Ein Neuanfang, der anders verläuft als geplant: Statt Schottland wird es Irland – und der Traum findet seinen Platz in einem Leben zwischen Wohnwagen, Baustelle und weiter Landschaft. Mit Mut, Improvisationstalent und einer großen Portion Durchhaltevermögen wagt die Autorin den Schritt ins Ungewisse und nimmt ihre Leser mit auf eine ebenso persönliche wie bewegende Reise.
Im Mittelpunkt stehen vor allem die tierischen Wegbegleiter: ein eigenwilliger Hund, freiheitsliebende Katzen, eine lebhafte Frettchenbande und zahlreiche weitere tierische Begegnungen prägen den Alltag. Mal berührend, mal humorvoll zeigen diese Geschichten, wie eng das Leben mit Tieren und Natur verwoben sein kann – und wie sehr sie Halt geben, gerade in schwierigen Zeiten.
Zwischen Renovierungschaos, irischer Gelassenheit und intensiven Naturerlebnissen entsteht ein ehrliches Porträt eines Lebens abseits klassischer Komfortzonen. Ein Buch für alle, die Irland lieben und wissen, dass Tiere ein Zuhause erst wirklich zu einem Zuhause machen.
Auszüge aus dem Buch
Die Reise nach Irland
Am 8. Juni abends kommt mein „Fahrer“ aus Hannover. Wir verstauen alles, was ich mitnehmen will in Auto und Wohnwagen, die Transportboxen für die Katzen werden vorbereitet. Im Auto ist gerade noch genug Platz für eine Decke für Hundchen. Der freundliche Nachbar zeigt uns, wie wir den Wohnwagen an der Anhängerkupplung festmachen können – was erst nach einigen Versuchen und dem Einsatz von WD40 und leichter Gewalt gelingt. Sogar die Brems- und Rücklichter und die Blinker des Wohnwagens, die ich vorher nicht ausprobieren konnte, funktionieren. Vor dem Wohnwagen befestigen wir noch mein uraltes Fahrrad, das mir schon sehr gute Dienste geleistet hat und dies noch einige Jahre weiter tun wird.
Am nächsten Morgen, dem 9. Juni 2016, geht die Reise los. Bei der Tankstelle in Seehausen wird noch einmal vollgetankt und der Reifendruck geprüft und auf geht’s auf die Autobahn in Richtung Hoek van Holland. Ich habe geplant kurz hinter der Grenze auf einem Campingplatz zu übernachten, aber Y. will lieber gleich zum Hafen von Hoek van Holland fahren. So können wir am nächsten Tag pünktlich vor der Abfahrt einchecken. Wir stellen den Wohnwagen auf einen Parkplatz mit Blick auf den Hafen und koppeln ihn ab, da sonst andere Fahrer nicht vorbeifahren können. Wir sind beide etwas nervös, da wir uns nicht sicher sind, ob es uns am nächsten Morgen ohne Hilfe gelingt, Auto und Wohnwagen wieder zu verkuppeln. Es klappt dann aber ohne Probleme. Y. geht abends noch in eine Kneipe, um Fußball zu schauen – die Europameisterschaft ist gerade im Gange – und zu entspannen, da die erste lange Etappe doch recht anstrengend war. Ich mache noch eine kleine Runde mit Hundchen, die Katzen haben wir aus ihren Transportboxen entlassen und sie fühlen sich im Wohnwagen wohl. Da dieser schon einige Monate im Garten gestanden hat und ich bei schönem Wetter oft die Tür offen stehen ließ, haben sie dort schon einige Male geschlafen und fühlen sich „zuhause“.
Am nächsten Vormittag fahren wir die wenigen Meter zum Hafen zum Einchecken. Die Chips der Katzen müssen ausgelesen und mit den Nummern im Impfpass verglichen werden. Der Beamte am Schalter gibt mir das Lesegerät und ich kann die Transponder selbst durch die Tür der Transportboxen hindurch ablesen, so dass keine Gefahr besteht, dass eine von ihnen ausbüxt. Mit Räubers Impfpass gibt es Probleme. Zwar steht auf dem Umschlag „Internationaler Impfpass“, alle Impfungen und die Wurmkur sind pünktlich erledigt worden, aber der alte Impfpass ist gelb – und wir benötigen einen blauen. Nach langem Überreden, einigen Tränen (von mir) und Rücksprache mit dem Vorgesetzten (vom Kontrolleur) lässt sich der Beamte überreden, uns doch aufs Schiff zu lassen.
Obwohl Y. bisher nur kleine Hänger und nie einen großen Wohnwagen gezogen hatte, hat er auch beim Einparken keinerlei Probleme und erledigt diese Aufgaben mit Bravour. Da Hunde auf den normalen Schiffdecks nicht zugelassen sind, können wir den Räuber entweder im Auto lassen – aufs Autodeck darf man während der Fahrt jedoch nicht – oder in einen speziellen Kennel bringen. Ich entscheide mich für den Kennel, da ich ihn dort jeder Zeit besuchen und mit ihm auch auf ein kleines Extradeck an die frische Luft gehen kann. Vertrauensvoll wie er immer ist, lässt er sich einsperren, freut sich riesig über meinen Besuch zwischendurch und wartet dann geduldig während des zweiten Teils der Fahrt.
Während der Überfahrt entspannen wir uns, sehen Filme und essen Fish & Chips, um uns auf England einzustimmen, und tauschen einige Euro in Pfund. Das Meer ist ruhig, hin und wieder regnet es ein wenig, und die leichte Übelkeit, die ich anfangs spüre verschwindet nach dem Essen. Also eher hungrig als seekrank. Zwischendurch gehe ich immer wieder an Deck an die frische Luft, um eine Zigarette zu rauchen und einfach das Meer zu genießen. Es muss über 30 Jahre her sein, dass ich das letzte Mal auf einem Schiff auf der Nordsee war. Erinnerungen an eine Fahrt nach Helgoland kommen auf; damals beobachteten wir Kinder fasziniert die hunderte von Quallen, die im Kielwasser des Schiffes zu sehen waren.
Wir fahren ungefähr um 14:30 Uhr von Hoek van Holland los und kommen gegen 19:45 Uhr in Harwich in England an. Der Campingplatz, Dovercourt Camping Park, den wir uns ausgeguckt haben, liegt nur wenige Minuten vom Hafen entfernt. Er ist sehr groß, fast leer, überall Wiesen. Die Stille ist entspannend, allerdings gibt es zu der Zeit keine Kneipe, keinen Kiosk oder ähnliches in der Nähe, das geöffnet wäre. Vielleicht hat die Saison noch nicht richtig angefangen, vielleicht liegt es am Wetter. Noch ein langer Spaziergang mit Hundchen, dann zeitig ins Bett, da für den nächsten Tag die Überquerung der Britischen Insel geplant ist.
Die nächste Etappe führt von Harwich nach Holyhead auf der gegenüberliegenden Seite der Insel, in Wales. Da wir die Strecke nicht kennen, und abends pünktlich zum Einchecken am Hafen sein müssen, fahren wir um 8.30 Uhr los. Und jetzt in England auf der linken Seite! Abends auf der kurzen 1,1 km langen Strecke vom Hafen zum Camping Park ist uns das nicht so sehr aufgefallen, da wir den anderen Wagen, die die Fähre verlassen erst folgen können und dann schon am Ziel angekommen sind. Nun müssen wir uns durch den Verkehr in Harwich schlängeln, mit ungewohntem Hänger und Linksverkehr. An der zweiten Ampel der erste Schreck: wir stehen plötzlich auf der rechten Seite und der Gegenverkehr kommt direkt auf uns zu.
Die Engländer, die sehen, dass wir „aus Europa“1 kommen, warten geduldig bis wir uns auf der richtigen Seite eingefädelt haben. Bis wir die Autobahn erreichen sagen wir uns immer wieder „links fahren“, „links fahren“. Sobald wir auf der Autobahn sind und im Fluss mit den anderen Autos fahren können, wird es einfacher.
Die gesamte Strecke beträgt ungefähr 540 km, die man nur mit PKW in fünfeinhalb Stunden – ohne Stau und Pause – zurücklegen könnte. Die Fahrt führt an Cambridge, Birmingham und Liverpool vorbei und ach wie gern hätte ich in Cambridge eine Pause gemacht und die Universität besichtigt.
Die ersten Stunden verlaufen ereignislos; wir machen zweimal Pause, um Kaffee und Benzin nachzutanken, etwas zu essen und Hundchen Bewegung zu ermöglichen. Erst nachdem wir Liverpool hinter uns gelassen haben, nimmt der Verkehr zu – und das Wetter wird immer britischer. Die walisischen Berge sehen wir nur in strömendem Regen und als die Staus länger werden und es gar nicht weiterzugehen scheint, werden wir doch etwas nervös. Die Fähre in Holyhead wird nicht auf uns warten. Wir kommen dann doch gerade noch pünktlich zum Einchecken am Hafen an und fahren wenige Minuten später auf die Fähre. Für die Fahrt haben wir fast 11 Stunden gebraucht.
Leider gibt es hier keine bequemen Unterbringungsmöglichkeiten für Hundchen, sondern einzelne „Käfige“ auf dem Autodeck, das man auch hier während der Fahrt nicht betreten darf. Und wieder lässt sich der Räuber vertrauensvoll einschließen – „Frauchen wird mich schon wieder abholen“. Ganz wohl war mir nicht dabei, ihn im Bauch der Fähre zu lassen, ohne zwischendurch nach ihm sehen zu können. Irgendwie habe ich Angst, ihn nicht wiederzufinden. So viele Autos und LKWs, alle Spuren und Aufgänge sehen gleich aus. Aber die zweite Fährübersetzung dauerte nur etwas über drei Stunden und trotz meiner Bedenken finde ich Hundchen sofort und kann ihn aus dem Käfig befreien.
Während der Fahrt haben Y. und ich die letzten Pfund noch einmal für Fish & Chips ausgegeben – in Irland können wir dann ja wieder mit Euro bezahlen und Y. wird sie nicht für die Rückreise benötigen, da er vorhat von Dublin aus nach Hannover zurückzufliegen.
Als wir die Fähre verlassen, ist es kurz nach Mittenacht. Obwohl Y. schon seit dem Morgen gefahren ist und nur ein wenig auf der Fähre geschlafen hat, lehnt er mein Angebot, in Dublin zu übernachten, ab. Noch einmal Kaffee nachtanken und wir machen uns auf in Richtung Roscommon, das ungefähr auf der gleichen Breite wie Dublin liegt, ungefähr 150 km entfernt.
Touristenkarte
An den Toll Punkten müssen wir erst einmal herausfinden wie das System funktioniert, nicht alle Schalter sind noch besetzt und ein paar Mal müssen wir nach Kleingeld suchen. Auf der gut ausgebauten Autobahn geht es zügig voran. Danach fahren wir auf der Schnellstraße N61 weiter, vorbei an Tullamore und Athlone und gegen halb drei morgens kommen wir in dem kleinen Ort Knockcroghery an. Hier soll laut Karte eine Straße in Richtung Galey Bay Caravan Park abgehen. Wir finden sie auch, und sie ist sehr, sehr eng, jedenfalls für jemanden, der noch nicht häufig mit einem Wohnwagenanhänger gefahren ist. Die Straße ist gerade breit genug für ein Auto und an beiden Seiten von niedrigen Steinmauern gesäumt. Wir schlängeln uns Richtung Caravan Park und morgens kurz vor drei Uhr teilt uns die nette Dame im Navi mit: „Sie haben Ihr Ziel erreicht“.
Ich hatte mir diesen Campingplatz ausgesucht, da er im nördlichen Teil Irlands liegt und ich vorhabe, mich irgendwo im County Roscommon oder County Sligo niederzulassen. Die Website machte einen netten Eindruck – und dieser bestätigt sich während meines Aufenthaltes. Der Caravan Park hat 27 Stellplätze für Wohnmobile oder Wohnwagen, eine große Wiese für Camper und Zelte, außerdem drei Mobilhäuser, die man mieten kann. Im hinteren Teil gibt es ein langes flaches Gebäude, in dem sich die Duschen und Toiletten befinden, ein Aufenthaltsraum, Waschmaschinen, ein TV Raum und das Büro für die Anmeldung, wo man auch Eis kaufen und Ruderboote oder Angeln mieten kann. Außerdem gibt es das große Haus, in dem die Besitzer und Betreiber des Caravan Parks – Mae und Pat – wohnen.
Wir stellen den Wohnwagen unter dem großen Baum in der Nähe des Büros auf, auch aus praktischen Grünen – man muss nicht so weit laufen, falls man nachts mal zur Toilette muss. Eine gute Entscheidung, denn wie lange ich dort stehen bzw. wohnen werde, ist mir zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht bewusst.
Galey Bay Caravan Park mit Stellplätzen; unter dem Baum genau in der Mitte wohne ich einige Monate lang; vorne rechts Fuchsien
Am nächsten Morgen scheint die Sonne, Y. holt Brötchen in Knockcroghery, ich melde mich bei den Betreibern an, wir frühstücken auf der Wiese vor dem Wohnwagen. Ich habe mir vor der Abfahrt noch einen kleinen Gartentisch und zwei Klappstühle gekauft, die in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren – ja bis heute – gute Dienste leisten. Ich mache einen ersten Spaziergang mit Hundchen zum See; der Lough Ree liegt direkt am Ende des Caravan Parkgeländes. Das Wasser ist so klar, dass man jeden Kiesel sehen kann. Die kleinen Fische haben es dem Räuber sofort angetan, so dass wir in den nächsten Wochen viele Stunden am See verbringen werden. Der Wohnwagen wird ausgeräumt und umgeräumt, große Plastiktonnen mit allem Möglichen, was ich für wichtig hielt, werden unter dem Wagen gelagert.
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Hühnergeschichten
Schon in Deutschland hielt ich seit ungefähr 2010 Hühner . Zuerst in einem kleinen Außengelände, wo das Gras schon nach drei Wochen völlig verschwunden war. Sie zogen mit mir ins nächste Domizil, wo sie 1000 m2 Platz hatten, der mit einem stabilen Zaun eingezäunt war. Der Hühnerstall befand sich in einem alten Schaf- oder Ziegenstall, in dessen Wand ich eine Tür nach außen stemmte. Vom Mittelgang des großen Stalls aus konnte man den Hühnerstall bequem reinigen. Und außer dem Chickenman – dem Hahn, der nach zwei Jahren zu einer eingeschworenen Gruppe Hühnern kam – ist dort kein Hühnchen ausgebrochen.
Als mir ein freundlicher Nachbar einen Hahn anbot, dachte ich, ich tue meinen Hühnern etwas Gutes und nahm ihn mit Vergnügen auf. Es war ein großer und besonders schöner bunter Hahn. Es stellte sich heraus, dass die Hühner – gibt es unter Hühnern Feministinnen? – so an ein Leben ohne Hahn gewohnt waren, dass sie auf seine Anwesenheit absolut keinen Wert legten. Sie vertrieben ihn von der Körnerschüssel und mobbten ihn aufs Übelste. An den ersten zwei Tagen flog der verängstigte Hahn immer wieder über den Zaun, um auf der Garage des Nachbarn zu schlafen. Dort musste ich ihn dann mühsam wieder einfangen. Ich sperrte dann die ganze Bagage in den großen Stall und ließ sie zwei Tage nicht heraus; Platz genug war ja. Und danach hatte sich das Problem erledigt und die Hühner hatten den neuen Chef nicht nur akzeptiert, sondern einige versuchten, sich besonders bei ihm einzuschmeicheln.
Im nächsten Frühjahr fing eines der Hühner an zu glucken, sie saß also den ganzen Tag auf den Eiern. Das Problem war, dass auch die anderen Hühnchen sich unbedingt noch in dieses eine besetzte Nest setzen und dort ihre Eier legen mussten. So wusste ich nicht genau, wie alt die jeweiligen Eier waren.
Normalerweise brütet ein Huhn ziemlich genau 23 Tage. Während dieser Zeit sitzt es fast ständig auf den Eiern, steht nur kurz einmal auf um ein paar Körner zu essen oder zu Trinken, aber nicht so viel, wie sie es ohne Brüten tun würde. Ich brachte das brütende Huhn dann in einen anderen Stall, trennte dort einen Bereich ab und stellte Futter und Wasser in die Nähe des Nestes. Drei Wochen später schlüpften die ersten unglaublich niedlichen, schwarzen und gelben Küken. Da die Eier an unterschiedlichen Tagen gelegt worden waren, dauerte der gesamte Prozess einige Tage und bis alle Küken geschlüpft waren, nahm ich jeweils die neu geschlüpften und setzte sie unter eine Wärmelampe. Erst als sicher war, dass keine weiteren Küken mehr kommen würden, brachte ich alle zurück zur Mutter, wo sie sich prima und schnell entwickelten.
In Ballinameen will ich natürlich auch wieder Hühner haben. Einer der beiden Männer, die mir die Bäume neben dem Haus gefällt haben, schenkt mir 6 Hühner – im Austausch dafür gebe ich seiner Tochter Deutschunterricht.
Zuerst baue ich ein mobiles Hühnerhaus. Die Idee ist, dass ich diesen kleinen Stall alle paar Tage auf der großen Wiese weiterschiebe. So haben die Hühner immer frisches Gras und ich den Vorteil, dass ich nicht mähen muss. Hierfür ist direkt am Stall ein mit Kaninchendraht umspannter Tunnel, in dem die Hühner frei laufen können, angebracht. Aber natürlich funktioniert es nicht immer so wie geplant. Da der Untergrund so uneben ist, steht der Tunnel nicht überall gerade, an einigen Stellen sind so große Löcher unter dem Zaun, dass so ein Hühnchen leicht darunter durchschlüpfen kann. Und es natürlich auch tut. Und dann ist der Räuber bereit!
Das mobile Hühnerhaus mit Auslauf
Was die Hühner angeht, habe ich nie verstanden, was Räubers Jagdtrieb auslöst. Solange sie in ihrem Außengelände hinter dem Zaun herumlaufen, liegt Hundchen unbeeindruckt davor, schaut manchmal zu, was sie so treiben, aber lässt sich sonst nicht stören. Erst in dem Moment, in dem eines der Hühner entweder durch die Tür oder über den Zaun entwischt – und es gibt immer wieder ganz spezielle Hühnchen, die sich als Ausbruchsköniginnen erweisen – und durch den Garten spaziert, geht die wilde Jagd los. Großes Gekreische auf Seiten des Huhns, aufgeregtes Hecheln und Bellen bei Hundchen, bis er das Huhn erwischt hat. Dann hält er es mit der Schnauze fest, stellt eine Pfote auf dessen Rücken und fängt an die Federn herauszuzupfen. Bis ich die beiden erreicht habe, ist eine Fläche von 4 m2 von Federn bedeckt. Auf „Aus“ lässt Hundchen zwar das Huhn los, aber ich kann ihn nur unter Ziehen und Schieben ins Haus bringen. Ich hebe dann das entsprechende Hühnchen auf, stelle es wieder auf die Füße und es rennt ganz empört davon. Kein Kratzer, kein Bluttropfen.
Ein einziges Mal nimmt die Jagd ein schlimmes Ende: das gejagte Huhn fällt in eine tiefe mit Wasser gefüllte Mulde und kommt nicht wieder heraus. Der Räuber versucht es herauszuziehen, was aber erst nach einigen Versuchen gelingt, da der Rand der Pfütze oder Senke sehr steil ist. Das Hühnchen lebt zwar noch und läuft allein in den Stall, aber am nächsten Morgen ist es leider gestorben, der Schock war wohl zu groß.
Später habe ich dann vormittags den Räuber in den Garten gelassen, und ab Nachmittags durften auch die Hühnchen heraus und Hundchen musste an die lange Leine. Dann lag er vor dem Haus, die Hühnchen liefen in 1-2 m Abstand an ihm vorbei, und es hat ihn nicht weiter gekümmert.
Paula und ihre Familie, die an der Hauptstraße, kurz vor unserer Stichstraße, wohnen, haben zwei kleine Hunde, die zwar recht nett sind, aber unheimlich viel bellen und wie sich herausstellt, Killer sind.
Unter meinen neuen Hühnern gibt es eines, das besonders hübsch ist, und sich von den anderen durch sehr schöne hellbraune Federn unterscheidet. Ich taufe es die „Schöne Marilyn“. Eines Abends, als ich in der Dämmerung den Stall zumachen will und wie immer vorher durchzähle, merke ich, dass die Schöne Marilyn fehlt. Ich finde sie hinter einem Hochbeet, mit durchgebissenem Hals. Da der Räuber nachmittags nicht im Garten gewesen ist, kann er nicht Schuld gewesen sein. Ich habe wohl Paulas Mann, der mit seinen kleinen Hunden spazieren ging, von weitem gesehen. Er bestätigt mir später, dass diese weit vor ihm ohne Leine gelaufen und auch in unseren Garten waren. Der „Mord“ muss innerhalb von Sekunden geschehen sein. Auch Marilyn wird auf dem kleinen Friedhof hinter dem Haus begraben.
Ein weiterer Nachteil des mobilen Hühnerstalls ist, dass ich ihn mit viel zu kleinen Rädern gebaut habe. Um den Stall ein paar Meter zu verschieben, brauche ich eine dreiviertel Stunde und bin danach völlig k.o. Also beschließe ich, einen neuen Hühnerstall unter das Gestell für die Solarpanel zu bauen. Praktisch, da die Außenpfosten schon vorhanden und stabil sind, und ich nur noch die Wände, die Innenausstattung, Tür und Fenster einbauen muss. Ein großes Nest bringe ich so an, dass es von außen zugänglich ist.
Das ist umso wichtiger, als das Gestell für die Panel ja hinten nur knapp 1,60 m hoch und vorne ca. 90 cm hoch ist. Der Hühnerstall ist also hoch genug für die Hühner aber ich stoße mir immer wieder den Kopf, wenn ich zum Reinigen hineingehe. Das Eiersammeln von außen spart mir im wahrsten Sinne des Wortes Kopfschmerzen. Direkt am Stall gibt es ein kleines umzäuntes Außengelände, wo Futter und Wasser stehen. Von hier geht es durch eine kleine Tür auf eine ca. 15 x 15 m große Wiese. Hier können sich die Hühner aufhalten, wenn sie nicht in den Garten dürfen.
Auch wenn man manchmal den Eindruck gewinnen kann, dass Hühnchen ziemlich blöd sind – wenn eine losrennt laufen alle anderen hinterher ohne zu fragen, was eigentlich los ist – lernen sie doch sehr schnell. Egal ob es sich darum dreht, wo man am besten ausbüxen kann, oder wo es etwas Leckeres zu essen gibt. Da die Frettchen ihr Rindfleisch nicht immer aufessen, und es verschmähen, wenn es eingetrocknet oder zu alt ist (also ein paar Stunden alt), stelle ich die Schüssel mit den Resten oft vor den Gartenschuppen. Wer sie zuerst entdeckt, kann sich bedienen. Oft ist Räuber der Glückliche, da die Hühner ja vormittags in ihrem Gehege eingesperrt sind. Manchmal stelle ich die Fleischreste aber auch erst mittags in den Garten. Wenn ich dann die Gehegetür aufmache, rennen die Hühner – oft im Tiefflug – zum Geräteschuppen und so schnell kann man gar nicht gucken, wie das ganze Fleisch verputzt ist. Der Anblick der tieffliegenden Hühner bringt mich immer wieder zum Lachen. Der Gedanke, dass Millionen von armen Käfighühnern so eine Freiheit nie erleben dürfen, macht dann sehr traurig.
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- Andrea Schmidt-Küster (Author), 2026, Einmal Irland und zurück, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1710840