Die Hausarbeit rekonstruiert einen systematischen Begriff der Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse aus der "Einleitung" (zur Kritik der politischen Ökonomie) von Karl Marx. Ausgehend von einer textnahen Analyse wird herausgearbeitet, was Marx an den politischen Ökonomen seiner Zeit kritisiert, nämlich die Entgeschichtlichung gesellschaftlicher Kategorien, ihre anthropologische Verallgemeinerung und die methodische Abstraktion, die spezifisch bürgerliche Verhältnisse als allgemeine Menschheitsbedingungen darstellt. Darauf aufbauend entwickelt die Arbeit eine eigenständige Typologie der Naturalisierung, die unterschiedliche theoretische Mechanismen und ihre ideologischen Effekte systematisiert.
Abschließend wird dieser marxsche Ansatz mit der Gesellschaftstheorie von Émile Durkheim kontrastiert. Der Vergleich klärt, ob Durkheims Begriff sozialer Tatsachen selbst naturalisierende Momente enthält oder eine alternative Form der Objektivierung sozialer Realität anbietet. Die Arbeit richtet sich an Leser*innen aus Soziologie, Sozialphilosophie und politischer Theorie, die an Ideologiekritik und Methodologie der politischen Ökonomie interessiert sind.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Der Aspekt der Ideologiekritik in der Einleitung von Karl Marx
- 2. Émile Durkheim: Relativität oder Notwendigkeit soziologischer Tatbestände?
- 3. Karl Marx: Die Kritik der politischen Ökonomen in dem Abschnitt „1. Produktion“
- 3.1 Die Robinsonade: eine anthropologisch-genetische Essentialisierung
- 3.2 Die abstraktive Entgesellschaftung der Produktion
- 3.3 Die formtheoretische und die funktionalistische Naturalisierung der Produktion
- 4. Typologie und begrifflicher Hauptbefund
- 5. Die Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse und ihre Kritik bei Karl Marx und Émile Durkheim
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab zu zeigen, dass in Karl Marx' Einleitung zu den Grundrissen eine differenzierte Kritik der Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse zu finden ist, die über den klassischen sozialwissenschaftlichen Ansatz Durkheims hinausgeht. Es wird nachgewiesen, dass Marx' Kritik unterschiedliche Argumentationsmuster mit naturalisierender Wirkung unterscheidet, die Durkheim nur teilweise erfasst, und dass Durkheims eigene Grundannahmen zur Naturalisierung beitragen.
- Marx'sche Kritik der politischen Ökonomen.
- Konzept und Formen der Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse.
- Émile Durkheims soziologische Theorie und seine Kritik an naturalisierenden Argumenten.
- Entwicklung einer Typologie naturalisierender Argumentationsmuster.
- Vergleichende Analyse der Naturalisierungskritik von Marx und Durkheim.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Robinsonade: eine anthropologisch-genetische Essentialisierung
Zu Beginn der Einleitung, die sich grundsätzlich mit der materiellen Produktion beschäftigen soll, konstatiert Marx, dass in Gesellschaft produziert wird. Die „gesellschaftlich bestimmte Produktion der Individuen“ ist dabei zunächst als genitivus subjectivus zu lesen, da in den folgenden Sätzen von vereinzelten Individuen ausgehende Erklärungen der Produktion zurückgewiesen werden. Comninel setzt diese Konzeption gesellschaftlicher Produktion gleich mit einer umfassenderen Idee des Individuums als in Beziehung zur Gesellschaft stehend und sieht diese wiederum als Ergebnis von Marx' Verständnis des sozialen Ganzen als entwickelter Totalität an. Die erste Bestimmung der Produktion als gesellschaftlich ist nach Marx jedoch „natürlich der Ausgangspunkt“ bei der Betrachtung der materiellen Produktion, somit ein selbstverständliches Faktum, das sich aus der Anschauung ergibt. Wie Postone richtig bemerkt, fängt Marx in der Einleitung also mit einer transhistorischen Kategorie an, der gesellschaftlichen Produktion.
In der bürgerlichen Gesellschaft wird unter privater Regie und ohne gesellschaftliche Koordination produziert. Gesellschaftlich ist die Arbeit jedoch in der Hinsicht, dass es eine entwickelte Arbeitsteilung gibt, in der jeder einzelne Privatproduzent im Hinblick auf einen erwarteten gesellschaftlichen Bedarf produziert. Auch die interne Arbeitsteilung ist bereits zu Marx' Zeit weit vorangeschritten, die allermeisten Arbeiten sind Teilarbeiten für ein bestimmtes Endprodukt. Insofern ist die Gesellschaftlichkeit der Arbeit eine offensichtliche Tatsache. Daran anknüpfend stellt sich für Marx die Frage, wieso Smith und Ricardo bei der Erklärung dieser Produktionsweise mit dem „einzelne[n] und vereinzelte[n] Jäger und Fischer [...] beginnen", also gerade unter Absehung von der Gesellschaftlichkeit.
Hierbei ist zunächst zu klären, worauf sich Marx mit dieser These bezieht. Die Hauptwerke von Smith und Ricardo beginnen nicht tatsächlich mit einem Zustand vereinzelter Individuen, aus welchem dann die gesamte kapitalistische Produktionsweise abgeleitet wird. Sie rekurrieren vielmehr an einzelnen Punkten auf einen urgeschichtlichen Zustand, Marx geht es um die Systematik der dabei von den beiden Ökonomen benutzten Argumente. Ihre Theoreme vereinzelter urgeschichtlicher Individuen seien „phantasielose [...] Einbildungen“ und „Robinsonaden“. Was damit gemeint ist, soll nun in Bezug auf beide Autoren erläutert und überprüft werden.
Smith kommt bei den Themen Tausch und Arbeitsteilung sowie bei der Bestimmung des Warenwerts auf einen urgeschichtlichen Zustand zu sprechen. Hier soll zunächst gezeigt werden, dass Smith in Bezug auf die Arbeitsteilung nach einem Muster argumentiert, welches Marx als Robinsonade zusammenfasst und in Bastiat und Carey etwas ausführlicher kritisiert. In diesem Text ist zu lesen:
Bastiat gibt dagegen phantastische Geschichte, seine Abstraktionen einmal in der Form von Räsonnement und das andremal in der Form von supponierten Ereignissen, die indes niemals und nirgends passiert sind, so wie der Theolog die Sünde einmal als Gesetz des menschlichen Wesens, das andremal als die Geschichte vom Sündenfall behandelt.
Diese Kritik lässt sich folgendermaßen auf Smith übertragen. Im Ausgangspunkt beobachtet er eine Spezialisierung verschiedener Individuen in der Produktion, die er unter der Abstraktion Arbeitsteilung begrifflich fasst. Aus dieser für sich nicht falschen Abstraktion wird ein ‚Räsonnement‘, indem das beobachtete Phänomen zur anthropologischen Eigenschaft gemacht wird: „so it is this same trucking disposition which originally gives occasion to the division of labour". Bei dieser Art der Erklärung eines Gegenstandes als Äußerung einer dem Menschen innewohnenden Kraft wird eine tautologische Reflexion vorgenommen, da die Kraft denselben Inhalt hat wie die zu erklärende Äußerung. Solche essentialisierenden Behauptungen nennt Marx in der Einleitung „Naturalismus“. Um sie plausibel zu machen, werden dann ‚supponierte Ereignisse‘ angeführt:
In a tribe of hunters or shepherds a particular person makes bows and arrows, for example, with more readiness and dexterity than any other. He frequently exchanges them for cattle or for venison with his companions; and he finds at last that he can in this manner get more cattle and venison than if he himself went to the field to catch them. From a regard to his own interest, therefore, the making of bows and arrows grows to be his chief business, and he becomes a sort of armourer.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: Der Aspekt der Ideologiekritik in der Einleitung von Karl Marx: Dieses Kapitel führt in Marx' Kritik der politischen Ökonomie ein, indem es die Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse in seiner "Einleitung" als zentrales Thema hervorhebt und die beiden Hauptthesen der Arbeit vorstellt.
Kapitel 2: Émile Durkheim: Relativität oder Notwendigkeit soziologischer Tatbestände?: Hier wird Durkheims Vorstellung des Sozialen als eigenständigem Gegenstandsbereich analysiert und das scheinbare Paradox zwischen der Relativität sozialer Gesetze und dem unveränderlichen Zwang soziologischer Tatbestände beleuchtet.
Kapitel 3: Karl Marx: Die Kritik der politischen Ökonomen in dem Abschnitt „1. Produktion“: Dieser Hauptteil rekonstruiert detailliert Marx' Einwände gegen verschiedene naturalisierende Argumentationsmuster der politischen Ökonomen, darunter die "Robinsonade", die abstraktive Entgesellschaftung sowie die formtheoretische und funktionalistische Naturalisierung der Produktion.
Kapitel 4: Typologie und begrifflicher Hauptbefund: In diesem Kapitel wird eine Typologie der Naturalisierung auf Basis von Marx' Kritik entwickelt, die Argumentationsweisen nach Modus, Begründungsform und Bezug zur Geschichte klassifiziert, und die zentralen begrifflichen Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst.
Kapitel 5: Die Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse und ihre Kritik bei Karl Marx und Émile Durkheim: Das Schlusskapitel vergleicht die Typologie der Marxschen Naturalisierungskritik mit Durkheims Position und zeigt auf, welche Formen der Naturalisierung Durkheim unberücksichtigt lässt und inwiefern seine eigene Methodik dem Begriff der Naturalisierung unterliegt.
Schlüsselwörter
Karl Marx, Émile Durkheim, Naturalisierung, Ideologiekritik, politische Ökonomie, gesellschaftliche Verhältnisse, Robinsonade, Arbeitsteilung, Kapitalismus, Soziologie, Historizität, Funktionalismus, Formtheorie, Abstraktion, Werttheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Kritik der Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse bei Karl Marx und Émile Durkheim, insbesondere durch eine detaillierte Analyse von Marx' "Einleitung" zu den Grundrissen und einem Vergleich mit Durkheims soziologischem Ansatz.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Ideologiekritik, das Konzept der Naturalisierung in den Sozialwissenschaften, die Theorien von Karl Marx und Émile Durkheim sowie die Systematik naturalisierender Argumentationsmuster in der politischen Ökonomie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, dass Marx in seiner "Einleitung" eine differenzierte Kritik der Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse formuliert, die über Durkheims Ansatz hinausgeht, und zu zeigen, dass bestimmte Annahmen Durkheims selbst unter den Begriff der Naturalisierung fallen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine vergleichende und rekonstruktive Methode, indem sie Marx' Kritik der politischen Ökonomie rekonstruiert und diese mit Durkheims Theorien konfrontiert, um unterschiedliche Formen der Naturalisierung zu identifizieren und zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil der Arbeit behandelt ausführlich Karl Marx' Kritik an verschiedenen Argumentationsmustern der politischen Ökonomen, darunter die "Robinsonade" als anthropologisch-genetische Essentialisierung, die abstraktive Entgesellschaftung der Produktion und die formtheoretische sowie funktionalistische Naturalisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Karl Marx, Émile Durkheim, Naturalisierung, Ideologiekritik, politische Ökonomie, gesellschaftliche Verhältnisse und Arbeitsteilung.
Was ist die "Robinsonade" im Kontext der Marxschen Kritik?
Die "Robinsonade" bezeichnet bei Marx eine Form der Naturalisierung, bei der essentialisierende Behauptungen über das menschliche Individuum durch eine fiktive historische Genese vereinzelter Einzelner belegt werden sollen, um gesellschaftliche Phänomene als naturgegeben darzustellen.
Wie unterscheidet sich die Naturalisierungskritik von Marx von der Durkheims?
Marx' Kritik unterscheidet verschiedene Argumentationsmuster mit naturalisierender Wirkung (anthropologisch-genetisch, abstraktiv, formtheoretisch, funktionalistisch), während Durkheims Kritik sich primär auf die explizite Behauptung der Natürlichkeit sozialer Tatbestände konzentriert und andere implizite Naturalisierungsformen tendenziell ignoriert.
Welche scheinbaren Widersprüche gibt es in Durkheims Charakterisierung soziologischer Tatbestände?
Durkheim betont einerseits die Relativität und Veränderbarkeit sozialer Gesetze, fasst andererseits aber Zwang als allgemeingültiges und unabänderliches Faktum soziologischer Tatbestände auf, was einen scheinbaren Widerspruch zwischen Relativität und Notwendigkeit erzeugt.
Welche Argumentationsmuster der politischen Ökonomen kritisiert Marx im Detail?
Marx kritisiert die "Robinsonade" (anthropologisch-genetische Essentialisierung), die abstraktive Entgesellschaftung der Produktion (Reduktion auf stofflich-technische Bestimmungen), und die formtheoretische sowie funktionalistische Naturalisierung (Behauptung überhistorischer Naturgesetze und Notwendigkeit für gesellschaftliche Prozesse).
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- Anne Weber (Autor), 2026, Die Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse und ihre Kritik in der "Einleitung" von Karl Marx, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1701781