Die Hausarbeit untersucht das Wort „Vernunft“ als brisantes Konzept im Kontext der Corona-Pandemie. Ausgehend von historischen und semantischen Analysen beleuchtet sie, wie „vernünftiges Handeln“ in Krisenzeiten gefordert und interpretiert wird. Der Text bietet einen fundierten Einblick in die philosophischen Traditionen des Vernunftbegriffs, zeigt Unterschiede zwischen subjektiver und objektiver Vernunft auf und analysiert aktuelle gesellschaftliche Diskurse anhand eines konkreten Beispiels – der Fernsehansprache der Bundeskanzlerin. Ein Muss für alle, die sich für Sprachwissenschaft, Semantik und gesellschaftliche Kommunikation interessieren!
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Zum Vernunftbegriff
- 2.1 Subjektive Vernunft
- 2.2 Objektive Vernunft
- 3 Gesellschaft – Einheit durch Corona
- 4 Sprachliche Vernunft
- 4.1 Historische Semantik
- 4.2 Frame-Semantik
- 5 Fernsehansprache der Bundeskanzlerin
- 5.1 Welche Vernunft?
- 5.2 Frame-Analyse, Emotionen und Politik
- 6 Schlusswort
- Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit widmet sich der Untersuchung des Begriffs "Vernunft" als "brisantes Wort" im Kontext der Corona-Pandemie. Insbesondere wird analysiert, wie dieser Begriff in der Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel vom 18. März 2020 verwendet und wahrgenommen wurde, um staatliche Maßnahmen zu legitimieren und gesellschaftliches Handeln zu steuern.
- Definition und historische Entwicklung des Vernunftbegriffs, einschließlich subjektiver und objektiver Vernunft.
- Die gesellschaftliche Funktion von Vernunftappellen zur Schaffung von Einheit und Akzeptanz staatlicher Maßnahmen in der Krise.
- Linguistische Analyse des Begriffs "Vernunft" mittels historischer Semantik und Frame-Semantik.
- Detailuntersuchung der Sprachwahl und des Framings in der Fernsehansprache der Bundeskanzlerin.
- Die Rolle von Emotionen und Politik bei der Konstruktion und Vermittlung des Vernunftbegriffs in der Öffentlichkeit.
Auszug aus dem Buch
Frame-Semantik
In der Frame-Semantik werden Wörter untersucht, die im Vorfeld in einen verständniskonstruierenden Rahmen gerückt werden. Hierbei löst dieser beim Empfänger nicht nur ein Konzept aus, sondern mehrere, die die Gesamtheit der Semantik eines Wortes darstellen. Die soziale Wirklichkeit und Erfahrung jedes Menschen ist hierbei besonders von Bedeutung, da das bereits angeeignete Weltwissen durch das alltäglich erfahrbare angereichert wird und dadurch Deutungsmuster im Gehirn abgespeichert werden. In der kognitiven Linguistik geht es um das Erkennen und Wahrnehmen von Dingen sowie Geschehnissen in Relation zur Sprache. Demzufolge ist ein Teil des Denkens weder reflektier- noch kontrollierbar. Den Ausgangspunkt selbst bildet nicht mehr das Sprachsystem als solches, sondern die kognitive Verarbeitung. Die Rezeption von Sprache ist eng mit neuronaler Simulation verbunden, der „embodied cognition‘ (Lakoff, Johnson 2014: 43). Demnach begreifen Menschen Worte, Konzepte oder Handlungen dadurch, dass das Gehirn die dazugehörigen Abläufe im dafür zuständigen Bereich simuliert. Diese Simulation der Frames geschieht unbewusst und wirkt sich auf die Wahrnehmung der Umwelt aus (Wehling 2016: 21). Das Abfragen von Wörtern im Gehirn löst weitere Abläufe aus, die eine lange Wissenskette bilden. Der Linguist Dietrich Busse hinterfragt hierbei die historische Semantik, da diese Sprache lediglich in Lexikon und Grammatik unterteilt, sodass Untersuchungen von Bedeutungen im übertragenen Sinn nicht möglich sind. Folglich stuft er die semantische Konzeption, die darauf beruht, dass eine bestimmte sprachliche Einheit lediglich eine bestimmte Bedeutung aufweist, als überholt ein. Des Weiteren bezeichnet Busse die Frame-Semantik als ein Modell, das Grenzzäune einreißt (2012: 15). Diese Grenzzäune bilden „sprachliche Bedeutung“ und „kommunikativer Sinn“ (Busse 2012: 15). Es ist Weltwissen nötig, um in einem Satz einen kommunikativen Sinn erkennen zu können, da das Sprachverstehen über das sprachlich Geäußerte hinausgeht. Frames sind grundsätzlich selektiv. Das bedeutet, dass sie bestimmte Fakten und Realitäten hervorheben, andere wiederum unberücksichtigt lassen. Durch dieses Bewerten sowie Interpretieren leiten Frames unbewusst das Denken und Handeln. Für die Verwendung des Vernunftbegriffs im corona-pandemischen Kontext bedeutet das, dass Vernunft in einen politisch-gesellschaftlichen Rahmen gerückt wird und die Maßnahmen und Regulierungen somit legitimiert werden können. Dabei wird der Vernunftbegriff so konzipiert und verwendet, dass die Maßnahmen und Regulierungen als gerechtfertigt betrachtet werden. Durch den verständniskonstruierenden Rahmen wird im Vorfeld eine Semantik geschaffen, die keinen Rahmen für Pluralität schaffen. Die Menschen begreifen Begriffe und Wörter gleich, da ihnen kein Raum gegeben wird, über das sprachlich Geäußerte hinaus zu denken. Geschieht dies trotzdem, wird ihnen oftmals Unverständnis oder gar nicht vernünftiges Handeln vorgeworfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel stellt das Forschungsproblem bezüglich des Vernunftbegriffs in der Corona-Pandemie vor, insbesondere in Bezug auf Angela Merkels Fernsehansprache, und skizziert die methodische Herangehensweise.
2 Zum Vernunftbegriff: Hier wird die historische Entwicklung des Vernunftbegriffs von der Antike bis heute untersucht, wobei eine Differenzierung zwischen subjektiver und objektiver Vernunft vorgenommen wird.
3 Gesellschaft – Einheit durch Corona: Das Kapitel analysiert, wie in der Corona-Pandemie an die Vernunft der Gesellschaft appelliert wurde, um staatliche Maßnahmen zur Eindämmung und zur Förderung der Einheit zu legitimieren.
4 Sprachliche Vernunft: Dieses Kapitel erörtert die untrennbare Verbindung zwischen Sprache und Vernunft und führt die Konzepte der historischen Semantik und Frame-Semantik zur sprachlichen Analyse ein.
5 Fernsehansprache der Bundeskanzlerin: Eine detaillierte Analyse von Angela Merkels historischer Fernsehansprache vom 18. März 2020 zeigt auf, wie der Vernunftbegriff eingesetzt und politisch sowie emotional gerahmt wurde.
6 Schlusswort: Das Schlusswort fasst die zentralen Erkenntnisse zum Wandel und zur Kontextualisierung des Vernunftbegriffs zusammen und kritisiert die Ideologisierung von Begriffen in der politischen Kommunikation.
Schlüsselwörter
Vernunft, Corona-Pandemie, Fernsehansprache, Angela Merkel, Historische Semantik, Frame-Semantik, Sprachwissenschaft, Politische Kommunikation, Gesellschaft, Subjektive Vernunft, Objektive Vernunft, Krisenkommunikation, Semantik, Framing, Diskursanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Bedeutungs- und Funktionswandel des Begriffs „Vernunft“ während der Corona-Pandemie, insbesondere im Kontext der Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel vom 18. März 2020.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die historischen und philosophischen Definitionen von Vernunft, ihre gesellschaftliche Rolle in Krisenzeiten, die linguistische Analyse mittels historischer und Frame-Semantik sowie die konkrete Anwendung in politischer Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, wie der Vernunftbegriff in der Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Merkel genutzt und durch sprachliche Rahmung legitimiert wurde, um Verständnis und Akzeptanz für die Pandemie-Maßnahmen zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet primär Methoden der historischen Semantik zur Untersuchung des Bedeutungswandels von Wörtern und der Frame-Semantik zur Analyse der verständniskonstruierenden Rahmen in der Sprache.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretische Einordnung subjektiver und objektiver Vernunftbegriffe, die gesellschaftliche Bedeutung von Einheit durch Corona, die sprachliche Dimension von Vernunft durch historische und Frame-Semantik sowie eine detaillierte Analyse der Fernsehansprache der Bundeskanzlerin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Vernunft, Corona-Pandemie, Fernsehansprache, Angela Merkel, Historische Semantik, Frame-Semantik, Sprachwissenschaft, Politische Kommunikation, Gesellschaft, Subjektive Vernunft, Objektive Vernunft, Krisenkommunikation, Semantik, Framing und Diskursanalyse charakterisiert.
Wie unterscheiden sich "subjektive Vernunft" und "objektive Vernunft" laut der Arbeit?
Subjektive Vernunft bezieht sich auf die Angemessenheit von Mitteln zur Erreichung individueller oder kollektiver Zwecke und des Selbsterhaltungstriebs, während objektive Vernunft auf philosophischen Systemen basiert und die Existenz von Vernunft in der objektiven Welt und ihren Strukturen sieht, unabhängig vom Zweck.
Warum war die Fernsehansprache der Bundeskanzlerin Merkel vom 18. März 2020 so besonders?
Die Ansprache war historisch einzigartig, da sie als direkte, bundesweite Fernsehansprache der Kanzlerin außerhalb der Neujahrsrede stattfand, um die Bürger über die ernste Lage zu informieren und zu einem solidarischen, vernünftigen Handeln aufzurufen.
Wie beeinflusst Frame-Semantik die Wahrnehmung von Begriffen wie "Vernunft" in der Politik?
Frame-Semantik kann unbewusst das Denken und Handeln leiten, indem sie Wörter in bestimmte verständniskonstruierende Rahmen setzt, wodurch Bedeutungen geformt und politische Maßnahmen als gerechtfertigt legitimiert werden, oft ohne Raum für Pluralität.
Welche kritischen Aspekte werden im Schlusswort bezüglich der Nutzung des Vernunftbegriffs angesprochen?
Das Schlusswort kritisiert, dass der Vernunftbegriff in der Fernsehansprache emotionalisiert und ideologisiert wurde, um Gehorsam gegenüber staatlichen Maßnahmen zu erzwingen, anstatt einen pluralistischen Diskurs und Debattenkompetenz zu fördern.
- Arbeit zitieren
- Laureta Mullaali (Autor:in), 2021, Vernunft als brisantes Wort in der Corona-Pandemie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1705638