Deutsche Gewerkschaften in der Zwischenkriegszeit. Zwischen SPD und NSDAP


Hausarbeit, 2010
26 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Aufbau
1.3. Forschungsstand

2. Gewerkschaften vor dem Ersten Weltkrieg
2.1. Industrialisierung in Deutschland zur Jahrhundertwende
2.2. Gewerkschaften und Sozialdemokratie

3. Der Erste Weltkrieg
3.1. Burgfrieden im Deutschen Reich
3.2. Spaltung der Sozialdemokratie
3.3. Gewerkschaften zwischen Burgfrieden und Arbeiterprotest

4. Der Neubeginn – Gewerkschaften und die Entstehung der Weimarer Republik
4.1. Deutschland im Umbruch
4.2. Neuorganisation der Gewerkschaften – Hochphase der Bewegung
4.3. Eine neue Phase des gewerkschaftlichen Abschwungs

5. Von den „Goldenen Zwanzigern“ zum Dritten Reich
5.1. Die Weimarer Republik in den zwanziger Jahren
5.2. Gewerkschaftsarbeit im wirtschaftlichen Aufschwung
5.3. Die wirtschaftliche Depression – Anfang vom Ende
5.4. Erstarken der Nationalsozialisten

6. Freie Gewerkschaften und Sozialdemokratie – eine untrennbare Verbindung?

7. Bibliographie

1. Einleitung

1.1. Problemstellung

Die Gewerkschaften spielen heute als Vertretung der Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern eine wichtige und selbstverständliche Rolle. Ihre Existenz wird heute durch den Staat gesichert und ist weitgehend überall akzeptiert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das noch anders. Die Sozialistengesetze sollten Sozialdemokraten und Gewerkschaften zurückdrängen, schafften es aber nicht. Mit dem Auslaufen dieser Gesetze 1890 begann ein Neustart der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland. Dabei hatten sie den Übergang zum Industriezeitalter zu überstehen und sich in neu auszurichten und ihre Position zu festigen und auszubauen. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs entwickelten sich die Freien Gewerkschaften zu Massenorganisationen.

Dabei gab es in Deutschland verschiedene Gewerkschaftstypen. Die Freien Gewerkschaften, die sich als Teil der sozialdemokratischen, sozialistischen Weltanschauung verstehen und eine enge Bindung mit der Sozialdemokratischen Partei haben, sollen Gegenstand dieser Arbeit sein. Christliche Gewerkschaften, die sich aus religiösen Grundüberzeugungen als eigenständiger Typus entwickeln sollen nachfolgend ebenso wenig Teil der Betrachtungen sein, wie liberale Gewerkschaften, die sich näher an den Unternehmern orientieren und oft als Gegenmodell zu sozialdemokratischen Gewerkschaften entstanden sind.

Die Freien Gewerkschaften befinden sich zur Jahrhundertwende in einem Wandlungsprozess, in dessen Verlauf sich auch die Frage nach der engen Bindung zur SPD stellt. Kann dies als Beginn einer Abkehr von der SPD gewertet werden? In dieser Arbeit steht die zentrale Frage zur Beantwortung im Raum, ob die Freien Gewerkschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Abkehr von der Sozialdemokratie den Weg frei machen, für das Erstarken der NSDAP. Welche Rolle spielen die Gewerkschaften nach dem Ersten Weltkrieg? Wie stehen sie zur erstarkenden NSDAP?

1.2. Aufbau

Zur Klärung der Frage, wie sich die Beziehungen zwischen SPD und Freien Gewerkschaften entwickelt haben, wird in dieser Arbeit zunächst die Entwicklung vor dem Ersten Weltkrieg betrachtet. Anhand der Veränderungen in der deutschen Wirtschaft wird untersucht, welchen Weg die Gewerkschaften gehen. Dabei wird die Kopplung von Gewerkschaften und Sozialdemokratischer Partei betrachtet und beleuchtet, wie sich die Entwicklung im Zeitalter der Industrialisierung darstellt.

Daran schließt sich die Untersuchung an, welche Rolle Gewerkschaften und SPD während des Ersten Weltkrieges hatten. Der Burgfrieden und die damit verbundene Spaltung der Sozialdemokratie geben den Anlass zur Untersuchung, ob sich dieser Prozess der Abspaltung auch innerhalb der Freien Gewerkschaften abspielt.

Der Neubeginn nach dem verlorenen Krieg in Deutschland wird im folgenden Kapitel betrachtet. Dabei wird dargestellt werden, wie sich die SPD, nunmehr in Regierungsverantwortung, und die Gewerkschaften in gewissem Maße voneinander entfernen und teils unterschiedliche Auffassungen vertreten. Hier wird deutlich werden, dass sich für die Gewerkschaften Erfolg und Misserfolg immer wieder abwechseln.

Anschließend steht ein Kapitel, in dem untersucht wird, wie wirtschaftliche Prosperität nach der Hyperinflation die „Goldenen Zwanziger“ bestimmt, an deren Ende sich die Weltwirtschaftskrise massiv auf Politik und Gewerkschaften auswirkt. Letztlich führt die Krise zum Ende der parlamentarischen Regierungen und zum Aufstieg der Nationalsozialisten. Die Machtergreifung der Nazis markiert das vorläufige Ende von Sozialdemokratie und Freier Gewerkschaftsbewegung in Deutschland.

Im letzten Kapitel steht eine kurze Zusammenfassung, an deren Ende die zentrale Frage dieser Arbeit beantwortet wird.

1.3. Forschungsstand

Die Forschung über die Gewerkschaften während der beiden Weltkriege ist sehr ausführlich und umfangreich. Dabei gibt es immer auch eine enge Verbindung der Betrachtungen zwischen Gewerkschaften und Sozialdemokratie, da diese Organisationen den gleichen Ursprung haben und eng miteinander verbunden sind.

Zahlreiche Dokumente in Archiven sind noch vorhanden, die die Geschehnisse dieser Zeit hervorragend bezeugen können.

Dieser Arbeit liegen verschiedene Werke zu Grunde. Zunächst sei der von Ulrich Borsdorf herausgegebene Sammelband Geschichte der deutschen Gewerkschaften genannt. Mit seinem Beitrag „Die Gewerkschaften als Massenbewegung im Wilhelminischen Kaiserreich 1890 bis 1918“[1] beleuchtet Klaus Schönhoven die Geschichte der Gewerkschaften vor und während des ersten Weltkriegs recht ausführlich. Michael Schneider beschreibt mit „Höhen, Krisen und Tiefen. Die Gewerkschaften in der Weimarer Republik 1918 bis 1933“[2] die Geschehnisse unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Machtergreifung Hitlers.

Eine sehr umfassende Betrachtung der Gewerkschaftsgeschichte in Deutschland von den Anfängen bis in die aktuelle Zeit hinein bietet Michael Schneider in „Kleine Geschichte der Gewerkschaften“.[3]

2. Gewerkschaften vor dem Ersten Weltkrieg

2.1. Industrialisierung in Deutschland zur Jahrhundertwende

Die Entwicklung der Gewerkschaften in Deutschland war in den Jahren nach der Reichsgründung eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verbunden. Immer wieder gab es Zeiten von Wirtschaftswachstum und -rückgang. Die Mitgliederstärke der Gewerkschaften richtete sich immer wieder danach, wie stark die Arbeiter an der Wirtschaftsentwicklung partizipierten. Krisenzeiten waren hart für die Gewerkschaften. Immer wieder verloren einzelne Gewerkschaften derartig stark ihre Mitglieder, dass sie sich nicht wieder erholten. Andererseits konnten sich die Mitgliederzahlen zum Teil verdreifachen. Eine konjunkturelle Hochzeit setzte ab etwa 1895 ein, die nicht nur in Deutschland sondern international bis zum Ersten Weltkrieg andauerte.[4] Aber auch die Industrialisierung, die weiter voranschritt hatte Einfluss auf die Gewerkschaften. Sich ändernde Arbeitsverhältnisse und eine sich ändernde Zusammensetzung der Arbeiterschaft hatten Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Arbeiterorganisationen.[5] Das Deutsche Reich entwickelte sich „von einem Agrarstaat mit starker Industrie zu einem Industriestaat mit starker agrarischer Basis.“[6]

Charakteristisch für das Erstarken der Industrie war das Entstehen von Fabriken und Fabrikarbeit. Große Fabriken mit vielen Arbeitern ersetzten mehr und mehr kleinere Werkstätten. Dies stellte für die Gewerkschaften durchaus ein Problem dar. War die Organisation bisher auf kleinere und mittlere Betriebe mit bis zu 50 Arbeitern ausgerichtet, musste nun auf große Fabriken umgestellt werden. Die Anonymität der Arbeiter und die starke Rolle des Unternehmers machten es für die Gewerkschaften schwer, Fuß zu fassen.[7]

Bereits die Gründung der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands im November 1890[8] kann als erster Schritt zur Anpassung der Freien Gewerkschaften an die neue Situation gedeutet werden. Es wurde den Einzelgewerkschaften bewusst, dass nur in der Zusammenarbeit die „Schlagkraft“ der Arbeiterbewegung gestärkt werden konnte.

Allerdings konnten sich die Gewerkschaften nicht zu einer Klärung und Anpassung der Organisationsform entschließen. Bis 1914 blieb die Frage nicht endgültig geklärt, ob die Gewerkschaften eine lokale Organisationsform, wie in Großbritannien anstreben sollten, oder eine überregionale Organisationsform. Die Folge waren zum Teil heftige Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern beider Formen.

Trotz der Frage nach der Organisationsform haben sich Organisationsprinzipien und -strukturen entwickelt, die zum Teil bis heute Bestand haben. So zum Beispiel die Mitgliedschaft eines Arbeiters in einer Einzelgewerkschaft, die selbst Mitglied eines Dachverbands ist. Aber auch die demokratische Wahl von Delegierten zu höheren Strukturgremien, Rechenschaftspflichten von Vorständen und einige weitere Prinzipien sind bis heute erhalten geblieben.[9]

2.2. Gewerkschaften und Sozialdemokratie

Die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland ist vor allem seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch ihre zwei Hauptorganisationen gekennzeichnet. Einerseits die Freien Gewerkschaften; andererseits die Sozialdemokratische Partei. Dabei verstand sich die SPD als die politische Vertretung der Arbeiterbewegung. In ihrem Erfurter Programm von 1891 proklamierte die SPD für sich einen Führungsanspruch in der Arbeiterbewegung in dem sie begründete: „Der Kampf der Arbeiterklasse gegen die kapitalistische Ausbeutung ist notwendigerweise ein politischer Kampf. Die Arbeiterklasse kann ihre ökonomischen Kämpfe nicht führen und ihre ökonomische Organisation nicht entwickeln ohne politische Rechte. Sie kann den Übergang der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit nicht bewirken, ohne in den Besitz der politischen Macht gekommen zu sein.“[10]

Versuchte die Partei zunächst noch die Gewerkschaften zu bevormunden, war dies spätestens im beginnenden 20. Jahrhundert vorbei. Allein die Mitgliederzahlen machen deutlich, wo der Organisationsgrad höher liegt. Im Jahr 1906 betrug die Mitgliederzahl der SPD etwa 384.000, die der Freien Gewerkschaften aber etwa 1,6 Millionen.[11] Soziale Erfolge und ein immer stärker werdendes Selbstbewusstsein der Gewerkschaften, ließ den Anspruch wachsen, sich nicht länger der Partei unterzuordnen. Der Sozialdemokratie blieb nur noch die Anerkennung der Gleichrangigkeit beider Organisationen.[12] Dennoch bestand eine wechselseitige Abhängigkeit voneinander. „Die Gewerkschaften brauchten die Unterstützung der Partei, um auf parlamentarischer Ebene sozialpolitische Forderungen vertreten zu können; die Partei brauchte die Gewerkschaften als Mitglieder und Wählerreservoir, aber auch als massenmobilisierende Kraft.“[13]

[...]


[1] Schönhoven, Klaus: Die Gewerkschaften als Massenbewegung im Wilhelminischen Kaiserreich 1890 bis 1918, in: Borsdorf, Ulrich (Hrsg.): Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Von den Anfängen bis 1945, Köln, 1987, S. 167-278.

[2] Schneider, Michael: Höhen, Krisen und Tiefen. Die Gewerkschaften in der Weimarer Republik 1918 bis 1933, in: Borsdorf, Ulrich (Hrsg.): Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Von den Anfängen bis 1945, Köln, 1987, S.279-442.

[3] Schneider, Michael: Kleine Geschichte der Gewerkschaften. Ihre Entwicklung in Deutschland von den Anfängen bis heute, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 2000.

[4] Vgl. Schönhoven, in: Borsdorf (Hrsg.): Geschichte der deutschen Gewerkschaften, Köln 1987, S. 169.

[5] Vgl. ebd., S. 170.

[6] Ebd., S. 170.

[7] Vgl. ebd., S. 171.

[8] Vgl. Schneider: Kleine Geschichte der Gewerkschaften, Bonn, 2000, S. 78.

[9] Vgl. ebd., S. 83.

[10] Erfurter Programm der SPD von 1891, online unter: http://www.marxists.org/deutsch/geschichte/deutsch/spd/1891/erfurt.htm (letzter Zugriff: 23.03.2010).

[11] Vgl. Schönhoven in: Borsdorf (Hrsg.): Geschichte der deutschen Gewerkschaften, Köln, 1987, S.237.

[12] Vgl. Schneider: Kleine Geschichte der Gewerkschaften, Bonn, 2000, S. 98-99.

[13] Schönhoven in: Borsdorf (Hrsg.): Geschichte der deutschen Gewerkschaften, Köln, 1987, S. 237-238.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Deutsche Gewerkschaften in der Zwischenkriegszeit. Zwischen SPD und NSDAP
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V170860
ISBN (eBook)
9783668083219
ISBN (Buch)
9783668083226
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
SPD, Gewerkschaften
Arbeit zitieren
Kay Dramert (Autor), 2010, Deutsche Gewerkschaften in der Zwischenkriegszeit. Zwischen SPD und NSDAP, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170860

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Deutsche Gewerkschaften in der Zwischenkriegszeit. Zwischen SPD und NSDAP


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden