Die Kostenentwicklung im Deutschen Gesundheitswesen

Im Blickpunkt: Der erste und zweite Gesundheitsmarkt unter dem Einfluss des demographischen Wandels, medizinisch technischen Fortschritts und Moral Hazard


Essay, 2010
12 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kostenentwicklung im Deutschen Gesundheitswesen
1.1 Der Einfluss des Demographischen Wandels auf die Kosten entwicklung im Deutschen Gesundheitswesen
1.2 Der Einfluss der Konzepte Medikalisierung vs. Kompression auf die Kostentwicklung im Deutschen Gesundheitswesen
1.3 Zusammenhang zwischen medizinisch technischer Fortschritt und Kostenentwicklung im Deutschen Gesundheitswesen

2. Die Unterschiede zwischen dem ersten und dem 5 zweiten Gesundheitsmarkt. Zukünftigen beruflichen Perspektiven in jedem Markt
2.1 Der erste und zweite Gesundheitsmarkt
2.2 Ökonomische Rahmenbedingungen verändern die beruflichen 6 Perspektiven im Gesundheitswesen

3. Was ist Moral Hazard? Warum kann es im Gesundheitswesen durch Moral Hazard zu Fehlallokationen kommen?
3.1 Informationsasymmetrie und Fehlallokationen durch Moral Hazard
3.2 Verändertes Inanspruchnahmeverhalten durch Moral Hazard
3.3 Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen durch Moral Hazard

4. Literaturverzeichnis

1. Kostenentwicklung im Deutschen Gesundheitswesen

Die steigenden Kosten im Gesundheitswesen werden seit Jahrzehnten immer wieder kontrovers diskutiert. Der soziodemografischer Wandel und medizinischtechnischer Fortschritt werden als die treibenden Kräfte für die Steigerung der Gesundheitsausgaben gesehen (Dülberg et al. 2002).

Im Folgenden wird am Beispiel des demographischen Wandels und des medi- zinisch-technischen Fortschritts die Kostenentwicklung differenziert diskutiert.

1.1 Der Einfluss des Demographischen Wandels auf die Kostenentwick lung im Deutschen Gesundheitswesen

Niehaus (2006) definiert den Begriff „demographischer Wandel“ als eine lang- fristige Veränderung der gesellschaftlichen Bevölkerungsstruktur. Die Verände- rung der Bevölkerungsstruktur bezieht sich auf die Geburten - und Sterberate, auf die Rate der Zu - und Abwanderungen und auf das quantitative Missver- hältnis zwischen „Alten“ und „Jungen“ (Schwartz et al. 2003). In den vergangenen 125 Jahren ist die Lebenserwartung in Deutschland gravie- rend angestiegen (Kolip 2002). Bis zum Jahr 2050 werden in der Bundesrepu- blik Deutschland ca. 14 Millionen Menschen weniger leben als heute (Statisti- sches Bundesamt 2006). Gleichzeitig wird der Anteil der älteren Bevölkerung deutlich ansteigen. Die Zahl der heute über Achtzigjährigen wird von 3,7 Mio. auf fast 6 Mio. im Jahr 2020 ansteigen (Bertelsmann Stiftung 2008).

1.2 Der Einfluss der Konzepte Medikalisierung vs. Kompression auf die Kostentwicklung im Deutschen Gesundheitswesen

Die Konzepte Medikalisierung vs. Kompression werden diesbezüglich in der Literatur kontrovers diskutiert, so dass die Debatte von dramatisierend im Sinne „demographischer Katastrophe“ bis zur Betrachtung als Gewinn gesellschaftlicher Lebensqualität reicht (Felder 2008).

Beide Konzepte gehen von der Betrachtung der Gesundheitsausgaben für Erkrankungen als relevante Größe aus und kommen hypothesengeleitet jedoch zu unterschiedlichen Prognosen über die künftig anfallenden Kosten.

1.3 Zusammenhang zwischen medizinisch technischer Fortschritt und Kostenentwicklung im Deutschen Gesundheitswesen

Den Innovationsanreizen folgend, ist vom medizinisch-technischen Fortschritt im Vergleich zum allgemeinen technischen Fortschritt eine übermäßige Produk- tion Kosten verursachender Innovationen zu erwarten (Henke und Reimers 2005). Bedeutsam ist, dass der fortschreitende medizinische Erkenntnisstand, insbesondere im Leistungsbereich, nicht substitutiver, sprich ersetzender, son- dern in der Regel additiver, d.h. zusätzlicher Natur ist. Nur selten sind neue Techniken kostengünstiger als Alte. Als Beispiel sei hier die Computertomogra- fie genannt, die die Röntgenaufnahme nicht ersetzt, sondern eine zusätzliche Untersuchungstechnik darstellt. Illich (1995) führt höhere Ausgaben im Ge- sundheitswesen, bedingt durch den medizinisch-technischen Fortschritt, auf ei- ne längere Lebensdauer zurück. Empirisch gut belegt ist die Kostensteigerung des medizinisch-technischen Fortschritts (Fetzer 2005).

Ein weiterer Faktor im Sinne der Ausgabensteigerung ist das angebotsseitige Ausgabenwachstum des medizinisch-technischen Fortschritts im deutschen Gesundheitswesen (Schmidt-Wilke 2004).

Der Anteil der GKV Ausgaben am BIP verharrt seit 10 Jahren bei rund 6,2 %, in dieser Hinsicht kann keinesfalls von einer Kostenexplosion gesprochen werden (Krimmel 2005). Steigende Umsätze, Gewinne und Beschäftigungszahlen wer- den in den Bereichen der Wirtschaft als Erfolg gewertet. Im Bereich des Ge- sundheitswesens wird eine derartige Entwicklung als Kostenexplosion und Ü- berangebot interpretiert. Andere Autoren beschreiben endogene und exogene Rahmenbedingungen als zukunftsbestimmend im Gesundheitswesens (Dülberg et al. 2002).

Zusammenfassend ist auszuführen, dass die Ausgabenentwicklung im Ge- sundheitswesen nur in Abhängigkeit von medizinisch-technischem Fortschritt und soziodemographischer Entwicklung zu betrachten ist. Eine reduzierte Bewertung der steigenden Kosten im Gesundheitswesen als explosionsartig und damit unvorhersehbar ist nicht sinnvoll.

2. Die Unterschiede zwischen dem ersten und dem zweiten

Gesundheitsmarkt. Zukünftigen beruflichen Perspektiven in jedem Markt.

2.1 Der erste und zweite Gesundheitsmarkt

Die Gesundheitswirtschaft unterteilt den Gesundheitsmarkt in den ersten und zweiten Gesundheitsmarkt. Der erste Gesundheitsmarkt umfasst die Gesund- heitsleistungen der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung und wird häufig anhand der erstattungsfähigen Leistungen definiert (Wilp 2009). Zum ersten Gesundheitsmarkt zählen Vor- und Zulieferbereiche (z.B. Medizin- technik, Telematik, Gesundheitshandwerk, Biotechnologie, Pharmaindustrie) und so genannte Kernbereiche der Gesundheitswirtschaft wie stationäre und ambulante Versorgung, Prävention, Rehabilitation oder Apotheken etc. (Wilp 2009).

Krimmel (2005) beschreibt den zweiten Gesundheitsmarkt als die Summe der medizinischen Produkte und Dienstleistungen, die nicht Gegenstand einer gesetzlichen Zwangsversicherung oder eines staatlichen Gesundheitsdienstes sind (z.B. Wellness, Gesundheitstourismus, Sport und Freizeit, etc.). Der zweite Gesundheitsmarkt gewinnt auf Grund seiner Auswirkungen auf die Beschäftigung und die Produktivität sowohl an wirtschaftspolitischer als auch an volkswirtschaftlicher Bedeutung. In Deutschland ist die Gesundheitswirtschaft Kostenfaktor und Wachstumsbranche zugleich.

Die soziodemografische Entwicklung, medizinisch-technischer Fortschritt, Rek- rutierungsprobleme bei Medizinberufen, Multimorbidität chronisch Kranker, der Rückgang der Laienpflegekapazitäten, steigende Ansprüche an eine bedarfs und altersgerechte Versorgung und die Grenzen der öffentlichen Finanzierbarkeit verdeutlichen die zukünftigen Herausforderungen (Wilp 2009).

2.2 Ökonomische Rahmenbedingungen verändern die beruflichen Per spektiven im Gesundheitswesen

Der Wandel der ökonomischen Rahmenbedingungen führt zu zukünftigen be- ruflichen Perspektiven mit deutlichen Beschäftigungszugewinnen im ersten Ge- sundheitsmarkt. Hier sind vor allem der Bereich der Pflege (Altenpflege) sowie der ambulanten und der stationären Versorgung zu nennen (Wilp 2009). Im zweiten Gesundheitsmarkt erfolgt eine Fokussierung auf die Mobilisierung privater Kaufkraft für den Gesundheitssektor (z. B. zusätzliche private Versiche- rungen, IGeL - Leistungen, Aufbau von Hotelanlagen mit Nachsorgeangebo- ten, Wellnessaktivitäten usw.). Der zweite Gesundheitsmarkt, mit steigender Tendenz des Einsatzes privater Mittel zur Finanzierung gesundheitsbezogener Dienstleistungen, verbindet eine gleichzeitige Steigerung privater Aufwendun- gen im Kernbereich des ersten Gesundheitsmarktes. Eine wertsteigernde Be- trachtung des „Gutes“ Gesundheit führt zu einer wachsenden Konsumbereit- schaft unter anderem in den Bereichen der Schönheitschirurgie, Lifestyle Drugs oder der Fitness- und Wellnessangebote. Die Gesundheitswirtschaft wird so als eine wichtige Stütze des Strukturwandels zahlreiche neue Arbeitsplätze gene- rieren. Dieser soziale, technische und wirtschaftliche Wandel wird in Zukunft al- so für eine Steigerung der Nachfrage nach Beschäftigung in der Gesundheits- wirtschaft führen (Dülberg 2002).

Ebenso zeichnet sich ab, dass es zukünftig im Gesundheits- und Sozialwesen eine Arbeitskräftemangel geben wird (Dülberg et al. 2002). Die Gesundheits- wirtschaft wird zudem als Branche mit weitreichend guten Wachstumsaussich- ten gesehen.

Der erste und zweite Gesundheitsmarkt können in einer Form verschmelzen, so dass neue Gestaltungsräume wie z.B. die der Integrativen Medizin, der Kli- nikhotels oder des Fitness- und Freizeitmarktes entstehen. Die Politik wird den hoch regulierten Gesundheitsmarkt zunehmend in die Freiheit entlassen (Roeser 2008).

3. Was ist Moral Hazard? Warum kann es im Gesundheits wesen durch diese Verhaltensweise zu Fehlallokationen kommen?

In einem Interview der Financial Times Deutschland beschreibt der Wirtschafts- ethiker und Ökonom Karl Hohmann (2008) das Phänomen Moral Hazard als ein besonderes Verhalten, das sich in bestimmten Einstellungen und Haltungen manifestiert. Mit dem Wissen, im Schadensfall das Risiko nicht selber tragen zu müssen, gehen Markteilnehmer ein übermäßiges Risiko ein. Das Moral Hazard Verhalten ist in allen Gesellschaftsbereichen zu beobachten, bei Einzelpersonen, die den eigenen Vorteil auf Kosten der Allgemeinheit su- chen, klassisch bei Versicherungen im Gesundheitswesen und derzeit an den Kapitalmärkten (Guertler 2008).

Eine eindeutige Einigung in der Übersetzung des Begriffes Moral Hazard ist nicht bekannt. Schreyögg (2002) übersetzt Moral Hazard sinngemäß mit unmo- ralischen Verhalten, während Baßeler et al. (2006) von moralischer Gefahr sprechen. Der aus der Versicherungswissenschaft stammende Begriff Moral Hazard beschreibt den Anreiz, aufgrund einer Versicherung ein höheres Risiko einzugehen und weniger Sorgfalt als ohne Versicherung walten zu lassen (Wa- sem/Buchner 2006).

Um ein Mindestmaß an Sorgfalt zu schaffen, sind die Versicherungsgesellschaften bestrebt keine Vollversicherungen anzubieten, sondern Versicherungen mit einem Selbstbehalt.

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Details

Titel
Die Kostenentwicklung im Deutschen Gesundheitswesen
Untertitel
Im Blickpunkt: Der erste und zweite Gesundheitsmarkt unter dem Einfluss des demographischen Wandels, medizinisch technischen Fortschritts und Moral Hazard
Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg  (FB Sozial- und Gesundheitswesen)
Veranstaltung
Rahmenbedingungen und Herausforderungen der Gesundheitswirtschaft
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
12
Katalognummer
V171128
ISBN (eBook)
9783640902743
ISBN (Buch)
9783640902668
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Literaturverzeichnis: 22 Einträge
Schlagworte
Demographischer Wandel, Medizinisch technischer Fortschritt, Moral Hazard, Gesundheitsausgaben, Medikalisierung vs. Kompression, Erster Gesundheitsmarkt, Zweiter Gesundheitsmarkt, Rahmenbedingungen im ersten und zweiten Gesundheitsmarkt, Fehlallokationen, Kostenentwicklung, Informationsasymmetrie, Kostenexplosion
Arbeit zitieren
Heiko Schumann (Autor), 2010, Die Kostenentwicklung im Deutschen Gesundheitswesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171128

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