Das Jahr 2006 sollte nach Vorstellung der evangelischen Kirche in Bayern ein Gedenkjahr für den ehemaligen Landesbischof Hans Meiser werden. Die Feier von Hans Meisers 125. Geburtstag war durchaus als Anlass für eine kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gedacht. Doch titelte die Lokalzeitung „Nürnberger Nachrichten“ schon am 23.04.2006: „Mit [diesem] Gedenkjahr für Hans Meiser hat die evangelische Kirche Schiffbruch erlitten.“
Was war der Grund für dieses PR-Debakel der evangelischen Kirche? Wie kam es dazu, dass die Diskussion sich weiter ausbreitete, massiv an Intensität zunahm und letztendlich in Nürnberg und anderen Städten um eine Umbenennung der „Bischof-Meiser-Straße“ gestritten wurde?
Die Aufgabe dieser Arbeit soll es sein, diese Fragen zu klären und Hintergründe zu erläutern. Hierzu ist es zunächst notwendig, einen Blick auf Meisers Weltbild und die Zeitumstände, in denen er gelebt hat, zu werfen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wer verdient eine Straße? - Der Fall Bischof Meiser in Nürnberg
2.1 Bischof Meisers Umgang mit dem Dritten Reich
2.1.1 Das Verhalten der evangelischen Kirche im Allgemeinen
2.1.2 Meisers Weltbild vor 1933
2.1.3 Meisers Verhalten als Bischof zwischen 1933 und 1945
2.1.4 Bischof Meiser nach 1945
2.2 Diskussion um die Straßenbenennung in Nürnberg
2.2.1 Die Straßenbenennung 1957
2.2.2 Die Diskussion ab 2006 : Gründe, Ablauf, Gutachten und Reaktionen
2.2.3 Die Umbenennungsentscheidung 2007
2.2.4 Reaktionen in anderen Städten
3 Schlussgedanke
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Facharbeit untersucht die Kontroverse um die Straßenbenennung nach dem ehemaligen bayerischen Landesbischof Hans Meiser in Nürnberg, ausgehend von dessen Verhalten während des Nationalsozialismus und der geschichtspolitischen Auseinandersetzung im Jahr 2006. Ziel der Arbeit ist es, die Hintergründe der umstrittenen Ehrung zu analysieren, die Positionen der verschiedenen Akteure (Kirche, Stadt, zivilgesellschaftliche Gruppen) nachzuzeichnen und die Entwicklung des Erinnerungsprozesses bis zur Umbenennungsentscheidung 2007 kritisch zu beleuchten.
- Rolle der evangelischen Kirche und von Hans Meiser im Nationalsozialismus
- Antisemitische Tendenzen und das Weltbild von Hans Meiser
- Konfliktdynamik um die Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße in Nürnberg
- Geschichtskultur und Formen des Erinnerns in der Bundesrepublik
Auszug aus dem Buch
Bischof Meisers Umgang mit dem Dritten Reich
Adolf Hitler wollte die Kirchen gleichschalten und in den NS-Staat integrieren. Große Teile der evangelischen Kirchenvorstände befürworteten dieses Ziel, da sie sich vom Nationalsozialismus Hilfe gegen den Marxismus und einen allgemein befürchteten Sittenverfall versprachen. Außerdem war gerade die protestantische Kirche in großen Teilen antisemitisch geprägt und lehnte die Weimarer Republik ab. Viele standen daher Anfang 1933 dem Amtsantritt des neuen Reichskanzlers Hitler durchaus positiv gegenüber. Die Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ war eine 1932 gegründete Gruppe von Befürwortern, die als innerkirchlicher Teil der NSDAP agierte. Sie war klar sowohl rassistisch als auch antisemitisch geprägt und unterstützte das Führerprinzip, um eine Gleichschaltungspolitik die evangelische Kirche an den Nationalsozialismus anzugleichen. Durch Forderungen wie der Einführung des Arierparagraphen in die Kirchenverfassung, um Christen jüdischer Herkunft auszuschließen, löste sie den sogenannten „Kirchenkampf“ mit anderen Gruppierungen der evangelischen Kirche aus.
Die Gegenbewegung „Bekennende Christen“ ging 1934 aus dem von den Pfarrern Martin Niemöller, Dietrich Bonhoeffer und anderen im September 1933 gegründeten „Pfarrernotbund“ hervor. Sie unterstützte Betroffene, die unter dem Arierparagraphen zu leiden hatten und erklärte dessen Unvereinbarkeit mit dem christlichen Glaubensbekenntnis. Allerdings schworen beide Flügel, die „Deutschen“ sowie die „Bekennenden“ Christen den Treue- und Gehorsamseid gegenüber Adolf Hitler.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, warum das Gedenkjahr 2006 für Landesbischof Hans Meiser zu einer heftigen Debatte um die nach ihm benannte Straße führte.
2 Wer verdient eine Straße? - Der Fall Bischof Meiser in Nürnberg: Das Hauptkapitel beleuchtet detailliert Meisers Rolle im Dritten Reich, sein antisemitisches Weltbild und die kontroversen Ereignisse der Straßenumbenennung in Nürnberg zwischen 2006 und 2007 sowie die Reaktionen in anderen Städten.
3 Schlussgedanke: Der Schlussgedanke fasst die Entwicklung der Nürnberger Erinnerungskultur zusammen und ordnet die Debatte um die Straßenbenennung als Teil eines notwendigen, offensiven Erinnerungsprozesses ein.
Schlüsselwörter
Hans Meiser, Nationalsozialismus, evangelische Kirche, Antisemitismus, Nürnberg, Straßenbenennung, Erinnerungskultur, NS-Vergangenheit, Bekennende Kirche, Deutsche Christen, Umbenennung, Geschichtspolitik, NS-Zeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kontroversen Diskussion über die Straßenbenennung nach dem ehemaligen bayerischen Landesbischof Hans Meiser in Nürnberg unter Berücksichtigung seines Verhaltens während der Zeit des Nationalsozialismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rolle der evangelischen Kirche im NS-Staat, das antisemitische Weltbild Meisers, die geschichtspolitische Debatte im Nürnberger Stadtrat sowie die allgemeine Auseinandersetzung mit NS-belasteten Straßennamen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Hintergründe der Ehrung Meisers sowie die Dynamik der gesellschaftlichen und politischen Debatte, die letztlich zur Umbenennung der Straße im Jahr 2007 führte, transparent zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historische Analyse auf Basis von Primärquellen (Dokumente, Protokolle) und Sekundärliteratur zur Aufarbeitung der kirchlichen und städtischen Entscheidungsprozesse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch Meisers Verhalten zwischen 1933 und 1945, seine Haltung nach 1945 sowie ausführlich den Verlauf der Nürnberger Diskussion ab 2006 und die daraus resultierende Umbenennungsentscheidung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Nationalsozialismus, Antisemitismus, evangelische Landeskirche, Erinnerungskultur und den konkreten historischen Fall Hans Meiser geprägt.
Wie bewertet der Autor Meisers Haltung nach 1945?
Der Autor zeigt auf, wie Meiser nach dem Krieg seine Position nutzte, um sich für NS-belastete Personen einzusetzen, und verdeutlicht, dass er sich bis zu seinem Tod nicht von seinen antisemitischen Ansichten distanzierte.
Warum war das Jahr 2006 ein Wendepunkt in der Debatte?
Das Gedenkjahr 2006 anlässlich Meisers 125. Geburtstages und 50. Todestages löste durch eine neue Biografie und die daraus resultierende öffentliche Kritik eine intensiv geführte Diskussion über die Rechtmäßigkeit des Straßennamens aus.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Kuschel (Autor:in), 2008, Wer verdient eine Straße? - Der Fall Bischof Meiser in Nürnberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170422