Im Oktober 2025 sorgte der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz mit einer Äußerung für eine breite öffentliche und mediale Debatte. Bei einem Besuch in Brandenburg erklärte er, Deutschland habe die Migration bereits stark zurückgeführt, dennoch gebe es „natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem“, weshalb weitere konsequente Abschiebungen notwendig seien. Nach Kritik an dieser Aussage erweiterte er sie mit einer Anmerkung dazu, dass, wer seine Töchter frage, „eine ziemlich klare und deutliche Antwort“ darauf bekäme, was er damit meine.
Kritiker*innen warfen Merz daraufhin vor, mit seinem Statement rassistische und sogenannte femonationalistische Diskurse zu bedienen, in denen Migration als Gefahr für „westliche Frauenrechte“ konstruiert würde. Vor diesem Hintergrund erscheint seine Aussage als exemplarisches Moment dessen, was Femonationalismus bedeutet: die Instrumentalisierung feministischer und geschlechterpolitischer Argumente zur Legitimation rassistisch und nationalistisch codierter Migrationspolitiken. Doch dieses Phänomen ist keinesfalls neu: Im Jahr 2015/16 nach der sogenannten „Kölner Silvesternacht“ wurden die vorgefallenen sexuellen Übergriffe auf Frauen in der öffentlichen Debatte fast ausschließlich mit dem Thema Migration in Deutschland verknüpft und in politischen Auseinandersetzungen um Asyl- und Aufenthaltsfragen aufgebracht.
Blickt man hinter das Phänomen, treten Fragen von Repräsentationspolitik und sogenannter epistemischer Gewalt hervor: Wer spricht in öffentlichen Debatten für wen? Welche Machtdiskurse stehen dahinter? Problemlagen wie diese wurden bereits in den 1980er Jahren von postkolonialen feministischen Theoretikerinnen, insbesondere von Gayatri Chakravorty Spivak, thematisiert. Die vorliegende Arbeit greift diese Perspektiven auf und untersucht sie am aktuellen Beispiel aus Deutschland entlang der folgenden zentralen Fragestellung: "Wie werden Frauen in der Merz-„Stadtbild“-Rhetorik diskursiv konstruiert und welche femonationalistischen sowie postkolonialen Muster werden dabei sichtbar?"
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung: das “Problem im Stadtbild"
- 2. Begrifflicher und theoretischer Rahmen
- 2.1 Femonationalismus: Begriffseinführung und Kernelemente
- 2.2 Repräsentation und epistemische Gewalt nach Spivak
- 2.3 Femonationalismus als epistemische Repräsentationspraxis
- 3. Strukturelle Gewalt und politische Rahmung
- 3.1 Daten zur Gewalt gegen Frauen in der EU und Deutschland
- 3.2 (Un)-Sichtbarkeit der Missstände
- 4. Die „Stadtbild“-Rhetorik: Konstruktion einer Schutzfigur, Ethnisierung und nationale Abgrenzung
- 5. Kritische Diskussion und Ausblick
- 6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Masterarbeit untersucht die diskursive Konstruktion von Frauen in migrationspolitischen Kontexten am Beispiel der „Stadtbild“-Rhetorik in Deutschland. Sie analysiert, wie femonationalistische und postkoloniale Muster dabei sichtbar werden, indem sie feministische und geschlechterpolitische Argumente zur Legitimierung rassistisch und nationalistisch codierter Migrationspolitiken heranzieht und die dahinterliegenden Machtdiskurse aufdeckt.
- Die Entstehung und Funktion des Femonationalismus in europäischen Kontexten
- Die Analyse von Repräsentation und epistemischer Gewalt nach Gayatri Chakravorty Spivak
- Die strukturelle Verankerung geschlechtsspezifischer Gewalt in der EU und Deutschland
- Die diskursive Konstruktion von Frauen als Schutzfiguren in der „Stadtbild“-Rhetorik
- Die Ethnisierung von Gewalt und die Mechanismen nationaler Abgrenzung
- Die Kritik an der Instrumentalisierung von Frauenrechten für migrationspolitische Agenden
Auszug aus dem Buch
Femonationalismus: Begriffseinführung und Kernelemente
Femonationalismus ist die übersetzte Kurzform von "feminist and femocratic nationalism" (Farris 2017: 4). Der Begriff wurde maßgeblich von der Soziologin Sara Farris geprägt und beschreibt die strategische Instrumentalisierung feministischer Gleichstellungsdiskurse durch nationalistische und migrationspolitische Agenden (vgl. ebd.: 4). Farris analysiert insbesondere europäische Kontexte, in denen sich vor allem bei rechten Parteien eine scharfe Gegenüberstellung zwischen einem als „Us“ konstruierten Kollektiv und einem als „Them“ markierten Gegenüber entsteht. Das „Us“ wird dabei als „white, European, western, Christian, civilized, „women-friendly“ (ebd.: 8) beschrieben, während das „Them“ als „nonwhite, non-European, non-western, Muslim, uncivilized, misogynist Others“ (ebd.: 8) charakterisiert wird. Diese Gegenüberstellung fungiert als Legitimationsrahmen für eine politische Allianz, die Farris analysiert. Diese operiere laut ihr „im Namen der Frauenrechte“ (im Original: „in the name of women's rights“) (ebd.: 4), ohne jedoch tatsächlich ein für Frauen emanzipatorisches Projekt zu verfolgen. Ein zentrales Element nach Farris ist die diskursive Konstruktion muslimischer Männer als ernsthafte Bedrohung („profound danger“) (ebd.: 2) für westlich-europäische Gesellschaften. Gewalt gegen Frauen wird damit nicht als strukturelles Resultat patriarchaler Machtverhältnisse verstanden, sondern als kulturell bedingtes Problem „nicht-westlicher“ Gemeinschaften. Gendergleichheit fungiert in dieser Logik als selbstverständlicher Teil westlicher Modernität und zivilisatorischer Überlegenheit (vgl. Farris 2017: 26). So erscheinen muslimische oder migrantische Männer im Diskurs als per se sexistisch oder gewaltvoll, während westliche Gesellschaften sich als bereits vollständig emanzipiert darstellen.
Ein konkretes Beispiel für den Widerspruch zwischen Worten und Taten westlicher Akteure in diesem Kontext führt Farris mit der „performative contradiction“ (ebd.: 15) an: Migrantische Frauen werden im öffentlichen Diskurs als unterdrückte Opfer patriarchaler Kulturen dargestellt, die durch westliche Gleichstellungspolitiken „befreit“ werden müssen. In der politischen und ökonomischen Praxis jedoch erfolgt ihre Integration häufig über prekäre Arbeitsverhältnisse, etwa als 24h-Pflegekräfte ohne gesicherte arbeitsrechtliche Stellung oder schlecht bezahlte Reinigungskräfte. Die versprochene Befreiung mündet daher nicht in strukturelle Gleichstellung, sondern in die Einbindung in ausbeuterische Arbeitssegmente (vgl. ebd.: 13f., 15f.).
Femonationalismus beschreibt somit eine diskursive und politische Formation, in der seit Jahrzehnten Gleichstellungsrhetorik zur Legitimation migrationspolitischer Restriktionen genutzt wird. Gewalt wird ethnisiert, strukturelle Ungleichheit externalisiert, und Frauenrechte werden in eine nationale Abgrenzungslogik eingebettet (vgl. ebd.: 12f., 21). Der Ursprung des Begriffs bezieht sich zwar auf den Kontext migrantischer Frauen, die vermeintlich aus einer rückständigen Kultur der Unterdrückung durch Männer bzw. eine bestimmte Religion befreit werden müssen. Im Folgenden wird jedoch herausgearbeitet, dass sich diese Befreiungslogik auch auf nicht-migrantische Frauen (hier am Beispiel der Situation von Frauen in Deutschland) übertragen lässt. Wichtig ist an dieser Stelle dennoch den Ursprung des Begriffs anzuerkennen, um ihn nicht unreflektiert für die kommende Analyse und den Kontext zu vereinnahmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: das “Problem im Stadtbild": Das Kapitel führt in die Debatte um die „Stadtbild“-Rhetorik von Friedrich Merz ein, die Migration mit geschlechtsspezifischer Unsicherheit verknüpft, und stellt die zentrale Forschungsfrage zur diskursiven Konstruktion von Frauen sowie femonationalistischen und postkolonialen Mustern vor.
2. Begrifflicher und theoretischer Rahmen: Dieses Kapitel definiert Femonationalismus nach Sara Farris als Instrumentalisierung feministischer Diskurse für migrationspolitische Agenden und erläutert Gayatri Chakravorty Spivaks Konzepte von Repräsentation und epistemischer Gewalt, die die Grundlage für die Analyse bilden.
3. Strukturelle Gewalt und politische Rahmung: Hier werden statistische Daten zur geschlechtsspezifischen Gewalt in der EU und Deutschland präsentiert, die zeigen, dass diese ein strukturelles Phänomen ist, und es wird analysiert, wie Gewalt politisch und medial im Kontext von Migration gerahmt wird.
4. Die „Stadtbild“-Rhetorik: Konstruktion einer Schutzfigur, Ethnisierung und nationale Abgrenzung: Das Kapitel wendet die theoretischen Konzepte an, um zu untersuchen, wie Frauen in der „Stadtbild“-Rhetorik diskursiv als Schutzfiguren konstruiert werden, was zu einer Ethnisierung von Gewalt und nationaler Abgrenzung führt.
5. Kritische Diskussion und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, konstatiert die Instrumentalisierung von Frauenrechten und die Externalisierung von Gewalt und fordert eine Anerkennung von FLINTA* als politische Subjekte sowie die Adressierung patriarchaler Machtstrukturen.
Schlüsselwörter
Femonationalismus, Migration, Frauenrechte, Diskursanalyse, Postkolonialer Feminismus, Geschlechtsspezifische Gewalt, Repräsentation, Epistemische Gewalt, Gayatri Chakravorty Spivak, Sara Farris, Deutschland, Stadtbild-Rhetorik, Patriarchat, Ungleichheit, Sicherheitspolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Frauen in migrationspolitischen Debatten, insbesondere im Kontext der „Stadtbild“-Rhetorik, diskursiv konstruiert werden und welche femonationalistischen sowie postkolonialen Muster dabei erkennbar sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind Femonationalismus, geschlechtsspezifische Gewalt, Repräsentationspolitik, postkolonialer Feminismus und die diskursive Rahmung von Migration in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten: „Wie werden Frauen in der Merz-„Stadtbild“-Rhetorik diskursiv konstruiert und welche femonationalistischen sowie postkolonialen Muster werden dabei sichtbar?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen diskurstheoretischen Ansatz und greift auf Theorien des Femonationalismus (Sara Farris) sowie Repräsentation und epistemische Gewalt (Gayatri Chakravorty Spivak) zurück.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den theoretischen Rahmen des Femonationalismus und der epistemischen Gewalt, die strukturelle Verankerung geschlechtsspezifischer Gewalt in Deutschland und die Analyse der „Stadtbild“-Rhetorik im Hinblick auf die Konstruktion von Schutzfiguren und die nationale Abgrenzung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter, die die Arbeit charakterisieren, sind Femonationalismus, Migration, Frauenrechte, Diskursanalyse, Postkolonialer Feminismus und Geschlechtsspezifische Gewalt.
Wie wird Femonationalismus in dieser Arbeit definiert und welche Kernelemente hat er?
Femonationalismus wird als die strategische Instrumentalisierung feministischer Gleichstellungsdiskurse durch nationalistische und migrationspolitische Agenden definiert, wobei zentrale Kernelemente die Konstruktion eines „Us“ gegenüber einem „Them“ und die Darstellung muslimischer Männer als Bedrohung sind.
Welche Rolle spielt die Theorie von Gayatri Chakravorty Spivak in der Analyse?
Spivaks Theorie von Repräsentation und epistemischer Gewalt dient dazu, die diskursive Hervorbringung subalterner Subjekte und deren strukturelle Unmöglichkeit zur Selbstrepräsentation zu analysieren, insbesondere in der Unterscheidung zwischen „Vertretung“ und „Darstellung“.
Inwiefern widersprechen die statistischen Daten zur Gewalt gegen Frauen öffentlichen Narrativen?
Statistische Daten zeigen, dass geschlechtsspezifische Gewalt in Deutschland und der EU ein weit verbreitetes strukturelles Problem ist, das primär im häuslichen Umfeld durch deutsche Männer ausgeübt wird, was öffentlichen Narrativen widerspricht, die Gewalt oft mit dem öffentlichen Raum und migrantischen Tätern assoziieren.
Wie kritisiert die Arbeit die Instrumentalisierung von Frauenrechten in der Migrationspolitik?
Die Arbeit kritisiert, dass Frauenrechte in migrationspolitischen Debatten instrumentalisiert werden, um nationale Abgrenzung und rassistische Diskurse zu legitimieren, anstatt patriarchale Machtstrukturen und die Gewalt gegen Frauen als politisches Problem zu adressieren.
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- Melina Thomsen (Autor), 2026, „Im Namen der Frauenrechte.“ Zur diskursiven Konstruktion von Frauen in migrationspolitischen Kontexten, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1705194