Das Bild der normannischen Eroberung Englands in der anglonormannischen Geschichtsschreibung: Herrschaftsideologie und Propaganda


Hausarbeit, 1997

17 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wie und durch wen ist mittelalterliche Propaganda denkbar?

3. Die schriftlichen Quellen und ihre Verfasser
3.1. William of Jumièges: Gesta Normannorum Ducum
3.2. William of Poitiers: Gesta Guillelmi ducis Normannorum et regis Anglorum
3.3. Anglo-Saxon Chronicle und ‘Florence’ of Worcester (Chonicon ex Chronicis)
3.4. Vita Edwardi Regis

4. Die normannische Eroberung von 1066
4.1. Vorgeschichte: Wie sah die Erbfolge für den englischen Thron aus?
4.2 Wilhelm der Eroberer stellt Harold als „Eidbrecher“ dar und rechtfertigt so den Feldzug

5. Der Teppich von Bayeux
5.1 Historischer Hintergrund
5.2 Militärgeschichtlicher Aspekt
5.3 Was ist das eigentliche Thema?
5.4 Der Teppich von Bayeux als Propagandamittel

6. Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit geht es darum, ob und welche Mittel der Propaganda von Wilhelm dem Eroberer und damit von den Normannen, aber auch von Earl Harold und den Angelsachsen eingesetzt wurden, um deren Herrschaftsideologien durchzusetzen und deren Vorgehen aufgrund der unklaren Thronnachfolge nach König Edwards Tod zu rechtfertigen.

Dabei stellt sich die Frage, in wie weit Propaganda in diesem Zusammenhang möglich war, und von wem dieses Mittel eingesetzt wurde. Ich werde also auf die Anwendungsformen der Propaganda bei den Normannen, aber auch bei den Angelsachsen eingehen und durch Beispiele in den folgenden Kapiteln belegen. Zum besseren Verständnis erläutere ich im 2. Kapitel die Hintergründe, welche zu der Eroberung Englands durch Wilhelm führten. Gleich darauf werde ich den Inhalt von Wilhelms Propaganda, nämlich die Darstellung Harolds als Eidbrecher, auch anhand von Quellentexten näher beleuchten. Hierbei ist zu beachten, daß die Zeit der militärischen Eroberung frühestens um das Jahr 1070 ein Ende fand und danach meist erst die normannische Niederlassung folgte. Dies bedeutet im Grunde, daß auch Quellen, die nach 1066 entstanden sind, als Propagandamaterial anzusehen sind.[1] Den Abschluß stellt eine Betrachtung des Teppichs von Bayeux dar, welcher vor allem durch seine militärgeschichtlichen Aspekte und die künstlerische Leistung eine enorme Bedeutung erlangt hat. In meinen Augen ist dieser Teppich aber auch als Propagandamittel für das Mittelalter als einmalig anzusehen.

2. Wie und durch wen ist mittelalterliche Propaganda denkbar?

Mögliche Formen der Propaganda im Mittelalter sind zunächst: die mündliche in Gestalt von Reden, Ansprachen und Predigten, die schriftliche in Gestalt von Chroniken, Büchern und Briefen sowie die bildliche in Gestalt von Illustrationen, Gemälden und Bildteppichen.

Die mündliche Propaganda war nur begrenzt einsetzbar, weil sie nur auf anwesendes Publikum angewendet werden konnte und nicht von Dauer war. Die Zielgruppe war wohl vor allem das Volk, welches nicht schreiben und lesen konnte.

Im 11. Jahrhundert entwickelte sich die Gesellschaft weg von mündlicher Überlieferung hin zu einer stärkeren Bedeutung der schriftlichen Überlieferung und auch zu einer Regierungspraxis, die sich stärker der Schriftform bediente.[2] Dies begründet die Einzigartigkeit des vorhandenen schriftlichen Propagandamaterials, aber auch, warum das Mittel der schriftlichen Propaganda vor allem von den sehr fortschrittlichen Normannen benutzt wurde. Die schriftliche Propaganda war als dauerhaftes und leicht zu verbreitendes Mittel von großem Vorteil gegenüber der mündlichen. Texte konnten durch Boten überall hingebracht werden und waren jederzeit reproduzierbar. Außerdem dienten Kopien von Büchern in Bibliotheken als Referenzen, auf deren Grundlage weitere Werke entstanden. Die Zielgruppe schriftlicher Propaganda waren Gelehrte und durch diese die Herrscher, in deren Diensten sie standen.

Die Bildpropaganda war die einzige Möglichkeit, Menschen, die nicht schreiben und lesen konnten, wenn schon nicht mit einem reproduzierbaren dann doch wenigstens dauerhaften Propagandamedium zu erreichen. Auf die Ausdrucksmöglichkeiten der Bildpropaganda gehe ich anhand des Teppichs von Bayeux in Kapitel 5.4 näher ein.

Propaganda wurde durch Interpretation und bewußt falsche Darstellung von Ereignissen zugunsten der eigenen Interessen angewendet, wie man es bei Wilhelm von Poitiers und Odo von Bayeux vermuten kann. Aber auch das Weglassen von Informationen wie z.B. bei der Anglo-Saxon Chronicle, welche über bestimmte Geschehnisse und Behauptungen nicht berichtet, gehörte dazu.

3. Die schriftlichen Quellen und ihre Verfasser

3.1. William of Jumièges: Gesta Normannorum Ducum

Diese Quelle ist wahrscheinlich im Zeitraum von 1070 - 1071 entstanden und stellt damit die früheste der normannischen literarischen Quellen über die Eroberung Englands dar. Der Autor war Mönch und ein Mitglied der wichtigen und gut informierten Abtei von Jumièges. Diese Abtei wurde in den Jahren 935 - 942 von Herzog William Longsword wiederbegründet. Durch den Abt Robert, welcher von König Eduard 1046 als erster Bischof von London und 1051 als Erzbischof von Canterbury eingesetzt wurde, bestanden enge Beziehungen zu England. Daher liegt sicherlich auch die Betonung des Werkes auf den englisch-normannischen Beziehungen. Der Autor benutzte für dies Werk das Archiv der Abtei und die ‘Historia Francorum Senonensis’, ansonsten bezog er sich hauptsächlich auf seine eigenen Beobachtungen. Sein Werk war mit etwa 40 Kopien in englischen und französischen Bibliotheken sehr verbreitet und wohl auch sehr beliebt, sprich einflußreich im 11. und 12. Jh.

William widmete sein Werk Wilhelm dem Eroberer und hatte das Ziel, das Erbe des englischen Throns zu rechtfertigen.[3]

3.2. William of Poitiers: Gesta Guillelmi ducis Normannorum et regis Anglorum

Dies stellt wahrscheinlich die wichtigste Quelle in Bezug auf die normannische Eroberung dar. Geschrieben wurde das Werk von einem gut informierten und gebildeten Mann mit guten Beziehungen. Der Entstehungszeitraum liegt wahrscheinlich zwischen 1073 - 1074. Der Autor William of Poitiers wurde in der Normandie geboren. Er diente wohl in seiner Jugend dem Herzog Wilhelm als Ritter und hat dann etwa 1048 oder 1051 die Schule von Poitiers besucht. Als er in die Normandie als Schreiber (‘clerk’) zurückkehrte, wurde William Kaplan des Herzogs. Danach wurde er Erzdekan von Lisieux (ca. 1077). Es existiert von seinem Werk nur eine Kopie aus dem Jahre 1619. Ursprünglich sollte das Werk bis zum Tode Wilhelms des Eroberers fortgeführt werden. William wurde aber angeblich durch unglückliche Umstände davon abgehalten. Eventuell könnte dies mit einer zu engen Beziehung zu Odo von Bayeux und dadurch mit dem Verlust der Gunst am Hof zusammenhängen. Dies würde dann auch den vergleichsweise geringen Erfolg (es wurden nur wenige Kopien angefertigt) erklären. Es gilt als sicher, daß das Werk nicht weit verbreitet war.

Geplant war das Werk als Biographie von Wilhelm und wurde in einem geschliffenen und selbstbewußten Latein verfasst. William of Poitiers hatte die klassischen Autoren (Caesar, Cicero, Sallust, Virgil usw.) studiert, welche das Werk von William stark beeinflußten. Das Ziel war hier, noch mehr als bei William of Jumièges, die Rechtfertigung der Taten Wilhelms, besonders der Eroberung Englands.[4]

3.3. Anglo-Saxon Chronicle und ‘Florence’ of Worcester (Chronicon ex Cronicis)

Die Anglo-Saxon Chronicle ist eine Zusammenfassung verschiedener alter englischer historischer Werke. Sie deckt die englische Geschichte seit Julius Caesar ab. Es gab viele gemeinsame aber auch unabhängige Quellen für diese Werke. Heute sind noch acht Manuskripte erhalten. Den verschiedenen Versionen wurden in der Forschung jeweils Buchstaben zugeordnet. Für das 11. Jh. sind die Texte C, D und E die relevantesten. Text C wurde im Kloster Abingdon zusammengestellt und endet im Jahre 1066. Inhaltlich ist er dem Hause Godwin eher feindlich gesinnt.

Die Texte D und E sind bis zum Jahre 1031 sehr ähnlich und haben wohl eine Fassung der Chronik aus York als gemeinsamen Ursprung. D konzentriert sich danach eher auf den Norden Englands (York und Worcester) und endet 1079. Aus diesem Grund verhält sich der Text dem Hause Godwin gegenüber auch neutral, da die Politik dieses Hauses auf den Norden einen zu geringen Einfluß hatte. Text E wurde von 1031 bis 1121 in der Abtei St. Augustine in Canterbury und dann bis 1154 in Peterborough weitergeführt. Daher wird dieser Text auch Peterborough Chronicle genannt. Er hat eine starke Neigung zu Gunsten des Hauses Godwin.

Alle Versionen sind nach Jahreszahlen geordnet und sehr altmodisch und einfach formuliert. Auch sind sie in der Volkssprache und nicht in Latein geschrieben.

‘Florence’ of Worcesters Chronicon ex Chronicis ist eine Zusammenfassung der anderen englischen Chroniken. Verfaßt wurde sie im frühen 12. Jh. als Reaktion auf die normannische Eroberung. Sie wurde auf Anweisung des Bischofs Wulfstan II. (gestorben 1095) in Worcester begonnen und durchgehend bis 1144 weitergeführt. Traditionell wurde diese Chronik dem Mönch Florence (gestorben 1118) zugeschrieben. Aber es gibt Anhaltspunkte, daß der Mönch John of Worcester das Werk nicht nur ab 1118 weitergeführt hat, sondern komplett von Anfang an verfasst hat. Es ist relativ sicher, daß der Autor sich in Bezug auf die normannische Eroberung hauptsächlich auf die Anglo-Saxon Chronicle bezogen hat. Sein Werk bewegt sich sehr nahe an Version D der Anglo-Saxon Chronicle. Verfasst ist es allerdings in Latein.[5]

3.4. Vita Edwardi Regis

Der Autor dieses Werkes ist anonym. Wahrscheinlich war er ein Mönch aus Flandern, der aber in England lebte und Zugang zu Informationen vom Hof hatte. Das Werk ist relativ sicher vor 1080 entstanden und vielleicht sogar noch vor der Absetzung von Bischof Stigand im Jahre 1070. Prof. Frank Barlow argumentiert für das Datum 1065 - 1067. Das Werk besteht seiner Meinung nach aus zwei Teilen, deren unterschiedliche Absichten (im ersten Teil die Geschichtsschreibung und im zweiten Teil die Verherrlichung König Edwards) auf die Geschehnisse im Jahre 1066 zurückzuführen sind. Gewidmet ist das Werk Königin Edith, welche auch die Patronin des Autors war. Diese Tatsache führt auch dazu, daß das Werk hauptsächlich eine Geschichte des Hauses Godwin ist.[6]

[...]


[1] Brown, R. A.: The Norman Conquest, S. XV

[2] Brown, R. A.: The Norman Conquest, S. XVII

[3] Brown, R. A.: The Norman Conquest S. 1f.

[4] ebd.: S. 15ff.

[5] Brown, R. A.: The Norman Conquest, S. 50ff.

[6] ebd.: S. 80ff.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Bild der normannischen Eroberung Englands in der anglonormannischen Geschichtsschreibung: Herrschaftsideologie und Propaganda
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Die Normannen in Europa im Mittelalter
Autor
Jahr
1997
Seiten
17
Katalognummer
V17015
ISBN (eBook)
9783638217002
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bild, Eroberung, Englands, Geschichtsschreibung, Herrschaftsideologie, Propaganda, Normannen, Europa, Mittelalter
Arbeit zitieren
Ulrike Kemper (Autor), 1997, Das Bild der normannischen Eroberung Englands in der anglonormannischen Geschichtsschreibung: Herrschaftsideologie und Propaganda, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17015

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