, wird aber von beiden unterschiedlich begriffen.

Für Jürgen Habermas ist das kommunikative Handeln die Notwendigkeit sich untereinander zu verständigen, was im Allgemeinen von der Gesellschaft auch so verstanden wird. Niklas Luhmann sagt, dass Systeme aus „Kommunikation“ bestehen und sich auf dieser Grundlage konstituieren.

Diese beiden Auffassungen zeigen, dass Luhmann alltägliche Begrifflichkeit neuen Bedeutungen zuschreibt. Dies ist der grundlegende Ansatz der Phäno­menologie und des Konstruktivismus“, indem man alltägliche Erscheinungen ohne persönliche oder gesellschaftliche Zuschreibungen erfasst.

Niklas Luhmann vertritt den sogenannten „operativen Konstruktivismus“[8]:

Es handelt sich bei diesem Ansatz um das Erkennen der gesellschaftlichen Struktur durch die Annahme, dass alle durch Beobachtungen entstandenen Erkenntnisse konstruiert sind. Diese Erkenntnisse beruhen auf Zuschreibun­gen, die durch den Prozess des Unterscheidens hervorgehen. Fasst man diese Erkenntnisse zusammen, so erhält man ein Abbild der Realität. Demnach ist der theoretische Ansatz Luhmanns ein beobachtungstheoretischer. Luhmann beobachtet, wie beobachtet wird, wobei beobachten nichts anderes bedeutet als den Dingen oder Erscheinungen bestimmte Namen oder Eigenschaften zuzu­schreiben.

Mit diesem Verständnis untersuchte Luhmann auch mikrosoziologische Erschei­nungen, wie z.B. die Liebe.

Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit der „Erscheinung Liebe“ nach Luhmann. Er befasste sich vornehmlich mit der Ideengeschichte der „Liebe“ und konstruierte damit ihre Bedeutung in der Gesellschaft.

3 Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität

3.1 Luhmanns Liebesbegriff

Als Quintessenz der Forschung Luhmanns über Liebe steht fest, dass Liebe kein Gefühl, sondern ein Medium ist.

Um zu verstehen, welche Eigenschaften die Liebe hat und welchen Nutzen dieses Medium in einer Gesellschaft bringt, muss man sich die Gesellschaftsstruktur und die menschlichen Beziehungen so ansehen, wie Niklas Luhmann sie versteht. Luhmann begreift die Gesellschaft als Gesamtheit aller möglichen Beziehungen. Das wichtigste Ordnungsmittel der Welt ist Kommunikation, die soziale Systeme entstehen lässt und in ihr Sinn stiftet. In der Gesellschaft kann zwischen persönlichen und unpersönlichen Beziehungen unterschieden werden. Luhmann nimmt an, dass in der heutigen bzw. modernen Gesellschaft eine Steigerung der unpersönlichen Beziehungen stattfindet.[9] Die Kommunikation zwischen zwei Individuen ist heute ohne persönliches Begegnen möglich. Ein ein einfaches Beispiel dafür bieten die Chat-Communities, wie ICQ oder Skype. Wenn eine Begegnung zu einem Individuum intensiviert wird, entsteht eine persönliche Beziehung, die Luhmann als Interpenetration (Intimbeziehung) bezeichnet.[10] In ihr findet das Individuum Ausdruck und Anerkennung für seine Einzigartigkeit, also einen Sinn für seine Existenz. Nach Luhmann erfährt der Mensch nur dann sein Bedeutung, wenn er sich als Individuum begreifen kann. Dieser Vorgang entfaltet sich in der sogenannten Nahwelt bzw. in einer Intimbeziehung, in der sich das Individuum geborgen fühlt und den Blick nach Draußen, in das große soziale System wagt.

[...]


[1] 1. Korinther 13, 4-7 aus: John Mac Arthur Studienbibel. Schlachter Version 2000. o.O.: hrsg. v. der Genfer Bibelgesellschaft 2006 (4. Aufl.)

[2] Vgl. http://www.nikodemus.net/2064

[3] Auf eine biografische Abhandlung wird hier verzichtet. Die Lebensdaten können in ver­schiedensten Werken nachgelesen werden. Unter anderem in: Niekisch(Hrsg.), Martin Ludwig Hofmann / Tobias F. Korta / Sibylle: Culture Club. Klassiker der Kulturtheorie. Frankfurt am Main 2004 S.187-203.

[4] Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht. Köln/ Weimar/Wien 2004 S.15.

[5] Zitiert in:Berghaus, Margot, a. a. O. S.16

Jürgen Habermas ist ein bekannter Soziologe und Sozialphilosoph. Sein bekanntestes Werk ist eine Abhandlung zum Thema „ Theorie des kommunikativen Handelns“.

[7] Berghaus, Margot, a.a. O. S.20.

[8] Berghaus, Margot, a.a. O. S.27.

[9] Vgl.Luhmann, Niklas: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt am Main 1983 (3. Aufl.) S.14

[10] Luhmann, Niklas, a. a. O.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Eine kulturtheoretische Betrachtung der Liebe
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V170025
ISBN (eBook)
9783640885954
ISBN (Buch)
9783640885664
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liebe, Theorie, Luhmann, Kulturtheorie
Arbeit zitieren
Katharina Schneider (Autor:in), 2010, Eine kulturtheoretische Betrachtung der Liebe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170025

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