Eichendorff und die Psyche? - Auf der Suche nach romantischer Psychologie in der eichendorffschen Lyrik


Hausarbeit, 2011

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. ) Einführung

2. ) Was ist ein Motiv? Definition, Abgrenzung und Funktion

3. ) Was ist romantische Psychologie? Ein kurzer Einblick

4. ) Von der Psychologie zum Motiv. Eine Zusammenführung

5. ) Auf der Suche nach romantischer Psychologie. Ein Untersuchungsansatz an ausgesuchten Gedichten
5.1. ) „Der stille Grund“
5.2. ) „Der stille Freier“
5.3. ) „Das kalte Liebchen“

6. ) Fazit

7. ) Literaturverzeichnis
7.1. ) Primärliteratur
7.2. ) Sekundärliteratur

8. ) Anhang
8.1. ) Anhang A
8.2. ) Anhang B
8.3. ) Anhang C

1. Einführung

„Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, [...] und der köstliche Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; [...] die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte [...].“[1] Diese Traumsequenz des Heinrich von Ofterdingen war es, die der Romantik zu einem der zentralen Symbole, der blauen Blume, verhalf. Aber in dem Traum des Jünglings Heinrich steckt noch mehr. Hier wird ebenso die Psychologisierung der Romantik deutlich, denn Romantik ist nicht nur die Sehnsucht oder das Streben nach der Vollkommenheit mit der Natur vor dem Sündenfall, sie ist auch die Reise in das unbekannte Land, eine Reise in das innerste Ich eines jeden Menschen. Die weißen Flecken der psychischen Landkarte sollen gefunden und kartographiert werden. Diese Reisen in unbekanntes Land bringen viele verborgene Wünsche und Verhaltensweisen ans Tageslicht und nicht immer sind alle von der „angenehmen Sorte“, sondern von der Sorte, die die Gesellschaft moralisch ächtet. Das lustvolle Begehren des Heinrichs nach einer wundervollen Blume, ist, so scheint es zumindest, eigentlich das erotische Begehren nach seiner Mutter. Novalis zielt damit auf Inzest und den Ödipuskomplex ab, eine literarische Spielart, der sich auch andere Romantiker bedienen und das Thema im weitesten Sinne bearbeiten[2]. Die vorliegende Arbeit wird die Erforschung eines ödipalen Motivs in der Lyrik Eichendorffs zur Aufgabe haben und nach Beweisen dafür suchen. Am Ende wird bewiesen sein, dass auch Eichendorff sich nicht völlig dagegen wehren konnte, bewusst oder unbewusst, romantische Psychologie zu verarbeiten.

2. Was ist ein Motiv? Definition, Abgrenzung und Funktion

Die folgende Motivdefinition samt ihrer Abgrenzung und Funktionalisierung wird im wesentlichen den Merkmalen Elisabeth Frenzels[3] folgen. Diese eingeengte Auswahl des Definitionsrahmens findet seine Erklärung in der Allgemeingültigkeit der Definition, welche bei Frenzel am deutlichsten scheint.

Motive sind kleine Stoffeinheiten. Sie sind nicht das Handlungsgerüst einer Geschichte, stellen aber ein Element des Inhalts dar. Bezogen auf Lyrik kann der Inhalt durch ein einziges Kernmotiv zusammenfassend umschrieben werden. Nach Frenzels Meinung hat Lyrik keinen eigentlichen Inhalt, einzig die Verbindung verschiedener Motive soll die Stoffsubstanz sein. Das wirft aber Probleme auf. Denn Balladen sind eindeutig Lyrik, haben aber eine dramatische Handlung und können somit inhaltlich nicht einfach als Motivkombinationen summiert werden. Bezogen auf Prosa wird der Inhalt erst durch ein Handlungsgerüst in Verbindung mit mehreren Motiven deutlich. Oft sind für Schriftsteller gewisse Motivkombinationen charakteristisch, beispielsweise Wald und Wandern oder Natur und Religion in der eichendorffschen Prosa[4]. Weiterhin sind Motive scharf von Stoffen abzugrenzen. Stoff ist letztlich alles, was den Dichter natürlich und künstlich umgibt. Es kann historischen und naturwissenschaftlichen Gehalt haben, kann aus Mythen oder Sagen bestehen oder einfach aus der Phantasie eines jeden Autors. Der Begriff des poetischen Stoffes wiederum definiert sich als ein Nährboden, welcher aufgrund einer geistigen Entwicklung entstand, also in irgendeiner Weise bearbeitet oder tradiert wurde. Weiterhin sind einzelne Beschreibungen und Eindrücke noch keine Motive. Sie sind Charakterisierungen bzw. Stilmittel. Diese verdeutlichen Inhalt nicht sondern haben nur eine hinzufügende Funktion. Was ist es aber nun, was ein Motiv ausmacht? Grundlage für Motive sind die so eben beschriebenen alleinstehenden Umschreibungen sowie Dinge oder Gegenstände. Gemeint sind hiermit Begrifflichkeiten wie: Mond, Wald, Hass, Liebe usw. Der Möglichkeiten gibt es letztlich unendlich viele. Der Einfachheit halber soll dieser Fundus an Möglichkeiten als Motivkategorien in der Folge beschrieben werden. Diese Motivkategorien werden also zu „frenzel- schen Motiven“ in dem man sie in einen vielschichtigeren Zusammenhang oder in eine Situation einfügt. Anders ausgedrückt: Motivkategorie plus Zusammenhang oder Situation ist gleich ein „frenzelsches Motiv“. Praktisch heißt das, aus der Liebe (Motivkategorie) plus Nebenbuhler (Zusammenhang) wird das Motiv der Nebenbuhlerschaft. Ein weiteres Beispiel wäre Hass plus Brüder wird zum Motiv des Bruderhasses und so weiter[5]. Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass das Motiv zwar kein Plot, aber ein inhaltliches Element ist. Es ist nicht nur eine Motivkategorie sondern eine vielschichtige, zusammenhängende und situative Erscheinungsform innerhalb einer Dichtungsgattung.

3. Was ist romantische Psychologie? Ein kurzer Einblick

Mit den Anfängen der Psychologie als eigene Wissenschaft, zu Beginn des Achtzehnten Jahrhunderts, steigt auch das Interesse der Literatur die beschriebenen psychischen Phänomene zu verarbeiten. Neben der vernunftgeleiteten Psychologie der Aufklärung, steht die romantische Vorstellung einer getriebenen Erfahrungsseelenkunde. Ganz im Sinne der Romantik sind es die Triebe des Menschen, die interessant sind, denn sie sind nicht nur gegensätzlich, sondern auch vielschichtig, vernunftwidrig, emotional und unbewusst. Aufgrund dieses Interesses bildet sich ein Schwerpunkt auf das Unbewusste im Menschen heraus. Träume, Visionen oder Hypnosen werden zu zentralen Orten unbewusster Motivationen. So nimmt es nicht Wunder, dass die Romantik im Grunde „nur“ zwei Themenbereiche der Psychologie besonders fokussiert, einerseits die Entwicklungspsychologie, also den Teil, welcher sich der menschlichen Entwicklung von der Geburt bis zum Tode widmet mit allen Einflüssen und Besonderheiten des Menschen und andererseits die Psychopathologie, welche die Leiden der Seele behandelt. Im Zeitverständnis der Romantiker bedeutete dies Phänomene wie: Ich-Spaltung, die Fähigkeit des Hellsehens, Wahnvorstellungen oder Bewusstlosigkeit, aber auch Kriminalität oder Telepathie zu erforschen. All diese möglichen Erfahrungen waren im Prinzip keine gesundheitlichen Einschränkungen im allgemeinen Verständnis, man stellte sich eher vor, dass solche Zustände auch „Gesunden“ wohl bekannt seien. Neben all dem übten die dunklen und verdrängten Seiten des Ichs und deren Erkundung eine starke Faszination auf die Literaten der Zeit aus[6]. Dazu gehörte, unter anderen, im weitesten Sinne die Erotisierung intrafamiliärer Bindungen. Abgebildet im Inzest, definiert als moralisch geächtete Blutschande, oder dem Ödipuskomplex, also dem sexuellen Begehren des Sohnes nach seiner Mutter[7], meist genutzt als literarisches Mittel der Dramatisierung von Texten. Die Erkundung dieser Seiten ist immer eine Reise ins dunkle Ungewisse, eine Reise in magisch-mystische Räume wie beispielsweise Höhlen, Bergwerke, tiefe Wälder, Träume oder Trancezustände. Diese Räume sind symbolisch für die Expeditionen in das eigene Innerste, das als phantastische Welt, meist mit archaisch-erotischen Mutterfiguren als Herrscherinnen, entdeckt wird. Dieses erlebte Matriarchat, im Traum oder phantastisch real, kennt immer nur tragische oder tabuisierte Ausgänge. Der Held endet im Wahnsinn oder Tod oder wird schizophren, es kommt zu Inzestbeziehungen oder zu Mord in der Familie. Die Gründe hierfür liegen in der Unfähigkeit des Helden die gefundenen Verschmelzungs-, Wunsch- oder Schreckbilder aus frühester Mut- ter-Kind-Bindung zu bewältigen. So scheint es also, dass die romantische Vorstellung von der Erkundung des dunklen Unbewussten nie eine Lösung, sondern immer nur eine Katastrophe zum Ausgang hat und Heilung oder Verarbeitung der gefundenen psychischen Störungen unmöglich sind[8].

4. Von der Psychologie zum Motiv. Eine Zusammenführung

Nachdem in den letzten beiden Kapiteln eine Motivdefinition angeboten wurde sowie ein kurzer Einblick in die romantische Psychologie stattfand, soll in diesem Kapitel die Herausbildung eines bearbeitbaren Motivs für die Lyrik Eichendorffs im Zentrum stehen. Wie in der Einführung erwähnt, soll der Fokus auf ödipale Strukturen gerichtet sein. Der geneigte Leser wird nachvollziehen können, dass ein Ödipuskomplex nicht unmittelbar auf eichen- dorffsche Lyrik anwendbar ist. Mit einem Zwischenschritt, der die Grundstrukturen des Komplexes nicht nur vereinfachen sondern auch verallgemeinern soll, wird das Motiv besser anwendbar und nachvollziehbarer. Die Struktur des Ödipuskomplexes besteht aus dem Spannungsfeld, dass der Sohn sein kindliches sexuelles Verlangen nicht auf die Mutter übertragen kann. Diese empfindet ihrem Kind gegenüber kein erotisches Begehren und blockt alle Avancen des Sohnes ab. So entsteht also eine, von der Mutter gesteuerte oder beherrschte Hürde zwischen beiden, diese Hürde vermag der Sohn nicht zu überwinden. Auf Literatur übersetzt kann also verallgemeinert werden, dass eine schwache männliche Figur ein unüberwindbares Begehren einer starken weiblichen Figur gegenüber empfindet. Das Problem der unüberwindbaren Hürde ergibt sich aus der psychischen Abhängigkeit des Mannes gegenüber der Frau, welche wiederum Macht auf ihn ausübt. Das Motiv, im Sinne der Definition Elisabeth Frenzels, kann dann abstrahiert als beherrscht-abhängige Liebessehnsucht beschrieben werden. So wird ein bearbeitbarer Konflikt in Lyrik und Prosa deutlich, der unterschiedlichste Blüten treibt. Die Abhängigkeit des Mannes kann zu Unterwerfungen, Morden, Verzweiflungstaten, Selbstaufgabe oder Ähnlichem führen. Die Macht der Frau äußert sich beispielsweise durch Distanz, emotionale Herrschaft über den Mann oder das Abverlangen gefährlicher oder sinnloser Liebesbeweise[9].

[...]


[1] entnommen aus: Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Erstausgabe von 1802. http://autenbera.spieael.de/archiv/novalis/ofterdna/ofterdna.xml#ofter111 , 02.03., 10:38h

[2] Vgl.: Tieck, Ludwig: Der blonde Eckbert und der Runenberg. Stuttgart 2002, S. 3-25.

[3] Frenzel, Elisabeth: Stoff-, Motiv- und Symbolforschung. (4., durchgesehene und ergänzte Auflage, Samm­lung Metzler, Realien zur Literatur, Abteilung E: Poetik). Stuttgart 1978.

[4] Vgl.: Eichendorff, Joseph von: Aus dem Leben eines Taugenichts. (Schultz, Hartwig [Hrsg.]). Stuttgart 2001.

[5] Vgl.: Frenzel, Elisabeth: Stoff-, Motiv- und Symbolforschung. (4., durchgesehene und ergänzte Auflage, Sammlung Metzler, Realien zur Literatur, Abteilung E: Poetik). Stuttgart 1978, S. 24-35.

[6] Vgl.: Kremer, Detlef: Romantik. (3. aktualisierte Auflage, Lehrbuch Germanistik). Stuttgart u.a. 2007, S.80- 83.

[7] Vgl.: Berg, Henk de: Freuds Psychoanalyse in der Literatur- und Kulturwissenschaft. (UTB, 2661 : Psycho­logie, Literaturwissenschaft). Tübingen u.a. 2005, S. 83-96.

[8] Vgl.: Mahlendorf, Ursula: Die Psychologie der Romantik. In: Schanze, Helmut (Hrsg.): Romantik-Hand­buch. (2., durchgesehene und aktualisierte Auflage). Stuttgart 2003, S. 592-603.

[9] Vgl.: Frenzel, Elisabeth: Stoff-, Motiv- und Symbolforschung. (4., durchgesehene und ergänzte Auflage, Sammlung Metzler, Realien zur Literatur, Abteilung E: Poetik). Stuttgart 1978, S. 29-35.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Eichendorff und die Psyche? - Auf der Suche nach romantischer Psychologie in der eichendorffschen Lyrik
Veranstaltung
Joseph von Eichendorff: Naturverbundenheit, Weltoffenheit und unorthodoxe Frömmigkeit. Ein poetisches Konzept im Zeichen der Spätromantik.
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V170154
ISBN (eBook)
9783640891245
ISBN (Buch)
9783640891306
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eichendorff, Lyrik, Romantik, Spätromantik, Psychologie, Psychologisierung, romantische Psychologie, Gedichtsanalyse, Interpretation, Motiv, Motivdefinition
Arbeit zitieren
David Stops (Autor), 2011, Eichendorff und die Psyche? - Auf der Suche nach romantischer Psychologie in der eichendorffschen Lyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170154

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