Der Skandal ist die Moral - Die Rolle des Dopings in einem Theater namens Tour de France

Warum die öffentliche Verhandlung des Dopings nicht zum Ende, sondern zum Erhalt des spitzensportlichen Theaters führt.


Magisterarbeit, 2009

122 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. EINLEITUNG
1.1 Versuch einer Doping-Definition
1.2 Abgrenzung zu nicht behandelten Aspekten

2. THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN
2.1 Einführung
2.2 Theorie der Selbstdarstellung im Alltag
2.2.1 Status der Goffmanschen Theorie
2.2.2 Die Rahmentheorie
2.3 DieMachtdesDiskurses
2.4 Die Mediale Vermittlung des Sports

3. REKONSTRUKTION DISKURSIVER DOPINGPRAXIS BEI DERTOUR DE FRANCE
3.1 Die Gründung der Tour de France
3.2 Rahmung I: Der noch uneingeschränkte Dopingdiskurs
3.2.1 Festlegung des Anforderungsprofils
3.2.2 1924 - DieAffäre Péllissier
3.2.3 Hauptsache im Gespräch
3.2.4 Etablierung des politischen Schemas
3.3 Rahmung II: Kurzfristige Problematisierung eines Kavalierdeliktes
3.3.1 Profit- und Dopingmaximierung
3.3.2 1967-Der TodTomSimpsons
3.3.3 Einführung regelmäßiger Kontrollen
3.3.4 Etablierung des Geheimhaltungs- und Opferschemas
3.4 Rahmung III: Kriminalisierung
3.4.1 EPOchalerRadsportboom
3.4.2 1998 - Die Festina-Affäre
3.4.3 Institutionalisierung derAnti-Doping Bemühungen
3.4.4 Etablierung des Kriminalitäts-Schemas
3.5 Rahmung IV: Moralische Verdammung
3.5.1 Das Karriereende von Jan Ullrich
3.5.2 2007 - Patrik Sinkewitz als medialer Doping-GAU
3.5.3 Kommunikationskontrolle
3.5.4 Etablierung des Täter-Schemas

4. ZUSAMMENFASSUNG UNTER BEZUGNAHME AUF DIE ROLLE DER ETHIK
4.1 DerWandelderSportethik
4.2 Moral als mediales Konstruktionsprinzip
4.3. DerMedienskandal

5. FAZIT

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Grafische Darstellung der Imageverluste im Radsport von 2004 bis 2008

Abbildung 2: Grafische Darstellung von Einflussfaktoren auf das Image des Radsports von 2001 bis 2007

l.EINLEITUNG

„Der Profiradsport hat etwas von einem Rattenrennen. Aber wenn ich zu den besten Ratten gehöre, kann ich mich nicht bremsen“[1] Tom Simpson, Weltmeister und erster Dopingtoter der »Tour de France«

„Der ganze Sport ist eine Bühne, und die Redaktion eines Senders übernimmt die Aufgabe, die im Theater ein Regisseur hat“[2] Hans Mahr, ehemaliger Informationsdirektor bei RTL

„Tour der Schande"(o.V., 26.07.2007), „Die Blutspur des Radsports" (Geisser, 05.08.2007, S. 23), „Radfahr-Mafia" (Hoeltzenbein, 26.07.2007, S. 4), „Ist der Sport noch zu retten?"(Plättner, 30.05.2007),„Ein Krieg, bei dem es Opfer gibt" (Schallenberg, 12.07.2008). Wer die Überschriften, Leitartikel und Aufmacher europäischer Tages- und Wochenzeitungen, Magazin-Sendungen und Brennpunkte der Fernsehsender, sowie die Anzahl der Treffer nach dem Suchbegriff Doping zwischen Juni und Juli im Verlauf der letzten drei Jahre betrachtet, kann zu folgenden Schlüssen kommen: Doping bedroht unsere Freiheit, schadet unserer Gesundheit oder zwingt uns in die Armut. Wie sonst ist es zu erklären, dass Betrugsfälle in einem erdachten Spiel namens Sport einen medialen Sturm der Entrüstung auslösen? Im Juli 2007 ist das Thema »Doping im Radsport/Tour de France« der am umfassendsten behandelte Inhalt innerhalb der Hauptnachrichtensendungen von ARD, ZDF, RTL und SAT.l. Mit 365 Minuten rangiert die Thematik vor „Entführungen und Lage in Afghanistan" (226 Minuten) und dem „Tarifkonflikt bei der Deutschen Bahn" mit 165 Minuten (vgl. Schöberl, 26.08.2007).

Sportrechtliche Vergehen, die keine umfassenden gesellschaftlichen Auswirkungen besitzen, werden an prominentester medialer Stelle behandelt. Dort wo normalerweise von Kriegen, Finanzkrisen, Terrorgefahr, Stagnationen auf dem Arbeitsmarkt oder dem Klimawandel die Rede ist- Themen, deren Auswirkungen jeden Bürger eines Landes direkt betreffen - erscheint nun die Großaufnahme eines überführten Konsumenten von verbotenen Stimulanzien in einem gelben Hemd.Die Rede ist von der Tour de France und dem in den letzten Jahren Stück für Stück enthüllten Dopingsystem im Radsport. Die öffentliche Aufregung erscheint umso überaschender, da der Radsport im Allgemeinen und die Frankreich-Rundfahrtim Speziellen von Beginn an auf das Engste mit dem Dopingphänomen verknüpft ist.

Das Phänomen des Dopings scheint in der öffentlichen Wahrnehmung unbestritten. Doper verstoßen gegen die Moral des Sports und gehören ausgeschlossen. Wenn ein Ausschluss keinen Sinn mehr macht, weil - wie im Falle der Tour de France - das Doping systematisch erscheint und kein »sauberer« Fahrer übrig bliebe, wird zunächst die Fernsehübertragung der Tour de France eingestellt. Im Anschluss werdenForderungen laut, nach denen der Radsportnicht mehr staatlich gefördert werden dürfe. Optimisten können daraus den Schluss ziehen, dassDoping damit wirksam verhindert werden kann, während Pessimisten auf die Vielzahl von betroffenen Sportarten verweisen und insofern nur noch ein Schluss möglich erscheint: „Der Sport ist tot. Doping hat ihn kaputt gemacht. Die Doper haben ihn verraten" (Franke & Ludwig, 2007, S. 10). Schulze und Krauss (2008, S. 7) entgegnen aufgrund der jahrhundertelangen Dopingtradition mit einer Frage: „Geht der Sport kaputt, seit es ihn gibt?" Wenn letzteres der Fall wäre, hätte der Sport nicht den Stellenwert, den er heute als globaler Wirtschaftsfaktor und staatlich gefördertes Kulturgut besitzt. Selbst die Tour de France erweist sich, allen Dopingenthüllungen der letzten Jahre zum Trotz, in diesem Jahr in ihrer 106. Auflage als quicklebendig. Aber warum erfährt das Dopingphänomen eine derartige gesellschaftliche Aufmerksamkeit, wenn es dem Sport anscheinend doch nicht gefährlich werden kann?

Die vorliegende Untersuchung beschränkt sich zwar auf die Tour de France als „Epizentrum" (Knobbe, 2000, S.139) der aktuellen Dopingdebatte, jedoch istdiesesPhänomenkeines, das außerhalb des Radsports nicht existieren würde. Es tritt nur nicht so deutlich zu Tage. So soll sich auch zeigen, ob der Radsport mit seinen Superlativen der frühesten Kommerzialisierung, dem ersten verzeichneten Dopingfall und der scheinbar größten Dichte an öffentlichen Dopingfällen eher eine Prophezeiung des Spitzensports, als eine Ausnahme darstellt. Wenn sich im Radsport Entwicklungen zeigen, die aufgrund seiner besonderen Geschichte anderen Sportarten nur vorweggenommen ist, handelt es sich bei der Tour de France vielleicht lediglichum eine Stellvertreterdiskussion.Wenn das Dopingphänomen in der Lage ist, das drittgrößte Sportereignis der Welt(vgl. Leibundgut, 2000, S. 74) mit seiner 106-jährigen Geschichte in Frage zu stellen, findet am Beispiel des Radsports womöglich eine öffentliche Verhandlung über die Zukunft des Spitzensports statt. Damit stünde eine der weltweit größten Unterhaltungsindustrien zur Disposition.

Das erkenntnisleitende Interesse, dass sich aus den aufgezeigten Phänomenen ableitet, lautet in der Folge: Welche Rolle spielt das Doping für den Fortbestand des Spitzensports am Beispiel der Tour de France?Im Laufe dieser Arbeit soll versucht werden, Aufschluss über diese Frage zu erhalten. Dabei gilt es, mit Hilfe soziologischer Theorien das DopingPhänomen der Tour de France in einen anderen Verstehenshorizont zu transformieren. Diese Maßnahme soll helfen, die Strukturen des öffentlichen Dopingdiskurses offenzulegen, dessen Zugang beschränkter zu sein scheint, als gemeinhin angenommen. Die Soziologen Bette und Schimank (2006, S.35) sprechen von der Etablierung einer „ultrastabilen Deutungsgemeinschaft" aus Medien, Sportveranstaltern und der werbetreibenden Wirtschaft, welche das Phänomen des Dopings öffentlich behandeln. Insofern geht es im Endeffekt darum, mit welchen Strategien ein Problem behandelt wird, das im Zuge der Professionalisierung des Sports von seinen bestimmenden Akteuren hervorgerufen wurde und nun im Falle der Tour de France paradoxerweise ihre Machtposition zu gefährden scheint.

Grundlegend ist der Argumentation Gampers (2000, S. 45) zu folgen, der das Dopingphänomen in zwei verschiedene Dimensionen aufteilt. Auf der einen Seite steht der Sportler und sein Umfeld, der nach der Definition der »Welt-Anti-Doping-Agentur« (WADA) verbotene Substanzen zu sich nimmt und in der Regel darüber schweigt. Auf der anderen Seite steht die Öffentlichkeit, die Doping nicht praktisch, sondern theoretisch in Form der massenmedialen Berichterstattung erfährt. In Anlehnung an den Philosophen Michel Foucault unterscheidet Gamper in diesem Zusammenhang die „soziale Praktik" der konkreten Tätigkeiten gegenüber der „diskursiven Praktik"(ebd.)als deren

Wissenshintergrund. Dafür sollen im Rahmen einer Diskursanalyse unterschiedliche Interessenshintergründe der am Diskurs beteilgten Akteure beleuchtet werden. Anhand von ausgewählten Schlüsselereignissen sollen im Laufe der massenmedialen Berichterstattung der letzten Jahrzehnte die argumentativen Standpunkte von Sportlern, Wirtschaft, Medien, Tour-Veranstalter und Politik dargestellt werden. Dabei ist anzunehmen, dass sich die Aussagen in Bezug auf ihre soziale Rolle unterscheiden. Dieser „Definitionswettkampf" (Keller, 2005, S. 55) um die Beurteilung des Dopingphänomens soll dabei in Bezug auf die massenmediale Bewertung abschließend unter dem Gesichtspunkt der Ethik betrachtet werden, deren Bedeutung sich deutlich bei den gängigen Semantiken in Form von »Dopingsumpf« und »sauberer« vs. »schmutziger« Sport zeigt. Es soll darum gehen, die Regeln des Dopingdiskurses aufzuzeigen. Was darf gesagt werden und was nicht? Der Diskurs markiert die Spielregeln, sozusagen das Drehbuch für die an der Aufführung der Tourverantwortlichen Akteure. Ziel ist es, einen Einblick in dieses Drehbuch zu erhalten, um ein Verständnis für die Rolle des Dopings in einem Theater namens Tour de France zu gewinnen. Der daraus erfolgende Erkenntniszuwachs mag auch bei der Beurteilung von Dopingfällen in anderen Feldern des Spitzensports behilflich sein,eine möglichst unvoreingenommene Sichtweise einzunehmen, weil er einen Blick auf die „Hinterbühne" (Goffman, 1969, S. 104) des Spitzensports gestattet.

„Wenn [...] die Mechanismen, die diese Entwicklung bestimmen, großenteils symbolische sind, dann kann man meiner Meinung nach von der Analyse, die sie aufdeckt, erwarten, daß sie an sich schon dazu beiträgt, die symbolische Gewalt einzudämmen, die mit Hilfe dieser Mechanismen ja nur solange ausgeübt werden kann, wie sie unerkannt bleiben"(Bourdieu, 1995, S. 270).

Im Sinne des Soziologen Bruno Latour (2007, S. 438)soll es darum gehen,ausder moralische Verdammung des Dopings als „unbestreitbare Tatsache" wieder eine „umstrittene" zu machen, um mit Hilfe einer verfremdenden Betrachtungsweise zu neuen Einsichten zu gelangen.Im Hinblick darauf gilt es zu prüfen, ob das Dopingphänomen nicht wie vielfach behauptet eine Ende des Spitzensports bedeutet, sondern dessen öffentliche Verhandlung im Gegensatzdazu erheblich zur Sicherung desspitzensportlichen Schauspiels beiträgt.

1.1 Versuch einer Doping-Definition

Der Einsatz leistungssteigernder Substanzen ist so alt wie der Sport selbst. Sich innerhalb eines Wettkampfes einen Vorteil beim Erreichen seiner Ziele gegenüber seinen Mitstreitern zu verschaffen, stellt ein überindividuelles Phänomen dar und geht zurück bis in das antike Griechenland (vgl. Hoberman, 1994, S. 125). Im Gegensatz zum damaligen Einsatz von natürlichen Mitteln[3] beinhaltet ein modernes Verständnis des Dopingphänomens eine Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit durch künstliche Substanzen (vgl. ebd. S. 120). Entstanden ist diese Auffassung mit dem Auftreten des professionell betriebenen Sports um 1900 durch eine Kombination von Diskurssträngen aus der Medizin, der Rechtssprechung und der Sportethik (vgl. Schnyder, 2000, S. 73). So wird der erste offiziell dokumentierte Dopingfall auf das Jahr 1886 datiert. Der Walliser Arthur Linton fällt nach der Einnahme leistungssteigernder Mittel während des über 600 Kilometer andauernden Radrennens Bordeaux-Paris tot vom Rad (vgl. Gamper, 03.09.1999, S. 21). Drei Jahre später erhält das Wort Doping erstmals Einzug in ein englisches Wörterbuch, bezeichnet dort allerdings den Einsatz von Opiaten und schmerzstillenden Mitteln zur betrügerischen Erhöhung der Leistungsfähigkeit im Pferderennsport (vgl. Arndt, Singler, & Treutlein, 2004, S. 12).Die Beurteilung des Dopingphänomens erscheint schwieriger als auf den ersten Blick vermutet. Das beginnt bei seiner Definition. Hoberman (1994) bezeichnet die Festlegung einer allgemein anerkannten Sprachregelung als ein existenzielles ethisches Problem der modernen Sportwissenschaft (vgl. Hoberman, S. 121). Dies hänge vor allem mit der laufenden Entwicklung neuartiger Substanzen und einem sich stetig wandelnden Verständnis gegenüber Leistungssteigerung und deren Begrenzung zusammen (vgl. ebd. S.122). So kritisieren Bette und Schimank (2006) die bisherigen Dopingdefinitionen, die auf Ebene der Sportverbände in zwei verschiedene Ansätze unterteilt werden können. Der Entwurf des Europarates von 1963 definiert Doping als

„Verabreichung [...] oder [...] Gebrauch körperfremder Substanzen in jeder Form und physiologischer Substanzen in abnormaler Form oder auf abnormalem Weg an gesunde Personen mit dem einzigen Ziel der künstlichen und unfairen Steigerung der Leistung im Wettkampf" (Schröder & Dahlkamp, 2003, S. 259).

Die Autoren führen an, dass sich der Spitzensport grundlegend als chancenungleich, daher als unfair darstelle, weil Menschen aus aller Welt daran beteiligt und infolge dessen im direkten Wortsinn weit davon entfernt seien, dieselben Voraussetzungen im Hinblick auf die gegebenen sozialen oder biologischen Umstände zu teilen. Wer in einem Land wie Deutschland aufwachse, könne auf ein umfassendes Sportförderungssystem zurückgreifen, das gerade in nicht entwickelten Ländern fehle (vgl. Bette & Schimank, 2006, S. 177-178). Weiterhin kann ein Sportler, der in der Höhe lebt, auf natürliche Weise einen Sauerstoffgehalt im Blut erzielen, der für europäische Athleten neben Höhentrainingslagern nur durch den Einsatz von Erythropoetin (EPO) zu erzielen ist. In diesem Falle würde erst der Einsatz von Dopingmitteln die Chancengleichheit wieder herstellen. Der andere Aspekt der Unnatürlichkeit erscheint schon insofern problematisch, da Marijuana oder Kokain ebenso wie das Eigenblutdoping natürlichen Ursprungs sind, aber gegenüber eines Nichtanwenders einen unfairen Vorteil verschaffen würden. Auch die Verbindung zur gesundheitlichen Schädigung lässt die Unnatürlichkeit nicht zweifelsfreier in Bezug auf die Dopingdefinition werden, da Übertraining und unausgewogene Belastungen über Jahre den Körper des Spitzensportlers über akute Verletzungen hinaus in gesundheitsgefährdendem Ausmaß belasten (vgl. ebd. S. 179). „Gesundheit im Leistungssport ist weder Kriterium noch Ziel" (Heidmann, 2008, S. 40). Sportler lassen sich im Endeffekt den Verbrauch ihrer Körpersubstanz finanziell erstatten (vgl. ebd. S. 40). Zuletzt zeigt sich der Gebrauch dieser Begrifflichkeiten im Rahmen der Definition des Europarates besonders in Bezug auf die Rechtssprechung als problematisch, da ihnen die Trennschärfe fehlt, um Gültigkeit vor einer sportlichen Gerichtsbarkeit zu besitzen. Deren Notwendigkeit wurde den Sportverbänden spätestens seit den dopingbedingten Todesfällen der Radfahrer Knud Jensen (I960) und Tom Simpson (1967) offenkundig.

Die Mängel dieser „Wesensdefinition" des Europarates sollten durch eine enumerative Liste vermieden werden, die 1986 vom IOC entwickelt wurde und an die Stelle einer moralischen Bewertung einen sportrechtlich sanktionierbarenVerbotskatalog setzt. Basierend auf diesem Ansatz wurde die heute gebräuchliche und rechtlich bindende Doping-Definition im März 2003 auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Kopenhagen verabschiedet. Die damaligen Repräsentanten von Sportverbänden aus 80 Nationen und dem IOC verpflichteten sich mit ihrer Unterschrift zur Umsetzung des »Welt-Anti-Doping-Codes« (WADC). Es wird ein „Sportsgeist" propagiert, der auf „Fairness und ehrlicher sportlicher Gesinnung" im Sinne des Olympismus fußt (vgl. WADA, 2009, S. 14). Doping stehe folglich im fundamentalen Widerspruch zu diesen Werten (vgl. ebd.). Die zur Umsetzung des Codes geschaffene »World Anti-Doping-Agency« (WADA) veröffentlicht mindestens einmal jährlich eine aktuelle Liste verbotener Wirkstoffe und Methoden. Auf sechs Seiten werden dort folgende Mittel aufgeführt: Stimulanzien (z.B. Amphetamine), Narkotika (z.B. Heroin), Synthetische anabole (z.B. Anabolika) sowie körpereigene Steroide (z.B. Testosteron), Beta-2-Agonisten (z.B. Clenbuterol), Diuretika (zur Verschleierung anderer verbotener Mittel), Peptidhormone (z.B.

Epo) und Kortikoide (zur Steigerung der Belastungsdauer). Weitere vier Seiten verweisen auf verbotene Methoden zur Leistungssteigerung. Darunter fallen Blutdoping, die Anwendung künstlicher Sauerstoffträger/Plasmaexpander, Urinmanipulation und Gendoping (vgl. Arndt, 2004, S. 48-50). Doping liegt somit vor, wenn ein Athlet oder dessen Umfeld in Form von Physiotherapeuten, Trainer, Teammanager und weiteren Betreuern gegen die Anti-DopingBestimmungen der WADA verstößt, also beispielsweise bei einer Kontrolle positive Werte zeigt oder sich der Probenentnahme entzieht (vgl. Arndt, Singler, &Treutelin, 2004, S. 12).

Die definitorischen Unzulänglichkeiten des Europarat Entwurfes konnten zwar behoben werden, aber neue, unlängst größere Probleme treten an ihre Stelle. Besonders die aus einer Verbotsliste hervorgehende implizite Aufforderung, dort nicht aufgeführte Mittel verwenden zu dürfen, wirft erhebliche Defizite auf. „Alles was nicht verboten ist, ist geboten, um mit den mutmaßlich ebenso kalkulierenden Gegnern mithalten zu können" (Bette &Schimank, 2006, S. 189). Ein weiteres Problem an der derzeit geltenden Dopingdefinition der WADA beschreibt Stygermeer (1999, S. 119), indem er deren Rechtssprechung auf die Strafgesetze überträgt. Demnach könnte ein Giftmörder nur dann verurteilt werden, wenn die Substanz, die er benutzte, bereits Einzug auf eine Verbotsliste gefunden hat.Zusammenfassend überrascht die Tatsache, dass die öffentliche Verurteilung des Dopings so eindeutig ausfällt, wenn gleich das Dopingphänomen so schwer zu definieren ist.

1.2 Abgrenzung zu nicht behandelten Aspekten

Der wissenschaftlichen Umgang mit den Dopingphänomen lässt sich in die Verschärfer (Franke & Ludwig, 2007), die Präventionalisten (Bette & Schimank, 1995, 2006; Arndt, Singler& Treutlein, 2004), die Moralisten (Lenk, 2007;Meinberg, 2007), die Anti-Moralisten (König, 1996; Gebauer, 1997), die Konstruktivisten(Gamper, 2000;Trümpler, 2007) und die Freigeber (Daumann, 2008; Tamburini, 2000) kategorisieren.

Die Freigeber argumentieren auf der Basis einer grundsätzlichen Unlösbarkeit des Dopingproblems im Sport, die sich im historischen Verlauf zeige(Daumann, 2008, S. 150). infolge dessen bliebe als letzte Konsequenzübrig, Doping im Hochleistungssport für Erwachsene zu liberalisieren, was die Gesundheit der aus der Illegalität befreiten und nun unter ärztlicher Aufsicht befindlichen Sportler verbessere (ebd. S. 153). Nach rationalen Aspekten erscheint dieser Zusammenhang nachvollziehbar. Da der Mensch allerdings auch unter emotionalem Einfluss steht, kann die praktische Durchführbarkeit dieses Ansatzes vor dem Hintergrund der staatlichen Förderung des Spitzensports und der Wahrung des Kulturguts Sport, inklusive seiner Vorbildfunktion in Zweifel gezogen werden. Dementsprechend verfolgen die Verschärferkeinen Umsturz, sondern eine Anpassung des bestehenden Sportsystems. Da das Doping den Sport ermorde (Franke & Ludwig, 2007, S. 10), entwerfen die Autoren einen „Rettungskatalog"(ebd. S. 231-235), der im Rahmen eines rigideren Umgangs mit dem Phänomen unter anderem eine Verschärfung der Kontrollen und lebenslange Sperrung für überführte Sportler fordert.

Im Gegensatz dazu sind die Präventionalisten nicht, wie im Falle der Freigabe oder des strikteren Verbots, der Ansicht, dass das Dopingproblem lösbar ist, sondern verfolgen das Ziel, „Doping so unwahrscheinlich, wie möglich zu machen" (Arndt, Singler, & Treutlein, 2004, S. 19). Dies soll durch eine argumentative Erziehung der Sportler und deren Verantwortungsträgern erreicht werden. Bette und Schimank (1995, 2006) gehen in ihrem systemtheoretischen Ansatz grundlegend davon aus, „daß mehrere Akteure durch ihre Interessenverschränkung transintentinal dazu beitragen, die Dopingfalle herzustellen und am Leben zu halten" (Bette & Schimank, 2006, S. 13). Doping entstehe folglich aus der Tatsache, dass Medien, Wirtschaft, Verbände und der Staat durch die Verfolgung ihrer individuellen Ziele in Form von positiver Aufmerksamkeit und finanziellen Erträgen den Sportler dazu bringen, Substanzen einzunehmen, gegen die er sich zu Beginn seiner Karriere verwehrt hätte. Aus Sicht der Prävention besteht der beste Lösungsansatz darin, biographische Risiken für den Sportler zu verringern, indem er sich mehr Misserfolg erlauben kann, wenn ihm sein Umfeld bessere Verdienstmöglichkeiten nach Ende der sportlichen Karriere in Aussicht stellt (vgl. Bette & Schimank, 2006, S. 236).

Die Ergebnisse von Bette und Schimank erweisen sich als entscheidende Grundlage für das Verständnis des Dopingphänomens, da nicht nur das Doping, sondern auch das System des Spitzensports als ein Teil von ihm untersucht wird. Dieser Aspekt ist eine entscheidende Weiterentwicklung gegenüber der verschärfenden Sichtweise, die es überwiegend dabei belässt, »Dopingtäter« an den moralischen Pranger zu stellen. Philosophisch und ethisch begründet wird dieser Pranger durch die Moralisten. Sie setzen sich zum Ziel, eine „Humanisierung" (Lenk, 2007, S. 60) des Wettkampfes zu bewirken. Dabei dient die Ethik als theoretische Leitlinie, nach der die Moral als praktische Handlung ausgerichtet werden soll (vgl. Meinberg, 2007, S. 17). Doping werde in Anlehnung an Bette und Schimank strukturell erzeugt, verstoße gegen die Fairness und solle, wenn das Problem schon nicht lösbar sei, zumindest „kontrollierbar(er)" (Lenk, 2007, S. 68)gemacht werden. Demgegenüber argumentieren die Anti-Moralisten, dass eine ebensolche Sichtweise für die Analyse des Dopingphänomen hinderlich ist, da der wissenschaftlichen Blick zur Wahrung ethischer Ziele beschränkt wird.

„Unter ethischem Aspekt betrachtet, lebt die Antidoping-Moral im Sport von der

Annahme, daß Doping und Sport Antipoden seien, und genau damit verspielt sie die

Chance, am Beispiel des Sports Wesentliches über den Sport in Erfahrung zu bringen"

(König, 1996, S. 233).

Wer die Moral mitsamt ihrer traditionellen Prinzipien wie Chancengleichheit, Fairness und Gesundheit auf den Spitzensport anzuwenden versucht, impliziert damit eine grundlegende Ethik in diesem kommerziellen Feld, die nach Gebauer (1997, S. 69-70)nicht vorhanden ist. „Ein ethischer Sport [...] unterstellt dem gegenwärtigen Sport eine geschönte Praxis, verspricht den punktuellen Einsatz von Heilungskräften der Ethik und läßt alles, wie es ist. Ein hochwillkommenes intellektuelles Schlafpulver".Die Kritik an den verschärfenden und moralisierenden Ansätzen zielt darauf ab, die Systemimmanenz des Dopings im Spitzensport (vgl. Haug 2006, S. 226; Stygermeer, 1999, S. 129) nicht anzuerkennen. Als problematisch an dem umfassenden Untersuchungsansatz von Bette und Schimank (1995, 2006) zeigt sich hingegen die Starrheit des systemtheoretischen Modells. Es stellt zwar alle entscheidenden Akteure in ihrem gegenseitigen Handeln vor, aber gibt keine Auskunft über die sich verändernden Machtverhältnisse untereinander. Wie sich im Laufe der Arbeit zeigt,sind die öffentlichen Ansichten in Verbindung mit definitorischen Entwürfen und dazugehörigen Repressionen gegenüber dem Doping einem stetigen Wandel unterworfen. Weil es noch bis zur Mitte des 20. Jahrunderts kein Dopingverbot gab, wurden Sportler mitunter vom Publikum ermutigt, leistungssteigernde Mittel einzunehmen, während sie in der heutigen Zeit bei einer entdeckten Anwendung von Dopingmitteln öffentlich als »Sünder« gelten. Diejenigen Akteure, die dazu beitragen, die öffentliche Wahrnehmung des Dopingphänomens in ihrem Sinne zu beeinflussen, üben mehr Macht aus als Akteure, die nicht daran beteiligt sind. Von dieser Annahme gehen die Konstruktivisten aus, die auf Basis der Anti-Moralisten aus argumentieren.

„Die Kontrolle über den Dopingdiskurs gehört so zu den zentralen Machterhaltungsstrategien des Sportsystems, an dem vor allem diejenigen interessiert sind, welche in der Machtkonstellation gute Positionen inne haben" (Gamper, 2000, S. 56).

Basierend auf der Annahme, dass Doping auf der einen Seite untrennbar mit dem kommerziellen Spitzensport verbunden ist, auf der anderen Seite aber eine massive Gefährdung dieses Systems zu sein scheint, soll es im Rahmen dieser Untersuchung darum gehen, auf welche Art und Weise das Dopingphänomen im Laufe derzeit öffentlich be- und verhandelt wird. Im Rahmen einer konstruktivistischen Perspektive soll eine rekonstruktive Diskursanalyse Auskunft darüber geben, auf welche Art und Weise das gesellschaftliche Wissen über das Doping generiert und aktualisiert wird und welche Auswirkungen damit verbunden sind.

2.THE0RETISCHER BEZUGSRAHMEN

Im Folgenden werden soziologische Theorien als Grundlage eingeführt und die in der vorliegenden Arbeit verwandte Terminologie erläutert, um begrifflich bedingte Missverständnisse zu vermeiden. Zentrale Begriffe der in dieser Arbeit verwendeten Theorien und Untersuchungen sind die Rollentheorie, die Rahmentheorie und der Diskursbegriff.

2.1 Einführung

Man stelle sich vor, dass ein amerikanischer Austauschschüler zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Fußballspiel in Kontakt gerät. Wie er es vom American Football in seiner Heimat gewöhnt ist, könnte er den Ball mit der Hand aufnehmen und zu einem Mitspieler nach vorne werfen. Kinder, die in der europäischen Variante des Fußballs vertraut sind und mit dem Amerikaner spielen, würden ihn auf seinen Regelverstoß aufmerksam machen und bei erneutemVerstoß möglicherweise aus dem Spiel aussondern. Will der amerikanische Junge weiterhinmitspielen, wird es für ihn sinnvoll sein, sich dem gegebenen Regelwerk anzupassen. Wollen die anderen Kinder auf diesen Spieler nicht verzichten, werden sie sich Mühe geben, ihn an die neuen Regeln zu gewöhnen.

In Bezug auf die Theorie des »Symbolischen Interaktionismus« soll dieses fiktive Geschehen verdeutlichen, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sein soziales Umfeld zu interpretieren, um angemessen handeln zu können. Schlicht und Strauß (2003, S. 11) betonen in Anlehnung an George Herbert Mead die Flexibilität der sozialen Umgebung. Demnach gibt es keine starren Handlungsmuster, die bei bestimmten Reizen abgespult werden, sondern eine soziale Realität, die durch die Interaktion einem steten Anpassungs- und Veränderungsprozess unterworfen ist. Die Art des Reizes bestimmt die Reaktion und die Reaktion bietet wiederum einen neuen Reiz im Rahmen einer „wechselseitigen Beeinflussung" (Mummendey, 1995, S. 113). Basierend auf Gesprächen oder Handlungen mit anderen Menschen schreiben wir Personen oder Dingen Bedeutungen zu, um in Abgrenzung zu oder Teilnahme mit anderen zur eigenen Identität zu gelangen (vgl. Schlicht & Strauß, 2003, S. 11). Um in sozialen Situationen gemeinsames Verhalten gewährleisten zu können, also eine Kommunikationsgrundlage herzustellen, obliegt es den sozialen Akteuren, einen „sozialen Konsenz"(Mummendey, 1995, S. 113), wie im Falle der gemeinsamen Fußballregeln, in der Deutung der Situation herzustellen. Dies wird vor allem durch „signifikante Symbole" (ebd.) deutlich, die eine erlernte Reaktion bei Interaktionspartnern auslösen können. Wenn der Amerikaner nun in Bezug auf das Fußballspiel anhand des Balles lernt, wie andere ihn nicht mit der Hand spielen, kommt es zur „Übernahme der Rolle des anderen" (ebd. 114), wenn er den Ball in der Folge ausschließlich mit dem Fuß spielt. Symbolische Bedeutungsträger können im Rahmen der Interaktion auch Sprache oder Personen sein (vgl. ebd.). Im ersten Falle lösen zum Beispiel ein Hilferuf bestimmte, erlernte Reaktion hervor, während im zweiten Fall Menschen gegenüber einem Kassierer ein anderes Verhalten zeigen, als gegenüber einem Polizisten (vgl. ebd.). „Soziales Handeln ist immer Handeln-in-Rolle, sowohl im Verstehen des Handelns anderer wie auch in der Reflektion auf eigenes Handeln"(Rapp, 1973, S. 101). Als Rollen werden demnach Positionsinhabern zugehörige Bedeutungs- oder Wertzuschreibungen bezeichnet, die dessen Verhalten und das seiner sozialen Umwelt in einem bestimmten Interaktionszusammenhang bestimmen (vgl. ebd. S. 115). In dem Moment, wo zwei Menschen interagieren, beziehen sie ihre Selbstdarstellung auf die Selbstdarstellung des anderen. Die Rolle ist dabei „das Dritte, was zwischen Personen kommuniziert wird" (Rapp, 1973, S. 101). Erst die soziale Rolle ermöglicht die Interaktion, weil sie eine soziale Position zuweist.

„Indem der Einzelne soziale Positionen einnimmt, wird er zur Person des Dramas, das die Gesellschaft in dem er lebt, geschrieben hat.[...] Soziale Rollen bezeichnen Ansprüche der Gesellschaft an die Träger von Positionen, die von zweierlei Art sein können: zum einen Ansprüche an das Verhalten der Träger von Positionen (Rollenverhalten), zum anderen Ansprüche an sein Aussehen und seinen »Charakter« (Rollenattribute)"(Dahrendorf, 2006, S. 37).

So verlangt auch die Position eines Leistungssportlers bestimmte Verhaltensweisen. Die Gesellschaft erwartet von ihm ein auf Leistung ausgerichtetes Leben, das nicht in Berührung mit dem Laster zu kommen hat und insofern eine gesellschaftliche Vorbildfunktion erfüllen kann. Sportler haben sich diesen Anforderungen anzupassen. Beispielhaft wurde dieser Zusammenhang an Michael Phelps, US-amerikanischer Schwimmer und erfolgreichster Olympionike aller Zeiten. Ein britisches Boulevardblatt hatte Phelps mit einer Wasserpfeife

am Mund abgebildet. Ohne Anti-Doping Regeln zu verletzen, „habe der achtmalige Goldmedaillengewinner [...] viele Menschen enttäuscht" (o.V., 02.06.2009). In der Folge sperrte der US-Schwimmverband den Athleten für drei Monate.

2.2 Theorie der Selbstdarstellung im Alltag

Auf der Grundlage des aufgezeigten sozialtheoretischen Verständnisses entwirft der Soziologe Erving Goffman in seinem Werk „The Presentation of Self in Everyday Life" ein Analyse-Modell, um alltägliche, symbolische Interaktionsmusterzu beschreiben. Ihm geht es dabei um den Versuch von interagierenden Menschen, das gegenseitige Verhalten zu kontrollieren (vgl. Goffman, 1969, S. 7). Der Einzelne ist bestrebt bei anderen einen Eindruck hervorzurufen, der sie dazu bringt, „freiwillig mit seinen Plänen übereinzustimmen" (Goffman, 1969, S. 8). Goffman benutzt zur Beschreibung dieser Vorgänge basierend auf dem Konzept der sozialen Rolle des Symbolischen Aktionismus, eine Metaphorik aus der Welt des Theaters. Soziales Verhalten gleicht demnach einem wechselseitigen Einfluss zwischen der schauspielerischen Darstellung einer Rolle und dessen Publikum (vgl Mummendey, 1995, S. 118). Dabei geht es nicht um Fragen der Schauspielkunst oder Bühnentechnik, sondern um die dramaturgischen Aspekte eines sozialen Schauspielers bei seiner Darstellung (vgl. Goffman, 1969, S. 18).

Goffman interessiert als Dramatologe, wie die Schauspieler „ihre ,Rollen' meistern, welche Drehbücher sie benutzen, und welches Publikum sie wie ansprechen" (Hitzler, 1998, S. 93). Goffman geht nicht davon aus, dass Menschen untereinander ein bereits vohandenes Skript abspulen, sondern begreift sein Modell als eine mögliche Perspektive zum Verständnis sozialer Interaktionsprozesse (vgl. Früchtl & Zimmermann, 2001, S. 12). Der Nutzen dieses Theoriekonstruktes liegt in der Gewinnung neuer Erkenntnisse durch die Verfremdung scheinbar selbtverständlicher Sichtweisen (vgl. Willems, 1998, S. 25). Das Alltägliche wird sichtbar gemacht, indem man es in einen anderen Zusammenhang transferiert. Diesen soziologischen »Verfremdungseffekt«, den bereits Bertold Brecht im Rahmen seines Theaterkonzeptes verfolgte, soll den Leser bzw. Zuschauer zur Reflektion über den auf der

Bühne stattfindenden Alltag anregen, ihn eine kritische Perspektive einnehmen lassen und abschließend zu einem Lerneffekt führen (vgl. Langer, 1996, S. 95).

Der Darsteller[4] kann verschiedene Strategien anwenden, um sein Publikum in seinem Sinne zu beeinflussen. Entscheidend dabei ist, dass er sein Publikum von der Richtigkeit seines Rollenspiels auf der Bühne überzeugt (vgl. Langer, 1996, S. 72). Erst wenn er dies schafft, vermag er sein Publikum von seiner Darstellung zu „verzaubern" (ebd. 74) und damit nach seinen Zielen in Richtung soziale Akzeptanz lenken. Insofern ist es in Bezug auf eine erfolgreiche Darstellung wichtig, dass der Schauspieler „während der Interaktion das ausdrückt, was er mitteilen will" (Goffman, 1969, S. 31). Die Interaktion verläuft daher nicht ungeplant, sondern wird arrangiert und für andere mit „Deutungs- und Regieanweisungen" (Soeffner, 2004, 171)versehen.Der Einzelne oder eine Gruppe von Darstellern ist bestrebt die Intepretation des sie umgebenden sozialen Umfelds in ihrem Sinne zu beeinflussen, damit sich deren Interpretation nicht als nachteilig für sie auswirkt. Ziel der Darstellung ist ein für ihre Bestrebungen vorteilhaftes Image als „eine Art schnell lesbarer charkterliche Kurzbeschreibung" (Früchtl & Zimmermann, 2001, S. 12).

So können die Darsteller ihre Interaktionsprozesse „dramatisch gestalten" (Goffman, 1969, S. 31), indem sie durch Überzeichnungen ihre Aussagekraft erhöhen. Sie können ihre Interaktionen zudem auch „idealisieren"(ebd. S. 35), indem sie sich besonders eindringlich auf angesehene, gesellschaftliche Werte beziehen. Gerade bei der Taktik der Idealisierung wird es nötig, Eindrücke, die nicht mit den gewünschten übereinstimmen, zu verbergen. Darsteller betreiben demnach „Ausdruckskontrolle"(ebd. S. 54), indem sie soziale Disziplin an den Tag legen. Sollten nämlich Tatsachen ans Licht kommen, die mit der erzeugten sozialen Rolle unvereinbar erscheinen, kann es den gesamten Status des Darstellers bedrohen (vgl. ebd. S.60). Wenn sich das Publikum während einer bestimmten Darstellung getäuscht fühlt, hat ein Betrüger kein Recht mehr auf das Spielen seiner in dieser Situation vorgeführten Rolle und es wird für ihn unmöglich, die Zuschauer in seinem Sinne zu beeinflussen. Stimmen die Verhaltensweisen nicht mit der sozialen Rolle überein, fehlt die Interaktionsgrundlage.

„Die Verkörperung besagt, dass das Individuum sich verbindet mit der in einer Situation erforderlichen Gestalt. Um sich mit den Partnern verständigen zu können, muss es Verhaltensweisen annehmen, die eine Interaktion ermöglichen" (Langer, 1996, S. 10)

Im Umkehrschluss hängt eine erfolgreiche Darstellung davon ab, ob das Publikum die Darstellung als ehrlich ansieht, unabhängig davon, ob dies zutrifft oder nicht (vgl. Goffman, 1969, S. 66). Wenn mehrere Individuen gemeinsam eine Rolle bilden und damit eine kollektive Zielsetzung verfolgen, handelt es sich um ein „Ensemble" (ebd. S. 79). Die Ensemblemitglieder unterstehen überwiegend den Anweisungen eines „Regisseurs"(ebd. S. 91-92), der ihre Darstellung koordiniert. Dieser ist innerhalb der Gruppe dafür zuständig, durch Beruhigung, Maßregelung oder Bestrafung auf unvorteilhafte Darstellungen einzuwirken, Darsteller gegebenfalls aus der Besetzungsliste zu streichen, aber auch die Rollenvergabe innerhalb des Ensembles zu übernehmen. Neben der Regie existiert als zweite Machtposition die des „Hauptdarstellers"(ebd. S. 92), der meist besonders gekennzeichnet in der Mitte der Bühne steht und in ähnlicher Weise wie der Regisseur auf das Publikum einwirken kann. Allen Gruppenmitgliedern ist gemein, den gewünschten Eindruck auf der dem Publikum zugewandten „Vorderbühne" (ebd. S. 100) aufrechtzuerhalten und sich in Folge dessen an die aufgestellten Regeln des Ensembles zu halten (vgl. Willems, 1977, S. 286). Handlungen, die davon abweichen, werden auf die „Hinterbühne"(Goffman, 1969, S. 104)verlegt und somit der Publikumseindruck durch eine Zugangskontrolle „manipuliert" (ebd S.107). Jedes einzelne Gruppenmitglied trägt die Verantwortung

„Gruppengeheimnisse"(ebd. S. 130), über die nur ein Mitglied des entsprechenden Ensembles verfügt, zu bewahren. So kann ein „Wir-Gefühl" (Langer, 1996, S. 93) entstehen. Ein „Denunziant" verstößt gegen diese Regel, indem er als Teil des Ensembles „destruktiveInformationen"(Goffman, 1969, S. 133)von der Hinterbühne an das Publikum verrät.

Neben „Publikums"- und „Darstellungsensemble" gibt es noch die „Außenseiter"(ebd. S. 132), die weder auf die Vor- noch auf die Hinterbühne zugreifen können. Aus ihnen besteht das soziale Umfeld, die das Schauspiel zwar verfolgen, aber nicht direkt in die Interaktion eingreifen. Eine besondere Rolle innerhalb der Zuschauer nimmt der „Clacqueur"(ebd. S. 134)ein. Er handelt im Interesse der Darsteller auf der Bühne, weiß um die Zielsetzung des darstellenden Ensembles, sitzt aber im Zuschauerraum und wird deshalb von dem zuschauenden Ensemble als einer der ihren wahrgenommen.Genau andersherum verhält es sich mit dem „Kontrolleur"(ebd. S. 134-135). Dieser aus Sicht der Darsteller vermeintlich harmlose Zuschauer ist formell oder informell legitimiert, sich verborgenes Wissen anzueignen, um das vorgezeigte Stück im Rahmen „ethischerStrenge" (ebd. S. 135) zu überwachen. Die Rolle des „Vermittlers"(ebd. S. 136-137)lässt sich als eine Art Claqueur in beide Richtungen beschreiben. Er dient sowohl der Darstellung auf der Bühne, indem er den gewünschten Eindruck unterstützt, als auch der Kontrolle der Darstellung.Um auf der Vorderbühne einen vorteilhaften Eindruck gegen Denunzianten und Kontrolleure bewahren zu können, müssen alle Ensemblemitglieder konform, beherrscht und achtsam handeln. „Ensemble-Verschwörungen" (ebd. 162-163)bezeichnen geheime Kommunikationsformen im Sinne von Regieanweisungen, die Ensemblekollegen vom Publikum unbemerkt austauschen, um die gegenseitige Vorstellung unter anderem vor Enthüllungen zu schützen. Allerdings sind sowohl das Publikum als auch die Außenseiter innerhalb ihrer Rolle bis zu einem gewissen Grad bestrebt, die Darstellung auf der Bühne zu sichern. So gebietet es der „Takt"(ebd. 210), nicht ohne Vorwarnung an die Darsteller die Hinterbühne zu betreten, sowie sich während der Vorstellung möglichst ruhig zu verhalten, aber auch Fehler, die von den Darstellern begangen werden, bis zu einem gewissen Maß unbeachtet lassen zu können. Sowohl das Publikum als auch die Schauspieler sind in diesem Sinne aufeinander angewiesen, um eine erfolgreiche Darstellung zu erleben. Der Zuschauer ist bestrebt, von der Rolle überzeugt zu werden (vgl. Langer, 1996, S. 76), um sich einfühlen zu können (Goffman, 1969, S. 211). Und der Darsteller kann überzeugend spielen, wenn sich das Publikum an die Regeln ihrer Rolle hält (vgl. Langer, 1996, S. 76). Zusammengefasst verpflichten sich alle Akteure zur Einhaltung eines bestimmten Ethos, einer Moral dessen Einhaltung nur im Sinne der Rolle nötig ist und das Spiel erst ermöglicht(vgl. Goffman, 1969, S. 230).

„Der ganze Apparat der Selbstinzenierung ist natürlich umständlich; er bricht manchmal zusammen und enthüllt dann seine Bestandteile: Kontrolle über die Hinterbühne, Ensembleverschwörung, Publikumstakt usw. Wenn er aber gut geölt ist, dann bringt er die Eindrücke schnell genug hervor, um uns in einem unserer Realitätstypen gefangenzunehmen - die Vorstellung gelingt, und das fixierte Selbst, das jeder dargestellten Rolle zugeschrieben wird, scheint seinem Darsteller selbst zu entströmen" (Goffman, 1983, S. 231-232).

2.2.1Status der Goffmanschen Theorie

Goffman gilt als eigentlicher Motor der Rollentheorie (Miebach, 2006, S. 101). Seine soziologische Handlungstheorie findet bis heute Verwendung und fandebenfalls Eingang in die Sozialpsychologie. Mummendey (1995) erarbeitete eine Kategorisierung von positiven und negativen Selbstdarstellungstechniken im Sinne der Theorie der Goffmanschen Theorie der Selbstdarstellung. Mit der erstgenannten Form versucht eine Person sich selbst in erhöhender Weise darzustellen, indem sieihrepositiven Merkmale betont. Wenn die Person sich eher entschuldigt oder andere diffamiert, wendet sienegative Darstellungstechniken an (Mummendey, 1995, S. 140-141; vgl. Mummendey, 2006). Somit behalten die Annahmen Goffmans nach derzeitigem experimentell überprüftem Forschungsstand ihre Gültigkeit. Diese Tatsache ist insofern erwähnenswert, daGoffman nahezu unmethodisch vorzugehen scheint. Sein qualitatives Vorgehen wird von ihm kaum reflektiert, so dass seine Methoden bis heute Rätsel aufgeben (Willems, 1997, S. 290).

Kritik an seinem Ansatz formuliert Münch (2003), der die Rolle übergeordneter gesellschaftlicher Einflüsse, wie zum Beispiel von Macht oder Herrschaft auf die Individuen (vgl. Münch, 2003, S. 307) in seiner Theorie vermisst. Die Kritik von Haug (1972) geht in die gleiche Richtung, indem sie die allumfassende Anwendbarkeit der Rollentheorie kritisiert. Durch die Rollenmetapher würden alle Menschen ihrer Unterschiede beraubt. Es interessiere weder Herkunft noch Status, sondern lediglich die Art und Weise wie die Rolle ausgefüllt werde (vgl. Haug, 1972, S. 123). So werden die Hintergründe der Interaktionen nicht beleuchtet. Die Rollentheorie verhülle gar den Einfluss von Macht und Herrschaft.

„Es scheint als ob die Welt vorab strukturiert wäre, um im nachhinein die Menschen in Rollen einzusetzen. Als Aggregatzustand der Bühnenhaftigkeit interessieren Autor und Inhalt des vorgegebenen Stücks nicht mehr" (Haug, 1972, S.123).

Mit anderen Worten fragt Goffman nur nach dem Wie, aber nicht nach dem Warum. Wie Goffman selbst einräumt, bleibt der Widerspruch zwischen künstlichem Schauspiel und realer Handlung im Endeeffekt unauflösbar, so dass man die Theatermetaphorik lediglich als Gerüst betrachten sollte. Ein Modell, das man errichtet, um es anschließend wieder auseinanderzunehmen (vgl. Goffman, 1969, S. 232). Was bleibt, ist ein Analyse-Schemata mittels eines soziologischen Beschreibungsinstrumentariums für soziale Interaktionen. Mit Hilfe der hier aufgezeigten Metaphorik lassen sich soziale Situationen beschreiben, in denen sich Menschen vor anderen Menschen darstellen, sich wechselseitig wahrnehmen und ihr Schauspiel ineinander verschränken (vgl. Hitzler, 1998, S. 96). Gerade der Aspekt der Ausdruckskontrolle bietet eine interessante Perspektive, um selbstverständlich gewordenen Ansichten in Bezug auf das im Verborgenen stattfindende Doping zu verfremden und damit zu neuen Einsichten zu gelangen. In Bezug auf die Ausdruckskontrolle sozialer Akteure stellt sich die Frage nach deren Wahrnehmung im sozialen Umfeld.

2.2.2 Die Rahmentheorie

Goffman (1977) vertieft die Prinzipien seiner „Theorie der Selbstdarstellung im Alltag" in Form der „Rahmenanalyse". Der Fokus liegt nun weniger auf der Dramaturgie des Darstellers, sondern mehr auf derDeutung ihres Spiels. Goffman strebt an, aus der Perspektive eines Neuankömmlings in einer sozialen Situation eine Antwort auf die Frage zu finden: „Was geht hier eigentlich vor?" (Goffman, 1977, S. 35). Er beschreibt die Erfassung der sozialen Umstände, an deren Interpretation der Darsteller sein zielgerichtetes Handeln ausrichtet und damit wiederum für seine Zuschauer eine Interpretation derselben Situation ermöglicht. Menschen versuchen im ersten Schritt, Situationen in denen sie sich befinden, zu deuten, bevor sie darauf durch ihre Handlung im zweiten Schritt antworten. Diese Deutungen erfolgen durch die Analyse von „Rahmen" (Goffman, 1977, S. 19). Je nach dem, welche Rahmen das Individuum aufgrund von Deutungen sozialer Symbole identifiziert, vermutet es, welche Handlungen ihm aufgrund der gedeuteten Beobachtung erlaubt sind und welche aus dem Rahmen fallen würden (vgl. Soeffner, 2004, S. 164).

„Durch jene metakommunikativen Beigaben erhält tendenziell jeder

Kommunikationsakt eine fiktionale Qualität: Ich muß anzeigen, daß etwas so und

nicht anders gemeint ist, weil es auch anders gedeutet werden könnte(Soeffner, 2004 , S. 170-171).

So gilt es zum Beispiel, für das Individuum zu klären, ob eine bestimmte direkte oder indirekte Verhaltensaufforderung aus Sicht des Adressaten ernst zu nehmen oder aber als ironischen Ursprungs zu werten ist. Im ersten Fall würde die Person aufgrund von identifizierten, symbolischen Äußerungen oder Gesten der Aufforderung Folge leisten und im zweiten Fall womöglich lediglich darüber lachen, ohne weitere Handlungen folgen zu lassen. In beiden Fällen wirkt das Individuum zurück auf seine soziale Umwelt. Aufgrund der individuellen Deutung der Situation und der darauffolgenden Handlung „hat das Individuum die Möglichkeit, der Rahmung eine persönliche Note zu verleihen und damit die anderen Interaktionsteilnehmer zu reizen, daraufzu reagieren" (Miebach, 2006, S. 66). Erfolgreiches Handeln im Sinne der Durchsetzung individueller, strategischer Interessen setzt im Endeffekt eine Identifizierung des geltenden Rahmens voraus, in welchem die Interaktion stattfindet (vgl. Willems, 1997, S. 40). Somit kann ein „Rahmen"(ebd. S. 113) vereinfacht als Schemata symbolhafter sozialer Normen verstanden werden, wohingegen die „Rahmung"(ebd.) die Interpretation dieser Normen und die darauffolgende Handlung meint. Willems (1997, S. 46) versteht die Begriffe als „sozialen Sinn und sinnaktualisierende Praxis". Während der Rahmen relativ stabil erscheint, kann eine unpassende Rahmung zu einem Verhalten führen, das aus dem Rahmen fällt.

Wie bereits bei der Ausdruckskontrolle beschrieben, bemühen sich die Darsteller, einen gewünschten Eindruck bei ihrem Publikum zu hinterlassen. Unter Eindrucksmanagement kann in diesem Zusammenhang verstanden werden, eine Situation im Sinne der eigenen Ziele zu rahmen. Somit kommt es zu einem „Wettbewerb zwischen den Akteuren und Gruppen, die verschiedene Techniken der Rahmung einer Situation voll ins Spiel zu bringen und zwar so, wie es für ihre Ziele am günstigsten ist" (Münch, 2003, S. 285). Rahmungen einer Situation werden insofern wiederum dramaturgisch produziert. Als Deutender bildet sich aus vielen Handlungseindrücken ein Sinnmuster heraus, als Handelnder fügt sich aus vielen Teilhandlungen eine Darstellung zusammen (vgl. Soeffner, 2004, S. 174). „AlleInterakteure bilden [...] im Norm- und Normalfall ein Team im Dienst der »Framing Order«" (Willems, 1997, S. 67).Dazu gehören - wie bereits bei der Theorie der Selbstdarstellung angedeutet - „dramaturgische Loyalität [...], dramaturgische Disziplin [...] und dramaturgische Sorgfalt [...] " (Goffman, 1969, S. 193-198).

Das Rahmenkonstrukt vermag in Erweiterung zur Theatertheorie nicht nur Interaktionen in der empirisch vorliegenden Gegenwart zu untersuchen, sondern auch in ihrem historischen Verlauf. Das zeigt sich beispielhaft an der Überführung einer sozialen Situation in einen anderen Interaktionskontext. Goffman führt dies unter anderem am Beispiel des Sports vor. Ein ursprünglicher Kampf zwischen Menschen wird mittels eines Systems von Konventionen in einen Wettkampf überführt bzw. moduliert (vgl. Goffman, 1977, S.69). Im Falle eines Faustkampfes, der von allen Beteiligten als dieser wahrgenommen wird, spricht Goffman von einem „primären Rahmen" (ebd. S.31) als wirkliche Erfahrung. Ein sportlicher BoxWettkampf hingegen bildet den primären Rahmen einer kämpferischen Auseinandersetzung nach, lässt sich nun allerdings von seinen Interaktionspartnern als etwas anderes interpretieren (vgl. Wittmann, 2007, S. 85), nämlich als Sport. So verhindern die Regeln, dass die Sportler beim Versuch, die Interaktionen auf dem Spielfeld zu deuten, ihre Handlungen vor dem Hintergrund einer reellen kämpferischen Auseinandersetzung bis zum blutigen Ende ausführen. Im historischen Verlauf ändert sich zum Beispiel im Hinblick auf den RegelRahmen der Grundsatz von,alles ist erlaubt' bis hin zu einer gegenwärtigen Definition davon, was einen Regelverstoß darstellt und wie dieser geahndet wird (Goffman, 1977, S. 69). Eine weitere Transformation von ursprünglichen, daher primärenRahmen, führt er mit dem Begriff der „Täuschung"(Goffman, 1977, S. 98)an. Diese Umdeutung ist gegeben, wenn ein Täuschender andere Interaktionsteilnehmer hinters Licht führt und sie somit zu Getäuschten macht. Zur Wahrung der Ziele des Darstellers wird es in diesem Zusammenhang notwendig, den Zuschauern einen unwahren Eindruck davon zu vermitteln, was vor sich geht (vgl. ebd.). Wenn ein Sportler dopt, dieses öffentlich aber nicht zugibt, wird die Analogie zur Täuschung im Goffmanschen Sinne offensichtlich.

Zusammengefasst geht es Goffman darum, die handlungsleitenden Rahmen zu analysieren und damit zu identifizieren. „Man muß sich ein Bild von dem oder den Rahmen einer Gruppe, ihrem System von Vorstellungen, ihrer »Kosmologie« zu machen versuchen [...] (Goffman, 1977, S. 37). Die Rahmenanalyse vertieft das Beschreibungsinstrumentarium für soziale Interaktionen, das Goffman innerhalb seiner Theatertheorie entwickelt hat. Der Fokus liegt nun insbesondere auf dem Rahmungswettbewerb der sozialen Akteure um die Verwirklichung ihrer persönlichen Ziele. „Was Goffman lehrt, ist die Ökonomie des symbolischen Eindrucksmanagements" (Münch, 2003, S. 306). Gerade dieser Aspekt erweist sich als fruchtbar für die Analyse der Dopingthematik, da es sich dabei nicht um etwas Feststehendes, sondern um ein verhandeltes Gut handelt.Davon ausgehend, dass soziale Interaktionen im Rahmen massenmedialer Vermittlung auf der Grundlage theatraler Metaphoriken beschrieben werden kann, soll versucht werden, dieses theoretische Konzept für das Dopingphänomen nutzbar zu machen. Um jedoch einen Erkenntniszuwachs durch einen »Verfremdungseffekt« zu erzielen, bedarf es eines zusätzlichen erkenntnisgenerierenden Ansatzes, wie auch Früchtl und Zimmermann (2001, S. 13) betonen. Auf der einen Seite gilt es, der bereits beschriebenen methodischen Rätselhaftigkeit Goffmans Herr zu werden. Da er kaum die Grundlagen seiner empirischen Datensammlung offenlegt[5], ließe sich seine Theorie schwerlich eins zu eins auf die Dopingthematik übertragen. Weiterhin sollen die Defizite einer Beschreibung auf der Oberfläche durch eine stärkere Akzentuierungder gesellschaftlichen Hintergründe sozialer Handlungen innerhalb der medialen Dopingthematisierung herausgearbeitet werden. So bleibt auch die Rahmentheorie trotz ihrer neuartigen historischen Komponente bei der Beschreibung des Ist und erwähnt nicht welche Umstände dazu geführt haben (vgl. Willems, 1997, S. 66). Bei einer soziologischen Analyse des Dopingphänomens interessieren gerade die »Autoren« und deren kommunikative Zielsetzungen in einem Stück namens Leistungssport. Als problematisch zeigt sich dabei jedoch, dass nicht davon ausgegangen werden kann, einen ungehinderten Zugang zu der Hinterbühne des Spitzensports zu erhalten. Die am Spitzensport beteiligten Akteure würden sich infolge dessen als wenig auskunftsfreudig über die Hintergründe einer im Geheimen stattfindenden Praxis zeigen, wonach eine Befragung keinen Erkenntniszuwachs bescheren könnte.

„Es pflegt Situationen zu geben, in denen ein Beobachter auf das angewiesen ist, was er von einem Beobachteten erfahren kann, weil es keine ausreichenden anderen Informationsquellen gibt, und in denen der Beobachtete darauf aus ist, diese Einschätzung zu hintertreiben oder aber unter schwierigen Verhältnissen zu erleichtern. Es können sich hier spielähnliche Überlegungen entwickeln, auch wenn es um sehr schwerwiegende Dinge geht. Es kommt zu einem Wettkampf der Einschätzung. [...] Die Information gewinnt strategische Bedeutung, und es kommt zu Ausdrucksspielen" (Goffman, 1981, S. 18).

Folglich gilt es, die beschriebenen theoretischen Konzepte in Bezug auf diese Ausdrucksspiele zu untersuchen. Dabei sollen allerdings „kollektive Akteure"(Keller, Diskursanalyse, 1997, S. 314)an Stelle von einzelnen oder Gruppen von Akteuren treten. In der soziologischen Perspektive erscheint der Schritt von akteurszentrierten Mikroebene im Sinne Goffmans zu einer gesellschaftlichen Makroebene sinnvoll. Es bedarf eines ergänzenden Konzepts zur methodologischen Umsetzung des Goffmanschen Beschreibungsinstrumentariums sozialer Interaktionen in Bezug auf die Dopingthematik: Die Theorie des Diskurses.

2.3 Die Macht des Diskurses

Die Diskurstheorie -zurückgehend auf den Philosophen Michel Foucault - nimmt als konstruktivistischer Ansatz ebenso wie die Soziologie Goffmansan, dass das menschliche Wissen nicht unmittelbar durch das Individuum erfahren wird, sondern erst durch soziale Bedeutungszuschreibungen zusammengesetzt, folglich konstruiert wird (vgl. Keller, 1997, S. 315).

Wissen wird danach durch eine symbolische Ordnung erzeugt: den Diskurs (vgl. ebd.). Dabei handelt es sich um Vorgänge des Sprechens oder Schreibens, die beispielsweise im wissenschaftlichen Umfeld teilöffentlichen oder im Rahmen massenmedialer Verbreitung allgemeinöffentlichen Charakter besitzen (vgl. ebd. S. 312-314). Ein Diskurs kann somit verstanden werden als „strukturierte und zusammenhängende (Sprach-) Praktiken, die Gegenstände und gesellschaftliche Wissensverhältnisse konstituieren" (Keller, 2005 , S. 182) und dadurch zu einer Etablierung allgemeingültiger, symbolischer Ordnungen führen. Diskurse reduzieren die Vielfalt sozialer Wirklichkeit, indem sie Interpretationsweisen fixieren und stabilisieren (vgl. Keller, 2004, S. 52). In Bezug auf den Diskurs über das Doping schafft die Art und Weise, wie darüber in der Öffentlichkeit gesprochen wird, das Wissen über die Praktik der unerlaubten Leistungssteigerung. Verschiedene, gesellschaftliche Institutionen kommen darin zu Wort, die basierend auf unterschiedlichen Zielsetzungen voneinander abweichende Standpunkte, Meinungen und Ansichten in die Doping-Debatte einbringen können. An diesem Punkt offenbart sich die Ähnlichkeit des Diskurskonzeptes im Sinne Kellers im Vergleich zu den Rahmungswettbewerben Erving Goffmans.„Gesellschaftliche Wirklichkeitskonstruktion ist ein andauernder und fortschreitender Prozeß, in dem kollektive Akteure in einem symbolischen Kampf um die Durchsetzung ihrer Deutungen [...] stehen"(Keller, 1997, S. 314).

Das Diskurskonzept ermöglicht es nun, diese Prozesse analysierbar zu machen. So geht es der „Wissenssoziologischen Diskursanalyse" in Anlehnung an den französischen Philosophen Michel Foucault darum, zu ergründen, auf welche Weise „spezifisches Wissen zur gesellschaftlichen Wirklichkeit wird" (Keller, 2005, S. 190). Äußerungen von sozialen Akteuren werden nicht als einzelne Aussagen, sondern als typisierbares Resultat ihrer sozialen Rolle aufgefasst, da die Äußerungen bestimmten Gemeinsamkeiten und Regeln ihres jeweiligen historischen Umfelds unterliegen (vgl. ebd. S. 182). Somit werden auch hier soziale Akteure als Rollenspieler verstanden (vgl. ebd. S. 212), die durch den Diskurs Auskunft über Institutionen und Organisationen geben, in denen sie sich befinden (vgl. Keller, 1997, S. 319). Somit kann auch das soziologische Rollen-Vokabular Goffmans für eine „Analyse der Strukturierungen von Sprecherpositionen in Diskursen genutzt werden"(Keller, 2005 , S. 212).Innerhalb des Diskurses fungiert einVerbotdabei als eine Kontrollinstanz. Diejenigen Akteure, die eine entscheidende Rolle innerhalb eines Diskurses ausüben, sind in der Lage, anderen Diskursteilnehmer die Grenzen des Äußerbaren aufzuzeigen und üben damit Macht aus (vgl. Foucault, 2003, S. 11).„Macht entscheidet also darüber, was wer - vor einem Horizont unendlicher Möglichkeiten des Sag- und Machbaren - darf und was nicht" (Karis, 2008, S. 39).Unabhängig von den getätigten Äußerungen ist man nur dann „im Wahren [...], wenn man den Regeln einer diskursiven »Polizei« gehorcht, die man in jedem seiner Diskurse reaktivieren muss" (Foucault, 2003, S. 25).Die Konstruktion von Wirklichkeit gleicht demnach einem zyklischen Prozess. In den Diskursen gestalten die Akteure gleichsam ihre Welt nach den Regeln des Diskurses (vgl. Sarasin, 2005, S. 105), wodurch in jedem Diskurs die geltenden Regeln aktualisiert werden (vgl. Foucault, 2003, S. 25).

Ziel der Analyse ist nun die Rekonstruktion dieses Regelwerks der Bedeutungsgenerierung(vgl. Keller, 2004, S. 44). Die Aufgabe der Diskursanalyse definiert sich als Suche hinter „widersprüchlichen Argumenten, Aussagen und Meinungen [...] nach dem Algorithmus [...], mit dem bestimmte Aussagen generiert und andere ausgeschlossen werden können" (Sarasin, 2005, S. 110). Auf diese Weise lassen sich Denkstrukturen einer Epoche identifizieren (vgl. ebd. S. 71), die in bestimmten „Schemata" (Foucault zitiert nach Sarasin, 2005, S. 109) vorliegen. Aufgrund der Ähnlichkeit zu Goffman lassen sich diese Strukturen auch als die Rahmen des Diskurses identifizieren (vgl. Keller, 1997, S. 315). Diskursrahmen legen somit im Endeffekt Machtstrukturen offen, die auf den Diskurs und deren Produktion von Wissen einwirken. Wissen ist dabei als eine Tatsache zu verstehen, die in einer Gesellschaft zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt als wahr akzeptiert wird (vgl. Seier. 1999, S. 77). Insofern wirkt der Diskurs auf machtvolle Weise, da er soziale Wirklichkeit erschafft, indem er Wissen produziert (vgl. Seier, 1999, S. 76-77). Nach Foucault ist in Bezug auf den Diskurs nicht das bessere Argument, sondern das mächtigere von zentraler Bedeutung (Tümpler, 2007, S. 15). „Der Diskurs [...] ist dasjenige, worum und womit man kämpft; er ist die Macht, deren man sich zu bemächtigen sucht" (Foucault, 2003, S. 11). Macht ist insofern dafür verantwortlich, was gemacht oder gesagt werden darf und was nicht (vgl. Karis, 2008, S. 39). Dabei geht es nicht um eine analytische Identifizierung einer Macht, sondern von Machtverhältnissen (vgl. Engelmann, 1999, S. 191). Foucault spricht in diesem Zusammenhang auch von „Kräften", die sich auf einer ortlosen „Bühne" (Foucault zitiert nach Sarasin, 2005, S. 118-119) in den Diskursen gegenüberstehen. Zusammenfassend macht sich die Diskursanalyse auf die Suche nach dem Prozesshaften, also immer wieder veränderlichen Strukturen, die den Diskurs hervorbringen und fragt zweitens nach ihren gesellschaftlichen Wirkungen. „Es geht um eine Betonung der Materialität des Prozessierens von symbolischen Ordnungen und um ihre wirklichkeitskonstituierenden Effekte" (Keller et. al., 2005, S. 71). Es geht der Diskursanalyse darum, was kommuniziert wurde, Stabilität in Form von Rahmen erlangte, bevor es von einer anderen Rahmung verdrängt wurde (vgl. Sarasin, 2005, S. 106).In Bezug auf die Wahrnehmung des gesamten Spitzensports, dessen Teil das Doping ist, fällt jedoch auf, dass der Großteil der Interaktion zwischen Athlet und Publikum nicht direkt an der Sportstätte, sondern indirekt über die Nutzung massenmedialer Angebote erfolgt. Es stellt sich folglich die Frage nach dem Rahmen der Wahrnehmung. „Medien produzieren, regulieren und modifizieren gesellschaftliches Wissen und üben damit Macht aus" (Karis, 2008, S. 40). In Bezug auf das Doping gilt es deshalb, die Dopingberichterstattung auf ihre Rahmung hin zu untersuchen.

2.4 Die Mediale Vermittlung des Sports

In Bezug auf die Dopingthematik schiebt sich durch die Massenmedien eine „Beobachtungsanordnung zwischen Publikum und Bühne" (Soeffner, 2004, S. 297). Damit bilden diese Institutionen die Ebene, auf der sich die Interaktionen der Akteure und damit ihre Rahmungswettkämpfe nachvollziehen lassen.

[...]


[1] (zitiert nach Fotheringham, 2007, S. 166).

[2] (zitiert nach Haupt & Pfeil, 02.08.2007, S. 18).

[3] Bereits die Griechen griffen vor über 2000 Jahren auf Kräuter, Pilze und Stierhoden zurück (vgl. Christensen, 1999, S. 5).

[4] Aus Gründen der Lesbarkeit soll in der folgenden Arbeit in der männlichen Form auch die weibliche enthalten sein.

[5] Goffman erläutert lediglich die Wahl seiner Quellen. Neben Bezugnahme auf frühere Forschungsergebnisse (Goffman, 1969, S. 4) bezieht er sich vor allem auf Presseerzeugnisse (Goffman 1977, S. 23). „Diese Daten haben eine schwache Seite. Ich habe sie im Lauf der Jahre aufs Geratewohl gesammelt[...]. Auch hier liegt eine Karikatur einer systematischen Auswahl vor" (Goffman, 1977, S. 24).

Ende der Leseprobe aus 122 Seiten

Details

Titel
Der Skandal ist die Moral - Die Rolle des Dopings in einem Theater namens Tour de France
Untertitel
Warum die öffentliche Verhandlung des Dopings nicht zum Ende, sondern zum Erhalt des spitzensportlichen Theaters führt.
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Sport und Sportwissenschaften an der Universität Kiel)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
122
Katalognummer
V170157
ISBN (eBook)
9783640888559
ISBN (Buch)
9783640888627
Dateigröße
898 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Doping, Tour de France, Michel Foucault, Diskursanalyse, Spitzensport, Erving Goffman, Theatertheorie, Rahmentheorie, Massenmedien, Niklas Luhmann, WADA, NADA, Festina-Skandal, Dopingskandal, Skandaltheorie, Jan Ullrich, Tom Simpson, Sportethik, Epo, Eufemiano Fuentes, Medienskandal, Sportjournalismus, Sportjournalisten, Sportberichterstattung, Dopingdiskurs, Dopingberichterstattung
Arbeit zitieren
Alexander Ohrt (Autor), 2009, Der Skandal ist die Moral - Die Rolle des Dopings in einem Theater namens Tour de France, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170157

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