Zunächst muss ich sagen, dass das Thema „Auschwitz-Verbrechen“ oder noch besser ausgedrückt „die Vernichtung der Juden“ während des Zweiten Weltkriegs ein kompliziertes Thema ist. Ein Versuch, in irgendeiner Art auf das Thema einzugehen, tendiert dazu, die Ernsthaftigkeit des Themas zu gefährden oder dessen Bedeutung zu unterschätzen. Ich finde, ein Versuch, einen objektiven Umgang mit dem Thema zu finden, wird wahrscheinlich als etwas Ungerechtes wahrgenommen werden. Könnte ich denn in Wirklichkeit darüber objektiv sprechen, indem ich die unvorstellbar entsetzlichen Verbrechen und die noch entsetzlicheren Prozesse begreiflich machen würde?
Nach Walser existiert Auschwitz in der Tat nur für diejenigen, die es erfahren und schließlich überlebt haben; die Opfer und die Täter, sie betrachten die Ereignisse jedoch aus verschiedenen Perspektiven (vgl. Kovach und Walser 2008: 8-9). Ich könnte sagen, es drohe schon vom Anfang an wegen der hohen Empfindlichkeit des Themas das Versagen solcher Versuche. Es besteht nämlich das Risiko, sich entweder viel zu wenig mit den Opfern oder viel zu viel mit den Tätern zu identifizieren. Sogar eine vermeintliche Spur von Identifikation mit den Tätern würde mit Sicherheit hart verurteilt werden. Auf dieses historische Ereignis kann wahrscheinlich keiner objektiv und gerecht eingehen. Ein solches Verbrechen kann schließlich auf keinen Fall gerechtfertigt werden. Bemerkenswert ist aber, dass je mehr eine Person mit den in Auschwitz zu Schaden gekommenen Menschen Mitleid bekunden würde, desto akzeptabler ihre Perspektive wäre und als desto gerechter eine solche Perspektive betrachtet würde. Es besteht also eine hohe Wahrscheinlichkeit, sich mit denen zu identifizieren, die das Auschwitz-Verbrechen auf jeglicher Art und Weise verurteilen. Dadurch könnte das deutsche Volk eventuell einigermaßen für die Schande und Sünde büßen.
Es gibt aber auch diejenigen, die sich zu dem Auschwitz-Verbrechen nicht äußern wollen. Die Schande sei zu groß und unerträglich, so dass es sich am besten darüber nur zu schweigen lohne. Es vergeht dadurch schnellstmöglich die Schande oder die unvergängliche Vergangenheit gerät dabei in Vergessenheit.
Die dritte Gruppe besteht aus denjenigen, die auf das Risiko eingehen, die deutsche Schande und die unvergängliche Vergangenheit anzusprechen. Solche Menschen werden scharf kritisiert. Die deutsche Schande sei schließlich doch unverzeihlich und „objektiv“ betrachtet absolut unmenschlich.
Inhaltsverzeichnis
- Zur Biographie von Martin Walser
- Einleitung
- Antisemitismus
- Die Walser-Bubis-Debatte
- Kritik an Walsers' Sinneswandel
- Platons Auffassung über die Kunst
- Schlussbemerkung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit befasst sich mit dem vermeintlichen Sinneswandel von Martin Walser, einem deutschen Schriftsteller, der für seine Darstellung von Konflikten in seinen Romanen und Erzählungen bekannt ist. Das Ziel der Arbeit ist es, den Vorwurf des Antisemitismus gegenüber Walser zu untersuchen und dessen vermeintlichen Sinneswandel kritisch zu analysieren. Im Mittelpunkt stehen dabei die Walser-Bubis-Debatte und die Frage nach den Grenzen von Künstlern im Politischen, wobei Platons Theorie über die Kunst als Referenz herangezogen wird.
- Der antisemitische Vorwurf gegen Martin Walser
- Die Walser-Bubis-Debatte und die Frage nach geistiger Brandstiftung
- Der vermeintliche Sinneswandel von Martin Walser
- Die Grenzen von Künstlern im Politischen und Platons Theorie über die Kunst
- Antisemitismus als komplexer Begriff und seine unterschiedlichen Definitionen
Zusammenfassung der Kapitel
- Zur Biographie von Martin Walser: Dieses Kapitel beleuchtet die Biografie von Martin Walser, einschließlich seiner frühen Jahre, seines Studiums, seiner literarischen Karriere und seiner politischen Engagements. Es wird auch auf die Kontroversen im Zusammenhang mit seiner Mitgliedschaft in der NSDAP und die unterschiedlichen Interpretationen seines Sinneswandels eingegangen.
- Einleitung: Die Einleitung befasst sich mit der Komplexität des Themas Auschwitz und den Herausforderungen, die mit der objektiven Betrachtung dieses historischen Ereignisses verbunden sind. Sie betont die unterschiedlichen Perspektiven der Opfer und Täter und die Gefahr, sich entweder zu sehr mit den Opfern oder zu sehr mit den Tätern zu identifizieren. Das Kapitel stellt die verschiedenen Reaktionen auf das Auschwitz-Verbrechen dar und ordnet Walsers Positionierung in diesem Kontext ein.
- Antisemitismus: Dieses Kapitel widmet sich dem komplexen Begriff des Antisemitismus. Es beleuchtet verschiedene Definitionen des Begriffs, diskutiert antisemitische Klischees und die Schwierigkeit, antisemitische Äußerungen eindeutig zu identifizieren. Das Kapitel untersucht auch die Ursachen des Judenhasses und die Kontroversen um die Interpretation von Äußerungen als antisemitisch.
Schlüsselwörter
Die wichtigsten Schlüsselwörter und Schwerpunktthemen dieser Arbeit sind: Martin Walser, Antisemitismus, Sinneswandel, Walser-Bubis-Debatte, geistige Brandstiftung, Grenzen von Künstlern im Politischen, Platons Kunsttheorie, Auschwitz, Judenhass, Klischees, Definitionen, Objektivität, Identifikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum ging es in der Walser-Bubis-Debatte?
Die Debatte entzündete sich an Martin Walsers Friedenspreisrede 1998, in der er von der „Instrumentalisierung unserer Schande“ (Auschwitz) sprach. Ignatz Bubis, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, warf ihm daraufhin „geistige Brandstiftung“ vor.
Was wird Martin Walser in Bezug auf seinen „Sinneswandel“ vorgeworfen?
Kritiker werfen ihm vor, sich von einem linksliberalen Intellektuellen zu einem Autor gewandelt zu haben, dessen Äußerungen und literarische Figuren (z. B. in „Tod eines Kritikers“) antisemitische Klischees bedienen.
Wie betrachtet Walser die Erinnerung an Auschwitz?
Walser thematisiert das Spannungsfeld zwischen dem Gedenken als Pflicht und dem individuellen Bedürfnis nach dem Wegschauen oder dem Schweigen angesichts der unerträglichen Schande.
Welche Rolle spielt Platons Kunstauffassung in dieser Analyse?
Platons Theorie wird herangezogen, um die Grenzen und die Verantwortung von Künstlern im politischen Raum zu diskutieren und zu hinterfragen, ob Kunst eine eigene Wahrheit jenseits der Moral beanspruchen darf.
Warum ist der Begriff des Antisemitismus in diesem Kontext so komplex?
Weil die Grenzen zwischen legitimer Kritik am Gedenkdiskurs und der Reproduktion antisemitischer Stereotype oft fließend sind und die Identifikation von „geistiger Brandstiftung“ stark von der Perspektive abhängt.
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- Ibukunolu Ajagunna (Author), 2010, Der Sinneswandel von Martin Walser, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171043