Der aristotelische Zufallsbegriff im Vergleich zu Thomas von Aquin und Paul Lorenzen


Seminararbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1,7


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Gliederung

1. Einleitung

2. Quellenkapitel
2.1. Die „Physica“ von Aristoteles
2.2. Die „Summa theologiae“ des Thomas von Aquin
2.3. Das „Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie“ von Paul Lorenzen

3. Hauptteil
3.1. Zufall bei Aristoteles
3.2. Zufall bei Thomas von Aquin
3.3. Zufall bei Paul Lorenzen
3.4. Die drei Zufallsbegriffe im Vergleich

4. Schluss

5. Anhang
5.1. Quellenverzeichnis
5.2. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zufall oder Schicksal, eine Thematik, die gar zu oft zu manch hitziger Diskussion und zu verbalen „Bierstubenschlägereien“ verleitet. In dieser Hausarbeit soll der Zufall in den Mittelpunkt des Interesses gerückt werden. Die Frage nach dem Zufall ist gleichzeitig die Frage danach, „was die Welt im Innersten zusammenhält,“.1 Nicht nur Goethe beschäftigte sich mit dieser Frage, sondern seit der Antike wird dieses Thema bearbeitet und ist bis in die heutige Zeit noch nicht abgeschlossen. Aus diesem Grund existiert eine schier unendliche Vielfalt an Schriften. Es wurden drei Werke, die Physik des Aristoteles, die Summe der Theologie des Thomas von Aquin und das Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie von Paul Lorenzen ausgewählt, um sich dem Thema Zufall zu nähern. Das Ziel dieser Arbeit soll nicht sein, den Forschungsstand voranzutreiben, dazu sehe ich mich als Wahlbereichsstudent noch nicht in der Lage, sondern eine Interpretation der jeweiligen Textpassagen, um so zu einem eigenen Zufallsbegriff zu gelangen. Ebenfalls interessant erscheint mir der historische Aspekt und somit die Frage nach einem grundlegenden Wandel des Zufallsbegriffs. Aus diesem Grund und für ein besseres Verständnis der Sichtweisen halte ich es für notwendig, sich zunächst mit den jeweiligen Werken und Autoren in einem Quellenkapitel auseinanderzusetzen.2 Dem schließt sich die jeweilige Darlegung der Zufallsvorstellung an und folglich der Versuch einer eigenen Auslegung des Zufalls.

2. Quellenkapitel

2.1. Die „Physica“ von Aristoteles

Obwohl Aristoteles schon zu seiner Zeit eine herausragende Persönlichkeit war, ist über sein Leben recht wenig bekannt. Es gibt zwar eine beträchtliche Anzahl von Viten, aber deren Historizität muss stark in Frage gestellt werden. Nicht nur durch die teils immense zeitliche Distanz, sondern auch durch starke pro- bzw. anti-aristotelische Haltungen der verschieden Autoren. So beschreibt z.B. Diogénes Laêrtios in „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“ aus dem Jahre 220 n. Chr. Aristoteles als schwach beinigen Mann mit kleinen Augen, der einer klaren Aussprache nicht mächtig wäre.3

Aristoteles wurde 384 v. Chr. in dem ionischen Kleinstaat Stageira auf Chalkidike geboren.

Seine Familie stand in enger Verbindung zum makedonischen Herrscherhaus, da sein Vater Nikomachos Leibarzt der Königsfamilie war. Daher genoss der junge Aristoteles wahrscheinlich eine gute Ausbildung. Jedoch nachdem sein Vater früh verstarb, begab sich der 17-jährige 367 v. Chr. nach Athen, um an der platonischen Akademie zu studieren. Diese Akadamie könnte man vom Ausbildungsniveau her als Harvard der Antike bezeichnen, es war die beste Schule, die die bekannte Antike Welt zu seiner Zeit zu bieten hatte. Vermutlich nahm Aristoteles es aus diesem Grund heraus in Kauf, als Metöke, als Ausländer ohne politische Rechte, in Athen zu leben. Bis 347 v. Chr. studierte er bei Platon, Speusipp, Xenokratis und Eudoxos von Knidos. Er war über zwanzig Jahre, die er in Athen weilte, keineswegs nur Schüler, denn er hielt eigene Vorlesungen an der Akademie und verfasste schon die ersten Entwürfe seiner Ethik, Politik, Rhetorik, Fundamental- und Naturphilosophie. 384 v. Chr. eroberte der makedonische König Philipp II. die gesamte Chalkidike. Dies erschien den Athenern sicherlich als ernste Bedrohung und da die Familie des Aristoteles den Makedoniern nahe stand, hatte er mit Gewissheit darunter zu leiden. Als 347 v. Chr. Platon starb, verließ Aristoteles Athen und begab sich auf Wanderschaft. Unter anderem war er in dieser Zeit der Lehrer von Alexander dem Großen. Nachdem der Widerstand der alliierte Griechen gegen das makedonische Reich 335 v. Chr. mit Theben zusammenbrach, konnte Aristoteles wieder nach Athen zurückkehren, um sich seiner Forschung und Lehre weiter zu widmen. Jedoch kehrte er nicht an die Akademie zurück, sondern unterrichtete im Lykeion am Lykabettos.4 Hier überarbeitete er vermutlich seine ersten Entwürfe, wertete seine Forschungsmaterialien aus und organisierte neue Forschungen. Aristoteles Werke lassen sich in drei Arten untergliedern: die exotorischen Schriften, welche sich an gebildete Laien außerhalb (gr. exo) der Schule richteten (z.B. Protreptikos); esotorische Werke oder auch Pragmatien, welche sich als professionelle Schriften an die Schüler innerhalb (gr. eso) richteten und als dritte Art sind die Sammlungen von Forschungsmaterialien zu nennen. Diese lassen sich wiederum in verschiedene Wissenschaftsrichtungen unterteilen, poetische, praktische und theoretische Wissenschaft.5 In die Letztere fällt die Physik, welche neben der Fundamentalphilosophie (Metaphysik) und Ethik eines der Hauptwerke des Aristoteles darstellt. Die Physik liefert dem Leser Definitionen substanzieller Begrifflichkeiten, die zur Beschreibung der Natur und des alltäglichen praktischen Leben von Nutzen sind, so z.B. Raum, Ursache, Bewegung, Zeit und eben auch Zufall. Aristoteles benutzt bei seinen Ausarbeitungen zumeist eine systematische Vorgehensweise. Zunächst stellt er eine Frage und gibt 4 Dies ist eine Art frei zugängliches Gymnasium. Definitionsvorschlägen anderer Wissenschaftler Raum. Danach begutachtet er diese kritisch und versucht die jeweiligen Probleme aufzudecken. Zu guter Letzt folgt eine eigene Definition, welche wiederum die Aussagen der Vordenker berücksichtigt und in Beziehung setzt.

2.2. Die „Summa theologiae“ des Thomas von Aquin

Die „Summa theologiae“ wurde von dem mit „doctor communis“ und „doctor angelicus“ betitelten Thomas von Aquin im Zeitraum von 1265-1272 verfasst. Thomas war wohl einer der bedeutendsten Theologen und Philosophen, die die Scholastik je hervorgebracht hatte. Bis heute sind seine Einflüsse in der christlichen Philosophie stark wahrnehmbar. Er lebte von 1224/25 bis 1274 und war von adligem Geblüt, jedoch als jüngster Sohn des Landulf von Aquin blieb ihm nur der Weg einer geistigen Ausbildung, welche mit dem Studium der „artes liberales“ und der Philosophie 1239 in Neapel begann und die sich, ab 1244 als Dominikanermönch, über Paris und Köln bis in das Jahr 1256 vollzog. In diesem Jahr erhielt der nun zweiunddreißig jährige Thomas die „licentia docendi“ und begann seine Tätigkeit als Magister. Thomas befasste sich selbstverständlich intensiv mit der Theologie, mit den Gedanken des Albertus Magnus, der in Paris und Köln sein Mentor war und mit dem Aristotelismus. Mit der Zeit wurde er gar einer der stärksten Verfechter der aristotelischen Philosophie. Thomas von Aquin hinterließ der Nachwelt eine unglaubliche Menge an Schriften, von denen sein Hauptwerk, „Summa theologiae“ wohl die wichtigste und bedeutendste Schrift darstellt. Sie ist in drei Teile gegliedert, wobei der dritte Teil unvollständig blieb. Im Zentrum dieses Werkes steht die Vermittlung der Gotteserkenntnis. Aus diesem Grund beschäftigt sich der erste Teil mit einer philosophisch-theologischen Gotteslehre, der zweite mit der Bewegung vernünftiger Wesen hin zu Gott und der dritte letztendlich mit Christus, welcher durch seine Menschwerdung der Weg hin zu Gott ist.6 Bemerkenswert ist der systematische Aufbau von Hauptfrage, Titelfrage zum Artikel („Videtur quod vel non“), Argumente gegen die zu erwartende Antwort („Objectiones“), Gegenargument („Sed contra“), Antwort („Respondeo dicendum“) und danach die Lösungen zu den eingangs gestellten Problemen („Ad primum, Ad secundum...“).

Die Summe der Theologie ist, wie der Name es verrät, ein hauptsächlich theologisches Werk, jedoch werden, um gewisse theologischen Theorien zu verteidigen oder um diese zu begründen, philosophische Argumente herangezogen. Dadurch gewinnt diese Schrift auch für Philosophen an Bedeutung. Es lassen sich in den drei Bänden immer wieder kleine Abhandlungen über philosophische Fragestellungen, wie Metaphysik oder Ethik finden und so auch zum Thema Zufall.

2.3. Das „Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie“ von Paul Lorenzen

Paul Lorenzen wurde 1915 in Kiel geboren und studierte von 1933 bis 1938 Mathematik, Physik, Chemie und Philosophie in den Universitäten Kiel, Berlin und Göttingen, wo er bereits 1938 in der Mathematik promovierte. 1946 folgte die Habilitation ebenfalls in der Mathematik in Bonn. Lorenzen erhielt erst 1956 den Lehrstuhl für Philosophie in seiner Heimatstadt Kiel. Zunächst erlangte er internationalen Rang, indem er sich einen Namen in der konstruktiven Begründung der Mathematik gemacht hatte. In den darauf folgenden 50- iger Jahren beschäftigte Lorenzen sich mit Sprach- und Wissenschaftstheorien und setzten dabei seinen Schwerpunkt auf die Logik, begrifflich deutliches Denken und einem methodisch geordneten Vorgehen im philosophischen Diskurs. Durch dieses Arbeitsgebiet trat er mit Wilhelm Kamlah in Kontakt, welcher ihm 1962 auf den Lehrstuhl der Philosophie in Erlangen verhalf. Hier entwickelten sie in Zusammenarbeit einen methodischen Konstruktivismus der Philosophie, heute als Erlanger Schule bekannt.7 Sein systematisches Denken fasste Lorenzen 1987, sieben Jahre vor seinem Tod, im Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie zusammen. Diese Werk basiert auf dem Buch Normative Logic and Ethics von 19698, welches wiederum in enger Zusammenarbeit mit Kamlah entstand. Das Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie ist als System von Grundbegriffen für Mathematik, Naturwissenschaft, Sozialwissenschaft und Geschichte aus einer technischen und ethischen Praxis heraus begründet. Es beinhaltet Lorenzens ganzes philosophische Denken kurz, prägnant und lehrbuchhaft zusammengefasst.9

[...]


1 Goethe, Johann, Wolfgang. Faust: der Tragödie erster und zweiter Teil. Hrsg. Merian-Genast, Ernst. Zürich 1982. V. 382 f.

2 Als angehender Historiker halte ich die Auseinanderzugsetzung mit der Quellenbasis für besonders wichtig, was in der heutigen Philosophie leider nicht immer die benötige Aufmerksamkeit erlangt, obwohl die Verortung im geschichtlichen Kontext immer von Bedeutung ist.

3 Vgl. Laertius, Diogenes. Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Übers. v. Apelt, Otto. Hrsg. Reich, Klaus. Hamburg 1990³. Kap. V 1.

4 Dies ist eine Art frei zugängliches Gymnasium.

5 Vgl. zu Leben und Werk: Höffe, Otfried. Aristoteles. München 2006³. S. 13 ff. u. Düring, Ingemar. Aristoteles: Darstellung und Interpretation seines Denkens. Heidelberg 1966². S.1 ff.

6 Vgl. zum Leben und Wirken von Thomas: Kettern, Bernd. Thomas von Auqin. In: BBKL. Herzberg 1996. Sp. 1324-1370. u. Forschner, Maximilian. Thomas von Aquin. München 2006. S. 11-36.

7 Vgl. zu Leben und Wirken: Philosophisches Archiv der Universität Konstanz. Sammlung Paul Lorenzen. http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/philarchiv/bestaende/Lorenzen.htm

8 Lorenzen, Paul. Normative Logic and Ethics. Mannheim u. Zürich 1969.

9 Vgl. Lorenzen, Paul. Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie. Mannheim u.a. 1987. S. 9ff.

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Details

Titel
Der aristotelische Zufallsbegriff im Vergleich zu Thomas von Aquin und Paul Lorenzen
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Geschichte der Philosophie
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V170373
ISBN (Buch)
9783640892112
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zufallsbegriff, vergleich, thomas, paul, lorenzen
Arbeit zitieren
Pierre Köckert (Autor), 2011, Der aristotelische Zufallsbegriff im Vergleich zu Thomas von Aquin und Paul Lorenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170373

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