Sowjet-Gulag - Wechselwirkung von Repression und Wirtschaftspolitik im Stalinismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Repression, Deportation, Massenterror

3. Industrialisierung, Kollektivierung, Entkulakisierung
3.1. Vorangetriebene Industrialisierung
3.2. Getreide - Beschaffungskrise und Zwangskollektivierung
3.3. Entkulaksisierung und Deportation
3.4. Spezial - und Arbeitssiedlungen
3.5. Ökonomische und politische Ziele und Resultate

4. Großbauprojekte, Arbeitslager und Arbeitskolonien
4.1. Der Weißmeer - Ostseekanal
4.1.1. Vorgeschichte und Planungsphase
4.1.2. Durchführung
4.2. Dalstroi - Hauptbauverwaltung des hohen Nordens
4.3. Der Große Terror
4.3.1. Auswirkungen auf den Gulag
4.4. Ökonomische und politische Ziele und Resultate

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Liste der Akronyme

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit dem Thema des Gulag[1] in der Sowjetunion.

Der Begriff Gulag, ursprünglich das Akronym für glawnoje uprawlenije lagerei oder zu deutsch Hauptverwaltung der Lager, ist im Laufe der Zeit inhaltlich zum Synonym für das sowjetische Lager(-system) an sich geworden[2] und stellt im Bezug auf die Untersuchung des Stalinismus ein äußerst wichtiges historisches Forschungsgebiet dar. Die frappierenden Kennzeichen der stalinistischen Herrschaft wie Repression und Massenterror, Überbürokratisierung und pharaonische wirtschaftlich-industrielle Unternehmungen unter Einsatz von Zwangsarbeit sind untrennbar mit dem Gulag verwoben. Seine Erforschung kann so Aufschluss über Stalins Russland geben aber darüber hinaus möglicherweise auch für das Verständnis der heutigen russischen Gesellschaft hilfreich sein, deren Kollektivgedächtnis durchaus von diesem düsteren geschichtlichen Kapitel geprägt sein dürfte. Ziel dieser Arbeit ist es jedoch vordergründig, ein wenig Licht auf folgende Fragestellung zu werfen. Es soll untersucht werden, wie die wichtigsten Zielsetzungen, die hinter der Errichtung des Gulag standen, nämlich Repression und ökonomischer Aufbau zustande kamen und inwieweit sie erfüllt wurden. Weiterhin: Welcher dieser Aspekte spielte gegebenenfalls eine prioritäre Rolle? Inwieweit beeinflussten sie sich gegenseitig? Hierbei wird das Hauptaugenmerk auf den ungefähren Zeitraum zwischen den Jahren 1928, dem Beginn des ersten Fünfjahresplans, und 1938, dem Ende des Großen Terrors, gerichtet. Die zeitliche Eingrenzung gründet in der Tatsache, dass das sowjetische Gefangenen- und Zwangsarbeitslagersystem UDSSR in dieser Periode eine signifikante Ausweitung erfuhr und erstmals als wirtschaftlich gewinnbringende Institution konzipiert wurde. Der erste Teil der Arbeit widmet sich zunächst den Anfängen des Gulag. Nach einer kurzen Einführung in die Vorgeschichte der Lager werden die Ereignisse geschildert, die zu ihrer Gründung und ihrem ersten explosiven Wachstum geführt haben, nämlich Industrialisierung, Kollektivierung und Entkulakisierung. In diesem Zusammenhang spielen die so genannten Arbeits- und Spezialsiedlungen eine wichtige Rolle. Der zweite Teil untersucht die andere Seite des Gulag, die Arbeitskolonien und –lager und die Bewältigung von Großbauprojekten. Einhergehend hiermit wird der Große Terror und dessen Auswirkung auf das Lagersystem kurz abgehandelt. Beiden Hauptteilen folgt jeweils eine zusammenfassende Betrachtung, deren wichtigste Ergebnisse im Fazit der Arbeit eine Beantwortung der Fragestellungen ermöglichen sollen. Zum bisherigen Forschungsstand ist zu sagen, dass es zu diesem Bereich sehr viele Veröffentlichungen gibt, deren Zahl seit der Öffnung der sowjetischen Archive im Zuge der Wende stetig wächst. Für den vorliegenden Text sind hauptsächlich die im Literaturverzeichnis aufgeführten Veröffentlichungen von Paul R. Gregory und Oleg V. Chlevnjuk zu Hilfe gezogen worden.

2. Repression, Deportation, Massenterror

Die Geschichte von Arbeitslagern in Russland beginnt nicht erst mit dem Gulag unter Stalin sondern lässt sich schon bis zu Zeiten Peters des Großen zurückverfolgen. Die so genannte Katorga war im Reich der Zaren ein gebräuchliches Repressionsmittel. Auch unter der leninistisch-revolutionären Sowjetregierung wurde bereits 1918 der Beschluss gefasst, politische Feinde zur Umerziehung in spezielle „Konzentrationslager“ zu verfrachten.[3] Einer der Zeitpunkte jedoch, welcher für die folgenden Untersuchungen Ausschlag gibt, ist der 27. Juni 1929, der Tag, an dem das Stalinsche Politbüro die Resolution über den Einsatz von zu Zwangsarbeit verurteilten Kriminellen fasste.[4] Dieses Dekret beinhaltete den Plan, die damals schon bestehenden Solowetzky Lager durch ein weiträumiges Netzwerk von neuen Arbeitslagern zur Kolonisierung abgelegener Gebiete des Landes und Ausbeutung der dortigen Ressourcen zu erweitern.[5] Hiermit wurde das Lagersystem nun ausdrücklich als Institution zur Förderung wirtschaftlicher Entwicklung konstatiert und der Grundstein zur Ausbeutung von Gefangenen mittels Zwangsarbeit gelegt.

3. Industrialisierung, Kollektivierung, Entkulakisierung

3.1 Vorangetriebene Industrialisierung

Der Kriegskommunismus von 1918-1920, in dessen Mittelpunkt die Mobilisierung aller Reserven für den Bürgerkrieg gestanden hatte, korrelierte mit drastischen Maßnahmen zur Sozialisierung des Landes, wie z.B. der Ablieferung der gesamten Agrarproduktion zu Fixpreisen (in der Realität oft entschädigungslos) an den Staat, der Ausschaltung von Geld und Markt und deren Ersetzung durch ein kommunistisches Produktions- und Distributionssystem.[6] Mit der Ausrufung der Neuen Ökonomischen Politik(NEP) im März 1921 durch Lenin wurde diese während der Phase des Bürgerkriegs (1918-1921) maßgebende Politik der Bolschewiki vorerst gebremst. Um eine Stabilisierung der bereits seit dem ersten Weltkrieg vorherrschenden desolaten Ernährungssituation zu erreichen, ersetzte man die staatliche Konfiszierung von Getreide zunächst durch eine Besteuerung der Landwirtschaft und legalisierte den privaten Handel wieder.[7] Während diese Maßnahmen zu einer allgemeinen wirtschaftlichen Erholung des Landes beitrugen, waren sie doch diametral den sozialistischen Zielen der Regierung(vor allem Stalin und seine Verbündeten) entgegengesetzt, die zudem zunehmend ihren hegemonialen Anspruch durch die Eigenständigkeit der Bauern untergraben sah. So waren z.B. bis 1928 nur zwei Prozent der bäuerlichen Bevölkerung den sowjetischen Landwirtschaftsgroßbetrieben, den Kolchosen, beigetreten trotz aufwendiger Propaganda.[8] Als dann 1928 der erste Fünfjahresplan ins Leben gerufen wurde, änderte sich die Situation grundlegend. Man setzte zum „Großen Durchbruch“ an. Die Sowjetunion sollte sich in kürzester Zeit vom Agrarstaat zu einer Industriemacht wandeln, die sich mit den Westmächten messen könnte. Diesen Plan wollte man auf Kosten der Bauernschaft durchführen. „The peasantry was to pay for industrialization through taxation, the sale of grain at artificially low prices, and the provision of peasant laborers, both forced and voluntary, for the needs of industry.“[9]

3.2 Getreide-Beschaffungskrise und Zwangskollektivierung

Die Sowjetmacht stand mit ihrem Vorhaben der Industrialisierung vor einem grundlegenden Problem: Wie sollte diese finanziert werden? Die Antwort hierauf sah man in der marxistischen Theorie der primitiven Kapitalakkumulation, welche argumentierte, dass arme Gesellschaften sich ihr Kapital zunächst mittels Gewalt aneigneten.[10] Basierend darauf identifizierte Jewgeni Preobraschenski, seit 1922 Vorsitzender des Komitees für Finanzen und Mitglied des Rates der Volkskommissare der RSFSR, schon Mitte der 20er Jahre die Landwirtschaft als interne Quelle für die sowjetische Kapitalanhäufung. Im Grunde sollten die Bauern zu enorm verbilligten Preisen ihr Getreide an den Staat abgeben, welcher dieses wiederum teurer weiterverkaufen könnte, um den resultierenden Gewinn letztlich in industrielle Projekte zu investieren .

Preobrazhensky´s reasoning was that industrialization required labor to move from the countryside to the city, where industrial workers had to be fed with agricultural surpluses. In a world of static agricultural production, such a transfer would occur only if peasents consumed less{...}[11]

Der Vorschlag sorgte seit seiner Unterbreitung für viele Diskussionen im Politbüro. Man war sich einig von woher man die Mittel zur Industrialisierung nehmen konnte, aber es gab unterschiedliche Meinungen über die Art, wie man die Leidtragenden der Gleichung Preobraschenskis, also die Bauern, dazu bringen sollte die für sie ungünstige wirtschaftliche Umverteilung zu unterstützen. Letztlich führte die Debatte zu einer Teilung des Politbüros in zwei Lager. Ein linksgerichtetes unter Stalin, das gewillt war, einen hohen Kapitalüberschuss mittels Zwang zu erreichen und ein rechtsgerichtetes unter Nikolai Bucharin, welches für einen geringeren aber auf freiwilliger Basis aufbauenden Überschuss argumentierte und vor der Reduzierung von landwirtschaftlicher Produktivität bei Zuhilfenahme von Repression warnte.[12] Stalin setzte sich schließlich durch und schaltete mit dem rechten Flügel unter Bucharin gleichzeitig seine letzten Widersacher in der Partei aus. Reduzierte Getreideablieferungen an den Staat, begründet in der simplen Tatsache, dass die Landwirte ihre Erzeugnisse lieber gewinnbringend im freien Handel verkauften oder teilweise sogar deren Vernichtung vorzogen als die Preise der Regierung zu akzeptieren[13], führten zu der Getreidekrise von 1927/1928. Ein Tatbestand, welcher Stalin dann auch den nötigen Wind in den Segeln verschaffte, um die Landwirtschaft einer Zwangskollektivierung[14] zu unterziehen. Die Kollektivierung ging dabei mit einer umfangreichen Repressionsmaßnahme gegen die Kulaken[15] einher, welche letztendlich aufgrund ihrer unkontrollierten Ausmaße für einen explosiven Wachstum des Lagersystems sorgte, sukzessiv die Landwirtschaft nahezu lahm legte und die katastrophale Hungersnot von 1932/1933 auslöste.

[...]


[2] Der Verfasser benutzt im Folgenden der Einfachheit halber den Begriff Gulag in diesem Sinne. Für eine Auflistung der verschiedenen Namensbezeichnungen für die Lagerverwaltung vor 1934 vgl. Joël Kotek/Pierre Rigoulot, Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung, Berlin 2001, S. 123.

[3] Vgl. Stefan Creuzberger, Stalin. Machtpolitiker und Ideologe, Stuttgart 2009, S. 111.

[4] Vgl. ebenda S. 113.

[5] Vgl. Oleg V. Chlevnjuk, The Economy of the OGPU, NKVD, and MVD of the USSR, 1930-1953, in: Paul R. Gregory/ Valery Lazarev (Hg.), The Economics of Forced Labor. The Soviet Gulag, Stanford 2003, S. 45.

[6] Hans Joachim Torke (Hg.), Historisches Lexikon der Sowjetunion. 1917/22 bis 1991, München 1993,

S. 163.

[7] Paul R. Gregory, The Political Economy of Stalinism. Evidence from the Soviet Secret Archives, Cambridge 2004, S.28.

[8] Vgl. ebenda S. 29

[9] Lynne Viola, The Unknown Gulag. The Lost World of Stalin’s Special Settlements, Oxford 2007, S. 7.

[10] Vgl. Gregory, The Political Economy S. 30

[11] Ebenda

[12] Vgl. Paul R. Gregory, The Soviet Agricultural Surplus. A Retrospective, in: Europe-Asia studies (2009), Vol. 61, No. 4, S. 675.

[13] Vgl. Viola. S. 16.

[14] Ebenda, S. 21. Die Kollektivierung wurde im November 1929 in einem Plenum des Zentralkommisariats ratifiziert.

[15] Kulak (russisch für Faust) war die abwertende Bezeichnung für die russischen Großbauern

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Sowjet-Gulag - Wechselwirkung von Repression und Wirtschaftspolitik im Stalinismus
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Philosophische Fakultät- Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: 1914 – 1945 ein europäischer Bürgerkrieg?
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V170096
ISBN (eBook)
9783640887309
ISBN (Buch)
9783640887378
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sowjet-gulag, wechselwirkung, repression, wirtschaftspolitik, stalinismus
Arbeit zitieren
Holger Dix (Autor), 2011, Sowjet-Gulag - Wechselwirkung von Repression und Wirtschaftspolitik im Stalinismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170096

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