Alltag und Stimmung in Weilheim während des Nationalsozialismus


Facharbeit (Schule), 2001
44 Seiten, Note: 1,0 (15 p.)

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Inhaltsverzeichnis

A) Vorwort

B) Alltag und Stimmung in Weilheim während des Nationalsozialismus
I. Die Stimmung in Weilheim vor dem Spiegel wichtiger politischer Ereignisse
1. Das Jahr 1933
i. Die Zeit vor dem 30. Januar
ii. Die Zeit nach der nationalsozialistischen Machtübernahme
2. So genannter „Röhm-Putsch“ 1934
3. Wiedereingliederung des Saargebietes und Einführung der Arbeitsdienst-Pflicht 1935
4. Olympische Spiele 1936
5. „Anschluss“ Österreichs und Sudeten-Krise 1938
6. Kriegsbeginn 1939
7. Kriegsverlauf bis zur Schlacht von Stalingrad 1943
8. Kriegsende in Weilheim: Der Einmarsch der Amerikaner im April 1945
II. Die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf den Alltag in Weilheim
1. Antisemitismus
2. Gebrauch des „Hitler-Grußes“
3. Kontrolle der Bevölkerung
4. Schule
III. Verhältnis einzelner ausgewählter Bevölkerungsschichten zum Nationalsozialismus
1. Jugend
2. Bauern
3. Kirchlich Geprägte
a) Protestanten
b) Katholiken

C) Weilheim als bürgerliche und patriotische Stadt im Nationalsozialismus

D) Glossar

E) Kuriositätensammlung

F) Danksagung

G) Literaturverzeichnis

Eric Sangar 2000/2001

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Alltag und Stimmung in Weilheim während des Nationalsozialismus

Eine gesellschaftspolitische Analyse

Verarbeiten statt Vergessen Verantwortung statt Verdrängung

A) VORWORT

Die bedrückendste Epoche der deutschen Geschichte liegt nun über 50 Jahre zurück. Viel ist über den Nationalsozialismus gesagt und geschrieben worden, und dieses Wissen wird zum Glück anders als in der Nachkriegszeit heute den nachfolgenden Generationen in den Schulen mehr oder weniger intensiv vermittelt.

Ein Manko in der Erinnerungsarbeit zum Nationalsozialismus besteht jedoch nach wie vor: Während alle Schülerinnen und Schüler nach ihrer Schulzeit mit den wichtigsten Tatsachen zur Innen- und Außenpolitik Deutschlands unter Hitler vertraut sein sollten, wird in den Schulen über die Auswirkungen der Jahre 1933 bis 1945 auf die lokale Ebene in der Regel nicht gesprochen. Ich halte jedoch gerade die Beschäftigung mit dem, was sich in der unmittelbaren Umgebung abgespielt hat, für geeignet, um die von Schülerinnen und Schülern oft beklagte Distanz zu geschichtlichen Ereignissen abzubauen.

Dies war auch der Grund dafür, mich für die Grundrichtung „Weilheim im Nationalsozialismus“ für meine Facharbeit zu entscheiden. Dass ich es mir mit diesem Entschluss nicht unbedingt leicht gemacht hatte, begann ich bald nach Festlegung der Facharbeitsthemen zu spüren. Am Anfang stand die Frage: Wie soll mein Thema konkret lauten? Da das Problem „Verhalten von Verwaltung und Justiz“ nach Auskunft des Weilheimer Stadtarchivars auf Grund der Materiallage kaum zu verwirklichen war, die Untersuchung „Machtergreifung und Umbesetzung des Stadtrats“ bereits mehrmals bearbeitet wurde und ich einen neuerlichen Anlauf von mir daher für sinnlos hielt, und schließlich das Thema „Zwangsarbeiter“ bereits vergeben war, legte ich mich nach einigem Für und Wider letzten Endes auf eine Beschreibung der Stimmung in der Bevölke- rung fest. Wie reagierte eine eher konservative und christlich geprägte Bevölkerung auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten? Wie stand sie zur Umsetzung ihrer Ideologie, wie reagierte sie auf den Ausbruch des Krieges, die Zurückdrängung des kirchlichen Einflusses oder den Zwang, neue Umgangsformen wie den Hitler-Gruß anzunehmen? Welche Einflüsse hatte der Nationalsozialismus auf Aspekte des Alltags einer Kleinstadt wie Weilheim? Auf all diese Fragen versuchte ich, eine Antwort zu finden.

Für mich stand schon bald fest, dass eine Schilderung der damals herrschenden Stimmung in Weilheim am ehesten von Personen geleistet werden kann, die in dieser Zeit in Weilheim lebten. Mir wurde daher klar, dass Zeitzeugen- Interviews eine wichtige Rolle auf dem Weg zu einer fundierten und aussagekräftigen Bearbeitung des Themas werden würden. Das Problem war nur, welche Personen im relevanten Alter (d.h. älter als 70 Jahre) haben in ihrer Kindheit bereits in Weilheim gewohnt und könnten bereit sein, mir ihre Erinnerungen an ihre Eindrücke im Nationalsozialismus mitzuteilen? Meine Familie zog erst im Jahre 1985 nach Weilheim, wir gehören also nicht zu den „Ur-Weilheimern“, die auf die eben gestellte Frage leicht Antworten finden könnten. Dass ich letztendlich dennoch neun bzw. zehn1, wie ich meine, durchaus aufschlussreiche Zeitzeugen finden konnte, habe ich nicht zuletzt einigen der Personen zu verdanken, die ich am Ende der Facharbeit unter dem Stichwort „Danksagung“ erwähne. Die Befragungen nahm ich mit einem Diktiergerät auf (siehe beiliegende Cassetten) und wertete sie später aus.

Doch ich konnte mich nicht allein auf meine Interviews verlassen: Dass das Gedächtnis nachlässt und manche Erinnerungen eventuell nachträglich variiert, ist allzu menschlich. Deshalb wollte ich die Eindrücke aus den Interviews so weit als möglich mit „handfesten“ Informationen aus Zeitungen, Akten oder Publikationen, die sich entweder direkt mit Weilheim beschäftigen oder deren Ergebnisse sich auf Weilheim übertragen lassen, unterfüttern. Ich musste jedoch sehr bald feststellen, dass das Zeitungsstudium aus Gründen, die zu erläutern den Rahmen sprengen würden, nicht praktikabel sein würde; mehr denn je war ich also auf andere Original-Dokumente angewiesen. Leider musste ich feststellen, dass im Stadtarchiv Weilheim so gut wie keine Akten aus der NS- Zeit vorhanden sind. Dies bedeutete, dass meine Recherchen sich erheblich auf- wändiger gestalten würden; um das Ergebnis vorwegzunehmen: Ich wurde im wesentlichen fündig im Pfarramtsarchiv der evangelischen Gemeinde Weilheim, im Münchener Institut für Zeitgeschichte sowie im Staatsarchiv München. Außerdem konnte mir im Laufe meiner Interviews insbesondere Hubert Schmidt Erkenntnisse vermitteln, die über seine persönlichen Erlebnisse weit hinausgehen, dafür möchte ich ihm auch an dieser Stelle herzlich danken.

Durch diese Schilderung kann vielleicht auch nachvollzogen werden, dass sich meine Nachforschungen insgesamt über fünf Monate (März bis September 2000) erstreckten; erst im Oktober 2000 konnte ich mit der Auswertung der 13 Cassetten mit den Interviews, dem Material aus den Archiven und sonstigen Quellen, das einen Ordner füllte, sowie den mir relevant erscheinenden Publikationen (siehe Literaturverzeichnis) beginnen. Die Facharbeit selbst fing ich an, im November desselben Jahres zu schreiben. Ich habe darauf geachtet – und ich hoffe, dass mir dies auch gelungen ist – in meinen Ausführungen nicht pauschal zu verurteilen, sondern nur „sine ira et studio“, wie Tacitus sagt, dar- zustellen und kritisch zu hinterfragen, was sich in den Köpfen der Menschen in Weilheim abgespielt hat. Dies ist schwierig genug, und ich kann und will keinen Anspruch darauf erheben, die endgültige und volle Wahrheit herausgefunden zu haben.

Meine Arbeit ist in drei Teile gegliedert: Das Verhalten der Weilheimer im Alltag und ihre Stellung zu den neuen Entwicklungen im Nationalsozialismus, die Haltung der Weilheimer zu wichtigen Ereignissen im Verlauf der Jahre 1933 bis 1945 sowie die Stimmung in einzelnen Teilen der Bevölkerung; im Schluss wird die Einstellung Weilheims als „patriotischer und bürgerlicher Stadt“ zum Nationalsozialismus diskutiert. Die Komplexität des Themas, die u.a. darauf zurückzuführen ist, dass Weilheim trotz seiner im Vergleich zu heute geringen Einwohnerzahl auch damals keine homogene Bevölkerungsstruktur besaß, ließ eine weitere Vereinfachung der Gliederung leider nicht zu.

Bei der Erstellung der Arbeit wurde auf eine möglichst lückenlose Belegung von Thesen durch Quellen und Literatur Wert gelegt. Zitate, die direkten Quellen entstammen, sind durch kursive Schrift gekennzeichnet. Begriffe, die im Glossar erklärt sind, wurden in blauer Farbe und unterstrichen gedruckt.

Eine letzte Anmerkung, bevor es zum Hauptteil übergeht: Durch das Thema sah ich die Facharbeit von Anfang an nie als „lästige Pflichtübung“ an; im Laufe meiner Recherchen machte es mir sogar mehr und mehr Spaß, in die braune Vergangenheit Weilheims einzudringen, über die ja in der Öffentlichkeit recht wenig bekannt ist. Ich hoffe und glaube, dass dies dazu beigetragen hat, die an die Facharbeit gestellten Anforderungen mit dem nun vorliegenden Ergebnis zu erfüllen.

B) ALLTAG UND STIMMUNG IN WEILHEIM WÄHREND DES NATIONALSOZIALISMUS

I. Die Stimmung in Weilheim vor dem Spiegel wichtiger politischer Ereignisse

1. Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933

i) Die Zeit vor dem 30. Januar

Erst im Laufe der Weltwirtschaftskrise entwickelte sich die NSDAP in Deutschland zur Massenpartei. Der wirtschaftliche Niedergang und die damit verbundene Arbeitslosigkeit verstärkten das schon vorhandene Misstrauen zur Demokratie2, das sich vor dem Hintergrund des „Diktatfriedens von Versailles“ und der obrigkeitsstaatlichen Traditionen durch die gesamte Zeit der Weimarer Republik zog, und begünstigten radikale politische Strömungen und die Sehnsucht nach dem „starken Mann“, der dem politischen Chaos ein Ende machen sollte3.

Dies lässt sich für diese Zeit auch in Weilheim beobachten. Weilheim hatte damals nur etwa ein Drittel seiner heutigen Einwohnerzahl (1933: 6 659 Einwohner4 ), und war erwerbsmäßig vom Mittelstand (Händler, Handwerker) und durch den Sitz zahlreicher Behörden geprägt5. Politisch war die Stadt bürgerlich-konservativ geprägt, was sich auch in den Wahlergebnissen widerspiegelte: Die Bayerische Volkspartei (BVP) erhielt von 1919 bis 1932 durchwegs mehr als ein Drittel der Stimmen6. Die Angst des bürgerlichen Mittelstands vor den Kommunisten war wohl mit ein Grund dafür, dass die sich betont anti-bolschewistisch gebende NSDAP bereits 1924 bei den Landtagswahlen 14 % der Stimmen erhielt.

Ab 1932 konnte die NSDAP einen Aufstieg feiern, der dem in ganz Deutschland ähnelte: Bei den Wahlen im Juli und November 1932 konnte die NSDAP in Weilheim jeweils ein Viertel der Stimmen auf sich vereinigen. Die Gründe dafür sind ebenfalls wesensgleich mit denen, die für das gesamte Deutsche Reich gelten: „ Man sehnt sich nach Ruhe, Ordnung und vor allem nach Arbeit7 ; die Arbeitslosigkeit führte auch in Weilheim zu Armut und Not8, die so genannten kleinen Leute „ haben nicht gewusst, was sie morgen essen sollen mit der Familie9 und wurden mit ihrer wachsenden Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen eine leichte Beute für die Propaganda der Natio- nalsozialisten.

b) Die Zeit nach der nationalsozialistischen Machtübernahme Verstärkt durch organisierte Feiern und Umzüge der NSDAP und die propagandistischen Versprechungen Hitlers, er werde die Arbeitslosigkeit beseitigen und Deutschlands Größe wiederherstellen, erlebte Deutschland nach Hitlers Machtübernahme eine „Welle der Begeisterung und Zustimmung über das ‚nationale Einigungswerk’“10, die sich in zweieinhalb Millionen Aufnahmeanträgen in die NSDAP bis September 1933 äußerte11. Trotz der offensichtlichen Terrormaßnahmen gegen politische Gegner hielt diese Stim- mung beim Großteil der Deutschen an, auch wegen der Erholung der Wirt- schaft, die scheinbar Hitler zu verdanken war12.

Für Weilheim lässt sich dies ebenso verfolgen. Allenthalben herrschte Begeisterung über Hitler und den Aufschwung, den er in Aussicht stellte, „ es sind ganz wenige gewesen, die einen klaren Kopf behalten haben.13 Bei den Wahlen im März 1933 lag die NSDAP in Weilheim mit 45 % sogar leicht über dem Durchschnittsergebnis in Deutschland, „ und sie drängten sich herzu zur neuen Vereinigung – in jedem Lebensalter –, und selbst ergraute ehemalige Volksparteiler suchten heimlich Parteiangehöriger zu werden.14 Dass der Sieg der Nazis verbunden war mit der Umbesetzung des Stadtrates, der Entfernung und Verfolgung politisch Andersdenkender und der Agitation gegen die Juden, wurde offenbar eher wenig beachtet, denn die primäre Erwartungshaltung schien sich zu erfüllen: Die Arbeitslosigkeit ging zurück, was als Erfolg der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik (Stichwort: Autobahnbau) gesehen wurde15. Weitere Maßnahmen der NS-Regierung fielen gleichfalls positiv ins Gewicht: Die 1933 begonnene Ausgrenzung der Sinti und Roma und Verhaftungswellen gegen Bettler, die als „Asoziale“ bezeichnet wurden, erfüllten das Ordnungsbedürfnis der Bürger, denn „ das war angenehmer, wenn nicht alle Augenblicke jemand läutet und bettelt oder wenn die Zigeuner oben sind und du musst Obacht geben, dass alles zu ist und dass sie nichts mitnehmen.16 Zudem stieß die Ankündigung Hitlers, er werde Deutschland aufrüsten, auf große Zustimmung17, denn auch viele Weilheimer sehnten sich nach einer Überwindung der „Knechtungen“ des Versailler Vertrages18, wofür Hitler garantieren wollte.

2. So genannter „Röhm-Putsch“ 1934

Unter dem Vorwand, die SA-Führung unter Ernst Röhm plane einen Putsch gegen ihn, beseitigte Hitler vom 30. Juni bis 2. Juli 1934 seine letzten innerparteilichen Konkurrenten und andere missliebige Opponenten. Insgesamt wurden auf seinen Befehl hin über 200 Menschen ermordet19. In der deutschen Bevölkerung stießen die Maßnahmen allgemein auf Zustimmung20, da Hitler geglaubt wurde, er habe den Staat vor gefährlichen Aufrührern gerettet.

Erstaunlicherweise wich die Stimmung in Weilheim angesichts dieses Ereignisses sehr von der im übrigen Deutschland ab. Wie dem evangelischen Pfarrer von Weilheim, Gustav Steger21, muss wohl vielen Leuten die Verlogenheit der NS-Propaganda aufgegangen sein, was vielleicht daran liegt, dass prominente Vertreter aus dem konservativen und katholischen Milieu zu den Opfern der „Säuberungen“ zählten, unter ihnen auch der gebürtige Weilheimer Dr. Wilhelm Schmid, der bereits im KZ Dachau inhaftiert war22. Es kam in der Folge zu Witzen und gleichzeitig zu ersten Bedenken über die Machtausübung der Nationalsozialisten23, denn wenn Hitler schon so radikal gegen Leute aus den eigenen Reihen vorging, wie mochte er dann seine politischen Gegner behandeln? Auch Vater und Onkel von Friedrich Auer, wiewohl beide Parteigenossen waren, lehnten die brutale Aktion als „ nicht sauber24 ab: „ Die haben sich sehr erbost darüber und waren also unzufrieden.25

3. Wiedereingliederung des Saargebietes und Einführung der Arbeitsdienst-Pflicht 1935

Außer der Einführung der Nürnberger Gesetze, die im Kapitel „Antisemitismus“ thematisiert werden, hielt das Jahr 1935 noch zwei weitere bedeutende Ereignisse bereit: Als die Bevölkerung des Saargebietes im Januar 1935 gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrages mit über 90 % für einen Beitritt zum Deutschen Reich stimmte, stellten dies die Nationalsozialisten als Ausdruck der Zustimmung zur Politik Hitlers dar26, was ihnen innenpolitisch einen Prestigegewinn einbrachte und nationale Begeisterung auslöste27. Die Einführung der Pflicht, den Reichsarbeitsdienst abzuleisten, wurde im Juni desselben Jahres als Ausdruck eines „deutschen Sozialismus“ verkauft und führte zu durchweg bejahender Resonanz in der deutschen Bevölkerung, denn die gemeinsame harte Arbeit schien alle Klassen- und Standesunterschiede zu überwinden helfen28.

Beide Stimmungsäußerungen lassen sich auch auf Weilheim übertragen: Die Propaganda anlässlich der Saar-Abstimmung verfing auch hier, die Wiederangliederung des Gebietes wurde dem Verdienst Hitlers angerechnet und gab dem Nationalgefühl der Weilheimer einen zusätzlichen Aufschwung29. Auch die Verpflichtung für alle jungen Menschen, im Reichsarbeitsdienst körperliche Arbeit zu verrichten, wurde als Mittel zur Beseitigung gesellschaftlicher Schranken befürwortet: „ Dann hat man das als positiv emp- funden, dass alle, ganz gleich, ob sie aus einer Akademikerfamilie oder aus ganz einer einfachen Arbeiterfamilie kommen, die jungen Männer mussten zum Arbeitsdienst.30

4. Olympische Spiele 1936

Einen weiteren Erfolg konnte Hitler bei den Olympischen Spielen 1936 durch ihre perfekte Inszenierung und die Siege der deutschen Mannschaft verzeichnen: „Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Olympischen Spiele (...) die Deutschen mit Stolz erfüllten, von inneren Schwierigkeiten ablenkten und die Identifikation mit dem ‚Führer’ förderten.“31

Auch für Weilheim gilt dies grundsätzlich, obwohl sich schon seit dem „Röhm- Putsch“ viele Einwohner über die Herrschaft des Nationalsozialismus fragten:

Ist das Recht oder ist das Unrecht?32 Doch die Anerkennung, die das Regime durch die Olympischen Spiele von Seiten des Auslands erfuhr, schien die Skepsis zu widerlegen, und so war die Stimmung in Weilheim gleichfalls positiv33, zumal die Stadt auch unmittelbar profitierte durch den Bau der „Olympiastraße“ nach Garmisch-Partenkirchen34, der heutigen B2.

5. „Anschluss“ Österreichs und Sudeten-Krise 1938

In das Jahr 1938 fielen neben der Reichspogromnacht am 9. November, auf die im Kapitel „Antisemitismus“ eingegangen wird, der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und die internationale Krise, die der Ausdehnung des deutschen Territoriums auf die Siedlungsgebiete der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei vorausging.

Das Echo in der deutschen Bevölkerung war durchaus unterschiedlich: Während die Eingliederung Österreichs in das Reichsgebiet mehrheitlich auf große Zustimmung stieß und Hitler einmal mehr als begnadeter Staatsmann gefeiert wurde, der nun sogar die alte Idee vom „Großdeutschen Reich“ verwirklichen konnte35, vollzog sich im Zuge der sich anbahnenden Sudeten- Krise ein Stimmungswandel, den der damals im diplomatischen Dienst tätige und nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 hingerichtete Ulrich von Hassell in seinem Tagebucheintrag vom 17. September 1938 so beschreibt: „ Innen wachsende Depression unter dem Druck der Parteiherrschaft und der Kriegsfurcht.36

Diese Erkenntnisse lassen sich auch auf Weilheim übertragen. Der Parole

„Heim ins Reich!“ anlässlich des Einmarsches deutscher Truppen in Österreich stimmten die Weilheimer nicht nur auf Grund ihrer patriotischen Gefühle zu37, sondern auch der Tatsache wegen, dass es nun viel einfacher war, nach Österreich (beispielsweise für eine Bergtour) zu fahren, da die bisherige Grenzüberschreitungsgebühr von 500 RM entfiel38. Das positive Stimmungsbild änderte sich, wie Eva Hafner erzählt, als wegen der Sudeten-Gebiete ein Kriegsausbruch drohte, obwohl die Nationalsozialisten ebenfalls mit der Herstellung nationaler Einheit argumentierten: „ Es ist noch auf der Kippe gestanden (...) und da habe ich gesehen, da ist meine Mutter im Schlafzimmer gesessen und hat Rotz und Tränen geheult: ‚Jetzt gibt es Krieg!’ Und ihre Brüder, die sind alle Offiziere, die müssen raus.39

6. Kriegsbeginn 1939

„Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen!“40 – diese Worte Hitlers vom 1. September 1939 markieren den deutschen Angriff auf Polen und damit den Beginn des II. Weltkrieges.

Trotz der ständigen Propaganda der Nationalsozialisten, Deutschland brauche neuen „Lebensraum“ im Osten, herrschte zu diesem Zeitpunkt in der Bevölkerung Deutschlands keineswegs Begeisterung über den Krieg. Nach den Erfahrungen im I. Weltkrieg „voller Kriegsfurcht und Friedenssehnsucht“41, „hoffte man wider alle Vernunft, es werde Hitlers ‚Staatskunst’ gelingen, ihn zu vermeiden.“42

[...]


1 Ein Zeitzeuge, Dr. Walter Gronauer, kannte das Dritte Reich nur aus den Erzählungen seiner Eltern

2 vgl. Hans Thieme: Hitlers Weg zur Macht, Krise und Untergang der Weimarer Republik, in: Johannes Hampel: Der Nationalsozialismus Band I, Machtergreifung und Machtsicherung 1933-1935. München 1994, S. 17

3 vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung 123/126/127. Bonn 1978, S. 20f.

4 Angabe aus: Theobald Wirth: Weilheimer Geschichte. Weilheim 1978, S. 228

5 vgl. Sepp Klasen: Zu Störungen irgendwelcher Art ist es nirgends gekommen, Texte und Dokumente zur Machtübernahme der Nationalsozialisten in den Gemeinden des heutigen Landkreises Weilheim-Schongau März bis Juni 1933. O. O. 1983, S. 10

6 für alle Wahlergebnisse vgl. ebenda, S. 9

7 unveröffentlichte, für ihre Familie bestimmte zeitgenössische Chronik der Weilheimerin Josefine Hartlmaier (1869-1957)

8 vgl. Wirth, S. 89ff.

9 vgl. Interview mit Hans Vollmann vom 23/8/2000

10 Frank Grube/Gerhard Richter: Alltag im Dritten Reich. Hamburg 1982, S. 26

11 vgl. ebenda, S. 37

12 vgl. ebenda, S. 40

13 Interview mit Hans Vollmann vom 23/8/2000

14 Hartlmaier

15 vgl. Interview mit Willi Simader vom 7/7/2000

16 Interview mit Friedrich Auer vom 5/9/2000

17 vgl. Interview mit Willi Simader vom 7/7/2000

18 vgl. Interview mit Frau Y vom 21/9/2000

19 vgl. Thieme, Hitlers Weg zur Macht, Krise und Untergang der Weimarer Republik, S. 78

20 vgl. Wolfgang Petter: SA und SS als Instrumente nationalsozialistischer Herrschaft, in: Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.): Deutschland 1933-1945, Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. Bonn 1993, S. 83

21 vgl. einen Brief des Pfarrers an seine Eltern vom 11/4/1936 (Archiv des Pfarramtes der evangelisch-lutherischen Gemeinde Weilheim)

22 vgl. Günther Kimmel: Das Konzentrationslager Dachau, in: Martin Broszat/Elke Fröhlich (Hrsg.): Bayern in der NS-Zeit Band II, Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt. München 1979, S. 365f.; Dr. Schmid wurde irrtümlich umgebracht, da er mit einem SA-Führer gleichen Namens verwechselt wurde.

23 vgl. Interview mit Willi Simader vom 7/7/2000

24 Interview mit Friedrich Auer vom 5/9/2000

25 ebenda

26 vgl. Rudolf Berg/Rolf Selbmann: Grundkurs Deutsche Geschichte Band 2, 1918 bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 1987, S. 165

27 vgl. Hans Thieme: Vom Revisionismus zum Expansionismus, Nationalsozialistische Außenpolitik 1933-1936, in: Johannes Hampel: Der Nationalsozialismus Band I, Machter- greifung und Machtsicherung 1933-1935. München 1994, S. 253, 265

28 Grube/Richter, S. 62f.

29 vgl. Interview mit Friedrich Auer vom 5/9/2000

30 ebenda

31 Grube/Richter, S. 154

32 Interview mit Hans Vollmann vom 23/8/2000

33 vgl. Interview mit Friedrich Auer vom 5/9/2000

34 vgl. Brief von Hubert Schmidt an den Verfasser vom 6/1/2001

35 vgl. Ambros Schor: Weichenstellung in Richtung Krieg, Nationalsozialistische Außenpolitik, in: Johannes Hampel: Der Nationalsozialismus Band II, Friedenspropaganda und Kriegsvorbereitung 1935-1939. München 1993, S. 119

36 Friedrich Freiherr Hiller von Gaertringen (Hrsg.): Die Hassell-Tagebücher 1938-1944. Berlin 1988, S. 51

37 vgl. Interview mit Friedrich Auer vom 5/9/2000

38 vgl. Brief von Hubert Schmidt an den Verfasser vom 6/1/2001

39 vgl. Interview mit Eva und Alfred Hafner vom 6/9/2000

40 zitiert aus: Ralf Schabel: Weltmacht oder Untergang, in: Johannes Hampel: Der Nationalsozialismus Band III, Das bittere Ende 1939-1945. München 1993, S. 45

41 ebenda, S. 45

42 Marlis G. Steinert: Deutsche im Krieg: Kollektivmeinungen, Verhaltensmuster und Mentalitäten, in: Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.): Deutschland 1933-1945, Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft. Bonn 1993, S. 476

44 von 44 Seiten

Details

Titel
Alltag und Stimmung in Weilheim während des Nationalsozialismus
Hochschule
Gymnasium Weilheim
Note
1,0 (15 p.)
Autor
Jahr
2001
Seiten
44
Katalognummer
V171027
ISBN (Buch)
9783640909278
Dateigröße
739 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Basierend auf extensiven Zeitzeugen-Interviews und Archiv-Recherchen analysiert die Arbeit zentrale Elemente des Alltagslebens und der Stimmung in der oberbayerischen Kleinstadt Weilheim während des Nationalsozialismus.
Schlagworte
Nationalsozialismus, Drittes Reich, Weilheim, Oberbayern, Stimmung, Alltagsleben
Arbeit zitieren
Eric Sangar (Autor), 2001, Alltag und Stimmung in Weilheim während des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171027

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