Die Interaktionstheorie und die phänomenologische Kritik an Theorie-Theorie und Simulationstheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie-Theorie, Simulationstheorie und deren Kritik aus phänomenologischer Perspektive
2.1. Theorie-Theorie und Simulationstheorie
2.2. Phänomenologische Kritik an TT und ST

3. Interaktionstheorie
3.1. Direkte Wahrnehmung
3.2. Primäre und sekundäre Intersubjektivität
3.3. Die Narrative Practice Hypothesis (NPH)

4. Fazit / Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Wie verstehen wir andere? Auf welchem Wege erlangen wir Kenntnis von deren Gefühlen, Wünschen und Absichten? Um dies zu erklären, wird in der philosophischen Diskussion häufig auf den Begriff der theory of mind zurückgegriffen. Dieser Begriff wird verwandt, um auf unsere Fähigkeit zu verweisen, anderen mentale Zustände zuzuschreiben und diese zu verstehen. In der zeitgenössischen Debatte herrschen zwei Ansätze vor, welche diese Fähigkeit auf unterschiedliche Arten erklären: die Theorie-Theorie (TT) sowie die Simulationstheorie (ST).[1]

Beide Ansätze werden aus Sicht der Phänomenologie jedoch scharf kritisiert. Aus phänomenologischer Perspektive sind bereits die grundlegenden Annahmen dieser beiden Ansätze abzulehnen. Als Alternative zu TT und ST stellt Gallagher daher einen eigenen Vorschlag zur Diskussion: die Interaktionstheorie (IT).

Zunächst werde ich im Folgenden die Ansätze von TT und ST kurz vorstellen. Anschließend daran werde ich erläutern, an welchen Punkten diese Theorien aus phänomenologischer Perspektive zu kritisieren sind. Im darauf folgenden Teil der Arbeit werde ich die IT von Gallagher ausführlich darstellen. Anhand der wesentlichen Elemente dieses Ansatzes werde ich den Erklärungsgehalt und die Schlüssigkeit der IT kritisch hinterfragen. Als Resultat dieser Untersuchung möchte ich feststellen, ob die IT eine ernstzunehmende, umfassende Alternative zu TT und ST bietet.

2.Theorie-Theorie, Simulationstheorie und deren Kritik aus phänomenologischer Perspektive

Im den folgenden Abschnitten werde ich zunächst die TT und die ST erläutern und in einem weiteren Schritt deren Kritik aus phänomenologischer Perspektive darstellen.

2.1. Theorie-Theorie und Simulationstheorie

Sowohl TT als auch ST gehen von der Annahme aus, dass wir, sofern wir versuchen, die Handlungen anderer zu verstehen, uns bemühen, deren mentale Zustände zu ergründen. Diese sind uns jedoch nach Ansicht der Vertreter von TT und ST nicht direkt zugänglich. Demzufolge müssen wir, um das Verhalten anderer zu verstehen, deren Überzeugungen, Wünsche und Intentionen erschließen, indem wir sozusagen ihre „Gedanken lesen“.[2] Wie dieser Prozess vonstatten geht, wird von der TT und der ST unterschiedlich betrachtet.

Vertreter der TT gehen davon aus, dass wir über eine Theorie verfügen, mit Hilfe derer wir andere verstehen. Diese Theorie ist insofern vergleichbar mit einer wissenschaftlichen Theorie, als sie wesentliche Charakteristika einer solchen, wie beispielsweise Erklärungskraft und Voraussagbarkeit, beinhaltet.[3] Diese Theorie greift nach Ansicht der TT auf die Alltagspsychologie zurück und versucht die Handlungen anderer anhand deren mentaler Zustände, in erster Linie von Überzeugungen und Wünschen, zu erklären und vorauszusagen.[4]

Aus Sicht der ST brauchen wir jedoch keine solche Theorie. Vielmehr bietet unserer eigener Geist die Basis dafür, dass wir andere verstehen.[5] Die ST geht davon aus, dass wir unseren eigenen Geist als Modell zugrunde legen, um die mentalen Zustände anderer zu simulieren. Zwar streiten Vertreter der ST nicht prinzipiell ab, dass wir über Wünsche und Überzeugungen verfügen, jedoch liegt ihrer Ansicht nach der wichtigste Prozess, um andere zu verstehen, in der Simulation ihrer mentalen Zustände auf Basis des eigenen Geistes.[6]

2.2. Phänomenologische Kritik an TT und ST

Aus phänomenologischer Perspektive bieten sowohl TT als auch ST Anlass zu umfassender Kritik. Zunächst wird die Ansicht kritisiert, die theoretischen oder simulierenden Prozesse würden bewusst oder explizit ablaufen. Wenn dies so wäre, müssten sich diese auch in der Erfahrung wahrnehmen lassen, dies ist jedoch aus phänomenologischer Sicht selten der Fall.[7]

Insofern von Vertretern der TT sowie der ST angenommen wird, die den Ansätzen zugrunde liegenden Prozesse würden implizit oder zumindest nicht eindeutig bewusst ablaufen, bringt die phänomenologische Kritik weitere gegenläufige Argumente vor. In Hinblick auf die TT gibt es nach Meinung der Phänomenologen keinerlei Hinweise dafür, dass die zugrunde liegenden Prozesse implizit ablaufen. Vielmehr richten sich ihrer Auffassung nach sogar jene Experimente aus der Entwicklungspsychologie, welche die TT stützen sollen, auf den Nachweis, dass diese Prozesse sich explizit vollziehen.[8]

Jene Vertreter der ST, die davon ausgehen, die simulierenden mentalen Prozesse würden implizit ablaufen, stützen dies oft auf die Forschung zu Spiegelneuronen und geteilten Repräsentation. Wichtiger Bestandteil der Simulationsprozesse, wie sie von der ST dargestellt werden, ist jedoch, dass anhand derer vorgetäuscht wird, man befände sich an Stelle der Person, deren mentale Zustände man ergründen möchte. Diese Vortäuschung findet jedoch nicht statt, wenn Spiegelneuronen aktiviert werden. Wenn diese aktiv sind, ist es demgegenüber problematisch, überhaupt zwischen der ersten und der dritten Person zu unterscheiden.[9]

Des Weiteren widerspricht die phänomenologische Kritik der Annahme, dass unsere alltäglichen Begegnungen mit anderen sich aus der beobachtenden Perspektive der dritten Person vollziehen. Dieser, in erster Linie der TT zugeordneten Behauptung entgegen gehen Phänomenologen davon aus, dass wir anderen in der Regel aus der Perspektive der zweiten Person in einem interaktiven Prozess entgegentreten.[10] Darüber hinaus sprechen aus Sicht der phänomenologischen Kritik verschiedene Befunde aus der Entwicklungspsychologie dafür, dass unsere Fähigkeit, andere zu verstehen, sich früher entwickelt, als TT und ST dies prognostizieren würden. Ferner wird in Frage gestellt, ob die generelle Theorie der TT und die Simulation vom Standpunkt der eigenen Person, welche die ST annimmt, ausreichen, um tatsächlich die Vielfalt des menschlichen Verhaltens erklären zu können.[11]

Da es folglich aus phänomenologischer Sicht zweifelhaft ist, dass TT und ST geeignete Ansätze sind, um zu erklären, wie wir das Verhalten anderer und die zugrunde liegenden mentalen Prozesse verstehen, entwickelt Gallagher als Alternative den Ansatz der Interaktionstheorie (IT). Dieser Ansatz umfasst als wesentliche Bestandteile die direkte Wahrnehmung, die primäre sowie sekundäre Intersubjektivität und die Narrative Practice Hypothesis (NPH) von Hutto. Im folgenden Abschnitt werde ich die Theorie und ihre einzelnen Teile erläutern und deren Schlüssigkeit sowie Erklärungsgehalt kritisch hinterfragen.

3. Interaktionstheorie

3.1. Direkte Wahrnehmung

Im Gegensatz zu TT und ST gehen phänomenologische Ansätze davon aus, dass wir die Gefühle und Intentionen anderer direkt mittels unserer Wahrnehmung erfassen können. Während TT und ST das Problem des Fremdpsychischen durch komplexe Theorien zu klären versuchen, verschwindet dieses beinahe aus der Perspektive der Phänomenologie.[12] Fraglich bleibt jedoch, wie sich die phänomenologischen Ansätze die direkte Wahrnehmung der Gefühle und Absichten anderer genau vorstellen.

[...]


[1] Vgl. Gallagher/Zahavi, S. 171f.

[2] Vgl. Gallagher/Hutto, S. 18.

[3] Vgl. Gopnik/Wellman, S. 147.

[4] Vgl. Gopnik/Wellman, S. 156.

[5] Vgl. Gallagher/Hutto, S. 18.

[6] Vgl. Gordon, S. 165f.

[7] Vgl. Gallagher/Hutto, S. 18f.

[8] Vgl. Gallagher/Hutto, S. 19.

[9] Vgl. Gallagher 2011, S. 58.

[10] Vgl. Gallagher/Hutto, S. 19.

[11] Vgl. Gallagher/Hutto, S. 3.

[12] Vgl. Gallagher 2008a, S. 535.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Interaktionstheorie und die phänomenologische Kritik an Theorie-Theorie und Simulationstheorie
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Phänomenologie in den Kognitionswissenschaften
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V170944
ISBN (eBook)
9783640900411
ISBN (Buch)
9783640900350
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie des Geistes, Fremdpsychisches, other mind, Interaktionstheorie, Narrative practice hypothesis, Theorie-Theorie, theory theory, Simulationstheorie, simulation theory, Phänomenologie, Soziale Kognition, Theory of mind
Arbeit zitieren
B.A. Nicolas Lindner (Autor), 2011, Die Interaktionstheorie und die phänomenologische Kritik an Theorie-Theorie und Simulationstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170944

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