Eine Analyse der Sprachpsychologie von Jaques Lacan

"Die Sprache ist die Kleidung der Gedanken" (Samuel Johnson)


Referat (Ausarbeitung), 2009

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. lchspreche,alsobinich

2. Die Natur der Sprache

3. Die Entdeckung des Ichs

4. Die Rolle des Subjekts

4.1 Das Subjekt als Sprachwesen

4.2 Die Struktur des Subjekts

4.3 Das Subjekt als begehrendes Subjekt

5. Die Rhetorik des Begehrens

5.1. Die Metonymie

5.2. Die Metapher

5.3. Ein Vergleich zu Freud

Literaturverzeichnis

1. Ich spreche, also bin ich.

Cogito ergo sum, ubi cogito, ibi sum. Ich denke, also bin ich und ich bin dort, wo ich denke.[1] Die Rolle des Bewusstseins der eigenen Identität als Beleg für die eigene Existenz führt zu Überlegungen über die Lokalisierung des Selbst in der Welt. Denn während die physische Verortung aufgrund der Körperlichkeit des Menschen noch einfach zu bewerkstelligen ist, so bleibt die Frage, an welchem Ort der Geist des Menschen, eben jener Teil, durch den wir uns überhaupt gedanklich selbst wahrnehmen können, beheimatet ist. Wo ich denke, dort bin ich. Diese philosophischen Überlegungen stellen die Rolle des Denkens als Anker und Verbindung zur Welt in den Vordergrund. Während die Möglichkeit der physischen Einflussnahme auf die Welt aufgrund der Körperlichkeit einfach und eindeutig zu benennen ist, so bedarf der intellektuelle Austausch mit einem anderen, denkenden Bewusstsein eines Mediums, das diesen kommunikativen Austausch erlaubt: das Medium der Sprache. Genau an diesem Punkt setzen Jacques Lacans Überlegungen und Theorien ein, welche er in seinem Text „Das Drängen des Buchstaben im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud“[2] - wieder über das Medium der Sprache - zu erklären versucht: Wenn sowohl der Austausch mit anderen Menschen als auch die eigene Wahrnehmung - denn zur Formulierung des Gedankens „Ich denke, also bin ich.“ ist auch bereits die Verwendung von Spracheunumgänglich - nur durch den Einsatz von Sprache überhaupt möglich ist, welche Rolle spielt dann die Sprache in unserem Denken? Wie nimmt sie Einfluss auf die Entwicklung des Geistes und damit auch auf die Persönlichkeit des Menschen? Zur Beantwortung dieser Fragen sind zunächst Überlegungen zur Struktur der Sprache erforderlich, um ihre Rolle in Bezug auf das menschliche Denken näher untersuchen zu können.

2. Die Natur der Sprache

Zur Untersuchung von Struktur und Aufbau der Sprache muss zunächst eine Definierung des analysierten Gegenstandes vorgenommen werden. Die von Lacan verwendete Definition, welche Buchstaben als der Sprache zugrunde liegende Einheiten verwendet, lautet wie folgt: „Wir bezeichnen mit Buchstaben jenes materielle Substrat, das der konkrete Diskurs aus der Sprache bezieht.“[3] Im Fokus der Betrachtung steht also nicht der physische, lautliche Akt des Sprechens, sondern die Natur und Struktur der Sprache sowie die Entwicklung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Sprache an sich. Denn ein nach systematischen Kriterien geführter Diskurs über Sprache kann nur dann erfolgen, wenn ihr der Status eines wissenschaftlichen Objektes zugestanden wird.[4] In Bezug auf die Natur der Sprache verwendet Lacan die Saussuresche Terminologie, indem er den „sprachlichen Algorithmus“ S/s zur Festlegung des Verhältnisses von Bezeichnetem und Bezeichnendem nutzt, wobei das große „S“ für den Signifikanten und das kleine „s“ das Signifikat steht. Der trennende Balken wird als „über“ gelesen, was zur Saussureschen Grundformel des Zeichenbegriffs „Signifikant über Signifikat“ führt.[5] Hierbei steht die Arbitrarität sprachlicher Zeichen im Vordergrund. Der bezeichnete Gegenstand, beispielsweise ein Baum, kann sprachlich je nach Verwendung des Englischen, Deutschen oder Lateinischen sowohl als tree, Baum oder arbor bezeichnet werden, wobei jeder dieser unterschiedlichen sprachlichen Zeichen auf den gleichen Gegenstand verweist. Diese sind dabei insofern völlig frei und beliebig gewählt, als dass sie sie im Rahmen des gesellschaftlichen Konsenses zur von der Allgemeinheit der Kenner der verwendeten Sprache verstandenen Bezeichnung des tatsächlichen Gegenstandes des Baumes im Rahmen einer erfolgreichen Kommunikationssituation verwendet werden können. Dabei existiert jedoch laut Lacan keine Sprache, welche die komplette Fülle der bezeichneten Objekte abzudecken vermag. Dies hängt damit zusammen, dass Sprache nicht der möglichst genauen Abbildung der Realität dient, sondern durch Zusammenfassungen und Vereinheitlichungen eine Verständigung über einzelne Bestandteile der Realität ermöglichen soll. Lacan zufolge wird also beispielsweise der Baum auf den Namen, d.h. die Wort- bzw. Buchstabenfolge reduziert, obwohl diese Umschreibung eine äußerst grobe Vereinheitlichung darstellt.[6] Über die genaue Beschaffenheit des Baumes, also beispielsweise über die Zugehörigkeit zu einer spezifischen Art wie Kiefer, Fichte oder Buche wird ebenso wenig etwas ausgesagt wie über den Zustand des Baumes. Es wird lediglich ein vereinheitlichender Gattungsbegriff benutzt, welcher sowohl die Kommunikation über einen konkreten Baum als auch über Bäume im Allgemeinen ermöglicht, ohne die „Idee des Baumes“ vollständig zu erfassen und wiederzugeben. Es liegt dabei in der Natur der Sprache, dass sie sich zugleich fachspezifisch den Erfordernissen anpasst, das heißt, durchaus verschiedene, weiter differenzierende Begriffe zum Wortfeld Baum ermöglicht, als auch den Oberbegriff des Baumes in der Fülle seiner tatsächlichen Bedeutungen zur erfolgreichen, allgemeinen Kommunikation weiter bestehen lässt. Die Subsummierung unterschiedlicher „Baumheiten“ zu einem vereinheitlichten Begriff des Baumes stellt dabei das sprachliche Äquivalent von Platons Ideenlehre dar, laut welcher alle Gegenstände nur Schatten bzw. Abbildungen des wahren, idealen Gegenstandes seien.[7] In der Sprache vereinheitlicht sich laut Lacan die Ursache, das heißt der Rückbezug auf die Idee des Baumes, mit der Worthülse, welche die Buchstabenfolge b, a, u und m darstellt, um so die Bezeichnung des Baumes zu ermöglichen.[8] Hierbei besteht jedoch kein Bezug zu einer tatsächlichen „Idee des Baumes“, sondern der Begriff Baum stellt eine von Menschen kreierte gedankliche Abstraktion dar, welche unter dem Begriff „Baum“ alle zur Gruppe der Bäume gehörenden Pflanzen zu einem Begriff zusammenfasst. Problematisch ist diese Bezeichnung allerdings, sobald das Feld der Signifikate außerhalb der erfassbaren, auf Wahrheit überprüfbaren Realität liegt und Begriffe wie Tugend oder Glaube umfasst. Lacan bringt in seinem Text ein Beispiel vor, was die komplexe Natur des Feldes von Signifikanten und Signifikaten verdeutlicht und zugleich die „Nominalismusdebatte umhaut“.[9] Die Bezeichnung „Männer“ und „Damen“ über zwei ansonsten identischen Toilettentüren stellt eine starke Unterscheidung von augenscheinlicher Bezeichnung und tatsächlicher Bedeutung dar. Denn während die Bezeichnung an sich zunächst nur die Benennung der verschiedenen Geschlechter auf einer Metalltafel darstellt, so ist das Signifikat eine Toilette. Dieser Gegensatz zwischen dem Metallschild mit der Aufschrift „Frauen“ bzw. „Männer“ auf der einen und der bezeichneten Örtlichkeit auf der anderen Seite verdeutlicht die Problematik, welche sich aus der Zuordnung von Signifikant und Signifikat und dem Bezug zur tatsächlichen Realität ergibt.

Diese Überlegungen zur Natur und Beschaffenheit der Sprache sind grundlegend zur Lacanschen Theorie des Subjekts als Sprachwesen und den daraus abgeleiteten Konsequenzen. Jedoch ist dazu auch die Erörterung eines zweiten, grundlegenden Themenfeldes von Relevanz, nämlich die Rolle und die Entwicklung des Ichs in Bezug aufdas Werden zum handelnden Subjekt.

[...]


[1] Vgl. Lacan, Jaque: Das Drängen des Buchstabens im Unbewußten oder die Vernunft seit Freud. Übersetzung aus dem Französischen von Norbert Haas. In: Olten: Schriften II. Walter Verlag. Freiburg i. Br. 1975. S. 201.

[2] Lacan, Jaque: Das Drängen des Buchstabens im Unbewußten oder die Vernunft seit Freud. Übersetzung aus dem Französischen von Norbert Haas. In: Olten: Schriften II. Walter Verlag. Freiburg i. Br. 1975.

[3] Lacan S. 177.

[4] Vgl. Lacan S. 179.

[5] Vgl. Eicher, Thomas und Wiemann, Volker. Arbeitsbuch Literaturwissenschaft. 3. vollständig überarbeitete Auflage. UTB. Stuttgart. 2001. S. 38.

[6] Vgl. Lacan S. 181.

[7] Vgl. Natorp, Paul: Platos Ideenlehre. Meiner. Stuttgart. 2004. S. 420f.

[8] Vgl. Lacan S. 181.

[9] Lacan S. 183.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Eine Analyse der Sprachpsychologie von Jaques Lacan
Untertitel
"Die Sprache ist die Kleidung der Gedanken" (Samuel Johnson)
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistische Fakultät)
Veranstaltung
Strukturalistische Literaturtheorie und ihre Revision
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V170095
ISBN (eBook)
9783640887507
ISBN (Buch)
9783640887422
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jaques Lacan, Lacan, Sprache, Rolle des Subjekts, Subjekt als Sprachwesen, begehrendes Subjekt, Rethorik des Begehrens, Metonymie, Metapher
Arbeit zitieren
Johannes Bellebaum (Autor), 2009, Eine Analyse der Sprachpsychologie von Jaques Lacan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170095

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