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Der Skandal ist die Moral - Die Rolle des Dopings in einem Theater namens Tour de France

Warum die öffentliche Verhandlung des Dopings nicht zum Ende, sondern zum Erhalt des spitzensportlichen Theaters führt.

Titel: Der Skandal ist die Moral - Die Rolle des Dopings in einem Theater namens Tour de France

Magisterarbeit , 2009 , 122 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Alexander Ohrt (Autor:in)

Sport - Sportsoziologie
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Angesichts der scheinbar niemals endenden Dopingfälle sämtlicher Spitzensportarten würden Sie dem Zellforscher Werner Franke vermutlich zustimmen, wenn er sagt: „Der Sport ist tot. Doping hat ihn kaputt gemacht. Die Doper haben ihn verraten“. Würden Sie ihm allerdings auch noch zustimmen, wenn Sie bedenken, dass schon die alten Griechen mit Stierhoden gedopt haben und der Publizist Martin Krauss die folgende Gegenfrage stellt: „Geht der Sport kaputt, seit es ihn gibt?“. Selbst die Tour de France erweist sich, allen Dopingenthüllungen der letzten Jahre zum Trotz als quicklebendig.

Wie kann es sein, dass Doping dem öffentlichen Anschein nach den gesamten Spitzensport in Frage stellt, gleichzeitig aber schon immer untrennbarer Teil des sportlichen Spektakels war und ist? Entweder ist Doping gar nicht so schlimm, wie einhellig behauptet wird, oder es stimmt nicht, dass es Doping schon immer im Berufsathletentum gab. Da eine der beiden Annahmen demnach falsch oder nur vorgetäuscht sein kann, gilt es zu überlegen, wo das Dopingphänomen am deutlichsten zu Tage tritt, welche historische Entwicklung dort zu beobachten ist und wer dort möglicherweise falsch spielt. Es stellt sich die Frage nach der Rolle des Dopings in einem Theater namens Tour de France.

Im gesamten Spitzensport stellt es sich als unwahrscheinlich heraus, dass moralisches Verhalten auf der ersten Bühne, als der Ebene der Sportler, eine Rolle spielt. Erstens fordert das Drehbuch die Athleten zu unmoralischem Verhalten auf, da die Prämien auf Basis der Leistung und nicht der Moral vergeben werden. Kein Profi-Sportler könnte davon leben, ein erfolgloser Moralist zu sein. Zweitens ist der Profi-Radsport nur auf zweiten, medialen Bühne innerhalb des Dopingdiskurses mit der olympischen Ethik in Berührung gekommen.

Die Massenmedien tragen indirekt dazu bei, dass Doping dem Spitzensport erhalten bleibt, weil sie spannende, verkaufbare Geschichten erzählen müssen. Spannung verspricht das Außergewöhnliche und das Überraschende. Indem sie die Doping-Praktiken anklagen, statt sie als tatsächlichen Regelfall zu akzeptieren, implizieren sie, dass es eine Moral im Spitzensport gibt. So bewahrt paradoxerweise eine rituelle Verurteilung einzelner Sportler, Sportarten und –Verbände auf moralischer Grundlage die Verwertungskette des Spitzensports.

Der Spitzensport kann im Gegensatz zum Freizeit-Sport, somit nicht durch Doping sterben, da er in Bezug auf eine tatsächliche Moral niemals lebendig war.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

1.1 Versuch einer Doping-Definition

1.2 Abgrenzung zu nicht behandelten Aspekten

2. THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN

2.1 Einführung

2.2 Theorie der Selbstdarstellung im Alltag

2.2.1 Status der Goffmanschen Theorie

2.2.2 Die Rahmentheorie

2.3 Die Macht des Diskurses

2.4 Die Mediale Vermittlung des Sports

3. REKONSTRUKTION DISKURSIVER DOPINGPRAXIS BEI DER TOUR DE FRANCE

3.1 Die Gründung der Tour de France

3.2 Rahmung I: Der noch uneingeschränkteDopingdiskurs

3.2.1 Festlegung des Anforderungsprofils

3.2.2 1924 - Die Affäre Péllissier

3.2.3 Hauptsache im Gespräch

3.2.4 Etablierung des politischen Schemas

3.3 Rahmung II: Kurzfristige Problematisierung eines Kavalierdeliktes

3.3.1 Profit- und Dopingmaximierung

3.3.2 1967 - Der Tod Tom Simpsons

3.3.3 Einführung regelmäßiger Kontrollen

3.3.4 Etablierung des Geheimhaltungs- und Opferschemas

3.4 Rahmung III: Kriminalisierung

3.4.1 EPOchaler Radsportboom

3.4.2 1998 – Die Festina-Affäre

3.4.3 Institutionalisierung der Anti-Doping Bemühungen

3.4.4 Etablierung des Kriminalitäts-Schemas

3.5 Rahmung IV: Moralische Verdammung

3.5.1 Das Karriereende von Jan Ullrich

3.5.2 2007 - Patrik Sinkewitz als medialer Doping-GAU

3.5.3 Kommunikationskontrolle

3.5.4 Etablierung des Täter-Schemas

4. ZUSAMMENFASSUNG UNTER BEZUGNAHME AUF DIE ROLLE DER ETHIK

4.1 Der Wandel der Sportethik

4.2 Moral als mediales Konstruktionsprinzip

4.3. Der Medienskandal

5. FAZIT

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht mittels einer rekonstruktiven Diskursanalyse, welche Rolle das Dopingphänomen für den Fortbestand des Spitzensports am Beispiel der Tour de France spielt. Dabei wird analysiert, wie gesellschaftliches Wissen über Doping durch mediale Diskurse konstruiert, verhandelt und aktualisiert wird.

  • Soziologische Theorien zur Rolle und Selbstdarstellung (Erving Goffman)
  • Diskursanalyse zur Identifizierung von Machtstrukturen (Michel Foucault)
  • Rolle der Massenmedien als Konstrukteure der sportlichen Realität
  • Historische Rekonstruktion der Dopingdiskurse bei der Tour de France
  • Analyse von Doping-Skandalen als Mittel zur moralischen Selbstvergewisserung des Systems

Auszug aus dem Buch

3.1 Die Gründung der Tour de France

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beginnt die französische Mittelklasse dank sinkender Arbeitszeiten und steigender Löhne, sich für Sport im Allgemeinen und Radsport im Speziellen als eine Form der Freizeitgestaltung zu interessieren (vgl. Thompson, 2006, S. 9). So entsteht die erste professionalisierte Sportart neben dem Boxen (vgl. Gamper, 15.09.2006) als Konsequenz aus einem lukrativen Markt für Radrennveranstalter, dem Kampf der Fahrradindustrie um die besten Sportler und dem finanziellen Interesse der Athleten, bereits um 1895 (vgl. Schröder, 2002 S. 40). Dank ihrer umfangreichen Berichterstattung leisten die Massenmedien einen erheblichen Beitrag für die Professionalisierung des Radrennsports, indem sie aufgrund der leistungs- und fortschrittsbezogenen Charakteristiken des Radsports das vorhandene Interesse des Publikums bedienen und noch weiter steigern. „Die sportlichen ‚Fortschritte‘ sind einfach so faszinierend oder gar abstoßend, daß die Presse zur Popularität der Radprofessionals geradezu beitragen muß“ (Rabenstein, 1996 , S. 89).

Aus Sicht der Rennveranstalter wird es durch ein Überangebot an Steher-, Sechstagerennen oder Distanzfahrten immer schwieriger, die Unterhaltungslust des Publikums zu befriedigen. Zwei Unternehmer stehen sich gegenüber. Auf der einen Seite befindet sich Pierre Giffard, Chefredakteur der Le Vélo, der mit täglich 80.000 verkauften Exemplaren größten Sportzeitung Frankreichs. Giffard ist ebenfalls Veranstalter der Langstreckenrennen Paris-Brest-Paris, Paris-Roubaix und Bordeaux-Paris über Distanzen von rund 600-1200 Kilometern(vgl. Renggli, 2000, S. 141). Ihm gegenüber steht Henri Desgrange, Chefredakteur der Sportzeitung L’Auto. Beide realisieren, dass nur eine der beiden Sportzeitschriften den gegenseitigen Verdrängungswettbewerb überleben kann (vgl. Krämer, 1998, S. 11).

Zusammenfassung der Kapitel

1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet die öffentliche Aufmerksamkeit für das Dopingphänomen und formuliert die Forschungsfrage nach der Rolle des Dopings für den Spitzensport.

2. THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN: Dieses Kapitel führt soziologische Theorien wie die Rollentheorie und Rahmentheorie von Goffman sowie die Diskurstheorie von Foucault ein, um das mediale Verhalten im Sport zu analysieren.

3. REKONSTRUKTION DISKURSIVER DOPINGPRAXIS BEI DER TOUR DE FRANCE: Der Hauptteil rekonstruiert historisch die Entwicklung des Dopingdiskurses anhand verschiedener Phasen und Rahmungen, von der Gründung bis zur Kriminalisierung und moralischen Verdammung.

4. ZUSAMMENFASSUNG UNTER BEZUGNAHME AUF DIE ROLLE DER ETHIK: Hier wird der Wandel der Sportethik zusammengefasst und die mediale Konstruktion von Moral im Kontext von Skandalen kritisch reflektiert.

5. FAZIT: Das Fazit resümiert, dass Doping als dramatisierendes Requisit innerhalb des "theatralischen" Spitzensports fungiert und Skandale keine langfristigen tiefgreifenden Änderungen bewirken.

Schlüsselwörter

Tour de France, Doping, Diskursanalyse, Erving Goffman, Rahmentheorie, Spitzensport, Massenmedien, Sportethik, Inszenierung, Skandal, Jan Ullrich, Festina-Affäre, Konstruktivismus, Machtstrukturen, Leistungssteigerung

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht die mediale und gesellschaftliche Behandlung des Dopingphänomens bei der Tour de France als ein diskursiv konstruiertes soziales Theater.

Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Zentral sind die Dynamiken von Selbstdarstellung, mediale Inszenierung von Spitzensport, die Rolle der Ethik sowie die diskursive Konstruktion von "Sauberkeit" und "Sünde".

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Die Forschungsfrage lautet, welche Rolle das Doping für den Fortbestand des Spitzensports spielt und wie sich das gesellschaftliche Wissen darüber durch mediale Diskurse im Zeitverlauf verändert hat.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine rekonstruktive Diskursanalyse, die soziologische Ansätze von Erving Goffman (Rollentheorie/Rahmentheorie) und Michel Foucault (Diskursanalyse) kombiniert.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in vier historische Rahmungsphasen, die den Wandel des Umgangs mit Doping bei der Tour de France von der frühen Ignoranz bis zur modernen Kriminalisierung nachzeichnen.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?

Wichtige Begriffe sind unter anderem Doping-Diskurs, mediale Vermittlung, Bühnenmetaphorik, moralische Verdammung, Machtstrukturen und Skandalisierung.

Warum wird die Tour de France als "Theater" bezeichnet?

In Anlehnung an Goffman wird die Tour als ein soziales Theater verstanden, in dem Akteure (Fahrer, Regisseure/Veranstalter, Publikum) Rollen einnehmen, um eine Dramaturgie der sportlichen Leistung aufrechtzuerhalten.

Welches Fazit zieht der Autor zur Skandalisierung von Doping?

Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Doping-Skandale zwar kurzfristig für öffentliche Erregung sorgen, aber letztlich keine tiefgreifenden systemischen Änderungen bewirken, da sie als notwendiger Bestandteil zur Aufrechterhaltung des "sportlichen Mythos" dienen.

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Details

Titel
Der Skandal ist die Moral - Die Rolle des Dopings in einem Theater namens Tour de France
Untertitel
Warum die öffentliche Verhandlung des Dopings nicht zum Ende, sondern zum Erhalt des spitzensportlichen Theaters führt.
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Sport und Sportwissenschaften an der Universität Kiel)
Note
1,0
Autor
Alexander Ohrt (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2009
Seiten
122
Katalognummer
V170157
ISBN (eBook)
9783640888559
ISBN (Buch)
9783640888627
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Doping Tour de France Michel Foucault Diskursanalyse Spitzensport Erving Goffman Theatertheorie Rahmentheorie Massenmedien Niklas Luhmann WADA NADA Festina-Skandal Dopingskandal Skandaltheorie Jan Ullrich Tom Simpson Sportethik Epo Eufemiano Fuentes Medienskandal Sportjournalismus Sportjournalisten Sportberichterstattung Dopingdiskurs Dopingberichterstattung
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Alexander Ohrt (Autor:in), 2009, Der Skandal ist die Moral - Die Rolle des Dopings in einem Theater namens Tour de France, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170157
Blick ins Buch
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