Werner von Siemens in Wissenschaft, Staatlichkeit und sozialgesellschaftlicher Lebenswelt


Seminararbeit, 2003
22 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Leben und Unternehmen Werner Siemens
2.2. Siemens´ Verhältnis zu Wissenschaft und Technik
2.4. Siemens als Person des sozialgesellschaftlichen Lebens
2.3. Siemens´ Verhältnis zu Staat, Politik und Staatlichkeit

3. Schlussbetrachtungen

4. Quellen- und Literaturnachweis

1. Einleitung

Die aus dem England des späten 18.Jahrhunderts ausgehende Entwicklung einer sukzessiven Durchsetzung von technisch-industriellen Produktionsformen in agrarisch dominierten Volkswirtschaften wird in der Geschichtsschreibung als Industrialisierung zusammengefasst. Die Entwicklungsstufen der Industrialisierung werden hierbei strukturchronologisch in die Phasen der Frühindustrialisierung, der industrielle Revolution und der Hochindustrialisierung definiert. Der Prozess der industriellen Revolution als Phase des Durchbruchs der industriellen Entwicklung in den Ländern Kontinentaleuropas vollzog sich in den deutschen Staaten insbesondere im dritten Viertel des 19.Jahrhundert.

Diese Phase war - im kleinstaatlich geprägten Deutschland auf dessen langen Weg hin zur Reichseinigung von 1871 - von der Herausbildung und Wachstum des sekundären Wirtschaftssektors in Folge eines innovativen Wandels von Produktionsformen und –methoden geprägt. Der Begriff der „Gründerjahre“ zum Anfang der 70er Jahre steht dafür auch mit als Synonym für ablaufende tiefgreifende strukturelle Veränderungen.

Erfindungen und Neuerungen auf den Gebieten Technik und Naturwissenschaften waren hierfür Voraussetzungen gewesen. Als ein Unternehmen in dieser Zeit war die Firma Siemens & Halske als forschender Produzent im Bereich Telegrafentechnik und Elektrotechnik tätig. Werner Siemens hatte sich aus eigenem Interesse und Antrieb naturwissenschaftlich -technischen Studien und experimentellen Forschungen gewidmet. Die Militärlaufbahn im preussischen Heer bot über den Weg der Artillerie- und Ingenieurschule dafür die Möglichkeit zur professionellen Verwirklichung dieser Passion. Studien im Auftrag des Heeres, später des Staates und dann insbesondere auch als Privatunternehmer generierten hierbei bahnbrechende Erfindungen unter anderem im Telegraphenbau und der damit verbundenen Kabellegung. Die von Siemens stammenden Telegraphenleitungen umspannten später nicht nur Deutschland, sondern auch große Teile Europas und reichten bis nach Russland, Amerika und in den fernen Osten. Weitere Erfindungen auf dem Gebiet der Feinmechanik und Physik folgten. Werner von Siemens begründete die Fachrichtung der Elektrotechnik mit und nutzte seine Entdeckung des dynamo-elektrischen Prinzips zum Bau der dynamo-elektrischen Maschine – des Dynamos.

Eine gemeinsame Firmengründung mit Johann Georg Halske als Partner bot die Grundlage um die eigenen Erfindungen zu nutzen und auf dieser Basis weiterhin frei zu forschen. Der gegründete Kleinbetrieb entwickelte sich im späteren zu einem Millionen-Imperium im familiär gesteuerten Besitz mit Tochterfirmen in London, St. Petersburg und im Kaukasus und steht geradezu als Paradebeispiel für die in Deutschland ablaufende industrielle Revolution.

Vita und Erfahrungen des Werner von Siemens gestalteten sich facettenreich. Er bezieht politisch auch aktiv klar Stellung und macht gesellschaftlich „Karriere“. Ihm gelingt ein Aufstieg bis in die höchsten gesellschaftlichen Kreise einer sich wandelnden Gesellschaft. Die politisch-gesellschaftlich-territorialen Rahmenbedingungen der deutschen Kleinstaaterei dieser Jahre im Prozess der beginnenden deutschen Reichseinigung von der Märzrevolution 1848 bis hin zur Reichsgründung 1871 begleitete Siemens als preussischer Staatsbürger aktiv und beobachtend mit.

Exemplarisch soll mit dieser Arbeit das Leben und Wirken eines Pioniers und wichtigen Mitgestalters dieser Periode als Fallbeispiel anhand seiner autobiografisch verfassten „Lebenserinnerungen“ näher betrachtet werden.

Anhand der parallelen und fortlaufenden Lebens- und Wirkungsstationen in deutschen Landen als Wissenschaftler, Unternehmer und Staatsbürger/Offizier/Abgeordneter soll im folgendem versucht werden Werner von Siemens:

- als Wissenschaftler in seinem Verhältnis zu Wissenschaft und Forschung
- als Unternehmer im gesellschaftlich-sozialen Leben
- als Staatsbürger, Offizier und Parlamentarier in seinem Verhältnis

zu Staat, Politik und Staatlichkeit

in seiner Zeit zu betrachten und thematisch im Kontext zu charakterisieren.

2. Hauptteil

2.1. Leben und Unternehmen Werner Siemens

Werner Siemens wurde am 13.12.1816 auf dem Obergut Lenthe bei Hannover in eine landwirtschaftlich geprägte, bürgerliche Großfamilie geboren. Seit Ende der frühen Schulzeit beschäftigte er sich mit naturwissenschaftlichen Zusammenhängen und intensivierte dieses Interesse am Gymnasium in Lübeck. Um auf diesem Gebiet forschen zu können trat er 1835 als Offizieranwärter ins Preußische Heer ein, um sich dort nach durchlaufener Ausbildung an der Artillerie- und Ingenieurschule wissenschaftlichen Studien in Physik, Chemie, Ballistik und Mathematik zu widmen.[1]

Zunächst noch parallel zum Militärdienst, später dann im Staatsauftrag widmete er sich Studien auf naturwissenschaftlichem und technischem Gebiet. Relativ spät beginnt er seine Erfindungen auch wirtschaftlich selbst zu nutzen und gründet 1847 mit einem Partner, dem Mechaniker Johann Georg Halske, in Berlin die „Telegraphenbauanstalt Siemens&Halske“ als die erste Firma. Nach dem Abschied vom Militär als Premierleutnant 1849 steckt er all seine Tatkraft in weiterführende Studien und den Aufbau der gegründeten Firma. Er tätigt bahnbrechende Erfindungen im Telegraphenbau und der damit verbundenen Kabellegung. Die von Siemens stammenden Telegraphenleitungen umspannen bald nicht mehr nur Deutschland, sondern auch große Teile Europas und reichen bis nach Rußland, Amerika und in den Fernen Osten. Weitere Erfindungen auf dem Gebiet der Feinmechanik und Physik folgen. Insbesondere hebt Werner von Siemens die Fachrichtung der Elektrotechnik mit aus der Taufe und nutzt seine Entdeckung des dynamo-elektrischen Prinzips zum Bau der dynamo-elektrischen Maschine – dem Dynamo. Auf Basis seiner Erfindung des Elektromotors stellt Siemens & Halske als erste eine Elektrolokomotive vor.

Trotz der Entwicklung der Firma bleibt Siemens jedoch vorrangig Wissenschaftler und lenkender Entwickler. Viele wissenschaftliche Veröffentlichungen, die Ehrendoktorwürde der Universitäten Berlin und Heidelberg, die auf ihm beruhende Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, die Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Wissenschaften, seine Initiativ-Gründung des Reichspatentamts sowie die Präsidentschaft des Elektrikerkongresses drücken neben Ehrendoktorwürden seinen Stellenwert als Wegbereiter der deutschen Wissenschaft aus.[2]

Die mit der Firmengründung in Berlin am 1.Oktober 1847 etablierte Firma „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ begann anfangs mit 3 Arbeitern in einer Hinterhauswerkstatt sich zu entwickeln. Siemens erhält auch durch seine Rolle als vormals forschender Offizier und Techniker wichtige Staatsaufträge in Preussen. Im späteren aber auch als Ergänzung zur anfänglichen Abhängigkeit von heimischen Staatsaufträgen aquiriert die Firma Aufträge in Russland und England und gründet dort in der Folge Niederlassungen und Tochterunternehmen. Neben der anfänglich dominierenden Telegrafie beginnt sich die Stratstromtechnik als Geschäftsfeld der Firma zu etablieren. Aufträge werden im Mittelmeerraum, im Nahem Osten bis nach Zentralasien und Amerika durchgeführt. Die Firma entwickelt sich unter der geschäftsführenden Administration von Johann Georg Halske und den Brüdern von Siemens zu einem Millionen-Imperium mit Tochterfirmen in London, St. Petersburg und im Kaukasus. Neben der anfänglich dominierenden Telegrafie beginnt sich die entwickelnde Starkstromtechnik als bedeutsames Geschäftsfeld der Firma zu etablieren.[3]

Diese Entwicklung steht geradezu als Paradebeispiel für die in Deutschland ablaufende industrielle Revolution. Als direkte Konkurrenz hatte sich parallel die Allgemeine Elektrizcitäts Gesellschaft – AEG am Markt etabliert, in deren Folge die Firma Siemens & Halske in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt wurde. Dies war 1890 zugleich der finale Rückzug für Siemens aus dem Unternehmen.

Das Leben Werner von Siemens´ hatte sich vielschichtig gestaltet: Aktive Kriegserlebnisse im Preussischen Heeresdienst, abenteuerliche Reisen quer durch Europa, viermal in den Kaukasus, nach Russland und Nordafrika, Seefahrten im Mittelmeer und ein überstandener Schiffbruch weiteten seinen Horizont. Er wirkt politisch direkt als Abgeordneter der Fortschrittspartei im Preussischen Abgeordnetenhaus mit. Ihm gelingt ein Aufstieg bis in die höchsten Kreise im Deutschen Kaiserreich zum Ende des 19.Jahrhunderts. Die Verleihung des erblichen preußischen Adelstandes sowie ein Titel als Geheimer Regierungsrat verdeutlichen dies. Aus der Ehe mit Mathilde Drumann gingen zwei Söhne und zwei Töchter hervor. In zweiter Ehe mit Antonie Siemens ein Sohn und eine Tochter. Werner von Siemens stirbt am 6. Dezember 1892 in Charlottenburg und hinterlässt ein Firmenimperium im Familienbesitz, dass von seinem wesentlich jüngeren Bruder Carl und seinen Söhnen Arnold und Wilhelm fortgeführt wird.[4]

2.2. Siemens´ Verhältnis zu Wissenschaft und Technik

Seine Neigung zu naturwissenschaftlicher Forschung ausgerichtet auf die technische Anwendung stellte Siemens oft vor die Frage seiner Identität als Wissenschaftler und Unternehmer. So schrieb er rückblickend: „Naturwissenschaftliche Forschung war meine erste, meine Jugendliebe, und sie hat auch standgehalten bis in das hohe Alter, dessen ich mich jetzt – erfreue kann ich wohl kaum sagen. Daneben habe ich freilich immer den Drang gefühlt, die naturwissenschaftlichen Errungenschaften dem praktischen Leben nutzbar zu machen. Ich drückte das auch in meiner Antrittsrede aus(zur Akademie der Wissenschaften in Berlin), indem ich den Satz entwickelte, dass die Wissenschaft nicht ihrer selbst wegen bestehe zur Befriedigung des Wissendranges der beschränkten Zahl ihrer Bekenner, sondern dass ihre Aufgabe die sei, den Schatz des Wissens und Könnens des Menschengeschlechtes zu vergrößern und dasselbe dadurch einer höheren Kulturstufe zuzuführen.“[5]

Für Erlangung neuer Erkenntnisse durch solche Experimente war für Siemens die ausreichende Wissensgrundlage notwendig: „Es wurde uns aber doch klar, dass Erfindungsspekulationen eine sehr unsichere Sache sind und nur in äußerst seltenen Fällen zu Erfolg führen, wenn sie nicht durch volle Sachkenntnis und ausreichende Mittel unterstützt werden.“[6] Die Nutzbarmachung neuer Erfindungen für die Wirtschaft konnte nur als selbstragender Prozess weitere Forschung ermöglichen. Auf diesem Gebiet und insbesondere in der technisierten Massenproduktion war zur Mitte des 19.Jahrhunderts auch für Siemens England der Vorreiter. So schreibt er über die Rückkehr seines Bruders Wilhelm von einem beruflichen Aufenthalt von dort: „Nach seiner Rückkehr aus England war Wilhelm wieder in seine Magdeburger Fabrik eingetreten, fand aber an den dortigen kleinen Verhältnissen keinen rechten Geschmack mehr, nachdem er die Großartigkeit der englischen Industrie kennen gelernt hatte“.[7]

Der Umgang Siemens mit anderen jungen und älteren Forschern, der in die Gründung der Physikalischen Gesellschaft mündete, zeigte Siemens auch bald die voranschreitende Diversifikation der Forschung auf. Dieser Umstand brachte Siemens zum Überdenken seiner Tätigkeit auf Basis seiner stetigen Verbindung von naturwissenschaftlicher Forschung und technischer Anwendung. „Der Umgang und die gemeinschaftliche Arbeit mit diesen durch Talent und ernstes Streben ausgezeichneten jungen Leuten (physik. Gesellschaft) verstärkten meine Vorliebe für wissenschaftliche Studien und Arbeiten und erweckten in mir den Entschluß, künftig nur ernster Wissenschaft zu dienen. Doch die Verhältnisse waren stärker als mein Wille, und der mir angeborene Trieb, erworbene wissenschaftliche Kenntnisse nicht schlummern zu lassen, sondern auch möglichst nützlich anzuwenden, führte mich doch immer wieder zur Technik zurück. Und so ist es während meines ganzen Lebens geblieben. Meine Liebe gehörte stets der Wissenschaft als solcher, während meine Arbeiten und Leistungen meist auf dem Gebiete der Technik liegen.“[8]

[...]


[1] von Siemens, Werner: Lebenserinnerungen, München, 1966, S.4 ff.

[2] von Siemens, Werner: Lebenserinnerungen, München, 1966, S.4 ff.

[3] von Siemens, Werner: Lebenserinnerungen, München, 1966, S.4 ff.

[4] von Siemens, Werner: Lebenserinnerungen, München, 1966, S.4 ff.

[5] von Siemens, Werner: Lebenserinnerungen, München, 1966, S.282

[6] von Siemens, Werner: Lebenserinnerungen, München, 1966, S.45

[7] von Siemens, Werner: Lebenserinnerungen, München, 1966, S.35

[8] von Siemens, Werner: Lebenserinnerungen, München, 1966, S.46

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Werner von Siemens in Wissenschaft, Staatlichkeit und sozialgesellschaftlicher Lebenswelt
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar Industrialisierung in Deutschland (1866-1914)
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V171066
ISBN (eBook)
9783640900855
ISBN (Buch)
9783640901029
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Industrialisierung, Geschichtswissenschaft, Siemens, Preussen
Arbeit zitieren
Thomas M. Scholz (Autor), 2003, Werner von Siemens in Wissenschaft, Staatlichkeit und sozialgesellschaftlicher Lebenswelt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171066

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