Political Correctness - Ein Ideal im Spannungsfeld von begrifflichem Denotat und Sprachgebrauchswert


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Political Correctness -

Ein Ideal im Spannungsfeld von begrifflichem Denotat und Sprachgebrauchswert

2.1 Begrifflicher Ursprung
2.2 Deutsche Begriffsadaption

3.1 Denotat
3.2 Unglückliche Terminologie vs. Ziele der politisch korrekten Sprachkritik
3.3 Diffamierungsstrategien
3.4 Wirkungsmacht von Sprache
3.5 Ein Recht auf Beleidigungen?
3.6 Lö sungsvorschlag für die Namenswahl
3.7 Konkrete Umsetzungen der politisch korrekten Sprachkritik und deren Eigendynamik

4. Unwort des Jahres

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jemand, der sich die Ideale der Political Correctness auf die Fahne schreibt, ist ein unerträglicher Gutmensch. Er (bzw. Sie) hat einen peinlich sensiblen Sprachgebrauch und leidet persönlich und stellvertretend, sollte sich ein intoleranter Flegel erdreisten, das Wort Negerkuss in den Mund zu nehmen. Dass diese Süßigkeit als Schoko-, oder Schaumkuss zu deklarieren ist, erscheint ihm ebenso selbstverständlich, wie die Einsicht, dass ein Behinderter anders begabt, und ein dicker Mensch nicht dick, sondern horizontal herausgefordert ist.

So viel zum gängigen Klischee. Wie kommt es, dass fast jeder eine negative Meinung zum Thema Political Correctness, oder kurz PC, hat, mit der er nicht hinterm Berg halten will? Inwiefern ist diese Kritik berechtigt, inwiefern polemisch?

Die vorliegende Hausarbeit unternimmt nicht den Versuch, eine möglichst umfassende Darstellung von negativ besetzten Ausdrücken und deren Substituierungen - also Sinti und Roma statt Zigeuner - zu erbringen. Vielmehr geht es darum, aufzuzeigen, wie weit entfernt das Denotat von PC und deren aktueller Sprachgebrauchswert mittlerweile sind, oder vielleicht schon immer waren. Daher wird zunächst auf die terminologische Entstehung in den USA und ihre deutsche Begriffsadaption eingegangen. Ferner wird beleuchtet, welches die übergeordneten sprachkritischen Ziele der PC-Anhänger sind. Wie und warum werden die mit PC assoziierten Ideale von (politischen) Gegnern diffamiert und welche Angriffsfläche bietet dabei der Terminus Political Correctness? Einen ähnlichen sprachkritischen Ansatz wie PC verfolgt die Aktion Unwort des Jahres, deren Programmatik kurz angeschnitten wird.

Die Arbeitsgrundlage lieferte hauptsächlich Sabine Wierlemanns „Political Correctness in den USA und Deutschland“[1]. Interessant vor allem für grundsätzliche Gedanken zur Wirkungsmacht von Sprache war Caroline Mayers „Öffentlicher Sprachgebrauch und Political Correctness. Eine Analyse sprachreflexiver Argumente im politischen Wortstreit.“[2]

Political Correctness -

Ein Ideal im Spannungsfeld von begrifflichem Denotat und Sprachgebrauchswert

2.1 Begrifflicher Ursprung

Mannigfaltige Theorien ranken sich um die Entstehung des Begriffes Political Correctness, kurz PC. Plausibel erscheint es, dass sich diese Substantivierung aus der adjektivischen In-Group-Vokabel politically correct (pc) als interne Bezeichnung von ideologisch linksorientierten Bewegungen in den USA ableitet.

Die Zuschreibung des Attributes politically correct spiegelt entweder die Anerkennung für die Parteilinientreue einer Person aus marxistischen bzw. leninistische Kreisen wider, bzw. ist als ironisch-kritische Verspottung von Konformität und mangelnder Selbstreflektion zu verstehen. Das Schlagwort politically correct als Subsumierung eines Bündels an Merkmalen[3], sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht, wurde demnach also entweder als performatives Flaggenwort zur Kenntlichmachung eines erstrebenswerten Ideals benutzt oder als Stigmawort zum Abstempeln von kleingeistig erscheinenden Parteimitgliedern. Möglich erscheint auch, dass sich der Terminus von einem lobenden Flaggenwort zu einem diffamierenden Stigmawort gewandelt hat. Schriftliche Belege für die Verwendung einer ausschließlich intern verwendeten Begrifflichkeit sind nicht zu erbringen.[4]

Ein erster Beleg für die Verwendungsweise des Begriffes politically correct findet sich in einem Essay der amerikanischen Feministin Toni Cade aus dem Jahre 1970. „Racism and chauvinism are anti-people. And a man cannot be politically correct and a chauvinist too.“[5] Wenngleich dieses Zitat die performative Verwendung von politically correct kennzeichnet, legen scherzhafte Aussagen wie die Folgende Gegenteiliges nahe: „We could stop at McDonald's down the road if you're hungry- but it wouldn't be politically correct.“[6]

Bereits hier wird das terminologisch verankerte Konfliktpotential deutlich. Die Vagheit bzw. das Nichtvorhandensein eines adäquaten Denotats von pc, erlaubt dem Sprecher Interpretations- und sogar Manipulationsmöglichkeiten, beispielsweise in der politischen Diskussion. Dazu später mehr.

Die heute gebräuchliche Substantivierung Political Correctness geht auf Richard Bernstein zurück, der 1990 in einem Times-Artikel mit diesem Ausdruck verschiedene Reformen an einigen amerikanischen Universitäten subsumierte. Diese Reformen erwuchsen aus der propagierten Enttarnung der „elementaren Sünden“ des alles beherrschenden weißen Mannes. Diese Sünden sind: „Eurozentrismus, Ethnozentrismus, Logozentrismus und Phalozentrismus“.[7]

Folgen dieses Revisionismus waren unter anderem die stärkere Berücksichtigung von weiblichen und nicht-weißen Autoren im universitären Literaturkanon, die kritischere Lehre der amerikanischen Geschichte und die Einführung von Fördermitteln für Frauen und Minderheiten. Beschreiben lassen sich diese Reformen als positive Diskriminierung, welche die Privilegierung der größtenteils männlichen, weißen Studenten aufheben sollte. Konkrete Umsetzungen sind dabei etwa die mittlerweile wieder weitgehend verworfenen speech codes und die language guidelines.[8]

Entstanden sind die Forderungen nach Emanzipation, die sich unter PC formierten, nicht erst in den 1990er Jahren, sondern tragen ihre ideologischen Wurzeln Jahrzehnte früher in der Women 's Liberation Movement und den Civil Rights Movements. Auf eine ausführliche Grundlagendarstellung wird an dieser Stelle, aufgrund des begrenzten sprachwissenschaftlichen Wertes, verzichtet. Interessanter erscheint die Debatte um Denotat und Sprachgebrauchswert von Political Correctness. Zunächst folgt aber eine kurze Erläuterung der deutschen Rezeption des Phänomens PC.

2.2 Deutsche Begriffsadaption

Der Begriff Political Correctness schwappte in den frühen 1990er Jahren aus den USA nach Deutschland. Wierlemann zeigt auf, dass die deutsche Rezeption des Begriffes von Vorurteilen geprägt ist. Die Unsachlichkeit der deutschen Diskussion um PC, in der gar von „politische[r] Pest in den USA“[9] gesprochen wird, zeigt Parallelen zur amerikanischen Diskussion, weshalb auf eine künftige geographische Differenzierung der Debatte weitgehend verzichtet wird. Sprachkritisch motivierte Begriffssubstituierungen, gab es in Deutschland bereits vor der begrifflichen Übernahme von PC, wie Grosskopff anmerkt:

„Aber das hat es in Deutschland schon lange vor der Erfindung des Begriffs gegeben. Von einem bestimmten Augenblick an, war es inkorrekt, jemanden einen Lehrling zu nennen, korrekt mußte man bekanntlich das dämliche Kürzel Azubi verwenden.“[10]

Ein Sonderfall der deutschen PC Adaption ist die Forderung nach einer „Historischen Korrektheit“, also dem sensiblen Umgang mit Begriffen, die durch nationalsozialistische Instrumentalisierung einen negativen Beigeschmack erhalten haben, wie etwa das Wort Rasse in seinen diversen Ausprägungen.[11] Aufgrund der jüngsten deutschen Vergangenheit werden im Kontext der aktuellen PC-Debatte vor allem Euphemismen kritisiert, die mit Greuelvokabeln wie Endlösung und Euthanasie in einer Reihe zu stehen scheinen. Das Verständnis um dieses deutsche Erbe spielt für die, im Folgenden noch zu untersuchende, Programmatik der Aktion Unwort des Jahres eine wichtige Rolle.

3.1 Denotat

Wie bereits angedeutet, ergibt sich ein besonderes Problem aus der semantischen Vagheit von Political Correctness. Der Duden greift bei seiner Beschreibung auf das englische Original und nicht das Lehnwort Politische Korrektheit zurück:

„Political Correctness, die [engl. political correctness, eigtl. = politische Korrektheit]: Einstellung, die alle Ausdrucksweisen u. Handlungen ablehnt, durch die jmd. aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen od. geistigen Behinderung od. sexuellen Neigung diskriminiert wird.“[12]

Politisch korrekt verhält sich also derjenige, der seine Mitmenschen aufgrund wie auch immer gearteter Andersartigkeit nicht ausgrenzt.

Auf den ersten Blick erscheint es schwierig zu verstehen, was an dieser edlen Maxime auszusetzen ist, worin die Angriffsfläche dieser Programmatik liegt.

3.2 Unglückliche Terminologie vs. Ziele der politisch korrekten Sprachkritik

Die sprachkritischen Forderungen der PC-Bewegung haben die Zielsetzung, diskriminierende oder pejorative Begriffe aus dem Sprachjargon zu verbannen und somit ein respektvolleres Miteinander zu ermöglichen.[13] Sprachliche Normen werden dabei häufig durch die Etablierung von Gegennormen hinterfragt. Diese Vorgehensweise lässt sich als Aufruf zur öffentlichen Diskussion über die Wirkungsmacht von sprachlichen Ausdrücken verstehen. Wie determiniert Sprache unser Denken bzw. unsere Erkenntnisfähigkeit? Vorschläge für alternative Begriffe liefern Denkanstöße und haben nur in seltenen Fällen oktroyierenden Charakter. Wenn politisch korrekte Sprachkritik also eine demokratische Instanz ist, stolpert der geneigte Leser über die unglückliche Terminologie. Der Begriff Political Correctness vermittelt schon in formaler Hinsicht ein schablonenhaftes schwarz/ weiß-Denken. Zwischen politisch korrekt und inkorrekt scheint es keine Grauzonen zu geben. PC impliziert dabei auf scheinbar schamlose Weise Gutmenschentum: „If i am PC, and you disagree with me, you´re incorrect. And by the way, you´re an elitist, racist, sexist, paternalistic, Eurocentric homophobe, too […].“[14] Dieser satirische Kommentar dichtet Anhängern der PC-Bewegung die performative Verwendung von PC als Flaggenwort an.

[...]


[1] Wierlemann (2002)

[2] Mayer (2002)

[3] Merkmale wie etwa : loyal, bedingungslos der eigenen Sache verpflichtet, autoritär, etwas naiv, streberisch usw.

[4] Mayer (2002, S.147-151)

[5] Cade (zitiert nach Mayer, 2002, S. 156)

[6] Issermann (zitiert nach Mayer, 2002, S.156)

[7] Freese (1999, S. 15) Auf die Ausführung der Sünden, wie Freese es tut, wird an dieser Stelle verzichtet.

[8] Mayer (2002, S. 160f.)

[9] Gustafsson (zitiert nach Wierlemann, 2002, S. 106)

[10] Grosskopff (zitiert nach Wierlemann, 2002, S. 110)

[11] Wierlemann (2002, S. 115) vgl. auch Rassenschande, Rassenachweis, Herrenrasse

[12] Duden (zitiert nach Kramer, 2008, S.29)

[13] Pries (2000, S. 11)

[14] Thibodaux (zitiert nach Wierlemann, 2002, S. 38)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Political Correctness - Ein Ideal im Spannungsfeld von begrifflichem Denotat und Sprachgebrauchswert
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Moderne Wortbildung des Deutschen
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V170622
ISBN (eBook)
9783640895465
ISBN (Buch)
9783640896011
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
political, correctness, ideal, spannungsfeld, denotat, sprachgebrauchswert
Arbeit zitieren
Philipp Aissen (Autor), 2010, Political Correctness - Ein Ideal im Spannungsfeld von begrifflichem Denotat und Sprachgebrauchswert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170622

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