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Reisebeschreibungen innerer und äusserer Welten

Orte, Gegebenheiten und Gedanken

Title: Reisebeschreibungen innerer und äusserer Welten

Novel , 2026 , 279 Pages

Autor:in: Riccardo Bonfranchi (Author)

StorySphere: Novels & Short Stories
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Summary Excerpt Details

Vierzig Reisen, unzählige Begegnungen, ein Erzähler auf der Suche nach der Welt – und nach sich selbst.

Der Erzähler versammelt in diesem Buch Reisebilder aus allen Kontinenten, die weit über das blosse Beschreiben von Orten hinausgehen. Zwischen Costa Rica, Paris, Seoul, Sydney und Wien entstehen Miniaturen über Menschen, Erinnerungen, Körper, Literatur und Vergänglichkeit.
Mal staunend, mal irritiert, mal schonungslos offen blickt er auf das Fremde und entdeckt darin immer wieder eigene Fragen, Widersprüche und Sehnsüchte. So wird jede Etappe auch zu einer Reise nach innen.

Ein vielschichtiger literarischer Band über das Sehen, das Erinnern und die Unmöglichkeit, sich der Welt wirklich zu entziehen.

Eine Übersicht der anderen Publikationen des Autors aus der Philosophie und Heilpädagogik sowie weitere Romane finden sich auf seiner Homepage unter: www.bonfranchi.info

Excerpt


Auszüge aus dem Buch

Cover: Reisebeschreibungen innerer und äusserer Welten

1. Costa Rica

Über Madrid gelangt man nach Mittel-Amerika, nach Costa Rica. Ich fuhr mit sechs anderen Menschen dahin. Wir bildeten demnach eine Siebner-Gruppe. Ich war solo und die anderen je ein Paar. Bei einem Paar war der Mann schon leicht dement und die Frau führte ihn und erklärte ihm auch alles. Das andere Paar war jünger und ihre Zusammengehörigkeit war mir erst nicht klar. Das dritte Paar war wohl schon seit vielen Jahren zusammen, verheiratet und verstand sich schweigend. Auf den Flügen kannten wir uns noch nicht, sondern lernten uns erst in San José, der Hauptstadt dieses Landes kennen. Vor dem Mini-Bus, der uns gleich zum Hotel bringen sollte, beschnupperten wir uns, als uns der Guide, Harry, in Empfang war. Er war auch Schweizer, lebte aber schon viele Jahre hier und hatte auch die Costa Ricanische Staatsangehörigkeit, wie er uns stolz mitteilte. Nach dem Einladen fuhren wir auch schon direkt zu unserem ersten Hotel. Beim Abendessen, ging dann das allgemeine Beschnuppern, sprich: Kennenlernen, weiter.

Wir tauschten unsere Namen aus und unsere Herkunftsorte. Wir kamen aus vier unterschiedlichen Teilen der Deutschschweiz. Beim ersten Paar sagte der Mann nichts und die Frau übernahm auch die Aufgabe, ihm das Essen zu zerkleinern. Als der Mann am Einnicken war, entschuldigte sie sich und meinte, es wäre vermutlich seine letzte Reise und er hätte sich diese so sehr gewünscht. Er hätte auch vor kurzem erst eine schwere Operation gehabt, Krebs, wie sie leise sagte, und es ging ihm jetzt aber schon besser. «Obwohl er schon auch stark abgebaut hat, die letzten Jahre. Aber wer weiss, wie lange es noch geht?», fügte sie noch an. Betretenes Schweigen am Tisch. Der Mann schien mir bereits in den 80er Jahren zu sein. Er sah uns immer wieder an und lächelte, aber er sagte nichts. Seine Frau schien um einiges jünger zu sein. Aber das ist ja immer schwierig zu schätzen. Sie kümmerte sich rührend um ihn und ich bewunderte ihren Mut, mit ihrem, man muss es schon so formulieren, behinderten Mann diese Reise zu unternehmen, weil er es sich doch gewünscht hatte. Es hätte mich interessiert, wie er diesen Wunsch geäussert hatte. Vielleicht war es aber auch ein Wunsch von ihm, den er geäussert hatte, als er noch klar war in seinen Gedanken.

Das zweite Paar erklärte dann, dass sie kein Paar wären, aber immer gemeinsam die Urlaube verbringen würden. Dieser Mann hatte sich auch gleich eine dicke Zigarre angesteckt. Seine Freundin, kann man ja nicht sagen, also: seine Begleiterin, ich schätzte sie so auf Anfang, Mitte 40, trug eine tief ausgeschnittene Bluse, die mehr als nur ihre Brustansätze sehen liess. Sie legte immer wieder ihre rechte Hand auf den linken Oberschenkel des Mannes, der sich als Architekt erklärte. Sie arbeitete als leitende Krankenschwester in einem grossen Krankenhaus. «Wir sind beide ledig», erklärten sie abschliessend noch. Der Mann erklärte noch kurz, dass er jeweils auf eigene Rechnung Bauland kaufte, dieses dann bebaute, also bebauen liess und die Häuser bzw. Wohnungen dann weiterverkaufte. Mir waren diese Transaktionen nicht ganz klar, weil ich nie in meinem Leben, in dieser Branche tätig gewesen war.

Das dritte Paar, auch schon etwas älter, sagte nicht viel. Sie waren beide pensioniert und machten viele Reisen. «Wir haben schon die halbe Welt gesehen, aber in Mittelamerika waren wir noch nicht», meinte der Mann. «Wir haben keine Lust jahrein – jahraus zu Hause zu hocken und so bummeln wir eben durch die Welt», ergänzte seine Frau. Der Mann fügte seinerseits noch an: «Dann auf gute Kameradschaft in Costa Rica». Er erhob das Glas und alle anderen, ausser dem einen Mann, taten es ihm gleich. Auch ich erhob meinen Orangensaft.

Ich hatte mir das alles angehört und gab natürlich auch einige Oberflächlichkeiten von mir preis. Man passt sich an. Danach brach man auf und suchte sein Zimmer auf, in dem grossen, schmucklosen, anonymen Hotel in der Hauptstadt. Ich hatte mein Zimmer direkt neben dem zweiten Paar, das sich als Nicht-Paar erklärt hatte und hörte noch lange ein Rumoren und Stöhnen, immer wieder unterbrochen vom Verkehrslärm, der wohl nie zur Ruhe kam. Als es hell wurde, schlief ich ein. Dann Frühstück, dann Mini-Bus und Abfahrt ins Landesinnere.

Einige Dinge aus Costa Rica sind mir gut in Erinnerung geblieben. Wir machten eine Wanderung hoch über den Bäumen durch einen Nationalpark. Dabei bewegten wir uns auf schwankenden Aluminiumstegen in luftiger Höhe. So müssen wohl Affen den Wald erleben, natürlich ohne Stege. In luftiger Höhe sieht der Wald für mich anders aus, als wenn man immer mit den Füssen auf der Erde steht und nach oben guckt. Da fühlt man sich anders. Nicht wie ein Affe, das habe ich nicht gemeint, aber eine andere Sicht- und Sehweise, ergibt – irgendwie – auch ein anderes Ich-Gefühl, das meine ich. Nicht für alle war das ein Vergnügen. Ich fand es atemberaubend schön und auch interessant. Die Wanderung dauerte mehr als eine Stunde und einige waren wohl froh, als es zu Ende war. Ich wäre gerne den gleichen Weg wieder zurückgegangen. Das Geländer bestand nur aus einem Drahtseil und zwischen den Bodenplatten und dem Drahtseil waren auch nicht mehr als einige Drähte diagonal gespannt. Wirklich sehens- und erlebenswert das Ganze im ‘Mistico Arenal Hanging Bridges Park’ (15 People maximum on the Bridge).

Am Abend lud mich dann das zweite Nicht-Paar zu sich ins Zimmer ein und meinte, ob ich ihnen zuschauen wollte. Ich nahm an. Die Frau sagte aber sofort, dass anfassen und mittun nicht inbegriffen wäre. Ich nickte. Der Mann meinte nur noch: «Wenn du dir dabei einen runterholen willst, dann nur zu.» Ich wollte. Dann ging es los, und zwar in allen Stellungen. Der Mann hatte wieder eine Zigarre im Mund und legte diese nur in den Aschenbecher, wenn er seine Gespielin leckte. Sie schaute immer mal wieder zu mir herüber, lächelte versonnen und spielte mit ihrer Klitoris. Ich lächelte leicht zurück. Dann brachen sie ab und schickten mich aus dem Zimmer. Am anderen Morgen beim Frühstück würdigten sie mich keines Blickes. Das war mir egal, oder sogar recht. Nach dem Abendessen spielte sich wieder das gleiche ab. Dieses Mal durfte ich länger zugucken und dabei kam es mir zwei Mal. Ich fand das ganze etwas bizarr, aber es war mir egal, ich nahm es einfach hin.

Wir besuchten tief im Dschungel einen Auslandschweizer, der aus einer reichen Familie aus der Schweiz stammte. Er hatte eine Einheimische geheiratet, sich sein Erbe auszahlen lassen und lebte mit dieser Frau, die nur leicht bekleidet war, mit drei grossen Hunden im Urwald. Er hatte sich da ein Steinhaus auf einer grossen, gerodeten Fläche hinbauen lassen. Es gab Kartoffel-Gratin und Wurst. Das hätte seine Frau lernen müssen zu kochen, wie er es sich gewohnt sei, sagte der Auslandschweizer. Nachdem Essen wurde Schnaps und Bier aufgefahren und alle langten kräftig zu. Dann wurde gesungen. Mir behagte dieses ganze Szenario nicht besonders und ich hielt mich sowohl beim Alkohol wie auch beim Singen zurück. Der Auslandschweizer mit seinem riesigen Bauch, versuchte mich mehrmals zu animieren, doch auch dem Schnaps zusprechen zu wollen. Ich lehnte jedes Mal, mit zunehmendem Ärger, ab. Es war dann der Architekt, der zu ihm meinte: «Lassen sie den Mann in Ruhe, der ist schon okay, auch wenn er keinen Schnaps will.» Damit war diese Sache geklärt und später im Kleinbus, bedankte ich mich bei ihm.

Mit einem kleinen Geländefahrzeug von der schweizerischen Armee, fuhr uns der Auslandschweizer wieder zu unserem Mini-Bus zurück. Am Abend ging ich nicht mehr zu dem Nicht-Paar. Ich hatte es gesehen und Wiederholungen mag ich nicht. Sie nahmen es mir nicht übel. Tagsüber verhielten wir uns so, wie man sich in einer Reisegruppe verhält.

Einen Tag später erzählte mir dann der Mann von dem dritten Paar, dass er nach einer Prostata-Operation völlig impotent wäre. Ich nickte nur und sprach ihm mein Bedauern aus. Ob er mit seiner Erzählung etwas bezweckte, vermag ich nicht zu sagen. Seine Frau erzählte mir dann unterwegs, dass sie in jungen Jahren Mitglied im schweizerischen Nationalkader für Mittel- und Langstreckenläuferinnen gewesen sei. Ich fragte sie: «Und, läufst du immer noch, so für dich einfach?»

«Nein, ich habe keine Lust mehr. Bin genug gelaufen.»

«A ja, verstehe.»

Spannend war auch der Besuch einer Bananenplantage. Vor allem der Transport der schweren Stauden zur Verpackung hin. Dafür gab es Eisengestelle auf ca. zwei Meter Höhe, an denen diese Stauden transportiert wurden. Wenn man sich vorstellt, dass in früheren Zeiten diese auf dem Buckel von dunkelhäutigen Männern zu Fuss getragen werden mussten. Aber nach dem Bau dieser Förderanlage, wurden sie wohl entlassen. Das alte Dilemma der Automation.

Verrückt fand ich dann, dass eine andere reiche, sehr reiche Familie, deren Besuch auf dem Programm stand, sich eine Schmalspur-Eisenbahn von der Schweiz nach Costa-Rica verschiffen liess und diese dann hier aufbaute. Diese Schweizer betreiben auch ein Hotel und man kann mit dieser kleinen Eisenbahn ca. eine halbe Stunde, im Schneckentempo, einen Hügel hoch- und hinunterfahren. Das Hotel nennt sich La Pequena Helvecia, die kleine Schweiz. Als ob die Schweiz nicht schon so klein genug wäre.

Eine andere Auslandschweizer-Familie aus der französischen Schweiz, bei der wir auch einen Nachmitag verbrachten, baute im grossen Stil Kaffee an und verschifft diesen in die halbe Welt. So besuchten wir drei erfolgreiche Auslandschweizer, von denen es aber, wenn man genauer hinschaute, deren Vorfahren gewesen waren, die den Schritt in die Fremde gewagt hatten. Sie hatten samt und sonders ihren Nachfahren grosse Vermögen hinterlassen und diesen Reichtum bestaunten wir. In der Ausschreibung zur Reise, war diesen Besuche nicht weiter spezifiziert beschrieben worden. Ich fand sie grenzwertig, weil mich Land und Leute von Costa Rica mehr interessiert hätten als die Nachkommen meiner Landsleute, die hier erfolgreich ihre Imperien aufgebaut hatten.

Unser Guide versprach uns dann noch ein opulentes Essen bei seinen zukünftigen Schwiegereltern. Er würde bald heiraten. Seine Braut war 19 Jahre alt und damit über 20 Jahre jünger als er und hochschwanger. Die Qualität des Essens hielt sich allerdings in Grenzen. Es war wesentlich einfacher als der Kartoffelgratin mit Wurst bei dem reichen Auslandschweizer. Aber für mich spielte das keine Rolle. Das zweite Paar rümpfte im Mini-Bus dann schon etwas ihre Nasen, weil das Mahl, doch eher, wie der Mann sich ausdrückte, «einheimische Hausmannskost gewesen wäre.» Die Frau des ersten Paares erwiderte: «Das ist doch auch einmal interessant, zu sehen, was die normalen Leute hier essen.» Dem stimmte ich zu.

Das Wetter blieb stabil und es war auch nicht zu heiss, richtig angenehm. Es ging noch einige Tage weiter und wir übernachteten jedes Mal in einer anderen Lodge. Auch eine Gummiboot-Fahrt war noch eingeplant, wo wir uns durch schmale Höhleneingänge durchzwängen mussten. Da kam schon ein Anflug von Klaustrophobie auf. Aber man will ja auch etwas erleben.

[...]

[...]

14. Chinesische Mauer

Nachdem ich in Peking den Platz des Himmlischen Friedens besucht und nichts über das am 3. und 4. Juni 1989 erfolgte Massaker hier erwähnt fand, weder eine Gedenktafel noch eine Bemerkung meines Guides, an dem es ca. 2600 Tote und ca. 7000 Verletzte gegeben hatte, fuhren mein Guide und ich zur Chinesischen Mauer. Dort liess er mich allein und sagte, er käme in ca. zwei Stunden wieder. Also marschierte ich los, durch das Drehkreuz, dann hinauf. Die Mauer war ja nicht zu übersehen. Man kann sie ja, wie man heute weiss, auch vom Mond aus sehen. Diese Mauer schlängelt sich kilometerweit durchs Gelände. In der Ferne sieht man sie nur noch als eine graue Schnur, die sich durch die Landschaft zieht. Sie diente als Schutz gegen fremde Völker, fremde kriegerische Horden. Oft wurden auch Parallelen zur Berliner Mauer und der Mauer rund um die ehemalige Deutsche Demokratische Republik gezogen. Dort war es allerdings eher umgekehrt, dass die Mauer weniger Schutz von aussen bot, sondern das Volk daran hinderte, den Mauerbereich zu verlassen oder verlassen zu wollen. Ob das bei China auch der Fall war, weiss ich nicht. Eine Mauer hat immer zwei Seiten.

Ich bin dann auf der Mauer herumspaziert und habe mich einige Hundert Meter auf ihr in die eine Richtung bewegt. Die Mauer wird ja immer wieder von Wachtürmen unterbrochen. Auf diesen waren Posten installiert, die wohl Tag und Nacht Wache hielten. Diese Männer mussten auf eng begrenzten Raum miteinander leben. Das war nur mit einem grossen Mass an Disziplin möglich.

Nach einiger Zeit ging ich wieder hinunter, die zwei Stunden waren noch lange nicht um und ich besah mir den souvenir-shop und trat ein. Eine junge, freundliche Chinesin, die auch einige Brocken Englisch sprach, trat an mich heran und wollte mich dazu überreden, dass ich eine oder mehrere Packungen Tee kaufen sollte. Tee interessierte mich nun nicht so besonders. In für chinesische Verhältnisse untypischer Art und Weise nahm sie geradezu physischen Kontakt mit mir auf und stellte sich sehr dicht neben mich und hielt mir auch die Packung unter die Nase, damit ich den flavour auch richtig mitbekam und geniessen konnte. Ich rückte dann etwas von ihr ab, worauf sie die Distanz sofort wieder überbrückte. Dann lud sie mich hinten im Laden, wo sie ein kleines Stübchen hatte, ein, mit ihr ein Tässchen frisch aufgebrühten Tee zu trinken. Ich war wirklich erstaunt, diese Gastfreundschaft hatte ich nicht erwartet, war aber gespannt, was sich da noch entwickeln konnte. Sie überreichte mir ein Schälchen mit Tee und unsere Finger berührten sich leicht, dabei sah sie mir tief in die Augen. Ich empfand es so. Sofort füllte sie mein Schälchen wieder auf. Der Tee schmeckte etwas bitterlich, war aber geschmacklich interessant und anders als zum Beispiel ein Hagebuttentee, wie ich ihn von zu Hause aus kannte. Sie lächelte mich immer wieder an und stellte sich auch zum wiederholten Male dicht neben mich. Plötzlich trat eine etwas ältere Dame in das Stübchen ein und schimpfte, so interpretierte ich das nun folgende Geschehen, mit der jungen Chinesin. Die ältere Frau schickte dann die jüngere barsch weg. Die ältere Dame schob mich dann am Ärmel, dezent, aber bestimmt wieder zurück in den Verkaufsraum und fragte mich in einem gut verständlichen Englisch, ob ich noch etwas käuflich erwerben wolle. Was ich aber nicht wollte. Ich schaute sie fragend an, aber die Dame sagte nichts mehr und so verliess ich den Souvenir-Shop und wartete auf meinen Guide, der auch sogleich um die Ecke bog. Ich erzählte ihm dann von dem Geschehnis mit der jungen Frau. Mein Guide lachte nur und sagte: «Sie ist crazy, also nicht ganz richtig im Kopf und wenn ihre Mutter weg ist, dann macht sie sich sogleich an Männer heran. Das tut sie immer, weil sie meint, dass sie schon längst verheiratet sein sollte und es immer noch nicht ist. Aber sie wird wohl ihr Leben lang unverheiratet bleiben, denn sie wird keinen Mann finden.»

«Oh, tragisch, sie ist wohl geistig behindert», sagte ich. Obwohl ich mich in diesem Bereich auskenne, war mir dieser Gedanke bei der jungen, chinesischen Frau nicht gekommen.

Mein Guide zuckte mit den Achseln und sagte: «Kann schon sein. Aber die Mutter will sie bei sich behalten. Vielleicht wäre es besser, sie wäre in einem Heim mit ihresgleichen.»

Dann fuhren wir zurück nach Peking und mein Guide meinte, es wäre sinnvoll noch bei TCM vorbeizuschauen. Das wäre zwar nicht auf dem Plan, aber doch hochinteressant. Ich hatte nichts gegen einen Besuch bei der Hauptstelle der Traditionellen Chinesischen Medizin. Dort wurde ich überaus freundlich empfangen und man erklärte mir, dass ich sogleich eine Gratis-Diagnose erhalten würde, ob ich damit einverstanden wäre. Ich dachte: Gratis, warum nicht. Ich nickte und die Diagnose begann sogleich. Es ging um meine Prostata, um mein Herz und ich musste meine Zunge zeigen. Der Befund fiel, auch sogleich, mittel-prächtig aus. Nicht so schlimm, aber auch nicht ganz gut. Man empfahl mir mehrere Mittel, die ich heute zu einem Sonderpreis erwerben könne. Die Dame vom Zentrum TCM wiederholte dieses Angebot noch zwei Mal. Ich verweigerte drei Mal und man bat mich, die Räumlichkeiten zu verlassen. Diese Verabschiedung, die im Grunde keine war, ging zackig über die Bühne und ich stand wieder auf dem Bürgersteig. Meine Vermutung war, dass es sein könnte, dass mein Guide vielleicht jeweils etwas mitkassierte, wenn er, ausserfahrplanmässig, Leute in des TCM-Zentrum brachte und diese dann auch irgendwelche empfohlenen Arzneien kauften. Aber das ist nur eine Vermutung von mir.

Nach drei Tagen in Peking fuhr ich mit einem sehr schnellen Schnellzug weiter in Richtung Terrakotta-Armee. Immer mal wieder dachte ich an die geistig behinderte Frau in dem Tea-shop. Keine Frage, die Armee ist beeindruckend, weil die Figuren in Lebensgrösse zu sehen sind, ausserdem gibt es noch Streitwagen und Pferde. Bei genauerem Hinschauen kann man erkennen, dass die Soldaten alle jeweils andere Gesichtszüge aufweisen. Lebende Soldaten standen für die Figuren Modell. Danach wurden diese Modelle getötet, so sagt man. Die gesamte Fläche ist grösser als zwei Fussballfelder. Ein Bauer hat vor Jahren auf seinem Feld etwas gesehen und hat gegraben. Es war eine tönerne Hand, die sich ihm da entgegengereckt hat. Danach hat man weitergegraben et voilà, es kam eine Armee zum Vorschein. Um diese herum, hat man dann ein Museum gebaut. Diese Umkehrung finde ich auch heute noch interessant. Dabei ist dieses Museum noch nicht fertig. Es gibt Teile, da sieht man, dass Figuren ausgegraben werden, aber sie sind noch nicht gereinigt und liegen teilweise durcheinander. Dann wiederum sieht man Gräben, wo man erst begonnen hat, weitere Exponate herauszubuddeln. Ich weiss nicht, ob dies Absicht ist, damit man sehen kann, wie die Armee aussieht, wenn sie nicht in Reih und Glied, herausgeputzt, sich präsentiert.

Danach fuhr ich wieder weiter und erreichte einen See. An diesem befanden sich längs des Ufers sehr viele Statuen. Das war nicht das Besondere. Das spezielle daran war, dass sehr viele dieser Skulpturen waren unvollständig, will sagen, einige hatten keine Köpfe oder Arme oder waren lädiert. Der hierfür zuständige Guide erklärte mir, dass diese Figuren alle während der Kulturrevolution (1966 – 1976) beschädigt worden waren, und zwar willkürlich. Ich fragte: «Warum wurden sie nicht ganz zerstört?»

«Das weiss man nicht genau», antwortete der Guide, «sie hatten so viel zu tun gehabt, damals oder so. Ein bisschen kaputt gemacht und dann haben sie sich anderen Dingen zugewendet», meinte er achselzuckend.

Beeindruckend war eine lebensgrosse Buddhastatue, die in den Felsen hineingehauen worden war. Ihr Kopf und ihre Beine waren unbeschädigt, aber man hatte ihr die Finger der erhobenen rechten Hand abgehackt. Das gleiche hatte man auch mit anderen Statuen gemacht. Bei einer Gruppe von lebensgrossen Figuren, blieben die Statuen unversehrt, aber man hatte neben ihnen eine Reihe von Löchern angebracht. Ich fragte den Guide: «Wollte man hier alles sprengen oder wofür sind die Löcher?»

«Hm, das weiss ich nicht», war seine Antwort.

Das leuchtete mir nicht ganz ein, aber ich bohrte nicht weiter nach. Der Guide, ich fragte ihn, war nie in Deutschland gewesen, sondern hatte nur in Kursen Deutsch gelernt. Das beeindruckte mich, denn er sprach a) fliessend Deutsch und verfügte b) über einen erstaunlich grossen Wortschatz.

[...]

Excerpt out of 279 pages  - scroll top

Details

Title
Reisebeschreibungen innerer und äusserer Welten
Subtitle
Orte, Gegebenheiten und Gedanken
Author
Riccardo Bonfranchi (Author)
Publication Year
2026
Pages
279
Catalog Number
V1706716
ISBN (eBook)
9783389182550
ISBN (Book)
9783389182567
Language
German
Tags
Reiseerzählungen Reiseberichte literarische Reiseberichte Reisegeschichten Reisebuch persönliche Reiseberichte Reiseerinnerungen Reisen und Begegnungen Reisen und Reflexionen Reiseerzählungen weltweit Reisen und Selbstreflexion Gedanken über das Reisen Begegnungen auf Reisen philosophische Reisegedanken Reise und Sinnsuche literarische Reiseprosa Reiseessay reflektierende Reiseberichte Reisen und Lebensphilosophie Geschichten von unterwegs literarisches Reisebuch
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Riccardo Bonfranchi (Author), 2026, Reisebeschreibungen innerer und äusserer Welten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1706716
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