Fürsorge im Nationalsozialismus - Eine kritische Betrachtung


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Leitgedanken und Hintergründe nationalsozialistischer Fürsorgepolitik

3. Freie und öffentliche Träger im Nationalsozialismus
3.1 Nationale Volkswohlfahrt (NSV)
3.2 Freie Wohlfahrtspflege, Deutsches Rotes Kreuz, Innere Mission, Caritas und Jugendamt

4. Zur Veränderungen einer Profession und der Rolle deutscher Sozialpädagogen im Nationalsozialismus
4.1 Veränderte Aufgaben im Bereich der Gesundheits- und Familienfürsorge
4.2 Gegner und Befürworter des NS
4.3 Stellungnahme zum NS in der Zeitschrift "Die Erziehung" im Jahr

5. Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Soziale Arbeit im deutschen Faschismus des 20. Jahrhunderts ist ein mit Schuld behaftetes Kapitel, das nur zu gerne in der sozialarbeiterischen Professionsgeschichte übergangen wird. Oft werden die 12 Jahre des Nationalsozialismus in der Geschichte der Sozialen Arbeit mit ein bis zwei Sätzen über einen bedauernswerten Rückschritt in dieser Zeit oder gelegentlich auch mit dem Begriff "Antipädagogik" (In diesem Zusammenhang nicht mit dem theoretischen Ansatz der Antipädagogik nach Ekkehard von Braunmühl zu verwechseln) abgehandelt.

Die Weimarer Republik war charakteristisch für die Professionalisierung und eine erhebliche Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit. Wenngleich auch im Rahmen der Weltwirtschaftskrise 1929 die daraus resultierenden Notstandverordnungen den Wohlfahrtsstaat von innen aushölten, so war diese Zeit dennoch von enormer Wichtigkeit für die Entwicklung und Institutionalisierung der Sozialen Arbeit. (vgl. Jordan 2005, S. 43).

Im letzten Abschnitt der Weimarer Republik lässt sich eine immer restriktivere Sozialpolitik finden, die ihre Vollendung schließlich im Nationalsozialismus findet. Mit der Machtergreifung Hitlers und der NSDAP fanden eine Reihe an Umstrukturierungen statt, die auf den ersten Blick positiv zu sein scheinen. Neben Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, dem damit einhergehenden sinken der Arbeitslosenzahlen, Neuregelungen zum Arbeitsschutz und Arbeitszeitrecht schienen auch einige familienpolitische Maßnahmen und die Einführung des Mutterschaftsgeldes eine Besserung der allgemeinen sozialpolitischen Lage zu bewirken.

Diese Verbesserungen ließen sich gleichwohl nur mit Manipulation und hoher Verschuldung, z.B. durch viel zu hoch subventionierte Beschäftigungsprogramme verwirklichen. (vgl. Zeller, 1994, S. 133 u. vgl. Hering/Münchmeier, 2005, S.160f.).

Neben derlei Veränderungen die einen positiven Deckmantel bildeten, ließ sich die menschenverachtende Grundüberzeugung dieses totalitären Systems nur stellenweise verbergen.

Nahezu reibungslose Übergänge in Umstrukturierung der Trägerschaften, neuer Aufgaben und Arbeitsweisen sowie veränderter Inhalte an den Hochschulen und die Beteiligung deutscher Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen an diesem Prozess lassen nicht die Frage aufkommen in wieweit Soziale Arbeit Opfer des Nationalsozialismus war. Sondern in wieweit und in welcher Weise Soziale Arbeit in ihrer Durchführung maßgeblich zu Herrschaftssicherung und zur Durchsetzung der neuen Standards im Nationalsozialismus beigetragen hat. (vgl. Otto/Sünker, 1986, S. 15).

Thema dieser Hausarbeit soll eine grundlegende Darstellung wichtiger Veränderungen der Sozialpolitik, sowie Umsetzung und Hintergedanken dieser sein. Im Anschluss daran wird auf den Standpunkt deutscher Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen gegenüber des Nationalsozialismus eingegangen. Dazu werden die Stellungnahmen Sprangers und Flitners in der Zeitschrift "Die Erziehung" aus dem Jahr 1933 genauer betrachtet.

2. Leitgedanken und Hintergründe nationalsozialistischer Fürsorgepolitik

Leitgedanken und Hintergründe nationalsozialistischer Fürsorgepolitik stellen das Ende der Milieautheorien, während der Erbtheorie vollste Aufmerksamkeit zukam. Die Führer und Denker der nationalsozialistischen Regierung gingen davon aus, dass jegliches menschliche Verhalten erheblich durch seine Rasse und seine genetischen Dispositionen bestimmt sind. Erbhygiene sowie die Reinhaltung der Rasse waren oberste Priorität um eine gesunde und funktioniere Gesellschaft zu erschaffen. Fehlverhalten wie beispielsweise Kriminalität waren nicht auf Prägung und soziale Einflüsse zurück zu führen, sondern auf die biologischen Aspekte des jeweiligen Menschen. Neben der Reinhaltung der nordischen Rasse als solche, sie also von anderen Rassen sowie Religionsgemeinschaften zu trennen und somit den nordischen Menschen zu erhalten, galt es auch innerhalb der nordischen Rasse für Reinhaltung zu sorgen. Behinderte Menschen, psychisch Kranke, Kriminelle, sog. "Asoziale" und andere unerwünschte Individuen wurden ausgesondert. (vgl. Bauer, 2008, S. 109).

Bereits im letzten Drittel der Weimarer Republik ließ sich ein autoritärer Umschwung in der Sozialpolitik finden. Die Förderung der Schwachen und Unproduktiven war zunehmend verpönt.

Es wurden Stimmen laut, die nach einer Neuordnung der Sozialpolitik verlangten. Die soziale Sicherung und Unterstützung eines jeden Individuums sollte der Bevölkerungspolitik und dem Gedanken von unterstützungswürdigem und unterstützungsunwürdigem Klientel weichen. Der Nationalsozialismus perfektionierte diesen Gedanken, indem "Minderwertigen" nicht nur Hilfe untersagt blieb, sondern man überdies versuchte minderwertiges Leben auf Grundlage von Erbtheorien auszumerzen - mit Hilfe von Fortpflanzungsverboten (durchgesetzt mit Zwangskastrationen) oder der Tötung von Menschen die als schädlich für die gesunde Volksgemeinschaft angesehen wurden. (vgl. Sachße, 1992, S. 48).

Dieses Vorhaben war schon in den Anfängen des Nationalsozialismus sehr klar formuliert. So schrieb Hitler in seinem Buch Mein Kampf 1926:

"Die Forderung, dass defekten Menschen die Zeugung anderer ebenso defekter Nachkommen unmöglich gemacht wird, ist eine Forderung klarster Vernunft und bedeutet in ihrer planmäßigen Durchführung die humanste Tat der Menschheit. Sie wird Millionen von Unglücklichen unverdiente Leiden ersparen, in der Folge aber zu einer steigenden Gesundheit überhaupt führen." (Hitler, 1934, S. 279).

An oberster Stelle unterstützungswürdigem Klientels standen jene Volkskörper der als erbbiologisch wichtig und gesund galten. Auch der Gedanke der Solidarität wurde in diesem Zusammenhang umgekehrt. So sollte nicht die starke Gemeinschaft dem schwachen Individuum helfen, sondern die Aufmerksamkeit eines jeden Individuums sollte dem Erhalt einer gesunden und starken Volksgemeinschaft dienen - wobei schwache Individuen ausgesondert wurden. (vgl. Sachße, 1992. S. 52).

Ein weiteres grundlegendes Kriterium nationalsozialistischer Sozial- und Fürsorgepolitik war der Volksgedanke. Während zur Zeit der Weimarer Republik ein immer stärkeres Augenmerk dem Individuum galt, stand im Nationalsozialismus die Volksgemeinschaft im Mittelpunkt. (vgl. Schnurr, 1997, S. 29). Oberstes Ziel war eine Durchstrukturierung der Volksgemeinschaft in allen Bereichen, angefangen von größeren Organisationen über kleine Zellen bis hin zum einzelnen Bürger. Hintergrund dessen war eine leichtere Kontrolle und Manipulation des Volkes. Auf diese Weise ließ sich das Denken und Handeln aller Volksmitglieder leichter beeinflussen und überschauen. Die Vereinheitlichung des Volkes sollte eine Vereinheitlichung der Köpfe bewirken.

Diesem Doktrin folgte zu weiten Teilen auch die Soziale Arbeit. So äußerten deutsche Vertreter dieses Berufsfeldes auf der Internationalen Konferenz für Soziale Arbeit im Jahr 1936, dass sich "soziale Gegensätze (...) auf die Dauer in hochzivilisierten Ländern nicht durch Einzelfürsorge (case work) beheben" ließen. Die neuen Aufgaben fernab des Individualitätsgedanken wurden von den sozialen Berufsgruppen nahezu widerstandslos angenommen. (vgl. Wendt, 1990, S. 252).

Eine Umstrukturierung der Weimarer Sozialpolitik in eine die den Gedanken von unterstützungswürdigem und unterstützungsunwürdigen Klientel, von Rassenreinhaltung und Ausmerze schädlichen Lebens, von Volk statt Individuum in sich trägt ist nicht nur auf oberster, abstrakter Ebene möglich. Ihre praktische Umsetzung findet sich in Bereichen in denen Sozialpädagogen tatkräftig mitwirken mussten, um dieses neue System durchzusetzen. Scheinbar nahtlos sich fanden deutsche Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen, Fürsorger und Fürsorgerinnen in diese menschenverachtenden Strukturen ein.

Das am 14. Juli 1933 erlassene "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (GveN) gab der Zwangssterilisierung von Menschen einen rechtlichen Rahmen. Zu seiner Durchführung richtete man den staatlich gelenkten "Öffentlichen Gesundheitsdienst" (öGD) ein. Hier arbeiteten in der Regel Sozialpädagogen/innen und Fürsorgerinnen. Sie besuchten Familien, erstellten Zeugnisse und Gutachten über den Gesundheits- und Geisteszustand sowie die Lebensverhältnisse der einzelnen Familienmitglieder. Diese Informationen wurden an die zuständigen Amtsärzte weitergeleitet, die daraufhin Gesundheits- und Sozialdiagnosen erstellten, welche über eventuelle Zwangssterilisationen, die Überstellung und Arbeits- und Konzentrationslager oder Euthanasie entschieden.

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Fürsorge im Nationalsozialismus - Eine kritische Betrachtung
Hochschule
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V170624
ISBN (eBook)
9783640895472
ISBN (Buch)
9783640896028
Dateigröße
376 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Drittes Reiches, Wohlfahrtsstaat, Fürsorge, Soziale Arbeit, Geschichte, Sozialpädagogik
Arbeit zitieren
Britt Fender (Autor), 2010, Fürsorge im Nationalsozialismus - Eine kritische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170624

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