Die Leiden des jungen Werther - Ein Fragment der Liebe


Bachelorarbeit, 2010
44 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Liebe und Werther
2.1. Die Liebe
2.1.1 Die Liebe als bewusster oder unbewusster Sadist?
2.1.2 Die Leiden der Liebe durch den Liebenden
2.1.3 Die Präsenz der Liebe für den Liebenden
2.1.4 Das Bild der Liebe
2.1.5 Die Symbolik als Zeichen der Liebe und ihren Verlauf?
2.2. Werther als der Liebende
2.2.1 Der Liebende als Masochist
2.2.2 Die Liebe und Sexualität des Liebenden
2.2.3 Die Eifersucht im Brieffragment und der Verzicht des Liebenden auf die Liebe
2.2.4 Die Wege des Liebenden

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“Die Leiden des jungen Werther” ist eines der berühmtesten Werke die es, neben dem “Faust I/ II” von Goethe gibt. Ein Roman voller Lieber, subjektiver Gedanken und schließlich dem Krankhaften Verfall des Protagonisten Werthers, der in seiner Liebe keinen anderen Ausweg als den Selbstmord fand.

Doch wie konnte es soweit kommen? Wie konnte ein Mann der eigentlich im Leben hätte stehen müssen, zu so einer dumm dreisten Tat greifen, um sich von seelischen Schmerzen zu erlösen.

Die Antwort liegt in der Liebe selbst, die Werther zum Masochisten machte und sich selbst als quälendes Sadistisches Wesen entpuppte. Werther war vollkommen übermannt von der Präsenz die für ihn allgegenwärtig war, obwohl die Präsenz der Liebe selbst nur eine Illusion seiner Erinnerungen war, ein Bild, welches sich in sein Herz und Gedächtnis gebrannt hat, um aus jedem Kuss, jeder Schleife und jeder Orange ein Symbol zu machen, welches es für den Leser erst zu entwirren gilt.

Doch es wäre falsch zu behaupten das nur Werther litt, denn auch die Liebe leidet unter der Tat Werthers am Schluss des Romans, wobei hier zu beachten ist, dass nicht nur die leidenschaftliche Liebe zu Lotte gemeint ist, sondern auch jene zu Werthers Freunden und seiner Mutter.

Wo die Liebe ist, da ist auch die Eifersucht, denn „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die Eifer sucht und Leiden schafft.“ Nur im geheimen wird diese negative Eigenschaft des Liebenden thematisiert, doch es ist nicht nur der Liebende selbst, der Eifersucht empfindet, selbst einige andere Hauptfiguren und eine Nebenfigur bringt ihre Eifersucht zum Ausdruck.

Jedoch müsste es nicht zu dieser Eifersucht und dem Drama kommen, hätte Werther seinen Verzicht auf Lotte bis zum Schluss beibehalten, doch seine Liebe und sein Verlangen zogen ihn zurück und auf einen der vielen Wege die ein Liebender beschreiten kann. Einige wenige werden in Reflektionen ähnlicher Hintergrundgeschichten wieder gegeben, einige andere muss der Leser sich denken, oder sich inspirieren lassen, von Roland Barthes, der selbst zu den anderen Themen und der Sexualität mögliche

Interpretationsansätze mit Seinem „Fragment einer Sprache der Liebe“ liefert.

Er bildet den Rahmen durch diese Arbeit, die weitaus weniger fragmentiert ist als Goethes Werther und Barthes Fragmente.

„Die Liebe öffnet die Augen weit, sie mach hellseherisch:…“1 Liebe öffnet die Augen, über die Liebe zu lesen, öffnet das Herz und den Weg in einen Traum, den man selbst leben will.

2. Die Liebe und Werther

2.1. Die Liebe

2.1.1 Die Liebe als bewusster oder unbewusster Sadist?

„Werther stilisiert sie zu einer Ikone…“2 Werther stilisiert Lotte, er macht aus ihr in seiner Verliebtheit etwas heiliges, göttliches, was ebenso dem Leser zeigen soll, dass Lotte eine „schöne Seele“ ist. Ob sie aber wirklich eine „Schöne Seele“, ist zu bezweifeln, da Werther und der Herausgeber subjektiv in ihrer Beschreibung Lottes sind. Der Leser weiß schließlich nicht ob Lotte den wirklich den Beschreibungen Werthers entspricht. Demnach weiß man auch nicht, ob sie wirklich so ein herzensgutes Wesen ist, wie Werther dem Leser (Wilhelm) glauben machen will. Genauso gut kann Lotte auch eine hinterhältige Verführerin sein. Oder eben eine Sadistin, jedoch muss man beachten, ob Lotte den von Anfang, von Werthers Gefühlen zu ihr wusste.

Es ist schwer festzustellen, ob sie sich wirklich seiner Gefühle im vollen Maße bewusst ist. Denn zu Beginn genießt sie seine Besuche und behandelt ihn scheinbar wie einen wirklich innigen Freund. Doch am Schluss kommt ihr Geständnis an dem sie eindeutig sagt, dass sie sich Werthers Gefühlen zu ihr im klarem ist. War ihre Fassade also nur ein Spiel?

„Warum mich, Werther? just mich, das Eigentum eines anderen? just das? Ich fürchte, ich fürchte, es ist nur die Unmöglichkeit, mich zu besitzen, die ihnen diesen Wunsch so reizend macht.“3

Lotte macht in diesem Zitat klar, dass sie um Werthers Gefühle weiß, stellt damit aber auch gleich klar, dass es einfach unmöglich ist. Ein wenig scheint es auch wie ein Geständnis, denn sie sagt ja, dass sie auch weiß, dass es sie ist, die ihm diesen Wunsch reizend macht. Vielleicht versteht Lotte erst in diesem Moment, was ihr Verhalten Werther gegenüber die ganze Zeit ausgelöst hatte. Es könnte natürlich auch sein, dass sie sich damit für alle ihre Taten bei Werther entschuldigen möchte.

Doch was hat Lotte so schlimmes getan dass es zu entschuldigen gäbe? Eine der wohl wichtigsten Szenen, um die Grausamkeit Lottes fest zu machen, ist folgende.

„ „Er soll sie auch küssen“ sage sie und reichte den Vogel herüber. - Das Schnäbelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen, und die pickende Berührung war ein Hauch, eine Ahnung des liebevollen Genußes.“4 Werther sieht diese Berührung des Kanarienvogels, wie ein Kuss der ihm eben dieser von Lotte überreicht, da dieser zuvor mit seinem Schnäbelchen an Lotten Lippen war. Doch dies ist eine Qual für Werther die Lotte bewusst oder unbewusst in ihm auslöst.

„Ich kehre das Gesicht weg. Sie sollte es nicht tun, sollte nicht meine Einbildungskraft mit diesen Bildern himmlischer Unschuld und Seeligkeit reizen und mein Herz aus dem Schlafe in den es manchmal die Gleichgültigkeitkeit des Lebens wiegt, nicht wecken!“5

Es ist eindeutig, dass Lotte, Begierden und Vorstellungen in Werther erweckt, die diesen erfreuen aber auch gleichzeitig quälen. Gratzke beschrieb das Ganze als Gewalttätigkeit von Lotte Werther gegenüber, weil diese ihn zurückweist, einteilt und ihm auch seine Rollte zu weißt, was er besonders deutlich eben in dieser Szene sieht, wo Lotte ihn zum Kanarienvogel macht. 6 Ein Beweis für die zurück Weißung Lottes ist die Szene, in der Lotte Werther erklärt das er erst Donnerstagabend, zum Weihnachtsabend, kommen soll. Sie sagt ihm damit das er auf weitere Besuche bis zu dieser Zeit verzichten soll, erklärt ihm aber auf diese Weise auch, dass er wie ein Verwandter für sie ist, da sie im selben Atemzug erklärt, dass an diesem Abend auch die Kinder und ihr Vater kommen.7

Barthes der die Szene beschreibt, formuliert es so, dass die Grausamkeit dieser Worte, für Werther, nur noch deutlicher zum Ausdruck kommt.

„Werther besucht Lotte, die ihn auffordert, sie vor dem Weihnachtsabend nicht mehr zu behelligen, und ihm damit zum verstehen gibt, daß er seine Besuche einzuschränken hat und seine Leidenschaft künftig keinen Widerhall mehr finden wird: … „8

Im Klartext sagt Lotte zu Werther, dass ihre Beziehung, so, wie sie diese bisher gepflegt hatten, nicht mehr pflegen werden und sie ihn fortan nicht mehr jeden Tag bei sich begrüßen wird. Diese Worte stellen die eigentliche Grausamkeit dar, denn obwohl sie sich der Gefühle, an dieser Stelle, wirklich bewusst ist, stößt sie ihm sinnbildlich einen Dolch in den Rücken und lässt ihn fallen, obwohl sie weiß wie “krankhaft” Werther sie liebt.

Zu sagen Lotte sei eine unbewusste Sadistin ist genauso falsch wie wenn man behauptet, dass ihre sadistischen Züge bewusst von statten gehen. Der Werthertext ist einfach zu fragmentiert um mehr über Lotte und ihr Wissen oder Nichtwissen zu erfahren. Das Fragment lässt viel Spielraum im Bezug auf das “wahre” Wesen Lottes.

„Die Figur Lottes wird neuerdings12 zunehmend kritisch gesehen: Im Extremfall wird sie zur sexuell aggressiven Verführerin umgedeutet13 - dies sicherlich ist eine Überzogene Vorstellung, aber als Korrektur der unkritischen Übernahme der Lotte idealisierenden Wertherchen Perspektive in der älteren geisteswissenschaftlichen Forschung14 ein guter Anstoß zur Revision des LotteBildes hin auf eine mögliche Ambivalenz der Figur.“9

Es ist durchaus nicht falsch in Lotte eine Verführerin oder Sadistin zu sehen, vielmehr dient dies zu einer Erweiterung des Denkens über dieses Bild Lottes, das dank Werther selbst mehr subjektiv als Korrekt ist.

2.1.2 Die Leiden der Liebe durch den Liebenden

Selbstmord entsteht aus fehlender Kommunikation, fehlendem Aufzeigen von Emotionen und vor allem aus fehlendem Kontakt zu jenen Menschen die einem nahe stehen. Das trifft es wohl sehr genau warum diejenigen, die Werther nahe standen, leiden mussten.

Oberflächlich erscheint es so, dass Werther einen ausgeprägten Kontakt zu seinem Freund Wilhelm hatte, doch dem ist nicht, denn ihr Kontakt beschränkt sich nur auf den Briefkontakt. Wäre Wilhelm selbst, Werther nahe gewesen, körperlich, so hätte dieser ihn vielleicht am Selbstmord hindern können, da er die Zeichen wohl wesentlich besser verstanden hätte, aufgrund der Tatsache, dass er Werther eben selbst schon so lange kannte. Selbst Albert, den Werther ja auch als einen Freund sieht, hätte es erkennen können, wenn er nicht zu sehr mit seiner Arbeit beschäftigt gewesen wäre, er hätte dann unter anderem seinen neu gewonnen Freund helfen können, von Lotte los zu kommen. Lotte selbst entzieht Werther den ausgeprägten Kontakt den er mit ich hatte, indem sie ihn abweist und sagt er soll zum Weihnachtsabend kommen und nicht eher, das ist für Werther eine Art Abweisung, die ihn immer näher zur Bestätigung seines “Verschwindens” gibt.

„Während Werther das Gespräch über Weihnachten in das Kindsein und Ganzsein zurückführt, da einen die unerwartete Öffnung der Tür… in paradiesische Entzückung setzte” (102), versucht Lotte, Werther auf einige Zeit zu entfernen, um seinen Zustand zu bessern. Sie hält ihm seine Leidenschaft vor und daß er sich mit Willen zugrunde richte, denn es ängstigt sie, daß er sich nicht mehr will.“10

Für Werther erscheint dies wie eine Ablehnung Lottes ihm gegenüber, da er ihren Kontakt sehnlichste sucht und sie dies bisher immer erwidert hat. Das hinter all dem aber eine tiefgründige Sorge steht, kommt Werther als Liebenden nicht in den Sinn. Dabei ist es Werther selbst, der dies hätte ebenso tun können und das schon wesentlich früher. Er hat es sogar versucht sich von Lotte zu entfernen, ist dabei aber gescheitert, weil ihm bewusst war, dass Lotte ihn wieder begrüßen würde als sei nichts geschehen.

Doch sieht Werther eben jene Worte als ein Signal das er verschwinden soll, doch nicht nur das ist ein Signal, welches er von ihr zu erhalten glaubt. In seinem Zustand, macht Werther Lotte zu einer Schuldtragenden seines Weges. Barthes sagt dazu:

„1. Gegen Ende des Romans trifft Lotte (die selbst ihre Probleme hat) mit einem Wort, das Werthers Selbstmord beschleunigt, schließlich die Feststellung: >>Es kann nicht, es kann nicht so bleiben.<< Auch Werther hätte diese Formel benutzen können, und zwar sehr früh…“11

Es sind aber nicht nur jene Worte die Werther selbst etwas wie eine Bestätigung geben, sondern auch die Taten, die nach diesen Worten resultieren und Lotte ein Schuldgefühl geben. „Das Lotte dem Jungen die Pistole reicht, ist ihm Zeichen, daß sie seinen Entschluss begünstigt. Er fragt nicht ob sie weiß.“12 Wieder denkt Werther nicht daran zu hinterfragen, es fehlt ihm selbst einfach an Kommunikation gegenüber Lotte, doch auch ihr selbst fehlt es an der richtigen Kommunikation. Denn sie selbst ist Unfähig Albert über ihre Sorgen zu berichten. „Als Werther um die Pistolen bitten läßt, ahnt Lotte, dass er sich umbringen will. Ihr gestörtes Verhältnis zu Albert verhindert jedoch, eine Mitteilung ihrer Ängste. Sie kommt zu keinem Entschluß, wie Werther zu helfen wäre.“13

Den einfachen Weg, nämlich Werther die Waffe gar nicht erst auszuliefern, kommt Lotte in ihrer Not nicht in den Sinn. Was am Ende übrig bleibt, ist der bittere Nachgeschmack der Selbstschuld, die sich Lotte geben wird, wenn die Beschreibung ihres Wesens durch Werther und dem Herausgeber selbst, wirklich korrekt ist. „Lotte hört die Schnelle ziehen, ein Zittern ergreift alle ihre Glieder. Sie weckt ihren Mann, sie stehen auf, der Bediente bringt heulend und stotternd die Nachricht, Lotte sinkt ohnmächtig vor Alberten nieder.“14

Die Frage warum Lotte aber ohnmächtig vor Albert niedersinkt beantwortet bei Goethe und Hölderlin, S. 220 Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main, 1992 der Werthertext selbst, denn Lotte kann sich nicht vorstellen wie es ist ohne Werther zu sein. Sie selbst ist sich mit sich selbst einig, dass es ihr schwer fallen wird, ohne ihn leben zu müssen.15

Es ist aber so, das nicht nur Lotte zu leiden hat unter Werthers Selbstmord. Und nicht nur sie wird sich Vorwürfe machen, was seine Tat angeht. Und nicht nur ihr gegenüber findet eine falsche Kommunikation statt. Auch Wilhelm gegenüber wählt Werther die Worte so, dass Wilhelm gar nicht erahnen kann, was in Werther selbst wirklich vorgeht. „Ich danke deiner Liebe, Wilhelm, dass du das Wort so aufgefangen hast. Ja du hast Recht: Mir wäre besser, ich ginge.“16 Wilhelm kann aus diesem Satz nicht heraus lesen das Werther plant sich umzubringen, viel mehr kann er daraus deuten, dass dieser wieder Lotte verlassen will um endlich selbst zur Ruhe zu kommen. Werther hingegen versteht Wilhelms Worte, eben jene dass es besser wäre, er verließe die Gegend in der Lotte lebt, als Aufforderung „mach dem ein Ende und bring dich um“. Erst als Werther seinen endgültigen Abschiedsbrief an Wilhelm schreibt, gelingt ihm zu sagen was er wirklich meint, doch an dieser Stelle ist es zu spät für Wilhelm um noch angemessen zu reagieren (Denn die Zeit in der Werther lebt ist noch nicht von unserem heutigen technischen Fortschritt versehen). „Wilhelm ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Himmel gesehen. Lebe wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Tröste sie Wilhelm! Gott segne euch.“17 Was Werther hier deutlich macht, ist bereits das Wissen darüber das seine Mutter unter seinem Verlust leiden wird, deswegen will er, dass Wilhelm sich um diese kümmert, damit er selbst in Frieden ruhen und sterben kann.

Neben Wilhelm gibt es aber noch einen weiteren Freund Werthers, den er leiden lässt mit seinen Selbstmord und dessen Ausdruck über dessen tat, durch den Herausgeber auch beschrieben wird. Die Rede ist hier von Albert der für Werther, obwohl er ein Rivale ist, auch gleichzeitig ein Freund Werthers geworden ist. Deswegen gilt einer seiner Abschiedsbriefe auch Albert. Jener Abschiedsbrief, der auch eine Entschuldigung gegenüber Albert ist. „Ich habe dir übel gelohnt Albert, und du vergibst mir. Ich habe den Frieden deines Hauses gestört, ich habe Misstrauen zwischen euch gebracht. Lebe wohl! Ich will es enden.“18 Das Werther mit seinen Worten Wahrheit spricht, zeigt sich auf derselben Seite, im Roman, wo Lotte ohnmächtig wird, denn es wird beschrieben das Albert selbst bestürzt von Werthers Handlung ist, was nicht so wäre, wenn dieser in Werther einen Feind oder ein böswilliges Wesen gesehen hätte. Vielmehr sah wohl Albert selbst auch einen Freund in Werther, einen Freund den er nun verloren sah.

Obwohl die Liebe Sadistische Eigenschaften an den Tag legt, ist es auch Werther der kurzzeitig diese Züge offenbart. Immer wieder, vor allem gegen Schluss kündigt Werther an, dass er sterben will und wird. Aber vor allem Lotte gegenüber äußert er diese Tat, weswegen es umso verwunderlicher ist, dass Lotte unfähig ist dem entgegen zu wirken und vernünftig zu handeln. „ „Nein, Lotte”, rief er aus: „ich werde sie nicht wieder sehen!””19 Werther droht hier zum ersten Mal an, dass er sterben will. Dies ist nur eine von vielen Äußerungen die Werther in eine Art Machtposition heben.

„>>Lassen sie mir doch ein klein wenig Ruh, es wird alles werden<<. Sagt Werther im klagenden und drohenden Ton zu Lotte: und das heißt: >>Sie werden mich bald los sein<<: eine Äußerung, die von Wollust geprägt ist, […] durch die Ankündigung des Selbstmordes wird Werther unverzüglich zum Stärkeren der beiden:..“20

Obwohl sich Werther hier als Stärkerer hervortut, reagiert Lotte nicht so, wie es Werther sich wohl im innersten wünschte. Selbst an Weihnachten reagiert sie nicht mit der gewünschten Aktion, viel mehr schließt sie sich in ihr Zimmer ein, was Werther nicht nur traurig und betroffen macht, sondern auch erzürnt.

„ „Lotte! Lotte! Nur noch ein Wort! Ein Lebewohl!” - sie schwieg. - Er harrte und bat und harrte; dann riß er sich weg und rief: “Lebe wohl, Lotte! Auf ewig lebe wohl!” ”21

Es sind die letzten Worte die Werther persönlich mit Lotte wechselt, die letzten Worte die sie von ihm hört, die ihr die grausame Zukunft prophezeien und die Vorahnung über die zukünftigen Geschehnisse erwecken.

2.1.3 Die Präsenz der Liebe für den Liebenden

Die Liebe scheint allgegenwärtig, dem ist aber nicht so, denn es sind nur die Erinnerungen an die Liebe, die allgegenwärtig im Geiste des Liebenden sind. Die Liebe ist in den „Leiden des jungen Werther“ mehr als präsent, zumindest erweckt Werther beim Leser den Eindruck, da er immer wieder von Lotte schwärmt, oder sich eben in eine Frau verliebt, die ihr durch ähnelt und mit der über Lotte reden kann. Er fühlt sich bei dem Fräulein B. aufgehoben, weil sie, so könnte es man zumindest bezeichnen, sein Interesse an Lotte teilt, auch wenn dieses Interesse bei dem Fräulein B von anderer Natur ist, als das Interesse von Werther. Dennoch reflektiert Werther Lotte in das Fräulein B. was sich deutlich in dem Brief vom 20. Januar zeigt, wo er schreibt: „Ein einzig weibliches Geschöpf habe ich hier gefunden, ein Fräulein von B…, sie gleicht Ihnen, liebe Lotte, wenn man ihnen gleichen kann.“22 Doch genauso wie seine Liebe zu Lotte ohne ein gutes Ende ist, ist auch das Ende mit Fräulein B. recht schnell eindeutig. Dies wiederum reflektiert, wie aussichtslos eine Beziehung zu Lotte für Werther, zumindest dann, wenn er jede Frau, der er begegnet an Lotte ermisst.

Jedoch ermisst Werther nicht nur andere Frauen an Lotte, er selbst identifiziert sich mit anderen Menschen, deren Liebesbeziehung ähnlich der seinigen ist. So trifft er einen Bauernjungen, der sich in eine Witwe verliebt, bei der er angestellt ist. Dieser wird zum Schluss jener unglücklichen Liebe zum Mörder.

[...]


1 Barthes, Roland, Fragmente einer Sprache der Liebe, S. 246, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1988

2 Hein Edgar, Interpretation der Leiden des jungen Werther, S. 65, R Oldenburg Verlag GmbH, München, 1991

3 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 88, Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee, gedruckt 2008

4 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 68 f., Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee, gedruckt 2008

5 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 69, Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee, gedruckt 2008

6 Gratzke, Michael, Liebesschmerz und Textlust, S. 128, Verlag Königshausen &Neumann GmbH, Würzburg, 2000

7 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 88, Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee, gedruckt 2008

8 Barthes, Roland, Fragmente einer Sprache der Liebe, S. 208, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main, 1988

9 Bobsin, Julia, Von der Werther Krise zur Lucinde-Liebe - Studien zur Liebessemantik in der deutschen Erzählliteratur 1770-1800, S. 78 f., Max Niemeyer Verlag GmbH & Co. KG, Tübingen, 1994

10 Müllers, Josefine, Liebe, Erkenntnis und Dichtung - Ganzheitliches Welterfassen

11 Barthes Roland, Fragmente einer Sprache der Liebe, S. 220 Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1988

12 Müllers, Josefine, Liebe, Erkenntnis und Dichtung- ganzheitliches Welterfassen bei Goethe und Hölderlin, S. 229, Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main, 1992

13 Bobsin, Julia, Von der Werther-Krise zur Lucinde-Liebe - Studien zu Liebessemantik in der deutschen Erzählliteratur 1770-1800, S. 95, Max Niemeyer Verlag GmbH & Co. KG, Tübingen, 1994

14 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 106, Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee, gedruckt 2008

15 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 91, Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee, gedruckt 2008

16 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 87, Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee, gedruckt 2008

17 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 104, Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee, gedruckt 2008

18 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 104, Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee, gedruckt 2008

19 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 88, Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee, gedruckt 2008

20 Barthes Roland, Fragmente einer Sprache der Liebe, S. 212, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1988

21 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 98, Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee, gedruckt 2008

22 von Goethe, Johann Wolfgang, Die Leiden des jungen Werther, S. 55, Hamburger Lesehefte

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Die Leiden des jungen Werther - Ein Fragment der Liebe
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Basisgeschichten der Liebe
Autor
Jahr
2010
Seiten
44
Katalognummer
V170332
ISBN (eBook)
9783640890880
ISBN (Buch)
9783640890620
Dateigröße
850 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leiden, werther, fragment, liebe, Thema Die Leiden des jungen Werther
Arbeit zitieren
Christine Hirsch (Autor), 2010, Die Leiden des jungen Werther - Ein Fragment der Liebe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170332

Kommentare

  • Gast am 20.6.2013

    Entschuldigen Sie, aber ist es Ihnen nicht peinlich, als Germanistik-Studentin, einen Text ins Internet zu stellen, in dem es vor Fehlern aller Art und sprachlichen Hilflosigkeiten nur so wimmelt. Interessieren würde mich lediglich, ob diese Arbeit von der Universität Erfurt angenommen worden ist und wie er bewertet wurde. Leseprobe:
    "Es ist eindeutig, dass Lotte, Begierden und Vorstellungen in Werther erweckt, die diesen erfreuen aber auch gleichzeitig quälen. Gratzke beschrieb das Ganze als Gewalttätigkeit von Lotte Werther gegenüber, weil diese ihn zurückweist, einteilt und ihm auch seine Rollte zu weißt, was er besonders deutlich eben in dieser Szene sieht, wo Lotte ihn zum Kanarienvogel macht."

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