Erich Kästner: „Fabian“, in der Zeitungsredaktion – eine Analyse


Referat / Aufsatz (Schule), 2009

3 Seiten


Leseprobe

Erich Kästner
„Fabian"

In der Zeitungsredaktion

Analyse von Tim Blume

Der vorliegende Auszug des Romans „Fabian“, geschrieben von Erich Kästner, wurde im Jahr 1931 veröffentlicht. Die Handlung spielt vor dem Hintergrund der Weimarer Republik, die von großen gesellschaftlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit und Straßenschlachten gekennzeichnet war.

Der Textauszug „spielt“ in einer Zeitungsredaktion, in der angestrengt gearbeitet wird. Chefredakteur Münzer gibt seinem Personal Anweisungen und wählt selbst Nachrichten aus. Als der Volontär mit dem Künstlernamen „Doktor Irrgang“ Text aus einem Artikel streichen musste, fragt er Münzer, was nun zu tun sei. Dieser erwidert, dass man den freien Raum füllen müsse, aber statt auf einen neue Nachricht zu warten, erfindet er eine über Straßenkämpfe in Kalkutta. Irrgang und Fabian, ein weiterer Mitarbeiter, sind darüber schockiert, doch Münzer erklärt, dass eine Meldung, deren Unwahrheit nicht oder erst nach Wochen festgestellt werden kann, wahr ist. Gegen Ende des Textes gibt Münzer noch an, dass die bequemste öffentliche Meinung immer noch die Meinungslosigkeit ist.

Die Arbeit in der Redaktion wird auf sehr ungewöhnliche Weise dargestellt. Der Chefredakteur Münzer wird eindeutig als Chef beschrieben, was schon aus dem Anfang der Textpassage hervorgeht: „Er riss eine Tür auf [...]“. Münzer steht hoch oben über seinen Mitarbeitern; wenn er das Büro betritt, will er wissen, ob es „Was Wichtiges“ gibt. Weiterhin kommandiert Münzer seine Mitarbeiter: Die Texte sollen sofort getippt und dann zu ihm gebracht werden. Der Chefredakteur wählt dabei selbst aus einem Haufen neu eingegangener Meldungen wahllos einige aus und schneidet sie wiederum nach seiner eigenen Vorstellung zurecht. Die anderen Nachrichten wirft er in den Papierkorb, mit dem Kommentar „Marsch, ins Körbchen“. Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Chefredakteur Nachrichten einfach kürzt und zurechtstutzt und dann auch noch mit den Nachrich- ten wie mit einem Hund redet. Überdies ist es sehr unprofessionell, Nachrichten bloß nach eigener Meinung zu sortieren. Damit der Leser wirklich informiert ist, sollte sich der Chefredakteur mindestens eine weitere Meinung einholen.

Als der Volontär mit dem „Künstlernamen“ „Doktor Irrgang“ - unter anderem hier erkennt man, dass das Stück eine Satire ist - noch eine Nachricht benötigt, um fünf Zeilen Platz in einem gekürzten Artikel zu füllen, hofft er darauf, dass im Verlauf des Tages noch „etwas Brauchbares [an Nachrichten]“ hereinkäme. Doch Münzer ist über diese Idee wenig erfreut, vielmehr verspottet er „Doktor Irrgang“: Er hätte besser „Säulenheiliger“ werden sollen. Münzer sagt, dass man, wenn man eine Nachricht braucht und keine hat, einfach eine erfinden soll. Ohne nachzudenken schreibt er einige Zeilen nieder und gibt diesen Text Doktor Irrgang. Als er und Fabian den Text lesen, sind sie entsetzt, denn Münzer hat eine Nachricht über Straßenkämpfe in Kalkutta erfunden, in denen es 14 Tote und 22 Verletzte geben habe. Das Verhalten des Chefredakteurs ist auch hier wieder sehr ungewöhnlich. Eine Zeitung soll den Leser über aktuelle Ereignisse unterrichten und nicht mit ausgedachten Nachrichten locken. An diesem Beispiel wird aber auch der Charakter der Satire noch einmal klar: Erich Kästner stellt das Verhalten Münzers überspitzt dar. Zudem verwendet er die Übertreibung: Münzer kommandiert alle, Münzer belügt alle (die Leserschaft der Zeitung), Münzer handelt ganz so, wie es ihm gefällt. Später redigiert der Chefredakteur die Rede des Reichskanzlers und streicht dabei halbseitenlange Textpassagen nach seinen Vorstellungen. Im letzten Satz der Textpassage wird Münzers Absicht deutlich: Als Fabian fragt, warum das Blatt nicht eingestellt wird, da es doch eh nur nach Wünschen Münzers gestaltet ist, fragt dieser, wovon man leben solle, wenn man den Verkauf einstelle. Hier wird deutlich, dass es Münzer einzig und allein ums Geld geht.

Abschließend kann man sagen, dass die Redaktion sehr ungewöhnlich aufgeteilt ist: Der Chef Münzer hat seine Laufburschen und Stenotypistinnen, die alles in Windeseile erledigen müssen. Er selber aber nimmt sich aus einem Haufen von Texte einige wenige heraus und zerschneidet diese nach seinen Wünschen. Auch schreckt er nicht davor zurück, seine Leser anzulügen; so kann eine Meinungsbildung durch die Zeitung nicht gewährt werden. Aber diese übertriebenen Darstellungen sind gerade die Teile, die eine Satire ausmachen. Chefredakteur Münzer ist die treibende Kraft, die dafür sorgt, dass aus einem „normalem Text“ eine Satire wird.

Die vermutliche Absicht des Autors liegt darin, die Zustände zur Zeit der Weimarer Republik darzustellen. Diese Zeit war geprägt von großen gesellschaftlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit und Straßenschlachten. Möglicherweise war auch die Zensur ein Problem. Durch den Text versucht Erich Kästner dabei dem Leser deutlich zu machen, dass die Zensur gerne etwas wegstreicht oder neue Dinge erfindet, die ihr gefallen. Im Text könnte dann Münzer als Chefredakteur, der über den Mitarbeitern steht, diese Zensur verkörpern. Auch die Zensurbehörde steht über den „Mitarbeitern“, den Zeitungsradaktionen. Die Zensurbehörde streicht dann Sachen, die sie für falsch erachtet, so wie es Münzer tut. An anderer Stelle werden dann Nachrichten erfunden, beispielsweise zu Propagandazwecken. Auch Münzer erfindet Nachrichten. Durch die Zensur wird die Meinungsbildung der Leser unterbunden beziehungsweise verfälscht. Die Zensur beeinflusst die Leser. Auch Münzer weiß, wie man die Leserschaft beeinflussen kann. Diese Absicht der Manipulation wird durch das Lesen des Textes deutlich, die Satire dient dabei verstärkend als Fingerzeig, damit man auf die „verborge Nachricht“ Erich Kästners aufmerksam wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Erich Kästner: „Fabian“, in der Zeitungsredaktion – eine Analyse
Autor
Jahr
2009
Seiten
3
Katalognummer
V170180
ISBN (eBook)
9783640889082
Dateigröße
876 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erich, kästner, zeitungsredaktion, analyse
Arbeit zitieren
Tim Blume (Autor), 2009, Erich Kästner: „Fabian“, in der Zeitungsredaktion – eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170180

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