Max Frisch: Tagebucheintrag zu „Andorra“, eine Analyse


Referat / Aufsatz (Schule), 2008
3 Seiten, Note: 1-

Leseprobe

Max Frisch

Tagebucheintrag zu „Andorra"

Analyse von Tim Blume

1946 verfasst Max Frisch einen Tagebucheintrag in der Absicht, den Verlauf des Manu­skripts in sein Bühnenstück „Andorra“ einzubauen. Max Frisch erzählt in diesem Tage­bucheintrag von einem jungen jüdischen Mann, über dessen Herkunft vorerst keine Aus­sagen getroffen werden.

Ausgesagt wird jedoch etwas über seinen Umgang mit den Andorranern und den Um­gang der Andorraner mit ihm: Die Andorraner wissen, dass ein Jude kein Gemüt hat. Die Andorraner behaupten, der Jude denke jederzeit nur ans Geld; der namenlose Jude des Stücks prüft sich und stellt dabei fest, dass er tatsächlich stets ans Geld denkt. Der Ju­denmann versucht sich zu integrieren, wird aber von den Andorranern dabei nicht un­terstützt. Er bezeichnet Andorra als sein Vaterland, dies scheint den Andorranern ver­dächtig, sie selbst behaupten, der Jude kauft sein Vaterland. Max Frisch beschreibt den Juden: Er weiß, was sie - die Andorraner - denken. Gleichzeitig beschreibt er weitere Eigenschaften des Judenmannes: Es fehle ihm an Takt, er sei scharfsinnig und leiden­schaftlich, sowie kühl an Verstand. Mit ihm zusammen zu treffen ist zwar anregend, aber nicht angenehm. Schließlich fügt sich der Jude seinem Schicksal als ungewollter Außen­seiter und trägt seine Identität offen zur Schau.

Max Frisch betont jedoch, dass es andere Andorraner gab, solche die ihm nichts Böses taten, sondern ihn achteten - ihrer Aussage nach. Max Frisch schreibt weiter, der Jude werde sterben, er wird getötet werden, doch die Andorraner vermissten ihn nicht, sie waren einzig und allein über die Art seines Todes schockiert, davon redete man lange Zeit. Schlussendlich schreibt Max Frisch, dass die Andorraner herausfinden, dass der Judenmann kein Jude war; er war ein Findelkind, dessen Eltern man erst später entdeck­te. Als Abschluss des Stückes schreibt Frisch, dass die Andorraner selber merken, dass auch sie selbst die „Züge des Judas“ tragen.

Viele Eigenschaften oder Themen des Tagebucheintrages hat Max Frisch in sein tatsäch­liches Bühnenstück „Andorra“ übernommen. An erster Stelle steht hier schon der Name des Landes: Andorra. Frisch hielt an diesem Namen fest, er nannte sein Stück „Andorra“. In seinem Tagebucheintrag schreibt er jedoch nur, dass ein „junger Mann, den man für einen Juden hielt“ lebte; über die Geschichte seiner Herkunft wird nichts gesagt. Im tat­sächlichen Stück wird der Leser schon früh über die Herkunft des Juden Andri aufgeklärt (Bild I: „Nämlich es handelt sich um meinen Sohn“). Auch wurden die Eltern nicht nach dem Tode Andris entdeckt, sondern vorher. Andri ist kein Findelkind. Viele Eigenschaf­ten Andris und der Andorraner wurden jedoch übernommen: Jeder macht sich ein Bild­nis über den Juden (Beispielsweise Bild I: Wirt: „[...] aber wenn es ums Geld geht, das hab ich immer gesagt, dann sind sie wie der Jud.“). Und auch sein Verhältnis zum Geld spielt eine Rolle: Er zählt es und sagt von sich selbst: „[...] alleweil zähl ich mein Geld!“ (Bild VI), und auch die Andorraner unterstellen dem Juden, alleweil nur an Geld zu denken (Bild I: Wirt: „[...] aber wenn es ums Geld geht, das hab ich immer gesagt, dann sind sie wie der Jud.“). Die Andorraner wissen, dass der Jude Vaterländer hat „die er wählt, die er kauft“. Andri versucht, sich zu integrieren, doch die Andorraner sehen diese Versuche als verdächtig an. Sie wollen, dass der Jud im Boden versinke, „wenn er den Namen unseres Vaterlandes hört.“ (Doktor: Bild IV). Weiter fehlt es dem Juden an Takt, er hat etwas Gehetztes: „Mag sein, Andri, du hast etwas Gehetztes.“ (Pater: Bild VII). Auch gesteht sich Andri ein, dass die Andorraner damit Recht haben, dass er nicht lieben kann: „[...] ich selbst kann mich nicht lieben ..." (Bild VII). Schließlich nimmt Andri seine neue Identität an und trägt sie offen zur Schau. „Es gelang ihm nicht, zu sein wie alle an­dern [...]“, das stimmt, zudem sagt der Wirt: „[...] er macht die Leute rein nervös.“ (Bild VIII). Dies zeugt davon, dass er sich nicht verstecken wollte.

Die meisten Andorraner taten ihm nichts Gutes: Andri wird verprügelt (auch wenn er daran eine Mitschuld trägt; Bild VIII: „Der Soldat schlägt auf Andri [...]“) und der Soldat Peider vergewaltigt seine Verlobte Barblin (Bild VI). Frisch schreibt, dass es auch An­dorraner „eines freieren und fortschrittlichen Geistes“ gab, von Andorranern kann je­doch keine Rede sein, vielmehr ist es nur der Pater (nebst Andris Familie), der den Juden achtet.

Tatsächlich vermissen die Andorraner Andri nicht: „Einmal muss man auch vergessen können, finde ich.“ (Jemand: Vordergrund vor Bild X). Über die Art, wie sie ihn töteten, können sie sich nicht empören, sie wird nicht genannt, jedoch ist der Tischler der An­sicht: „Das mit dem Finger ging so weit ..." (Bild XII). Man hackte ihm den Finger ab, weil er einen Ring nicht hergeben wollte (Bild XII: Soldat: „Her damit!“ - Andri: „Nein.“). Dass man von der Tat lange redete, davon gehe ich nicht aus, schließlich sagte der Jemand: „Einmal muss man auch vergessen können, finde ich.“ (Vordergrund vor Bild X). Die An­dorraner aber stellten nicht fest, dass sie die „Züge des Judas“ in sich tragen, denn keiner bekennt sich schuldig, allein der Pater sagt: „[...] auch ich habe ihn gefesselt, auch ich habe ihn an den Pfahl gebracht.“ (Vordergrund vor Bild VIII). Nur er erkennt die Züge des Verräters Judas in sich.

Wahrscheinlich gibt es einige Gründe, die Max Frisch dazu veranlassten seinen Tage­bucheintrag in geänderter Form umzusetzen. Der Beginn „In Andorra lebte ein junger Mann, den man für einen Juden hielt.“ ist viel zu ungenau. Der Leser stellt sich Fragen, die im weiteren Verlauf nicht beantwortet werden: Wo liegt Andorra? Meint Frisch mit Andorra den existierenden Staat Andorra? Auch sehe ich es als Fehler an, seine Herkunft erst zu Ende des Stückes zu klären. Frisch würde sonst eine Geschichte erzählen, in der der Lehrer keine Information zum Hintergrund des Judenmannes hat.

Ferner ist es unangebracht, die Eltern erst zum Schluss zu erwähnen. Die rührende Ge­schichte des Lehrers, der ein Judenkind gerettet hat, ist da treffender und verstärkt die Moral der Geschichte deutlich. Auch ist es unpassend, wenn die meisten Andorraner strikt gegen den Juden sind, wogegen einige (mehr als einer) strikt zu ihm halten. Gäbe es nur eine Person, die zu ihm hält, würde auch das die Moral der Geschichte stärken und zugleich für ein wenig mehr Spannung sorgen: Schafft es diese eine Person womög­lich den Juden zu retten? Diese Hoffnung würde im Leser erweckt werden.

Dies scheinen mir einige Gründe für ein Ändern des ersten Entwurfes zu sein. Max Frisch hat erkannt, dass er die Moral der Geschichte mit einigen Änderungen besser herausarbeiten hätte können.

[...]

Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Max Frisch: Tagebucheintrag zu „Andorra“, eine Analyse
Note
1-
Autor
Jahr
2008
Seiten
3
Katalognummer
V170133
ISBN (eBook)
9783640887811
Dateigröße
899 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frisch, tagebucheintrag, analyse
Arbeit zitieren
Tim Blume (Autor), 2008, Max Frisch: Tagebucheintrag zu „Andorra“, eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170133

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