Was darf Kunst? Die Erörterung einer schweren Frage anhand Pauline Réages "Die Geschichte der O"


Hausarbeit, 2010

32 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der Begriff der „Kunst“ im Wandel der Zeit
2.1. Die Definition der Kunst im Verlauf der Geschichte
2.2. Pornographische Literatur als Teilbereich der Kunst

3. Die „Geschichte der O“. Ein Kunstwerk?
3.1. Inhalt und allgemeine Analyse
3.2. Reaktionen
3.3. Grenzen der Kunst

4. Schlusswort

5. Literatur
5.1 Primärtexte
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Internetquellen

1. Einleitung

Kaum eine andere Frage kann sich durch so viele unterschiedliche Definitionen beantworten lassen, wie die Frage: Was ist Kunst? Können beispielsweise Schüttbilder von Hermann Nitsch oder dessen Orgien-Mysterien-Theater, Kunst genannt werden? Darf der Fotograf Helmut Newton als Künstler bezeichnet werden, gleichwohl ihm mehrmals vorgeworfen wurde, dass seine Bilder sexistisch und rassistisch seien. Am Werk Nitschs als auch an Newtons Werk scheiden sich die Geister. Zumindest ein Teil ist der Meinung, dass dies Kunst sei. Andernfalls wären beide wohl nicht bereits mit renommierten Preisen ausgezeichnet worden.

Ebenfalls einen Preis gewann Dominique Aury, die 1955 unter dem Pseudonym Pauline Réage für ihren Roman, Die Geschichte der O mit dem französischen Literaturpreis Prix des Deux Magots ausgezeichnet wurde. Doch noch im selben Jahr wurde das Buch für mehrere Jahre wegen seinen brutalen Darstellungen indiziert.[1] Andere lobten den literarischen Wert des Buches und zogen es als Beispiel heran, dass auch pornographische Literatur Kunst sein könne.[2]

Auch als Die Geschichte der O 1967 erstmals in Deutschland erschien, dauerte es nur wenige Wochen, bis das Buch in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen wurde.[3] Dabei hatte Richard Wagner verkündet „Die Kunst ist frei“[4], und auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“[5]

Darf Kunst also wirklich alles und wenn Kunst alles darf, kann dann alles Kunst sein? Wenn dem nicht so ist, wo verlaufen die Grenzen zwischen Kunst und Nichtkunst?

Anhand des Buches von Pauline Réage will die Arbeit diese Fragen untersuchen.

Um zunächst zu klären, was Kunst war und ist, soll im 2. Abschnitt aufgezeigt werden, inwiefern sich der Kunstbegriff im Verlauf der Geschichte verändert hat und was alles als Kunst bezeichnet wurde und wird.

2.2 wird dann zeigen, dass die Pornographie einen Teilbereich der Literatur bildet und inwiefern sie als Kunst bezeichnet werden kann.

Nach diesem theoretischen Teil gehe ich auf Die Geschichte der O ein und versuche den künstlerischen Gehalt des Buches herauszuarbeiten. Hierfür werde ich in 3.1 zunächst einen kurzen Einblick in den Inhalt geben und einige Motive des Buches herausstellen. In 3.2 werden die unmittelbaren und längerfristigen Reaktionen auf das Buch dargestellt und einige Stimmen zu Wort kommen, die sich wertend über das Werk äußerten. Auch werden die rechtlichen Probleme dargestellt, die der Kunst Grenzen setzten können. Wo genau diese Grenzen verlaufen, soll in 3.3 geklärt werden. Im Schlusswort wird das Herausgearbeitete rückblickend zusammengefasst.

Dabei beabsichtigt die Arbeit nicht, eine allgemeingültige Definition von Kunst aufzustellen, da es eine solche allgemeingültige Definition vermutlich gar nicht gibt. Vielmehr soll die Arbeit am Beispiel von Réages Die Geschichte der O klären, wo die Kunst auf Grenzen stoßen kann.

Die Arbeit profitiert von einer breiten Diskussion, die sich im Rahmen von Kunstfreiheit und Indizierung entwickelt hat. Insbesondere Susan Sontags Überlegungen über Kunst und Antikunst sowie Simone Krainers Arbeit Was darf Kunst? lieferten wichtige Gedanken für die vorliegende Arbeit. Was die Rezeption der rechtlichen Situation in Deutschland betrifft, stützt sich die Arbeit hauptsächlich auf Informationen aus Aufsätzen von Horst Albert Glaser und Heinz Ludwig Arnold.

2. Der Begriff „Kunst“ im Wandel der Zeit

Der Begriff Kunst wurde in vielen verschiedenen Bereichen auf verschiedenste Weise verwendet. Dies gilt heute genauso wie es vor zweitausend Jahren der Fall war. Wenn nun im Folgenden also die Definition der Kunst im Wandel der Geschichte dargestellt wird, kommt es vor allem darauf an, bestimmte Schwerpunkte des jeweiligen Kunstverständnisses hervorzuheben.

2.1. Die Definition der Kunst im Verlauf der Geschichte

„Kunst also ist [...] eine auf Hervorbringung gerichtete Haltung, die mit wahrer Überlegung verbunden ist, während im Gegenteil, die Kunstlosigkeit, eine auf Hervorbringen gerichtete Haltung ist, die mit falscher Überlegung verbunden ist.“[6].

Diese Definition von Kunst stammt etwa aus dem Jahr 313 v. Chr. und wurde von Aristoteles formuliert, der wie die meisten seiner Zeitgenossen Kunst als praktisches Wissen verstand. Demnach war derjenige kunstfertig, der seine Fähigkeiten durch mühsames Training verbessert und diszipliniert hatte, um sie dann in der Praxis gewinnbringen anwenden zu können. Nicht-Kunst ist demgemäß das, „was durch Zufall seinen Zweck erreicht.“[7], wie es Seneca um 50 n. Chr. formulierte.

Damit zusammen hängt ein weiteres Verständnis von Kunst, das in der Antike weit verbreitet war. So stellten sich antike Philosophen häufig die Frage, wie Harmonie zu erlangen sei, dass heißt wie die Teile des Ganzen angeordnet sein müssten, damit ein Gleichgewicht entstehe. Dies zu bewerkstelligen war Kunst. Spielten damals vor allem organologische Modelle eine Rolle, treffen wir ein ähnliches Kunstverständnis auch noch heute an. Schließlich geht es bei der Mechanik und der Mathematik um nicht viel anderes.

Wie die Natur auch heute bei vielen Erfindungen als Vorlage diente, so suchte man auch in der Antike jene Harmonie unter anderem durch die Nachahmung der Natur zu erreichen. Seneca etwa war der Meinung, dass alle Kunst bloß Nachahmung der Natur sei. Eine Ähnlichkeit zwischen Mensch und Natur bestand ja auch darin, dass der Mensch genau wie die Natur in der Lage war, Dinge hervorzubringen, etwas zu schaffen. Die Natur jedoch schien in ihrer Schaffenskraft mächtiger und vor allem vollkommener. Daher galt sie als nachahmenswert. Die Gedanken aus der Antike überdauerten ebenfalls die Zeiten und wurden vor allem von den Stürmern und Drängern wieder aufgenommen[8]. So versuchte sich Goethe mit dieser Kunstdefinition:

„Kunst: eine andere Natur, auch geheimnisvoll, aber verständlicher; denn sie entspringt aus dem Verstande.“[9]

Auch Paul Cézanne urteilte, ähnlich wie Seneca fast zweitausend Jahre zuvor: „Die Kunst ist eine Harmonie, die parallel zur Natur verläuft.“[10]

Gleichwohl in der Antike noch nicht kanonisch festgehalten, entwickelten sich bereits damals die artes liberales , die sieben freien Künste. Aufgeteilt in Trivium, dem Grammatik, Rhetorik und Dialektik angehörten, und Quadrivium, wozu Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie zählten, verstand man Kunst nunmehr als Wissenschaft. Gleichwohl die artes liberales in der Antike noch nicht zum festen Lehrinhalt der schulischen Einrichtungen gehörten, gewannen sie dann im Mittelalter immer größere Bedeutung. Nach der Gründung der Universitäten im 12. Jahrhundert fanden sie in abgeänderter Form auch Eingang in deren Lehrplan. Im Mittelalter verlor die Kunst auch einen großen Teil ihrer Freiheit. Im Grunde verfügte die Kirche nun über das Monopol der Kunst. Zumindest über die Kunst, die wir heute intuitiv zunächst mal mit diesem Begriff verbinden würden. So gab es kaum ein Gemälde, eine Skulptur, ein Buch, eine Theateraufführung oder ein Musikstück, das nicht von der Kirche in Auftrag gegeben worden war. Der Zweck der Kunstwerke erschöpfte sich weitestgehend darin, Glaubensinhalte oder Herrschaftsansprüche darzustellen.

Mit der Renaissance, die im 15. Jahrhundert zunächst in Italien ihren Anfang nahm, änderte sich dies. Der Machtanstieg der Städte führte auch dazu, dass sich wieder ein freier Kunstmarkt entwickelte, der so zuletzt in der Antike zu besuchen war. Dass bedeutete zugleich auch eine Emanzipation des Künstlers, der seine Werke nun nicht mehr nach dem Willen der Kirche gestalten musste. Die Inquisitionsgerichte verloren so zunehmend an Einfluss und Kontrolle über die Künste.[11] Auch die artes liberales wurden an den ersten nun entstehenden Universitäten einer massiven Neubewertung unterzogen.

Diese Liberalisierung der Kunst schuf die Grundlage dafür, dass Kunst zum Thema der öffentlichen Diskussion werden konnte. Stärker als zuvor wurde nun auch diskutiert, was überhaupt als Kunst eingeschätzt werden kann und darf. Eine Vielzahl von ästhetischen Schriften versuchte diese Frage zu beantworten. Ein Kriterium, das sich herauskristallisierte, schien zu sein, dass Kunst vor allem schön sein müsse. Auch Goethe äußerte sich dahingehend: „Die Kunst ist lange bildend, ehe sie schön ist.“[12] Doch die nächste Frage stellte sich dann automatisch. Wenn Kunst schön sein sollte, was kann als schön bezeichnet werden. In seiner Abhandlung über die Empfindungen versuchte Étienne Bonnot de Condillac 1794 dafür folgende Antwort zu geben:

„In der Tat nennt man alles gut, was dem Geruch oder Geschmack, alles schön, was dem Gesicht, Gehör oder Getast zusagt [...]. Daraus ergibt sich die Folgerung, daß das Gute und das Schöne nichts Absolutes sind, sondern sich nach dem Charakter des Urteilenden und der Art, wie es organisiert ist, richten müssen.“[13]

Doch schon meldeten sich Stimmen zu Wort, die das Wort schön eher der Natur zuordnen wollten. Künstlerische Schönheit wurde daher fortan als ästhetisch bezeichnet.[14]

Aus der Ästhetik entwickelte sich in der Romantik und in der Weimarer Klassik der Gedanke des genialen Künstlers. Die diversen Regeln, die an Dichterakademien unterrichtet wurden und auch über den ästhetischen Wert eines Gedichts entschieden, wurden nun aufgebrochen. Dabei ist der Begriff Genie ähnlich der Kunst eine Begrifflichkeit, unter der vieles verstanden wurde, und gerade heute wird vieles als genial bezeichnet. Zunächst galt das Genie als schöpferischer Genius innerhalb der literarischen Welt[15], dann weitete sich dies auch auf die anderen bildenden Künste aus, und schließlich wurden auch Wissenschaftler als Genies bezeichnet. Um die Bedeutungsvielfalt des Geniebegriffs nochmals hervorzuheben, sei nur darauf verwiesen, dass heute selbst ein guter Zug im Mannschaftssport immer wieder gerne als Geniestreich oder genial bezeichnet wird.

[...]


[1] Vgl. Deforges, Régine und Réage, Pauline: Die O hat mir erzählt, Hamburg, 2000, S. 16. Die für diese Arbeit verwendete Ausgabe ist frei im Handel erhältlich und enthält neben der Geschichte der O auch ein Interview zwischen Réage und der Herausgeberin Deforges. Im Folgenden wird der Titel mit Réage, 2000, abgekürzt.

[2] Vgl. Sontag, Susan: Die pornographische Phantasie. In: Sontag, Susan: Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen, Wien, 1980, S. 39-86. Hier: S. 39.

[3] Vgl. Krainer, Simone: Was darf Kunst dürfen? Über die (feministische) Rezeption pornographischer (speziell sadomasochistischer) Inhalte in der Literatur am Beispiel der „Geschichte der O“, Klagenfurt, 2007, S. 112.

[4] Wagner, Richard: Sämtliche Schriften und Dichtungen, Band III., Leipzig, 1907, S. 78.

[5] Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 5, § 1. URL: http://www.bundestag.de/dokumente/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01.html [letzter Aufruf: 01.09.2010].

[6] Aristoteles: Nikomachische Ethik 1140 a. In: Krueger, J: Ästhetik der Antike, Berlin und Weimar, 1964, S. 214-215. Hier: S. 215.

[7] Seneca, Lucius Annaeus: Briefe an Lucilius, Epist. 29,3. In: Tatarkiewicz: Geschichte der Ästhetik, Band I., Basel und Stuttgart, 1979, S. 235.

[8] Vgl. Kaiser, Gerhard: Aufklärung Empfindsamkeit Sturm und Drang, Tübingen, 2006, S. 57-61.

[9] Goethe, Johann Wolfgang von, Seidel, S. [Hrsg.]: Berliner Ausgabe, Band XVIII, Berlin und Weimar, 1972, S. 637.

[10] Cézanne, Paul, Rewald, John [Hrsg.]: Briefe, Zürich, 1962, S. 243.

[11] Vgl. Zembylas, Tasos: Kunst oder Nichtkunst. Über Bedingungen und Instanzen ästhetischer Beurteilung, Wien, 1997, S. 62.

[12] Zitiert nach: Landmann, Edith: Die Lehre vom Schönen, Wien, 1952, S. 120.

[13] Condillac, Étienne Bonnot de: Abhandlung ueber die Empfindungen, Berlin, 1870, S. 197.

[14] Vgl. z.B. Heydenreich, Karl Heinrich: System der Ästhetik, Berlin, 1970, S. 220. Vgl. auch Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Ästhetik, Berlin und Leipzig, 1931, S. 100.

[15] Vgl. Kaiser, 2007, S. 190.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Was darf Kunst? Die Erörterung einer schweren Frage anhand Pauline Réages "Die Geschichte der O"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Autor
Jahr
2010
Seiten
32
Katalognummer
V170664
ISBN (eBook)
9783640895601
ISBN (Buch)
9783640895847
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr breite Seitenränder (bei der Preisauswahl berücksichtigt).
Schlagworte
Porno, pornographische Literatur, Fanny Hill, Definition, Kunstdefinition, Grenzen der Kunst
Arbeit zitieren
Fabian Wilhelmi (Autor), 2010, Was darf Kunst? Die Erörterung einer schweren Frage anhand Pauline Réages "Die Geschichte der O", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170664

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