Käufliche Kultur. Das Einkaufzentrum als neues kultursoziologisches Orientierungsmuster


Seminararbeit, 2003

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALT:

1. Einleitung

2. Die Innenstadt
2.1 Öffentlichkeit und Innenstadt
2.2 Innenstadt als Einkaufserlebnisbereich
2.3 Warenhäuser und Schaufenster
2.3.1 Das Warenhaus und die „neue Freiheit“ des Kunden
2.3.2 Schaufenster und die Inszenierung der Warenwelt

3. Subzentrenbildung
3.1 Shopping-Malls
3.2 Urbanisierung
3.2.1 Künstliche Welten und pseudo-öffentlicher Raum
3.2.2 Die Angst vor dem Fremden

4. Innenstadt vs. Subzentrum
4.1 Die Inszenierung der Innenstadt
4.2 Die Krise der Innenstädte
4.3 Kann die Innenstadt im Konkurrenzkampf mit peripheren Einkaufszentren bestehen?

5. Ökonomie und Kultur
5.1 Die Kultur beim Einkauf - oder: Einkaufen mit Kultur? Beispiel Frankfurt am Main: Das Museum für moderne Kunst
5.2 Die Ökonomie der Symbole
5.2.1 Aneignung von Kultureinrichtungen durch Unternehmen als Prestigeförderung
5.2.2 Vermischung von Arbeitsplatz mit Freizeit und Öffentlichkeit

6. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Die Ökonomie greift mehr und mehr in das öffentliche Leben ein. Der Mensch wird inzwischen vor allem in seiner Rolle als Konsument betrachtet und dementsprechend behandelt. Wie wirkt sich das auf die Öffentlichkeit in deutschen Städten aus? Dieser Frage wird hier auf mehreren Ebenen nachgegangen. Zuerst werde ich den Begriff >Öffentlichkeit< definieren, und anschließend die Bedeutung des Konsums, der Ökonomie in deutschen Innenstädten und Subzentren erläutern. Die Frage, inwieweit öffentliches Leben in künstlichen Welten existieren kann, ist die Wurzel meiner Hausarbeit und zieht sich somit wie ein Leitfaden durch fast alle Kapitel.

2. Die Innenstadt

2.1 Öffentlichkeit und Innenstadt

Um die Untersuchung einzuleiten, muss zunächst der Begriff „Öffentlichkeit“ und das öffentliche Leben definiert werden. Öffentliches Leben spielt sich dort ab, wo jeder Bürger sich frei bewegen kann, wo er leben kann und niemand ausgeschlossen ist. Unserem alltäglichen Wortgebrauch nach stellt Öffentlichkeit einen Gegensatz zum Privaten und Intimen dar. Man kann sich zwar vor der Öffentlichkeit verstecken, hält man sich aber dort auf, wo sie statt findet, ist man ihr ausgeliefert. Niemand kann sich verstecken, jeder kann jeden beobachten und kann sehen, was der andere tut. >Öffentlich< kommt von >offen<, Öffentlichkeit soll gleichermaßen offen sein für alle. Sie ist für jeden frei zugänglich und zeigt sich jedem gleich.

Öffentlichkeit bezieht sich auf Menschen, sie besteht aus Interaktion und Erfahrungsaustausch (vgl. Reisch 1988: 27), man ist in der Öffentlichkeit nie allein.

Die Stadt ist wohl das Zentrum der Öffentlichkeit. Hier wohnen Menschen jeden Alters, Geschlechts und sozialer Herkunft. Verschiedene soziale Gruppen treffen sich nur in der Öffentlichkeit, in der Stadt z.B. beim Erledigen von Besorgungen, beim Flanieren oder bei anderen Aktivitäten. Sie treffen sich nicht unbedingt absichtlich und sie haben dadurch nicht zwingend Kontakt zueinander, aber sie wissen von ihrer gegenseitigen Existenz und erleben sich. „,Stadt‘ soll sein, was sich erleben läßt. Denn wo ,verkauft‘ werden soll, muß ,Erleben‘ mitgeliefert werden. Als urbane Gegenwelt zur Enge und Routine des Alltagslebens gesetzt, an dem angeblich jeder teilhaben kann, wenn er nur die richtigen Angebote wahrnimmt und auch die Konfrontation mit Ungewohntem nicht scheut“ (Durth 1977: 84).

In diesem Zitat klingt an, was in dieser Hausarbeit noch näher besprochen werden soll:

Idealerweise soll in der Stadt das ursprüngliche Ziel des Einkaufens - zumindest im Bewusstsein der Käufer - zurückgesetzt werden hinter das „Erleben“. Und zwar soll jeder daran teilhaben können, unter zwei Bedingungen:

Erstens muss er die „richtigen“ Angebote - welche auch immer das sein mögen - wahrnehmen und zweitens darf er Ungewohntes nicht scheuen.

Öffentliches Leben ist durchmischt, bunt und dadurch spannend. Sein Platz ist dort, wo sich jeder aufhalten darf und sich aufhalten will. Dieses Zentrum der Kultur ist in Deutschland größtenteils noch das Zentrum der Stadt, die Innenstadt. Hier, wo alle möglichen Geschäfte, öffentlichen Einrichtungen, Cafés und Restaurants auf engem Raum zusammengeballt sind, finden sich natürlicherweise auch alle Bürger wieder (vgl. Durth 1977: 36 f). Dass das ausgerechnet in der Innenstadt der Fall ist, resultiert noch aus der europäischen Kultur des Mittelalters und seinem Zunftwesen, in dem die drei >Säulen der Macht<, nämlich Religion, Wirtschaft und Politik demonstrativ ihre Einrichtungen in die Mitte der Stadt setzten: die Kirche, den Markt und das Rathaus. Sie bildeten eine Einheit, um die sich alles andere formierte. Im Kern der Stadt siedelten sich alle möglichen Handwerksbetriebe an, wodurch jeder für Besorgungen jeglicher Art in die Innenstadt gehen musste. So kam es, dass sich dort das öffentliche Leben abspielte.

2.2 Innenstadt als Einkaufserlebnisbereich

Die städtebaulichen Rudimente der Vergangenheit haben sich in den deutschen Großstädten bis heute gehalten.[1] Dadurch spielt sich ein großer Teil des öffentlichen Lebens immer noch in der Innenstadt ab. Unterschiedlichste Geschäfte sorgen für unterschiedlichste Käuferschichten, die sich dennoch in derselben Umgebung treffen. Allerdings begegnen sie sich beim Vorhaben des Einkaufens und erfüllen somit nur eine ihrer jeweils unterschiedlichen sozialen Rollen: entweder die des Käufers oder die des Verkäufers (vgl. Durth 1977: 37). Schon durch die Ausblendung des Privaten und Intimen[2] und durch diese Beschränkung auf die Rolle des Käufers oder Verkäufers besteht die Öffentlichkeit in der Innenstadt nur aus einem Teil des Lebens ihrer Elemente. „Konsequent werden die in der Öffentlichkeit des Marktes beobachteten Formen stilisierten und segmentierten Rollenverhaltens als verallgemeinerbares Muster städtischer Verhaltensweisen beschrieben“ (Durth 1977: 37). Aber trotzdem geht man nicht nur in die Stadt, um ein zu kaufen, sondern um zu (er-)leben. Um zu begreifen, inwiefern dieses Erleben verwirklicht werden kann, ist ein kleiner Umweg über Gerhard Schulzes Erlebnisbegriff von Nöten:

„Der kleinste gemeinsame Nenner von Lebensauffassungen in unserer Gesellschaft ist die Gestaltungsidee eines schönen, interessanten, subjektiv als lohnend empfundenen Lebens“ (Schulze 1992: 37). Schulze macht hierbei den Unterschied von innenorientiertem und außenorientiertem Handeln klar: Außenorientiertes Handeln dient quasi der materiellen Befriedigung, der Sicherung lebensnotwendiger Ressourcen. Dagegen bezieht sich innenorientiertes Handeln auf das persönliche, subjektive Glück(serleben) (vgl. Schulze 1992: 37). Inzwischen sei „in vielen Bereichen des Alltagslebens [...] außenorientiertes Handeln zurückgegangen, innenorientiertes Handeln vorgedrungen: Kleidung, Essen, Gartenarbeiten, Partnerschaft, Kinder haben, Instandhaltung der Wohnung, Beruf, Bildung, Transport und anderes“ (Schulze 1992: 37). Dies alles hat seinen Sinn in sich selbst gefunden und kann, darf, und muss sogar Spaß machen. Sogar der Einkauf wird zur Freizeitbeschäftigung.

Dies gilt natürlich nicht für die Gesamtheit der Bevölkerung. Michael Frehn unterscheidet „Versorgungseinkauf“ und „Erlebniseinkauf“: „Während der Versorgungseinkauf in erster Linie der reinen Bedarfsdeckung dient, geht der Erlebniseinkauf über die reine Versorgung mit der Ware oder Dienstleistung hinaus und dient der Befriedigung weiterer Bedürfnisse des Kunden (z.B. Kommunikation)“ (Frehn 1996: 318). Der Mensch kommt hier in Kontakt mit anderen Menschen, erfährt eventuell Neuigkeiten und findet eine Möglichkeit, sich zu repräsentieren (vgl. Durth 1977: 37 f). „Dient der Einkauf nicht der zielorientierten Besorgung bestimmter Güter, sondern wird die Tätigkeit als Freizeitbeschäftigung mit ausreichenden Zeitressourcen vorgenommen, kann von einem Erlebniseinkauf gesprochen werden“ (Frehn 1996: 318).

Somit wird der Einkauf zum positiven Erlebnis, das der Befriedigung vermeintlicher innerer Bedürfnisse dient; denn mit bestimmten Produkten verbindet man ein bestimmtes Lebensgefühl.

„Die Gesellschaft muß nicht nur objektiv ökonomisch, sondern für den Einzelnen sinnlich anschaubar eine ungeheure Warensammlung geworden sein, mit der ihn nicht allein die physische Berührung und physischer Konsum, sondern imaginärer Konsum verbindet. Erst dann nehmen die Waren selber Öffentlichkeitscharakter an. Die Ware als sinnlich-übersinnliches Ding wird zum Mittel, Gebrauchsgegenstände in Phantasieprodukte zu transformieren, die nicht nur Gegenstand des Konsums sind, sondern eine Weltanschauung suggerieren“ (Negt u. Kluge a.a.O.: 286, zitiert nach: Durth 1977: 129 f).

Michael Frehn verweist auf eine eigene Erhebung, die ergeben hat, dass über die Hälfte aller Einkäufe in Deutschland von den Konsumenten inzwischen nicht nur als Versorgungstätigkeiten gesehen werden, sondern vor allem als eine Freizeitaktivität (vgl. Frehn 1996: 318 ff).

Nun steht im Mittelpunkt des städtischen Lebens das konsumorientierte Freizeitverhalten (vgl. Durth 1977: 82). Das bedeutet aber auch, dass die Teile der Öffentlichkeit, die sich in der Innenstadt zwecks >Einkaufsbummel< aufhalten, auch über entsprechende finanzielle Mittel verfügen müssen. Ein >Einkaufsbummel< muss zwar nicht zwangsweise zum Kauf führen[3], doch wird sich kaum jemand zu dieser Freizeitbeschäftigung hinreißen lassen, der genau weiß, dass er sich nichts leisten kann.[4] Also trifft man in den Innenstädten meist nur eine bestimmte, kaufkräftige Gesellschaftsschicht an, aber auch solche Menschen, die sich die Ansammlung der Kaufkräftigen zunutze machen wollen.[5]

2.3 Warenhäuser und Schaufenster

2.3.1 Das Warenhaus und die „neue Freiheit“ des Kunden

Warenhäuser entstanden bereits in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts (vgl. Lipp 1994: 572). Ihr Zweck ist recht eindeutig: Durch eine breite Palette von Angeboten und „Gütern teils der Lebensroutine, teils der spezielleren Ansprüche“ (Lipp 1994: 572) vergrößern sie die Käuferschicht und somit die Gewinne.

Dadurch dass „die Güter, die eine Gesellschaft hervorbringt, [hier] in hoher Dichte und simultan zur Verfügung stehen“, werden „Vergleich und Bewertung“(Lipp 1994: 573) möglich. Somit können auch Bevölkerungsschichten mit geringeren finanziellen Mitteln hier ihren Bedarf an Einkäufen decken. Wolfgang Lipp redet von einer Demokratisierung des Konsums: „Warenhäuser haben es entscheidend bewirkt, daß jene Warenfülle, die die Industriegesellschaft bereitstellte, Klassenschranken überspringen und preislich angemessene, bei steigender Qualität, mit jedenfalls steigendem Umsatz unter die Leute kommen konnte“ (Lipp 1994: 576).

Des Weiteren tragen die Warenhäuser zu einer „Befreiung vom Kaufzwang“ (Uhlig 1956: 8, zitiert nach Lipp 1994: 578) bei. Der Nachteil, dass man sich im Warenhaus selbst bedienen muss, wird zum Vorteil: Man kann sich bei der Entscheidung, ob und welche Ware man kauft Zeit lassen, da man keinen Verkäufer im Nacken sitzen hat, der um den potenziellen Käufer wirbt und ihn durch seine Anwesenheit unter Druck setzt.

[...]


[1] Größere deutsche Städte sind ja bereits im Mittelalter entstanden und haben ihre historischen Bauwerke, vor allem die Kirchen, natürlich beibehalten. Dadurch, dass in diesen Städten zwischen Rathaus und Kirche meistens ein größerer Platz frei ist, wird dieser auch heute noch für Märkte genutzt.

[2] Siehe Kapitel 2.1.

[3] Wie Schulze (1992: 429) sagt, vollzieht sich erlebnisorientiertes Handeln meist spontan. Man geht also auch Einkaufen, ohne etwas konkret besorgen zu wollen und rechnet damit, spontan etwas zu finden oder durchaus auch ohne Einkauf von der >Shopping-Tour< nach Hause zu kommen.

[4] Obwohl durch Kredit und Ratenkauf die Möglichkeit besteht, auch ohne tatsächlich vorhandenes Geld Einkäufe zu tätigen und sich dann eben zu verschulden. Aber ohne entsprechende Rücklagen auf dem Konto macht das >Shopping< wohl kaum jemandem Spaß.

[5] Wie zum Beispiel Bettler oder Menschen, die für ein Projekt oder ein Produkt werben.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Käufliche Kultur. Das Einkaufzentrum als neues kultursoziologisches Orientierungsmuster
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar Einführung in die Kultursoziologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
27
Katalognummer
V17114
ISBN (eBook)
9783638217644
ISBN (Buch)
9783656182399
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Käufliche, Kultur, Einkaufzentrum, Orientierungsmuster, Seminar, Einführung, Kultursoziologie
Arbeit zitieren
Paula Hesse (Autor:in), 2003, Käufliche Kultur. Das Einkaufzentrum als neues kultursoziologisches Orientierungsmuster, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17114

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