Europa als Vorbild?

Kollektive Sicherheit oder balance of power in Ostasien - Ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Definition und Beschreibung der Region Ostasien

3. Vergleich – Europa als Vorbild?
3.1. Realismus und balance of power
3.2. Kooperation und kollektive Sicherheit

4. Alternativen
4.1. Regionale Besonderheiten und Ansätze in Ostasien
4.2. Mögliche Impulsgeber

5. Fazit

6. Verwendete Literatur

1. Einleitung

Ostasien wird heute oft mit dem Europa des balance of power im 19. Jh. verglichen. Es soll im Folgenden die These vertreten werden, dass ein solches balance of power als sicherheitspolitisches Ordnungsprinzip langfristig nicht ausreichend ist und vielleicht sogar große Gefahren birgt. Ausgehend von dieser These soll die Frage beantwortet werden, ob und inwiefern Möglichkeiten zu einer stärkeren Kollektivierung der Sicherheitsbemühungen in der Region bestehen. Es wird zu zeigen sein, auf welchen Grundlagen Institutionen kollektiver Sicherheit in Ostasien fußen könnten. Von besonderem Interesse wird dabei der Vergleich mit Europa sein. Hier scheint der Übergang vom balance of power – über die Barbarei zweier Weltkriege – in den letzten 60 Jahren gelungen zu sein. In Europa konvergieren heute mehrere Institutionen und Systeme kollektiver Sicherheit, die die verschiedenen Staaten untereinander, aber darüber hinaus auch über kontinentale Grenzen hinweg mit anderen Verbündeten verbinden. Zu nennen wären etwa die NATO und OSZE aber natürlich auch die EU. Außen vorgelassen wird die UNO, die ja keine speziell regionale Institution darstellt. Die genannten Organisationen sollen daraufhin untersucht werden, inwieweit sie einer möglichen Entwicklung in Ostasien als Vorbild dienen könnten.

Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, dass es neben den Parallelen zu Europa auch Unterschiede und Besonderheiten gibt. So ist die Rolle der USA in Ostasien eine andere als sie es in Europa war und ist. Dieser Unterschied und auch die Verpflichtungen und Möglichkeiten der USA als Akteur in Ostasiens Politik sollen thematisiert werden. Weiterhin gibt es in Asien ganz eigene Ansätze, die auch mit den spezifischen regionalen Konflikten in Zusammenhang stehen. Der Atomkonflikt um Nordkorea beispielsweise, ist der momentan größte Gefahrenherd der Region, gleichwohl aber auch durch die integrative Konstruktion der Sechsparteiengespräche eine Chance auf stärkere Kooperation und Verstrukturierung der Sicherheitsbemühungen der verschiedenen Akteure.

Im Folgenden wird mit einer Arbeitsdefinition der Region gefolgt von einer anschließenden Beschreibung der Akteure, Phänomene und Konflikte begonnen werden. Darauf aufbauend soll der bereits erwähnte Vergleich mit Europa Gemeinsamkeiten und Unterschiede kontrastieren und ausloten, ob europäische Entwicklungen Anstoß und Beispiel für Ostasien sein können. Anschließend werden, um das Bild abzurunden, Alternativen im Sinne von regionsspezifischen Ansätzen diskutiert. Dabei wird schließlich nach den möglichen Impulsgebern einer Entwicklung gefragt, die dem chancenreichen Aufbruch vieler Staaten Ostasiens einen kollektiven sicherheits- und stabilitätsbildenden Rahmen geben würde.

2. Definition und Beschreibung

Im Allgemeinen wird die Region Ostasien als eigener Kulturraum definiert, der zum einen vom zentralasiatischen Hochland und zum anderen vom pazifischen Ozean begrenzt wird.[1] Kulturell ist die Region stark durch chinesische Einflüsse geprägt.[2] Obwohl Ostasien rein geographisch definiert einige Länder nicht in ihrer Gänze umfaßt, werden im Folgenden aus Gründen der Praktikabilität im Sinne der Fragestellung unter dem Begriff Ostasien ausschließlich Japan, die Volksrepublik China inklusive Taiwan, die demokratische Volksrepublik Korea und die Republik Korea verstanden.

Die rein geographische Situation der Länder Ostasiens ist höchst unterschiedlich. Während Japan als Inselstaat ohne Landgrenzen entstanden ist, befinden sich die beiden koreanischen Bruderstaaten in Halbinsellage. China hingegen nimmt große Landmassen mit dementsprechend vielen Nachbarstaaten ein. Diese geographische Konstellation hat sich historisch bereits als folgenreich erwiesen: Während das zentralistische China das Außen stets und zum Teil zu Recht als Bedrohung wahrnehmen mußte – verwiesen sei hierbei etwa auf die Mongolenherrschaft, den Kolonialismus des 19. Jh. und die japanischen Aggressionen in den 30er Jahren des 20. Jh. - konnte Japan lange Zeit isolationistische Selbstgenügsamkeit üben, die, in zeitlicher Folge der Meji-Restauration und der Industrialisierung jedoch in - nicht zuletzt von eigener Ressourcenarmut getriebenen - Expansionismus umschlug. Korea sah sich historisch lange Zeit als Spielball oder Puffer der größeren Mächte und ist letztlich auch aufgrund seiner geographischen Lage bis heute nicht geeint.[3]

Derzeit bestimmen verschiedene latente und akute regionale Konflikte, aber auch Phänomene wie das enorme wirtschaftliche Wachstum Chinas das Bild der Region.

Trotz einiger Fortschritte bezüglich einer Annäherung, ist etwa die Taiwanfrage nach wie vor nicht gelöst. Vielmehr rüstet China gegenüber Taiwan auf und hat Raketen stationiert, die potentiell auch auf Japan bedrohlich wirken. Zwischen Japan und China gibt es neben zeitweilig aufkeimenden Nationalismen-Konflikten, die sich bisher etwa an den Besuchen des japanischen Ex-Premiers Koizumi am Yazukuni-Schrein entzündeten, auch ganz handfesten Streit um Territorien und Ressourcen im Südchinesischen Meer. Auch das Verhältnis Japans zu Südkorea ist nicht völlig ausgeglichen, so dass das Land tendenziell unterschwellig stets in Gefahr von Isolation schwebt. Als wahrscheinlich zentraler Konflikt Ostasiens kann wohl derzeit der Atomkonflikt mit Nordkorea betrachtet werden, der natürlich eng an das Faktum des stillgelegten koreanischen Bürgerkrieges und an die daraus resultierende innerkoreanische Teilung gebunden ist. Obwohl durch Verhandlungen die Gefahr zunächst gebannt zu sein scheint, sollte nicht vergessen werden, dass das nordkoreanische Regime ein schwer einzuschätzender Verhandlungspartner ist und dass ein verkappter Atomtest bereits stattgefunden hat. Die Gefahr eines nuklearen Wettrüstens steht somit nach wie vor im Raum und dies vor allem auch deshalb, weil es nach wie vor an wirklich institutionalisierter, kollektiver Sicherheit in Ostasien mangelt. Statt dessen herrscht in der Region immer noch das Ordnungsprinzip des balance of power und noch immer gilt: „that power politics is alive and well in the region“[4], wie John J. Mearsheimer feststellt. Gen Kikkawa geht hier sogar noch weiter, indem er konstatiert, dass Ostasien eine der instabilsten Regionen der Welt sei. Für ihn hängt die Sicherheit und Stabilität der Region auch lange nach dem Kalten Krieg von den USA und ihrem Militär vor Ort ab.[5] Und tatsächlich zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass die USA in allen zentralen Konflikten der Region involviert sind: So hat Washington etwa ein Interesse an einer nichtmilitärischen Lösung der Taiwanfrage, sichert mit 36000 Soldaten das Gleichgewicht auf der koreanischen Halbinsel ab, hat zudem erhebliche Bedeutung in der Auseinandersetzung mit Nordkorea und bewahrt Japan vor einer möglicherweise auch nur gefühlten Isolierung. Darüber hinaus gelten die USA in ihrer Rolle als Supermacht als Gegengewicht zu der erwachenden Großmacht China. Auch für Mearsheimer steht deshalb fest, dass die USA momentan der Garant für die Stabilität der Region sind und dass ein - wie auch immer motivierter - Abzug der Amerikaner aus der Region fatale Folgen hätte. Schließlich ist die Rolle der USA hier eine andere als in Europa. Während die USA in Europa mit der NATO einen kollektiven, multilateralen Ansatz verfolgen, gewähren sie in Asien Sicherheit durch ein „hub-and-spokes-system“ bilateraler Allianzen mit Staaten wie Südkorea oder Japan.[6] Dies führt letztlich nicht unbedingt zu einer stärkeren gegenseitigen Verknüpfung dieser Staaten. Stattdessen werden die USA so zu einem balancer in der Region, der Sicherheit durch das Ausbalancieren der Machtverhältnisse gewährleistet. Das ein solches System nicht zwangsläufig langfristig stabil ist, hat sich in der Vergangenheit vor allem in Europa erwiesen, wie unter Punkt 3 noch näher auszuführen ist.

Einen asiatischen Ansatz multilateraler Zusammenarbeit verfolgen die ASEAN-Staaten immerhin seit 1967. Auf Grundlage gemeinsamer Interessen in der bedrohlichen Umgebung des Kalten Krieges gegründet, fußt die ASEAN auf den Prinzipien der Identitätswahrung, der Nichteinmischung und der nationalen Souveränität. Kooperation sollte zu Stabilität führen und so bietet ASEAN den Mitgliedstaaten Instrumente und Möglichkeiten zur friedlichen Konfliktlösung. Die Organisation nimmt für sich in Anspruch, auf diese Weise in der Vergangenheit verhindert zu haben, dass aus diversen bilateralen Spannungen unter Mitgliedsstaaten schwerere Konfliktsituationen entstanden.[7] Durch das ASEAN+3 Forum sind seit 1999 auch Japan, China und Südkorea mit der ASEAN verbunden.[8] Jedoch wird die ASEAN in Ostasien aufgrund der Vielzahl der vorwiegend an Gleichgewichtspolitik interessierten Staaten wohl nicht zum Träger einer stärkeren sicherheitspolitischen Verinstitutionalisierung werden können.[9]

Immerhin läßt sich eine immer stärkere Interdependenz zwischen den Volkswirtschaften Ostasiens feststellen. Daten des US-China Business Council für 2005[10] zeigen, dass sich dieser Trend fortsetzt: Obwohl die USA nach wie vor Chinas wichtigster Handelspartner sind, folgen auf dem zweiten und vierten Platz Japan und Südkorea mit einem Handelsvolumen von 184,443 und 111,931 Milliarden US-Dollar. Das bedeutet, dass China allein mit diesen beiden Staaten ca. 20, 8% (Taiwan mitgerechnet sogar ca. 27,3%) seines Gesamthandels abwickelt. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, dass zudem Japan, Korea und Taiwan die wichtigsten Importnationen Chinas sind, während Länder wie die USA, Deutschland oder das Vereinigte Königreich vor allem als Exportziele für den chinesischen Handel dienen. Ungefähr 38,2% seiner Importe bezieht China von seinen beiden Nachbarn inklusive Taiwan. Größtenteils handelt es sich dabei um hochwertige Waren, wie etwa Elektronik oder optisches und medizinisches Equipment. Im Vergleich wickelt beispielsweise die Bundesrepublik Deutschland mit ihren Nachbarn und EU-Partnern Frankreich, Polen und den Niederlanden nur ungefähr 19,3% ihres gesamten Außenhandels ab.[11] Die Handelsinterdependenz zwischen den Staaten Ostasiens ist also – auch im internationalen Vergleich - groß, Japan und Korea profitieren vom starken chinesischen Wachstum, China wiederum vom hohen technischen know-how der beiden Nachbarökonomien.

Doch trotz des bemerkenswert hohen Grads an wirtschaftlicher Verflechtung gibt es auf der politischen Ebene große Unterschiede. China ist bei allem wirtschaftlichen Liberalismus noch immer ein zumindest pro forma sozialistischer Einparteienstaat: Thomas Heberer spricht in diesem Zusammenhang von einem „System des fragmentierten Autoritarismus“[12], in dem der Staat auf „der Interaktion zwischen Staat und Gesellschaft“[13] beruhe. Südkorea und Japan sowie auch Taiwan sind demokratisch verfaßt, doch kann Japan innerhalb dieser Trias bereits als älteste Demokratie gelten. Sowohl in Taiwan als auch in Südkorea setzten Demokratisierungsprozesse, die schließlich zur Ablösung der jeweiligen Militärregierungen führten, erst in den späten 80er Jahren ein. Nordkorea, welches schon wirtschaftlich gesehen außen vor steht, ist politisch mit seinem mitunter bizarren Regime nicht nur in Ostasien einzigartig und schwer einzuschätzen. Sicher ist jedoch, dass sowohl Nordkorea als auch China in der Vergangenheit schwere Menschrechtsverletzungen bis hin zu millionenfachem Mord gegen ihre eigene Bevölkerung begangen haben.[14] Während dies in Nordkorea offenbar nach wie vor praktiziert wird, ist die Vergangenheit in China bisher allenfalls formelhaft behandelt und bewältigt worden. Eine gemeinsame Basis auf Grundlage gleicher politischer Werte und Grundsätze läßt sich hier somit schwerlich vorstellen. Hinzu kommt, dass gerade auch diese absolute Macht der Regime nach innen, nach außen eine um so stärkere Betonung des Prinzips der Nichteinmischung zur Folge hatte, was um so schwerer wiegt, da in Asien auch augrund der Erfahrungen mit dem Kolonialismus staatliche Souveränität und Unabhängigkeit ohnehin einen hohen Stellenwert einnehmen.[15] Letztlich läßt dies auch Gen Kikkawa zu dem Schluß kommen: „the international relations of Asia most closely approximate the traditional Western State system.“.

Auf Basis dieser Annahme erscheint es lohnenswert nach Möglichkeiten des Vergleichs zwischen Ostasien und den verschiedenen historischen Entwicklungsphasen Europas zu suchen um so möglicherweise Erkenntnisse über die Chancen des Kopierens erfolgreicher europäischer Kooperation und kollektiver Sicherheit in der Region zu gewinnen.

[...]


[1] Vgl.: Brockhaus Enzyklopädie, 21. Auflage, Band 20, S. 512.

[2] Vgl.: The New Encyclopedia Britannica, 15. Edition, 2003, Volume 4, S. 326.

[3] Vgl.: etwa: Einführung in die politischen Systeme Ostasiens, Hrsg.: Derichs, Claudia/ Heberer, Thomas, Opladen, 2003, passim.

[4] Mearsheimer, John J.: The Tragedy of Great Power Politics, W. W. Norton & Company, New York, 2001, S. 373.

[5] Vgl. Kikkawa, Gen: East Asian International Security In A Dilemma Why Is Asia Against Democratic Peace And Security, in: Wiener Blätter zur Friedensforschung, Nr. 128, September/3/2006, S. 13 f.

[6] Wacker, Gudrun: Security challenges in East Asia, security architecture and the effectiveness of responses, 2006.

[7] Vgl.: Offizielle Website der ASEAN: http://www.aseansec.org/92.htm, 28.02.2007, 16:26.

[8] Vgl.: A Political and Economic Dictionary of East Asia, Hrsg.: Hoare, James E/ Pares, Susan, Routledge, London, 2005, S. 9.

[9] Vgl.: Cieslik, a.a.O., S. 95.

[10] Website des US-China Business Council, http://www.uschina.org/statistics/tradetable.html, 28.02.2007, 17,31.

[11] Berechnet nach Daten des Statistischen Bundesamtes für 2005, http://www.destatis.de/download/d/aussh/rangfolge.pdf, 01.03.2007, 15:23.

[12] Heberer, Thomas: Party State im „Reich der Mitte“ – Zum politischen System in China, in: WeltTrends, Nr. 53, Winter 2006, S. 65.

[13] Ebenda, S. 66.

[14] Vgl.: etwa: Einführung in die politischen Systeme Ostasiens, a.a.O., passim.

[15] Vgl. Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Europa als Vorbild?
Untertitel
Kollektive Sicherheit oder balance of power in Ostasien - Ein Vergleich
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V170644
ISBN (eBook)
9783640895526
ISBN (Buch)
9783640895991
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ostasien, kollektive Sicherheit, Fernost, Japan, China, Südkorea, Nordkorea, balance of power, UNO, NATO, EU
Arbeit zitieren
Ullrich Müller (Autor), 2007, Europa als Vorbild?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170644

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Europa als Vorbild?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden