Berichterstattung über Sexualität: Zwischen Tabu und Pornografisierung

Eine Literaturanalyse zum gegenwärtigen Stand der Diskussion


Diplomarbeit, 2010

170 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abstract

English Abstract

Executive Summary

Abkürzungsverzeichnis

1 EINFÜHRUNG
1.1 Problemdarstellung
1.2 Gegenstand und Ziel der Untersuchung
1.2.1 Erkenntnisinteresse
1.2.2 Forschungsfragen
1.3 Methodik und Vorgehensweise
1.3.1 Untersuchungsdesign
1.3.2 Literaturanalyse
1.3.3 Zur Literaturauswahl
1.4 Konzeption und Struktur der Arbeit

2 SEXUALITÄT UND SEXUELLE MEDIENINHALTE
2.1 Eine Begriffsbestimmung zur Sexualität
2.2 Sexuelle Sozialisation durch Medien
2.3 Mediale Darstellungen von Sexualität
2.3.1 Journalistische Berichterstattung über Sexualität
2.3.2 Zwischen Pornografisierung und Tabuisierung

3 LITERATURANALYSE
3.1 Erste Korona: Journalismus und Sexualität
3.2 Zweite Korona: Medieninhaltsforschung
3.3 Dritte Korona: Medienwirkungsforschung
3.4 Vierte Korona: Weitere Forschungsgebiete
3.4.1 Publikums- und Mediennutzungsforschung
3.4.2 Medien- und Sexualpädagogik
3.4.3 Kulturgeschichte

4 RESÜMEE UND DISKUSSION
4.1 Fazit und Zusammenfassung der Literaturanalyse
4.1.1 Ergebnisse zur medialen Darstellung von Sexualität
4.1.2 Ergebnisse zum aktuellen Forschungsstand
4.2 Implikationen für den medialen Umgang mit Sexualität
4.3 Limitationen und Ausblick

5 LITERATURVERZEICHNIS

6 STICHWORTVERZEICHNIS

7 EIGENSTÄNDIGKEITSERKLÄRUNG

Abstract

Obgleich die Medien im 21. Jahrhundert stark sexualisiert sind, ist die journalistische Berichterstattung über Sexualität ein noch wenig erforschtes Feld. Ziel dieser Diplomarbeit ist es, anhand einer Literaturanalyse von 31 relevanten wissenschaftlichen Publikationen herauszuarbeiten, wie Sexualität medial dargestellt wird. Außerdem sollen die analysierten Studien auf einer Metaebene verknüpft und kategorisiert werden, um den aktuellen Forschungsstand und mögliche Forschungslücken aufzuzeigen. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass mediale Sexualität meist stark reduziert dargestellt wird. Es überwiegt eine patriarchale Sichtweise, die Sex lediglich als risikofreien Spaß versteht. Eine ernsthafte Berichterstattung mit einer politischen Komponente findet kaum statt. Die Forschung beschränkt sich vorrangig auf Jugendliche, Wirkungsforschung und die Analyse filmischer Darstellungen. Nicht-inszenierte und weniger explizite Darstellungen von Sexualität wurden bislang kaum untersucht.

English Abstract

Despite the media in the 21st Century being highly sexualized, the journalistic coverage of sexuality is a little researched field. The aim of this diploma thesis is to show how sexuality is represented medially by analyzing 31 relevant scientific publications. The analyzed studies will then be linked and categorized on a meta-level to determine the current state of research and identify possible gaps in research. The results suggest that media represents sexuality most strongly reduced. The patriarchal view that understands sex merely as risk-free fun dominates. Non-populist, genuine coverage with a political component, however, is scarce. Research focuses primarily on young people, impact, and the analysis of cinematic portrayals. There are only a few studies on non-directed and less explicit representations of sexuality.

Executive Summary

Die Diplomarbeit „Berichterstattung über Sexualität: Zwischen Tabu und Pornografisierung“ liefert Erkenntnisse über die Darstellung von Sexualität in den Medien sowie über den aktuellen Forschungsstand zur Thematik. Dabei sind zwei Ausgangsfragen zentral für die Untersuchung: Gibt es in unserer sexualisierten Medienlandschaft eine seriöse journalistische Berichterstattung, die auch vormals tabuisierte Themen zur Sexualität umfassend und ausgewogen artikuliert? Und: Wie ist die mediale Darstellung von Sexualität bereits wissenschaftlich erfasst respektive welche Forschungslücken bestehen noch? Das Ziel dieser Arbeit ist es, einen „Übersichtsatlas“ zu schaffen, der die vorhandene wissenschaftliche Literatur zum Thema „Sexualität und Journalismus / Medien“ analysiert und kategorisiert.

Dazu wurden 87 wissenschaftliche Studien, Aufsätze und Monographien aus den Jahren 1985 bis 2010 gesichtet, inhaltlich erschlossen und bewertet. Eine Ausnahme zum vorgegebenen Zeitraum bildet die Analyse von zwei Werken aus den Jahren 1977 und 1980. Insgesamt erwiesen sich 31 Publikationen als relevant sowie thematisch passend. Sie wurden anhand einer Literaturanalyse erörtert, durch ein Stichwortverzeichnis kategorisiert und in verschiedene Koronen eingeteilt: Journalismus und Sexualität, Medieninhaltsforschung, Medienwirkungsforschung, Publikums- und Mediennutzungsforschung, Medien- und Sexualpädagogik sowie Kulturgeschichte. Wichtig war hierbei ein interdisziplinäres Vorgehen, das über die Journalistik hinausreicht. Durch die Analyse der Literatur auf einer Metaebene (Was wird von den Autoren vorrangig untersucht?) konnten Erkenntnisse zum gegenwärtigen Forschungs- und Diskussionsstand gewonnen werden.

Der theoretische Teil der Diplomarbeit beschäftigt sich eingehender mit einer Begriffsbestimmung zur Sexualität, mit der Bedeutung der Medien für die sexuelle Sozialisation und mit der Darstellung sexueller Medieninhalte. Dabei wird vor allem die journalistische Berichterstattung über Sexualität in den Fokus gerückt. Zudem wird erläutert, wo die Medien zwischen Pornografisierung auf der einen und (immer noch existenter) Tabuisierung auf der anderen Seite zu verorten sind. Der literaturanalytische Teil der Arbeit fasst in kompakten Abstracts zusammen, was andere Forscher bislang in ihren Studien zu Medien und Sexualität untersucht haben, wie methodisch vorgegangen wurde, was die wichtigsten Resultate sind und wie die jeweilige Studie zu bewerten ist.

Mittels der Literaturanalyse wird offensichtlich, wie Journalisten und die Medien generell Sexualität darstellen. Wenngleich dieser Lebensbereich vielfältig, lustvoll und bereichernd sowie ernsthaft und problembehaftet zugleich ist, beschränkt sich die mediale Darstellung auf die hedonistische Seite. Sex ist für die Medien pures Vergnügen. Riskante Aspekte des Sexualverhaltens werden größtenteils ausgeblendet. Zudem vermitteln die Medien in ihrer Darstellung von Sexualität ein anachronistisches Rollenverständnis. Traditionelle Geschlechtsstereotype transportieren das Bild einer devoten Frau und eines despotischen Mannes. Die mediale Sicht auf Sexualität ist patriarchalisch-männlich. In der Forschung ist man sich außerdem einig, dass die Medien im 21. Jahrhundert stark sexualisiert sind und die Darstellungen von Sexualität noch immer zunehmen. Trotzdem bestehen nach wie vor Tabus. Themen wie Alterssexualität, Sodomie, Asexualität und die Sexualität behinderter Menschen sind beispielsweise äußerst selten Bestandteil der Berichterstattung. Stattdessen werden sexuelle Aspekte in den Medien eher als „Anreicherung“ anderer Themen betrachtet, als Nachrichtenfaktor, der Aufmerksamkeit bei den Rezipienten erzeugen soll – getreu dem Motto „Sex sells“. Aus den Ergebnissen lässt sich schlussfolgern, dass Sexualität in den Medien lediglich reduziert und simplifiziert dargestellt wird. Oft wird über Sexualität als reine „Technik“ berichtet, die von Gefühlen und zwischenmenschlichen Beziehungen entkoppelt ist. Eine tiefgründigere und ernsthaftere journalistische Berichterstattung über die vielschichtige menschliche Sexualität, die auch gesellschaftliche, politische und psychologische Momente inkludiert, findet äußerst selten statt, da das Verständnis einer solchen Berichterstattung den Rezipienten offensichtlich nicht zugetraut wird.

Diesem zentralen Ergebnis entspricht auch der aktuelle Forschungsstand. Kaum eine wissenschaftliche Studie beschäftigt sich eingehend mit der Berichterstattung über Sexualität in journalistischen Darstellungsformen. Stattdessen konzentriert sich die Forschung auf filmische und pornografische Darstellungen, in denen sexuelle Aspekte sehr eindeutig präsentiert werden. Die Dokumentation von weniger expliziten und nicht-inszenierten Darstellungen von Sexualität ist nur lückenhaft. Unterhaltende Genres wie Fernsehshows wurden bislang stärker wissenschaftlich untersucht als sachlich-berichtende Formate, wie sie in journalistischen Magazinen, Nachrichtensendungen oder Zeitungsartikeln zu finden sind.

Weiterhin ist festzustellen, dass die Erforschung von Wirkungen der medialen Darstellungen von Sexualität im Vordergrund steht. Obgleich nachgewiesen ist, dass auch Erwachsene noch durch die Medien sexuell sozialisiert und beeinflusst werden, beschränkt sich die – oft pädagogisch ausgerichtete – Forschung eher auf die Phase der Adoleszenz. Jugendliche Rezipienten und die medialen Auswirkungen auf ihr Sexualverhalten stehen im Fokus vieler Studien. Als problematisch erweist sich, dass die Mehrzahl der Forscher auf eine genaue Definition von Sexualität und sexuellen Medieninhalten verzichtet. So wird kaum ersichtlich, was der jeweilige Autor unter seinem Forschungsgegenstand subsumiert. Dies erschwert verständlicherweise eine intersubjektive Vergleichbarkeit der Studien. Letztlich hat die Literaturanalyse auch gezeigt, dass die Forschung zur Darstellung von Sexualität in den Medien primär in den USA stattfindet. Der Umgang deutscher Medien mit dem Thema Sexualität wurde bislang nur in Ansätzen und insgesamt unzureichend untersucht. Es sind Forschungslücken in der Medieninhaltsforschung, der Rezeptionsforschung, der Publikumsforschung und – vor allem – der Kommunikatorforschung zu beklagen. Vorrangig sollte es das Ziel weiterführender Studien sein, die Berichterstattung über Sexualität unter einem journalistischen Aspekt wissenschaftlich zu untersuchen, um Möglichkeiten aufzuzeigen, auch weniger sensationell und dafür seriöser, tiefgründiger und differenzierter über diesen wichtigen Lebensbereich zu berichten.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2 EINFÜHRUNG

„Sex is part of life. It would be unrealistic to expect the mass media to ignore it. Whether it causes offence or harm to the public depends critically on how it is portrayed, and on how it is used by individuals.“ (Gunter 2002: 269)

2.1 Problemdarstellung

Sexualität war noch nie so omnipräsent wie heute – erst recht in den Medien. Wenn man die mediale Verbreitung von Sexualität betrachtet, denkt man unverzüglich an Begriffe wie Überflutung, Allgegenwärtigkeit, Sexualisierung oder gar Pornografisierung. Sexuelle Reize sind aus den Massenmedien, die uns täglich allerorten umgeben, nicht mehr wegzudenken: nackte Frauen in der Werbung oder gleich auf dem Titelblatt einer Zeitung, pornografische Webseiten im Internet, der Erotikfilm im Fernsehen. Die Schlussfolgerung dessen: Die öffentliche Sphäre ist sexualisiert. Unsere Gesellschaft scheint im 21. Jahrhundert so aufgeklärt wie nur möglich; von einem Tabu kann bei dem Thema Sexualität – scheinbar – nicht mehr gesprochen werden. Doch ist dem wirklich so? Und vor allem: Wie sieht es aus, wenn man die Thematik auf „Sexualität und Journalismus“ eingrenzt? Welche Rolle spielt Sexualität in der Berichterstattung der Medien – und somit auch als Inhalt und nicht nur als gerne genutzt Form oder als Nachrichtenfaktor, der Aufmerksamkeit beim Rezipienten erzeugen soll?

Oberflächliche Reize finden sich in medialen Darstellungen von Sexualität zur Genüge. Doch abgesehen davon stellt sich die Frage: Werden auch pikante Aspekte und strittige Themen zum Inhalt eines Artikels oder Fernsehbeitrags gemacht? Ein solches Beispiel ist ein Artikel des Magazins „NEON“ in der Ausgabe vom Mai 2005. Darin wird über Asexualität berichtet, ein deviantes Sexualverhalten, dem weder in der Öffentlichkeit noch in den Medien viel Beachtung geschenkt wird. Doch gerade diese Berichterstattung kann beim Leser Sensibilität für das Thema schaffen und gleichzeitig Betroffenen helfen, indem auf Internetforen verwiesen und am Ende des Artikels auch eine Linksammlung angeboten wird. Der Autor Rainer Leurs (2005: 64) schreibt: „Sich als Asexueller in dieser Welt zu bewegen, das muss ein absurdes Gefühl sein: bestürmt von sexy Werbung, sexy Mode, sexy Musikvideos und 'Sex and the City'.“ Er meint damit: Unsere Welt ist sexualisiert. Die Medien passen sich an und bemühen sich, das Bild der sexualisierten Welt zu reflektieren, aber erzeugen auf der anderen Seite gerade durch ihre Darstellungen erst diese Sexualisierung. Die Frage bleibt also, ob es angebrachter ist, von einer Sexualisierung der Medien zu reden oder aber von einer Medialisierung der Sexualität.

Dieser Lebensbereich ist so vielfältig, dass er den Medien per se ein breit gefächertes Themenspektrum bietet. Doch wenn man über die Berichterstattung über Sexualität nachdenkt, kommen einem entweder Ratgeberkolumnen oder Berichte über Sexualdelikte in den Sinn. Gerade letztere begegnen dem Leser, Zuhörer und Zuschauer immer wieder in den Medien, wie auch die im Jahr 2010 aktuelle Medienberichterstattung über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche oder über den Vorwurf der Vergewaltigung gegenüber dem bekannten Meteorologen Jörg Kachelmann zeigt.

Mit der Beziehung zwischen dem System der Medien und dem Lebensbereich der Sexualität beschäftigt sich in seiner Arbeit auch der Zusammenschluss der „Parlamentarier/Innen für Sexuelle und Reproduktive Gesundheit und Rechte“ (SRGR) im Deutschen Bundestag. Die Beteiligten sind laut Margit Miosga der Ansicht, dass bei der Berichterstattung über Sexualität häufig eine politische Komponente fehle.[1] Miosga ist Mitglied dieses Deutschen Parlamentarischen Forums, das sich unter anderem dafür einsetzt, dass künftige Journalisten in Seminaren lernen, wie man besser über Sexualität berichten kann. In ihrer Arbeit nimmt das Forum Bezug auf das Aktionsprogramm der Internationalen Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung (ICPD), die – von den Vereinten Nationen organisiert – 1994 in Kairo stattfand. Die Ziele dieses Aktionsprogramms lauteten:

- Gleichstellung der Geschlechter,
- Senkung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit,
- Zugang zu Bildung speziell für Mädchen,
- weltweiter Zugang zu qualitativ hochwertigen Dienstleistungen im Bereich der reproduktiven Gesundheit einschließlich Familienplanung, sexueller Gesundheit, HIV-Prävention und Sexualerziehung,
- Verhinderung von sexueller Misshandlung wie Genitalverstümmelung, von Zwangsheirat und Zwangsprostitution und jeder Art von Sklaverei (Deutsches Parlamentarisches Forum für Sexuelle und Reproduktive Gesundheit und Rechte, o. J.).

Da sich das Deutsche Parlamentarische Forum für Sexuelle und Reproduktive Gesundheit und Rechte in seiner Arbeit auch eine Intensivierung des Dialogs mit (künftigen) Medienvertretern wünscht, findet im Wintersemester 2010 / 2011 eine Kooperation mit dem Institut für Journalistik der Universität Leipzig statt. Im November 2010 wird ein viertägiges Intensivseminar angeboten, das Journalistik-Studierende zur Berichterstattung über Sexualität informieren und sensibilisieren will sowie als Grundlage für weitere Forschungs- und Masterprojekte zum Themenkomplex dienen soll. Dabei liegt der Fokus auf der Frage: Wie gehen unsere Medien im Jahr 2010 mit dem Thema Sexualität um? Um das zu klären, ist es meines Erachtens jedoch unabdingbar, a priori eine umfassende Bestandsaufnahme der aktuellen wissenschaftlichen Literatur zum Thema durchzuführen. Ebendies zu leisten, ist die Motivation für die vorliegende Examensarbeit.

2.2 Gegenstand und Ziel der Untersuchung

2.2.1 Erkenntnisinteresse

Die Diplomarbeit mit dem Titel „Berichterstattung über Sexualität: Zwischen Tabu und Pornografisierung. Eine Literaturanalyse zum gegenwärtigen Stand der Diskussion“ soll dazu beitragen, eine überblicksartige Darstellung zur angesprochenen Thematik zu geben. Trotz vieler Äußerungen zu „Sexualität und Medien“ in der wissenschaftlichen Literatur erschließt sich durch deren fragmentarische Unübersichtlichkeit nicht, wie der derzeitige Forschungsstand sowie der gegenwärtige Stand der Diskussion dazu ist. Es scheint auf den ersten Blick so, als ob eine Berichterstattung über Sexualität sich primär mit einem Ratgebercharakter begnügt. Doch Sexualität mit einer politischen Dimension, das heißt als ernsthafter Inhalt journalistischer Berichterstattung, ist möglicherweise – trotz aller Aufgeklärtheit und Sexualisierung der Gesellschaft – noch immer nicht existent. Den Systemen Wirtschaft, Politik, Gesellschaft oder Sport werden z. B. grundsätzlich seriöse Berichterstattungen gewidmet; sie werden von Journalisten[2] immer auch unter einem politischen Blickwinkel betrachtet. Der Bereich der Sexualität aber scheint hierbei ausgespart zu bleiben, obgleich er in seiner Facettenhaftigkeit zahlreiche Themen für die Berichterstattung bereithält und wichtiger Bestandteil eines jeden Lebens ist – wie auch das Eingangszitat von Barrie Gunter (2002) verdeutlicht.

Es scheint jedoch, als gebe es tabuisierte Aspekte der Sexualität, über die augenscheinlich selten berichtet wird. Dazu zählen beispielsweise Sexualität im Alter, Asexualität, Sexsucht (genereller auch: Abweichungen von einem gesellschaftlich festgelegten „normgerechten“ Sexualverhalten), Masturbation, Sexualität behinderter Menschen, teilweise sogar Homosexualität und das Thema AIDS. Auch die sexuelle Aufklärung bei Jugendlichen sowie die Themen Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch werden unter dem Oberbegriff „Sexualität“ subsumiert, ebenso wie jegliche Gesundheitsthemen, die das Sexualleben betreffen. Wie bereits erwähnt, überwiegt bei der Berichterstattung offensichtlich ein Service-Charakter. Überspitzt gesagt: Tipps für ein besseres Sexleben kann man leicht in jeder Frauenzeitschrift nachlesen, aber eine politische und / oder gesellschaftliche Relevanz scheint die Berichterstattung über und die Darstellung von Sexualität in den seltensten Fällen zu haben.

Anhand der analytischen Untersuchung soll auch herausgestellt werden, welche Themen als Tabus gelten und welche hingegen auch in wissenschaftlichen Publikationen hinreichend untersucht werden. Das primäre Erkenntnisinteresse dieser Diplomarbeit ist es somit, die vorhandene (möglichst aktuelle) Literatur zum Thema „Journalismus und Sexualität“ bzw. auch weiter gefasst „Medien und Sexualität“ zu sichten und zu kategorisieren. Das Ziel ist eine Art Übersichtsatlas mit Zusammenfassungen (Abstracts) und Kurzbewertungen zu den einzelnen Literaturstücken. Dadurch wird eine Aufarbeitung und Systematisierung des aktuellen Forschungsstands ermöglicht. Als Schlussfolgerung soll demnach festgehalten werden können, ob die lang geführte Diskussion über „Sex(ualität) in den Medien“ sich auch in den Publikationen der wissenschaftlichen Ökumene widerspiegelt.

2.2.2 Forschungsfragen

Die forschungsleitende Fragestellung für die Untersuchung lautet: Wie ist der aktuelle Forschungsstand zum Thema „Sexualität und Journalismus / Medien“? Die Antwort darauf soll perspektivisch eine Antwort auf die grundlegende Frage ermöglichen, wie unsere Medien im Jahr 2010 mit dem Thema Sexualität umgehen. In der vorliegenden Examensarbeit sollen demnach auch auf sekundäranalytischer Ebene folgende Forschungsfragen geklärt werden:

-Inwiefern spiegelt sich die Thematik „Sexualität im Journalismus bzw. Sexualität in den Medien“ in wissenschaftlichen Studien und Publikationen wider?
-Bringt eine (angebliche) Hypersexualisierung der Medien auch eine Fülle an wissenschaftlichen Publikationen hervor, die sich mit dem Thema beschäftigen?
-Welche Aspekte werden ausführlich behandelt und welche finden kaum Beachtung in der Forschung?
-Gibt es auch empirische Untersuchungen, die neue Erkenntnisse für die Journalistik liefern und die journalistische Berichterstattung über Sexualität erforschen, beispielsweise in Form von Inhaltsanalysen bestimmter Medien oder Befragungen von Journalisten zum Umgang damit?
-Wie ist das Thema „Sexualität im Journalismus / in den Medien“ generell in einer (angeblich) stark sexualisierten Gesellschaft wissenschaftlich bereits erfasst und erforscht?
-In welcher Hinsicht besteht weiterer Forschungsbedarf?

2.3 Methodik und Vorgehensweise

2.3.1 Untersuchungsdesign

Der genaue Untersuchungsgegenstand dieser Diplomarbeit sind wissenschaftliche Publikationen in deutscher und englischer Sprache zu den Themen „Journalismus und Sexualität“ sowie „Medien und Sexualität“. Von April 2010 bis Oktober 2010 wurden die Publikationen recherchiert, gesichtet, gelesen, zusammengefasst, strukturiert, kategorisiert und bewertet. Dabei kann es sich sowohl um Monographien handeln als auch um Aufsätze in Sammelbänden oder Artikel in Fachzeitschriften und Printmedien. Diese können in gedruckter Fassung oder auch nur online verfügbar sein. Betrachtet wird Literatur aus den Jahren 1985 bis 2010, da ältere Publikationen nichts zum aktuellen Forschungsstand beitragen würden. Zwei Ausnahmen sind ein Aufsatz von Franzblau / Sprafkin / Rubinstein aus dem Jahr 1977 und eine Monographie von Bisky aus dem Jahr 1980. Obgleich sie nicht mehr in den Untersuchungszeitraum fallen, werden die Analysen dieser beiden Publikationen als aufschlussreich für den Forschungsstand und den Wandel der Darstellung von Sexualität empfunden.

Aufgrund der fächerübergreifenden Bedeutung des Themas sind nicht nur Literaturstücke und Fachzeitschriften aus den Bereichen Journalistik, Publizistik sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften, sondern auch aus den Fächern Kulturwissenschaften, Verhaltensforschung, Soziologie, Politikwissenschaften, Geschichte, Rechtswissenschaften, Psychologie, Sexualwissenschaften und Pädagogik in die Untersuchung einbezogen. Die Arbeit hat daher einen interdisziplinären Charakter.

Bei der Analyse werden die untersuchten wissenschaftlichen Publikationen gewichtet und unterschiedlichen Themenspektren zugeordnet. Der Schwerpunkt der Arbeit lautet „Journalismus und Sexualität“ bzw. „Berichterstattung über Sexualität“. Die wissenschaftliche Literatur, die sich mit diesem Hauptthema im engsten Sinne befasst, wird vorrangig analysiert und befindet sich in der ersten Korona. Nachdem bei einer anfänglichen Literaturrecherche jedoch festgestellt werden musste, dass die Anzahl der Publikationen, die sich mit diesem Kernthema beschäftigen, recht begrenzt ist, wurde der Untersuchungsgegenstand erweitert und umfasst auch Publikationen über sexuelle Darstellungen in (Massen-)Medien im Allgemeinen sowie generell den medialen Umgang mit dem Thema Sexualität. In der zweiten Korona werden wissenschaftliche Untersuchungen zur Medieninhaltsforschung zusammengefasst. Dadurch soll verdeutlicht werden, welche Forschungserkenntnisse es bereits zu den Inhalten der Darstellungen von Sexualität in den Medien gibt. In der dritten Korona werden Publikationen subsumiert, die sich hauptsächlich mit der Medienwirkungsforschung beschäftigen, d. h. eruieren, welche Effekte der Konsum von sexuellen Medieninhalten auf die Rezipienten haben kann. Weitere Literatur, die sich keinem der ersten drei Teilbereiche eindeutig zuordnen lässt, wird in einer vierten Korona zusammengefasst. Diese beinhaltet thematisch die Publikums- und Mediennutzungsforschung, die Medien- und Sexualpädagogik und schließlich auch die Kulturgeschichte der medialen Darstellungen von Sexualität. Innerhalb dieser Einteilung werden die analysierten wissenschaftlichen Publikationen, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache, in den einzelnen Koronen alphabetisch – gemäß dem Namen des Autors – aufgeführt. Da es viele Publikationen gibt, die sich nicht monothematisch beispielsweise nur mit Journalismus, nur mit Inhalten oder nur mit Wirkungen beschäftigen, ist bei der Einteilung der Literatur in die Koronen die genannte Schwerpunkt-Gewichtung ausschlaggebend: Das Thema Journalismus hat für diese Diplomarbeit die größte Relevanz. Darüber hinaus ist die Einteilung davon abhängig, welche Aspekte in den Publikationen am ausführlichsten untersucht werden (z. B. eher Inhalte oder eher Wirkungen) und für welchen Teilbereich die Forschungsresultate am interessantesten sind.

Aufgrund der Breite des Begriffs „Medien“ müssen verschiedene Untersuchungsfelder in der Analyse ausgeblendet werden, um den Rahmen der Examensarbeit einhalten zu können. Diese Limitationen beinhalten vorrangig filmische Darstellungen und den Bereich der Pornografie. Das bedeutet, dass auf die Analyse wissenschaftlicher Untersuchungen von fiktionalen Darstellungsformen, Sexfilmen und pornografischen Darstellungen weitgehend verzichtet wurde. Aufgrund der Fülle der Literatur, die sich gerade mit Pornografie beschäftigt, kann dieses Thema lediglich marginal betrachtet werden. Des Weiteren bleiben Darstellungen von Sexualität in der Werbung ausgeblendet. Auch Darstellungen im Internet, speziell in Bezug auf eine Pornografisierung, können nur vereinzelt betrachtet werden. Eine komplette Literaturanalyse zum Thema „Sex und Internet“ würde – ebenso wie bei der Pornografie – ausreichend Stoff für eine eigenständige Diplomarbeit liefern.[3] Nach einer ersten Recherche lässt sich feststellen, dass sich die wissenschaftliche Literatur zum Thema Sexualität und Medien primär auf Darstellungen in den Printmedien und im Fernsehen zu beschränken scheint. Über Darstellungen im Hörfunk ist in der Literatur nichts zu finden; Darstellungen im Internet wären – wie beschrieben – zu weitreichend. Insofern liegt auch der Fokus dieser Diplomarbeit auf den sexuellen Darstellungen in den Mediengattungen Print und Fernsehen. Obwohl auch der Begriff „Sexualität“ sehr breit gefasst ist, soll hier keine thematische Einschränkung von Untersuchungsfeldern stattfinden. Es sollen alle Publikationen Beachtung finden, die sexuelle Aspekte in einen Bezug zu Medien – möglichst konkret zu journalistischen Darstellungsformen – setzen. Innerhalb der Literaturanalyse erscheint es interessant zu erörtern, wie Sexualität von den Autoren jeweils definiert wird – sofern eine nähere Begriffsbestimmung überhaupt erfolgt – und welche vielfältigen Aspekte medial thematisiert werden können.

2.3.2 Literaturanalyse

Als angemessenes methodisches Vorgehen zur Sichtung und Kategorisierung der wissenschaftlichen Literatur wird für diese Diplomarbeit die Literaturanalyse gewählt. Damit soll der aktuelle Forschungsstand aufgearbeitet und systematisiert respektive die wissenschaftliche Literatur analysiert werden. Schon die Herleitung des Wortes „Analyse“ macht die Methodik deutlich. Das griechische „análysis“ bedeutet „Auflösung“. Heinrich Schmidt (2009: 26) definiert die Analyse in seinem „Philosophischen Wörterbuch“ als „Zergliederung eines Ganzen in seine Teile“ und Wulff D. Rehfus (2003: 245) fasst zusammen: „Die so genannte analytische Methode besteht darin, Gedanken, […] Begriffe, Sachverhalte usw. in ihre Teilinhalte zu zergliedern, um diese im Einzelnen erkennbar werden zu lassen“. Die Literaturanalyse beschreiben Kasper / Wuckel (1982: 9) als Untersuchungsverfahren an „Werke[n], die – nachdem sie als Einheit von […] Inhalt und Form erlebt worden sind – gedanklich in ihre Teile, Ebenen und Elemente zerlegt, unter sozial-funktionalem und kommunikativem Aspekt betrachtet und wieder zusammengefügt werden“. Am Ende der Analyse soll auch in dieser Diplomarbeit wieder die Synthese stehen, um als Synopse der einzelnen untersuchten Studien eine Schlussfolgerung zuzulassen. Das beste Verständnis der literaturanalytischen Methode vermittelt Harris M. Cooper (1998: 3) in seinem Werk „Synthesizing Research“:

„Literature reviews can attempt to integrate what others have done and said, to criticize previous scholarly works, to build bridges between related topic areas, to identify the central issues in a field, or all these. […] The research synthesist hopes to present the state of knowledge concerning the relation(s) [sic] of interest and to highlight important issues that research has left unresolved.“

Die Literaturanalyse dieser Diplomarbeit soll demnach – wie bereits als Erkenntnisinteresse formuliert – dazu beitragen, den aktuellen Forschungsstand zur Thematik „Sexualität und Journalismus / Medien“ zu überblicken und mögliche Forschungslücken aufzuzeigen. Die Analyse erfolgt dabei auf einer Metaebene. Das bedeutet, dass Forschungsarbeiten analysiert und aufgearbeitet werden, die sich mit den sexuellen Darstellungen in den Medien beschäftigen und dass keine eigenen Inhaltsanalysen oder sonstigen empirischen Untersuchungen der medialen Darstellungen durchgeführt werden. Jedoch kommt der Metaanalyse in der Wissenschaft eine große Bedeutung zu, da erst sie es ermöglicht, die Ergebnisse der bisherigen Forschung zusammenzufassen und Zusammenhänge sowie Gegensätze dieser Arbeiten herauszustreichen. Die Systematisierung der Literatur erfolgt dabei nach bestimmten Gesichtspunkten und Kriterien, zusammengefasst in folgenden die Analyse leitenden Fragen:

-Welche Methoden wurden bei wissenschaftlichen Studien benutzt?
-Welche Inhalte wurden in den Publikationen umgesetzt?
-Wo liegen die Schwerpunkte der wissenschaftlichen Untersuchung?
-Wo (beispielsweise an welcher Universität oder welchem Institut) wurde die Forschung durchgeführt bzw. wer genau ist der Autor?
-Wie wird in der Publikation Sexualität definiert?
-Wie wird in der Publikation die Verbindung von Sexualität und Medien bewertet, sofern eine Bewertung vorhanden ist?
Zusätzlich gibt es zu jedem Exzerpt und zu jeder Kurzbewertung bzw. Einordnung eines Literaturstücks noch eine knappe Zusammenfassung in einem Kasten, der der Analyse jeweils vorausgestellt ist. Dadurch werden auf einen Blick folgende Aspekte schnell ersichtlich:
-Stichwörter
-Das Wichtigste in Kürze
-Die Autorin / Der Autor / Die Autorinnen / Die Autoren

Da es in allen Publikationen um Sexualität und Formen des Sexuellen geht, wird auf die Bezeichnung „Sexualität“ bei den Stichworten im Überblickskasten verzichtet. Weder die Reihenfolge der Schlagwörter noch die Länge der Abstracts bedeuten eine inhaltliche Gewichtung. Sie zeugen höchstens von der Fülle des zu analysierenden Materials und der Breite der für diese Untersuchung relevanten Resultate. Es wurde grundsätzlich versucht, unsachliche inhaltliche Wertungen zu vermeiden. Jedoch wurde eine Einordnung oder Bewertung vorgenommen, wenn sie z. B. aufgrund der Methodik belegbar ist. Die erschlossene Literatur ist anhand der Autoren über das Literaturverzeichnis und anhand der Stichwörter auch über das Stichwortverzeichnis auffindbar.

Alle angeführten direkten Zitate in dieser Diplomarbeit wurden der neuen Rechtschreibung angepasst. Sie wurden nur in der alten Schreibung belassen, wenn eine Änderung einen Unterschied im Sinn ergeben hätte. Aus Gründen der Vereinfachung und für einen besseren Lesefluss wird innerhalb der Abstracts darauf verzichtet, nach jedem Satz den Autor zu nennen, auch wenn Gedanken aus seinem Buch oder seinem Aufsatz wiedergeben werden. Daher sei hier zusammenfassend für alle Exzerpte im Hauptteil der Literaturanalyse erwähnt: Die jeweilige Überschrift macht deutlich, dass es im Folgenden um die Inhalte dieser Publikation von diesem Autor geht. Im jeweiligen Abstract wird das Gedankengut und das geistige Eigentum des entsprechenden Autors dargestellt und analysiert. Die Kombination aus Literaturanalyse und problemorientierter Aufbereitung des Forschungsstandes befähigt den Leser dieser Diplomarbeit, sich umfassend über die relevanten Veröffentlichungen ohne großen Suchaufwand zu informieren.

2.3.3 Zur Literaturauswahl

Die Literaturrecherche fand während der gesamten Bearbeitungszeit der Diplomarbeit von April 2010 bis Oktober 2010 statt. Die Literatur wurde vorrangig in den Katalogen der Universitätsbibliotheken der Universität Leipzig, der Martin-Luther-Universität Halle und der Technischen Universität Dresden gesucht. Zusätzlich wurde im „Karlsruher Virtuellen Katalog“ (KVK) sowie in der „Zeitschriftendatenbank deutscher Bibliotheken“ (ZDB) und in der „Elektronischen Zeitschriftenbibliothek“ (EZB) recherchiert. Außerdem wurde nach passenden Publikationen in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig gesucht. Letztlich fand die Recherche zusätzlich auch im Internet statt. Über die Suchmaschinen Google und Bing sowie über Google Scholar und Google Bücher wurde online nach Publikationen gesucht. Bestimmend für die Suche waren dabei die Schlagwörter „Journalismus“, „Medien“, „Massenmedien“, „Berichterstattung“, „Fernsehen“, „Zeitung“, „Zeitschrift“, „Magazin“ und „Rundfunk“ in verschiedensten Kombinationen mit den Schlagwörtern „Sexualität“, „Sex“, „Sexuell“ und „Pornografie / Pornographie“ sowie deren englische Pendants „Journalism“, „Media“, „Mass Media“, „News“, „Coverage“, „Report(ing)“, „TV / Television“, „Newspaper“, „Journal“, „Magazine“, „Broadcast(ing)“, „Sexuality“, „Sex“, „Sexual“, „Pornography“. Obwohl das Untersuchungsfeld der Pornografie in der Analyse ausgeschlossen wird, wurde der Begriff „Pornografie“ deshalb in die Literatursuche mit einbezogen, weil Publikationen mit diesem Schlagwort im Titel sich in einzelnen Kapiteln trotzdem auch mit der allgemeinen Darstellung von Sexualität in den Medien – unabhängig von pornografischen Inhalten – beschäftigen können.

Bei der Literaturauswahl wurden nicht nur Monographien, Sammelbände, Diplomarbeiten, Dissertationen, Habilitationsschriften und Artikel aus Printmedien beachtet, sondern auch Aufsätze in Fachzeitschriften recherchiert, u. a. in „BPjS-Aktuell“, „Christliches Medienmagazin pro“, „Communication Research“, „Der Journalist“, „Film & Fakten“, „International Journal of Sexuality and Gender Studies“, „Journal / Universität Leipzig“, „Journal of Broadcasting and Electronic Media“, „Journal of Communication“, „Journal of Youth and Adolescence“, „Journalistik-Journal“, „Media Perspektiven“, „Media Psychology“, „Medien & Kommunikationswissenschaft (M&K)“, „Medium. Magazin für Journalisten“, „merz. Zeitschrift für Medienpädagogik“, „Message“, „Pediatrics“, „Publizistik“, „Rundfunk und Fernsehen“, „Sex Roles. A Journal of Research“, „Soziale Welt“, „Televizion“, „testcard. Beiträge zur Popgeschichte“, „The Journal of Sex Research“, „TV direkt“, „TV Diskurs“, „Zeitenblicke“ und „Zeitschrift für Sexualforschung“.

Mit dieser Suche und der zusätzlichen Aufnahme von relevant erscheinender Literatur aus den Literaturverzeichnissen analysierter Bücher wurden nach grober Prüfung insgesamt 87 wissenschaftliche Publikationen aus dem Zeitraum 1985 bis 2010 gefunden, die für die Thematik relevant erschienen. Davon erwiesen sich letztendlich 31 als geeignet für die Literaturanalyse, da sie den in dieser Diplomarbeit gesetzten Beschränkungen entsprachen. Die Zahl der relevanten Titel verminderte sich aufgrund folgender Fragestellungen:

-Wird die Darstellung von Sexualität unter einem journalistischen Blickwinkel betrachtet, wird also zu der Berichterstattung über Sexualität geforscht?
-Wird inhaltlich untersucht, wie Sexualität in den Medien dargestellt wird?
-Werden die Wirkungen der Darstellung von Sexualität empirisch untersucht?
-Werden neben der Inhalts- und Wirkungsforschung auch Aspekte der Publikums-, Mediennutzungs- oder Kommunikatorforschung untersucht?
-Geht es bei der Präsentation von Sexualität nicht nur um filmische, fiktionale, rein unterhaltende und / oder pornografische Darstellungen?
-Geht es bei dem Medium, in dem Sexualität dargestellt wird, nicht um Werbung und / oder (ausschließlich) das Internet?

Trotz thematisch-bezogenem Titel passten viele Publikationen nach genauerer Lektüre nicht in die Analyse.[4] Viele Studien waren zudem zu ausschweifend für die genannten Kriterien. In diesem Fall wurden nur diejenigen Teile der Studie analysiert, die für das Thema „Sexualität und Journalismus / Medien“ relevant waren.

Die vorliegende Literaturanalyse versucht, einen großen Kreis der Grundlagenliteratur und der thematisch relevanten Publikationen abzudecken, ist aber als eine Auswahl-Analyse zu verstehen. Einerseits werden nur einschlägige Untersuchungen von 1985 bis 2010 vorgestellt[5], die aus dem deutschsprachigen Raum stammen (Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Schweiz) oder angloamerikanische Forschungsarbeiten sind, wenngleich sie teilweise auch bei nicht englischsprachigen Autoren (z. B. Hawk / Vanwesenbeeck / Graaf / Bakker 2006) diskutiert werden. Andererseits wurden nur solche Werke ausgewählt, die entweder als empirische Arbeit oder theoretische Abhandlung sich explizit auf den Medienumgang mit Sexualität beziehen. Das Jahr 1985 erscheint eine willkürlich gesetzte Grenze, doch dieser Zeitabschnitt ist zum einen daher gewählt, weil ältere Publikationen nichts mehr zum aktuellen Forschungsstand beitragen könnten; zum anderen ist diese zeitliche Grenze mit dem Forschungsgegenstand selbst begründbar. Ein Jahr zuvor, im Jahr 1984 fand in Deutschland die Einführung des Dualen Rundfunksystems und damit auch des privaten und kommerziellen Fernsehens statt. Die mediale Darstellung von Sexualität findet – abgesehen von den Printmedien – vorrangig im Privatfernsehen statt (siehe dazu etwa Kuhlbrodt 1994; Pundt 2005; Leibnitz 2008). Insofern ist auch die Entwicklung der Medieninhalte nach 1984 / 1985 und die dementsprechende Reaktion in der wissenschaftlichen Ökumene für diese Analyse interessant. Es wurde stets versucht, die für die Fragestellung „Sexualität und Journalismus / Medien“ interessanten und aufschlussreichen Dokumentationen analytisch aufzubereiten.

2.4 Konzeption und Struktur der Arbeit

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in vier Teile. Das erste Kapitel stellt die Einführung zum Forschungsgegenstand dar. Hier sind die Problemdarstellung, das Ziel der Untersuchung, die zentralen Forschungs- und Leitfragen sowie das methodische Vorgehen genauer beschrieben.

Im zweiten Teil nimmt diese Arbeit eine theoretische Bestandsaufnahme vor. Zunächst soll als einheitliche Diskussionsgrundlage geklärt werden, was unter Sexualität zu verstehen ist und wann dementsprechend von sexuellen Medieninhalten gesprochen werden kann. Zusätzlich soll die Sozialisationsfunktion – auch in sexueller Hinsicht – und die Verantwortung des Systems Journalismus / Medien herausgestellt werden, um die gesellschaftliche Relevanz einer potenziellen Medienberichterstattung über Sexualität zu verdeutlichen. Ebenso soll inhaltlich erörtert werden, welche mögliche Themenbreite eine Berichterstattung über Sexualität haben kann bzw. ob Sexualität im Journalismus eher als Nachrichtenfaktor oder als Inhalt vorkommt. Dabei rückt auch die Frage nach einer möglichen Tabuisierung in den Fokus. Für die Argumentation in Kapitel 2 wurde auch Literatur herangezogen, die im Literaturanalyseteil (Kapitel 3) nicht enthalten ist. Diese Literatur ist aber ebenso im Literaturverzeichnis ausgewiesen.

Teil 3 umfasst als Hauptbestandteil der vorliegenden Arbeit eine analytische Bestandsaufnahme der basalen Literatur, die sich mit der betreffenden Thematik beschäftigt und die teilweise auch bereits im zweiten Kapitel Beachtung findet. Die relevanten wissenschaftlichen Publikationen werden in Form von Abstracts aufgeführt und nach dokumentarischen Gesichtspunkten inhaltlich erschlossen. Innerhalb dieser Literaturanalyse sind die Analyseeinheiten in die beschriebenen vier Koronen aufgeteilt (nähere Erläuterung zur Einteilung: siehe Punkt 1.3.1).

Im vierten Kapitel werden die Ergebnisse in einem Resümee zusammengefasst und diskutiert. Mit Hilfe der Erkenntnisse aus der Literaturanalyse werden die zentralen Forschungsfragen beantwortet. Im letzten Kapitel dieser Arbeit werden auch die Implikationen für den medialen Umgang mit Sexualität sowie die Limitationen dieser Forschung aufgezeigt. Ein Ausblick soll Anreiz für weiterführende, an diese Arbeit anschließende Forschung bieten.

Zusätzlich findet sich am Anfang dieser Diplomarbeit ein Abstract mit einer knappen Zusammenfassung, jeweils in deutscher und englischer Sprache. Auch eine ausführlichere Executive Summary lässt sich zu Beginn der Arbeit nachlesen. Das Literaturverzeichnis und das Stichwortverzeichnis helfen, bestimmte Abstracts der Literaturanalyse, geordnet nach Autoren oder nach Schlagworten, schnell zu finden.

Die vorliegende Arbeit soll mit dieser Konzeption dazu beitragen, einen noch eher „weißen Fleck“ auf der Forschungslandkarte zu beseitigen und eine aktuelle Bestandsaufnahme der wissenschaftlichen Literatur zur Thematik „Berichterstattung über Sexualität“ und „Sexualität in den Medien“ zu leisten.

3 SEXUALITÄT UND SEXUELLE MEDIENINHALTE

„Das Wissen um das Sexuelle ist so umfangreich wie das Wissen um das bulgarische Raumfahrtprogramm. Die Leute wissen nichts, nichts, nichts! Wir denken, wir würden mit Informationen über das Sexuelle überflutet, aber das stimmt nicht. Das ist doch keine Information, wenn da am Kiosk 17 Meter lang blanke Busen hängen, das ist Softporno, sonst nichts.“ (DER SPIEGEL 1994: 94)

3.1 Eine Begriffsbestimmung zur Sexualität

„Wir Menschen sind Sexualwesen“, schreibt Helmut Kentler (1988: 8) in seinen Texten zur Erforschung der Sexualität. Sexualität umfasst neben dem interindividuellen Geschlechtsakt auch eine intraindividuelle Geschlechtsidentität. Dass dies ein elementarer Bestandteil des menschlichen Lebens ist, macht auch Artikel 2 unseres Grundgesetzes deutlich, in dem das Recht auf Sexualität verankert ist. Denn jeder Mensch hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, d. h. auch auf eine selbst gestaltete Sexualität.[6] Trotzdem halten viele Forscher und Autoren den Bereich der Sexualität für schwer definierbar und verzichten daher in zahlreichen Publikationen auf eine nähere Begriffsbestimmung. Das Wort wird im akademischen Sprachgebrauch oft nur als therapeutischer Ausdruck verwendet (Bech 1995: 5). Sexualität stellt jedoch ohne konkreten Rahmen meist nur eine gedankliche Abstraktion dar, die lediglich als konkretes sexuelles Verhalten empirisch zu erfassen ist. Ähnliche Begriffe und Bezeichnungen sowie verwandte Phänomene (z. B. Erotik, Liebe, Sex, Pornografie, Libido, Wolllust, Begehren) erschweren eine Abgrenzung. Für die vorliegende Arbeit wird es jedoch als unerlässlich angesehen, Sexualität näher zu definieren und grundlegend zu betrachten, um zu verdeutlichen, welches Phänomen Thema dieser Diplomarbeit und der analysierten Publikationen ist.

Erst seit rund 200 Jahren wird dieser Bereich des Lebens „Sexualität“ genannt, nämlich seit Beginn des 19. Jahrhunderts, wobei damit anfangs nur die Fortpflanzung in der Zoologie umschrieben wurde (z. B. Foucault 1989b; Caplan 2000; Sigusch 2001; Lautmann 2002; Sigusch 2005). Der Duden erklärt den Ausdruck im Jahr 2000 schlicht mit „Geschlechtlichkeit“, während Meyers Taschenlexikon (1992: 42) Sexualität definiert als „das auf die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse und die geschlechtl. Vereinigung gerichtete Verhalten bei Mensch und Tier […] beim Menschen außerdem ein wesentl. Bestandteil (der Entwicklung) seiner Gesamtpersönlichkeit“. Sexualität ist in unserer heutigen Zeit schon lange von der reproduktiven Sphäre getrennt. Eine eigene sexuelle Sphäre – ohne den ausschließlichen Zweck der Fortpflanzung – ist entstanden. In den 1970er Jahren folgte schließlich auch eine Trennung der sexuellen von der geschlechtlichen Sphäre, dem so genannten „Gender“ (z. B. Sigusch 2005: 135-142). Dennoch bleibt Sexualität weiterhin in verschiedenen Kontexten verankert, so etwa in einer wirtschaftlichen, einer politischen und einer kulturellen Matrix (Caplan 2000: 64). Lewandowski (2004: 55) glaubt, dass Veränderungen im Sexuellen gar einen allgemeinen sozialen Wandel reflektieren, gerade in der Akzeptanz von (früheren) Tabus. Seiner Meinung nach ist eine genuine Sexualmoral in unserer heutigen Gesellschaft zwar verschwunden, jedoch werde von der Norm abweichende Sexualität wieder als riskant und gesellschaftlich gefährlich betrachtet. Grundsätzlich ist Sexualität stets ein Bereich, bei dem der Staat bemüht ist, reglementierend einzugreifen. Dies stellt auch Ute Schad (1991: 6) heraus:

„[D]ie notwendige gesellschaftliche Organisation der Sexualität, die in engem Zusammenhang mit politischer und ökonomischer Herrschaft steht, impliziert ein kulturelles Konfliktpotenzial. Die Organisation der Sexualität erfolgt über verbindliche Regeln, Verbote, Bedingungen, Verantwortlichkeiten, die ihrerseits in unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen verankert sind und in allen Instanzen des gesellschaftlichen Lebens, von der Familie über den Bildungs- und Kultursektor bis hin zur Gesetzgebung, ihren Niederschlag finden.“

Für Birgitta Wrede (2000: 25 ff.) ist Sexualität erstens eine natürliche Kraft, zweitens eine gesellschaftlich geformte biologische Disposition und drittens ein ideelles Konstrukt respektive ein Diskursprodukt. Sexualität sei ein Produkt sozialer Interaktionen und werde aktiv gebildet, sodass dieser Bereich lebenslang formbar bleibe (ebd.: 40). Dies führt zu der grundsätzlichen Annahme vieler Autoren, dass Sexualität keineswegs einheitlich auftritt. So bezeichnet beispielsweise Volkmar Sigusch (2005: 7) unsere heutige Sexualität im gleichnamigen Werk als vielfältige „Neosexualitäten“, die neue Freiräume, aber auch neue Zwänge installieren. Durch einen Strukturwandel erfahren die „Neosexualitäten“ eine permanente kulturelle Umwertung, soziale Umschreibung, gesellschaftliche Transformation und vor allem eine so genannte „sexuelle Dispersion“. Sexualität ist für Sigusch (ebd.: 27) „ein Zusammengesetztes, ein Assoziiertes“, das durch Kommerzialisierung und Mediatisierung gewaltig zerstreut würde.

Die These der Ausdifferenzierung unterstützt auch Lautmann (2002: 14) in seiner Soziologie der Sexualität: „Die Differenzierung ergreift die Sexualität auf zwei Ebenen: verselbständigt sie gegenüber körperlichen Vorgaben und institutionellen Bindungen, eröffnet zahlreiche Optionen bezüglich spezieller Sexformen.“ Zudem entstehen ganz neue „Arten“ von Sexualität. Dazu gehört neben bewährten sexuellen Beziehungswelten wie Hetero-, Homo-, Bi- und Autosexualität inzwischen auch eine fantasierte Sexualität als eigenständige Form, verstärkt vor allem durch die neuen Medien (Seikowski 2003: 27). Erst diese Pluralisierung sexueller Lebensformen bildet die Grundlage für eine ebenso pluralisierte und gleichzeitig ausufernde mediale Darstellung sexueller Inhalte (Matz / Tandang 2008: 14).

Indem die heutige Sexualität derart vielschichtig geworden ist, ist sie auch offener und permissiver geworden. Minderheiten werden in der westlichen Welt kaum noch unterdrückt, bemerkt Sigusch (2005: 169): „Je brutaler und allumfassender der Kapitalismus wird, desto größer werden die Freiräume für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten.“ Dabei ist jedoch festzuhalten, dass der Lebensbereich der Sexualität gerade erst durch Tabuisierungen sozial relevant geworden ist, denn die „Verfolgung hat das Sexuelle als Sexualität gesellschaftlich installiert; das Verbot hat das Sexuelle groß gemacht“ (ebd.: 170). Das Wegfallen sexueller Tabus verursacht ein weiteres Phänomen, das Ricœur erstaunlicherweise bereits im Jahr 1967 herausstellt: „Die Aufhebung des sexuellen Tabus hat ein merkwürdiges Ereignis gezeigt […]: den Wertverlust durch die Erleichterung. Das Sexuelle, das naheliegend verfügbar geworden und auf eine bloße biologische Funktion reduziert worden ist, wird an sich belanglos“ (Ricœur 1967: 15). Ricœur führt das darauf zurück, dass die Sexualität mit ihrem geheimen Charakter auch ihren innigen Charakter verliert. Das öffentliche Präsentieren der Sexualität – auch in den Medien – führe zwar dazu, dass der Mensch sich jetzt besser kenne, aber der „Sturz der Sexualität in die Belanglosigkeit ist sowohl der Grund wie auch der Effekt dieser affektiven Entartung, wie wenn soziale Anonymität und sexuelle Anonymität sich gegenseitig bedingten“ (ebd.: 15). Sigusch (2005: 8) pflichtet Ricœurs These von der Belanglosigkeit des Sexuellen auch 38 Jahre später noch bei: „Je unablässiger und aufdringlicher das Sexuelle öffentlich inseriert und kommerzialisiert wurde, desto mehr verlor es an Sprengkraft, desto banaler wurde es.“ Der Bereich der Sexualität verortet sich demnach heutzutage nicht mehr nur in der privaten, sondern verstärkt auch in der öffentlichen Sphäre. Schon Michel Foucault fällt in seiner unvollendet gebliebenen „Histoire de la sexualité“ (1976 - 1984) das Ausbreiten des Intimen in der Öffentlichkeit sowie eine Art „Geständniszwang“ auf:

„Von jenem sonderbaren Imperativ, der jeden dazu nötigt, aus seiner Sexualität einen permanenten Diskurs zu machen, bis hin zu den vielfältigen Mechanismen […], die den Diskurs des Sex anreizen, extrahieren, anordnen und institutionalisieren, hat unsere Zivilisation eine ungeheure Beredsamkeit gefordert und organisiert. [...] Möglicherweise reden wir mehr vom Sex als von jeder anderen Sache. […] In Sachen Sex dürfte die unermüdlichste und unersättlichste Gesellschaft wohl die unsere sein.“
(Foucault 1989a: 46 f.)

Foucault stellt daher die These auf, dass die Moderne es von jedem verlange, die eigene Sexualität zum Thema zu machen. Gerade durch diese (All-)Gegenwärtigkeit ist unser Alltag von sexuellen Reizen jedoch ebenso gesättigt wie entleert. „Offenbar wird sexuelle Lust durch deren übertriebene kulturelle Inszenierung, durch deren beinahe lückenlose Kommerzialisierung und elektronische Zerstreuung wirksamer ausgetrieben, als es die alte Unterdrückung durch Verbote vermocht hat“ (Sigusch 2005: 170 f.). Indem unsere Gesellschaft die Sexualität also „als das Geheimnis geltend“ macht (Foucault 1989a: 49), verliert das Sexuelle seinen Reiz des Besonderen und Lustvollen. Auch die Abbildung von Körperlichkeit bekommt durch die „Über-Präsentation“ eine neue Bedeutung, wobei festzuhalten ist, dass der direkte Bezug auf den Körper ein zentrales Bestimmungsmerkmal der Sexualität darstellt (siehe dazu die Studien von Mikos 1997a; Funk / Lenz 2005).

Sexualität wird heute nicht mehr nur hedonistisch betrachtet, sondern auch negativ konnotiert – als „Quelle und Tatort von Unfreiheit, Ungleichheit und Aggression“ (Sigusch 2005: 29). Dies spiegelt sich auch in einer verstärkten medialen Berichterstattung über sexuelle Delikte und Verbrechen wider. Trotzdem wird Sexualität als Thema in Deutschland selten politisch konnotiert (etwa Lautmann 2002: 500). Durch eine fortschreitende Amerikanisierung der deutschen Politik – verbunden mit einer abnehmenden Liberalität – könnte sich dies hierzulande ändern. Denn in den USA werden so genannte „Sex Wars“ vor allem bei politischen Wahlen ausgetragen. Dabei wird in den Medien verstärkt über politisch relevante Sexualthemen wie Abtreibung oder Homosexualität debattiert.

Der Soziologe Rüdiger Lautmann (2002: 24 f.) erweist sich letztlich als einer der wenigen Autoren, die eine plausible Definition für Sexualität anbieten:

„Sexualität ist eine kommunikative Beziehung, bei der Akteure Gefühle erleben, die eine genitale Lust zum Zentrum haben, ohne sich darauf zu beschränken. Für das sexuelle Erleben ist ein Orgasmus weder notwenige noch hinreichende Bedingung, und extragenital festgemachte Emotionen gehören dazu.“

Diese Definition formulierte Lautmann bereits Ende der 1980er Jahre für ein Wörterbuch. Sie scheint für die vorliegende Arbeit am geeignetsten und wird daher als Begriffsbestimmung von Sexualität übernommen.

3.2 Sexuelle Sozialisation durch Medien

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (Luhmann 2004: 9)

Um die Rolle der Medien für die sexuelle Entwicklung der Rezipienten zu verdeutlichen, soll im Folgenden auf mediale Sozialisationsimpulse eingegangen werden. Sexuelles Erleben und Handeln werden erst im Laufe des Lebens von den Subjekten individuell erlernt (etwa Stein-Hilbers 2000: 9; Funk / Lenz 2005: 30). Dieser Gedanke wird von dem Konzept der sexuellen Sozialisation erfasst (ausführlich dazu Stein-Hilbers 2000). Sexuelle Sozialisation beschreibt und analysiert

„Prozesse, in denen sich Menschen zu sexuell empfindenden und handelnden Persönlichkeiten entwickeln: im Verlaufe ihrer Biographie, in der produktiven Aneignung ihres Lebens, in Interaktion und Auseinandersetzung mit Anderen, sowie durch die Teilhabe an und die Gestaltung von Bedeutungssystemen und Praktiken, die in ihrer Kultur als sexuell definiert werden“ (Stein-Hilbers 2000: 9).

Unsere Sexualität unterliegt ebenso wie die sexuelle Sozialisation regionalen, kulturellen und historischen Einflüssen (ebd.: 9 f.). So genannte sexuelle Skripte fungieren dabei als konzeptualisiertes „Drehbuch“ für sexuelles Handeln. Sie umfassen neben Handlungsabfolgen auch weitere semantische Konstruktionen und Strukturen. Sexuelle Skripte existieren auf drei analytisch unterscheidbaren Ebenen: erstens auf der Ebene der kulturellen Szenarien, diese beinhalten soziale Normen, die unsere Sexualität beeinflussen; zweitens auf der Ebene der interpersonellen Skripte, wo sich persönliches Begehren und soziale Konventionen treffen, und drittens auf der Ebene der intrapsychischen Skripte, d. h. Bedeutungszusammenhänge, die individuell als sexuell erregend empfunden werden (Simon / Gagnon 2000: 71). Im Verlauf der Sozialisation werden vor allem die intrapsychischen sexuellen Skripte immer wieder neu erworben und auch fortlaufend umgeschrieben, sodass ein aktiver Aneignungsprozess stattfindet (Bausch / Sting 2005: 341). Dieser ist notwendig, um sich individuell in die Gesellschaft zu integrieren, die soziale Ordnung stabil zu halten und „dem Individuum ein zeit- und raumgerechtes Verhalten zu ermöglichen“ (Schad 1991: 90). Die sexuelle Sozialisation erfüllt insofern auch eine allgemeine Orientierungsfunktion für die Individuen, um sich in der sozialen Realität, wie sie beispielsweise die Medien konstruieren, zurechtzufinden (ebd.). Denn Sexualität und sexuelles Verhalten stellen gesellschaftliche Konstruktionen dar. Da auch Geschlechterstereotype und -rollen sozial konstruiert sind, wird in der Sexualwissenschaft zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) und dem sozialen Geschlecht (gender) differenziert. Letzteres ist das Ergebnis eines kulturellen Lernprozesses (Stein-Hilbers 2000: 10). In einem sozial kodierten Vorgang findet dabei die Selbst-Zuschreibung einer Geschlechtsidentität statt (Mehling 2005: 18).

[...]


[1] Die Informationen sind einem Telefonat mit Margit Miosga entnommen, das im April 2010 geführt wurde.

[2] Mit der verkürzten männlichen ist hier auch die weibliche Form gemeint. Diese Abkürzung wird für andere Begriffe im fortlaufenden Text übernommen und in der gesamten Diplomarbeit angewendet.

[3] Einen sehr guten Überblick über die Darstellungen von Sexualität im Internet und den aktuellen Forschungsstand liefert die Medienwissenschaftlerin und -psychologin Prof. Dr. Nicola Döring (2008) in ihrem Aufsatz „Sexualität im Internet“.

[4] Exemplarisch seien hier einige Publikationen genannt, die aufgrund der beschriebenen Auswahlkriterien nicht in der Analyse aufgeführt sind: Aufderklamm (1993): No Sex, No Crime. Volkshochschule und Medien. Baldwin (2006): How the Media Shape Young Women's Perceptions of Self-Efficacy, Social Power and Class: Marketing Sexuality. Gottberg (1988): Sexualität in den Medien: Der Mensch als Ware. Grell / Scarbath (1997): Demontage inbegriffen? Zwei kontrastive Fallbeispiele zur Darstellung von Sexualität im Fernsehen. Knopf / Schneikart (2007): Sex/ismus und Medien. Seikowski (2003): Neue Sexualität durch Neue Medien. Von der Computerliebe bis zur Sucht. Seikowski (2005): Sexualität und Neue Medien.

[5] Ausnahme sind die bereits erwähnten Analysen von zwei Publikationen, die vor dem Jahr 1985 veröffentlicht wurden.

[6] Diesem Recht sind natürlich dann Grenzen gesetzt, wenn strafrechtliche Vorschriften gelten oder schützenswerte Belange anderer betroffen sind, beispielsweise beim Schutz vor Missbrauch.

Ende der Leseprobe aus 170 Seiten

Details

Titel
Berichterstattung über Sexualität: Zwischen Tabu und Pornografisierung
Untertitel
Eine Literaturanalyse zum gegenwärtigen Stand der Diskussion
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft)
Note
1,1
Autor
Jahr
2010
Seiten
170
Katalognummer
V170389
ISBN (eBook)
9783640891955
ISBN (Buch)
9783640892181
Dateigröße
1135 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Diplomarbeit liefert Erkenntnisse über die Darstellung von Sexualität in den Medien und über den aktuellen Forschungsstand. Zwei Ausgangsfragen sind zentral: Gibt es in unserer sexualisierten Medienlandschaft eine seriöse journalistische Berichterstattung, die auch vormals tabuisierte Themen zur Sexualität umfassend und ausgewogen artikuliert? Und: Wie ist die mediale Darstellung von Sexualität bereits wissenschaftlich erfasst respektive welche Forschungslücken bestehen noch? Das Ziel ist ein „Übersichtsatlas“, der die vorhandene wissenschaftliche Literatur analysiert und kategorisiert.
Schlagworte
Medien, Sexualität, Journalismus, Journalistik, Berichterstattung, Tabu, Pornografie, Tabuisierung, Pornografisierung, Literaturanalyse, TV, Fernsehen, Internet, Medienlandschaft, Forschungsstand, Forschungslücken, Sex, Porno, Pornographie
Arbeit zitieren
Tina Knaut (Autor), 2010, Berichterstattung über Sexualität: Zwischen Tabu und Pornografisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170389

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