Die Sklavenrevolution von Saint-Domingue

Von der „Perle der Antillen“ zur Schwarzen Republik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Sklaven(-befreiungs) Revolution von Saint Domingue
2.1 Einordnung in die Tradition des Widerstands gegen die Sklaverei
2.1.1 Differenzen von Marronage und revolutionärem Aufstand
2.2 Gesellschaft auf Saint-Domingue: Ein Pulverfass
2.3 Der Einfluss der französischen Revolution
2.4 Der Sklavenaufstand auf Saint Domingue
2.5 Ergebnisse und Einschätzung der Revolution

3. Schlussbetrachtung: Eine moderne Revolution

4. Literaturangaben

1. Einleitung

Die Revolution von Saint-Domingue gilt als Spezialfall des Widerstands gegen die Sklaverei. Sie war die, in der neueren Weltgeschichte, einzige erfolgreiche Revolution von Sklavinnen, welche zu deren vollständiger Abolition geführt hat. Die folgende Arbeit versucht aufzuzeigen, welche Rolle die Versprechen der französischen Revolution auf die karibische Insel hatte, wie die Deklaration von allgemein verbindlichen Menschen- und Bürgerrechten und den bürgerlichen Werten von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf eine Formel gebracht. Explizit soll dabei die Rolle der Sklavinnen während der Revolution auf Saint- Domingue herausgearbeitet und deren Tradition des Widerstands untersucht werden. Die klassische Marronage als weit verbreitete Widerstandsform während der Zeit der Sklaverei (Vgl. Rodriguez 2007: 310ff) soll dabei klar vom revolutionären Handeln in den Jahren 1791 bis 1804 abgegrenzt werden. Nicht die gesamte Revolution, mit all seinen verschiedenen wichtigen Akteurinnen und Geschehnissen, sondern die Rolle der organisierten Sklavenaufstände stehen dabei im Vordergrund. Um die Rolle der Sklaverei und die speziellen Verhältnisse auf Saint-domungue besser zu verstehen, soll eine knappe Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse einen der Gründe für die Revolution darlegen. Diese gesellschaftlichen Spannungen sollen schließlich in den Kontext der Ereignisse in Frankreich ab 1789 gestellt werden um so, in der Verknüpfung der Ereignisse von Mutterland und Kolonie, zu klären, warum der Revolutionführer Toussaint L'ouverture schließlich verkündete, dass alle Menschen „frei und Franzosen“ (Vgl. Wirz 1984: 177) sein sollten. Die gesellschaftlichen und ökonomischen Umwälzungen, welche aus der sogenannte „Perle der Antillen“ (Meissner et al. 2008: 155) eine Schwarze Republik machten, sollen untersucht werden. Die Rolle der Aufklärung und der Ideale der französischen Revolution werden dabei die Parameter sein, die die Sklavenrevolution von Haiti in den Kontext des Zeitalters der Revolutionen (Vgl. Meissner et al. 2008: 160) einordnet und den Beginn der Moderne markiert. Dass die Revolution in Haiti eine einen Paradigmenwechsel darstellt ist dabei umstritten. Motivierende Wirkung für weitere Aufstände (Haiti als Vorbild für Aufstände auf Kuba, Vgl. Zeuske 2006: 139) und Manifestierung der Sklaverei in anderen Gebieten, als Folge des großen Schreckens von Haiti (Wirz 1984: 184ff), wechselten sich ab.

2. Die Sklaven(-befreiungs) Revolution von Saint Domingue

2.1 Einordnung in die Tradition des Widerstands gegen die Sklaverei

Die Geschichte der Sklaverei war immer auch die Geschichte des Widerstandes gegen eben jene (Vgl. Meissner et al. 2008: 142). Auch wenn die versklavten Afrikanerlnnen mehrheitlich den Weg der eher unheroischen Anpassung gegangen sind, gab es auch in den ruhigsten Sklavenplantagen immer Formen von Widerstand gegen das unmenschliche Sklavereisystem. Die Formen dieses Widerstandes waren sehr vielseitig und äußerten sich beispielsweise schon in einem widerständigen Alltag. Arbeitsverweigerung, Zerstörung von Produktionsmitteln, möglichst langsames Arbeiten oder Diebstahl können dafür exemplarisch genannt werden. Dies war die einfachste Form des meist passiven Widerstandes, führte interessanterweise jedoch auch zum rassistischen Stereotype vom faulen und stehlenden Schwarzen (Vgl. Wirz 1984: 160). Wer das Leben in völliger Unfreiheit trotz passivem Widerstand nicht weiter ertragen konnte und wollte, hatte jedoch auch die Möglichkeit der Flucht. Die flüchtigen Sklavinnen wurden, vom spanischen Begriff „cimarrón“ (entlaufenes, wildes Tier) abgeleitet, als Cimarrones oder im englischen als Maroons bezeichnet. Die sogenannte Marronage war dabei ein während der gesamten Zeit der Sklaverei andauerndes Phänomen (Vgl. Wirz 1984: 173 ff). Dabei kann zwischen grand und petite marronage unterschieden werden. Die wirklich aktiv widerständige Form der grand marronage bedeutete dabei, die Flucht eines oder mehrerer Sklavinnen, welche sich teilweise als Einsiedlerinnen durchs gefährliche Leben schlugen, öfter allerdings Gemeinschaften mit anderen Maroons oder indigenen bildeten und so neue und transkulturelle Gesellschaften bildeten. Die berühmte Maroon Gemeinschaft Palmares, in der zeitweise bis zu 20000 Menschen lebten, ist dafür sicherlich das bekannteste Beispiel. Die Vergemeinschaftung in sogenannten Quilombos bedeutete dabei eine „in Amerika transkulturierte afrikanische Tradition“ (Zeuske 2006: 85). Eine Art freiwillige „Unterentwicklung“ als Möglichkeit der autonomen Lebensführung in Nicht-Sklaverei Gesellschaften. Paradoxer Weise herrschte jedoch selbst in manchen Quilombos eine Art Sklaverei und strikte Hierarchien (Vgl. Rodriguez 2007: 310ff). Auch auf Saint-Domingue gab es diese Form des Widerstandes, so stammt sogar der erste dokumentierte Fall von Marronage von der Insel Hispaniola aus dem Jahr 1502. Auf Saint-Domingue gab es weite Regionen mit fehlender kolonialer Kontrolle und hinzu kam, dass durch die Zweiteilung der Insel eine unüberschaubare Grenzregion die Marronage wesentlich erleichterte. Zufluchtsorte für Maroons waren in der Folge beispielsweise das spanische Puerto Rico. Diese Tradition der Marronage war für eine weitere Widerstandsform, nämlich den gewaltsamen Aufstand besonders entscheidend. Die Einschätzung der Rolle und Bedeutung von Aufständen hat immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen in der historischen Forschung geführt (Vgl. Meissner et al. 2008: 150). Klar ist allerdings, das besonders die Welle von (Sklaven-)Aufständen zwischen 1520 und 1570 als Widerstand gegen die sich zu dieser Zeit neu etablierende transatlantische Sklaverei richtete. Die gut untersuchten Beispiele von vermehrten Aufständen in Brasilien (Vgl. Lienhard 2003: 46ff) belegen diese These. Bei einem dieser Aufstände, wurde jedoch ein Phänomen deutlich, welches den ganz entscheidenden Unterschied zwischen Flucht und Aufstand verdeutlicht. Die unterschiedlichen Perspektiven und Ziele der Protagonistlnnen.

2.1.1 Differenzen von Marronage und revolutionärem Aufstand

Der Sklavenaufstand auf Saint-Domingue im Jahre 1791 dient daher als gutes Beispiel um die Differenz der Widerstandsformen und deren emanzipatorische Perspektiven aufzuzeigen. Nicht die Schaffung eines autonomen Quiliombo im Wald, wie es sie in etlichen Versuchen von Maroons gab (Vgl. Lienhard: 46ff) und damit der eher konservative Wunsch einer Rückkehr nach Afrika, sondern die durch die französische Revolution beeinflusste Vorstellung, die Gesellschaft an sich verändern zu wollen. Die Forderungen der Aufständischen reichten demnach auch von Verbesserung der allgemeinen Lebenssituation, bis hin zur Utopie einer rechtlich freien und gleichen Republik der befreiten Ex-Sklaven.

2.2 Gesellschaft auf Saint-Domingue: Ein Pulverfass

Bis zur französischen Revolution galt Saint-Domingue als die „Perle der Antillen“ (Vgl. Meissner et al. 2008: 155). Im Gegensatz zur extensiv bewirtschafteten und rassisch relativ toleranten spanischen Seite der Insel Hispaniola war die französische Kolonie ein wichtiger Militärstützpunkt und kapitalistisch betriebener Umschlagplatz für diverse Wirtschaftsgüter und Sklavinnen, welche in der intensiven Plantagearbeit (etwa 8000 Plantagen) eingesetzt wurden (Vgl. Schottelius 1980: 135). Die gesellschaftliche Schichtung war ebenfalls ein entscheidend günstiger Punkt für den späteren Aufstandssieg der nicht-weißen Bevölkerung. Die etwa 570 000 Einwohnerinnen waren rassisch klar voneinander unterschieden. Die weiße Bevölkerungsminderheit bildeten die etwa 40 000 Europäerinnen. Diese waren wiederum unterteilt in die sogenannten grand blanches, eine geringe Zahl sehr reicher weißer Plantagebesitzer und andererseits die petites blanches, welche eher der weißen Mittel- bis Unterschicht zuzurechnen waren (Meissner et al. 2008: 156ff). Ganz klar davon zu unterscheiden war wiederum der schwarze Bevölkerungsteil. Die etwa 30 000 freien Afroamerikanerlnnen, von denen viele Plantagebesitzer waren, bildeten zudem noch das Rückgrat der Polizei- und Militärkräfte. Der Großteil der Bevölkerung waren allerdings die bis zu 500 000 Sklaven und Sklavinnen als stütze des Plantagensystems. Die berühmte 1:10 Demographie und die Tatsache, dass die Masse der Sklavinnen noch in Afrika geboren und auf die karibische Insel verschleppt worden waren, begünstigten weiterhin eine hochexplosive gesellschaftliche Spannung.

2.3 Der Einfluss der französische Revolution

Bereits 1788 hatte sich in Frankreich die „Gesellschaft der Freunde der Schwarzen“ (Vgl. Gliech 2005: 85ff) mit dem Ziel der Abschaffung der Sklaverei gegründet. Mit den seit 1789 in der französischen Revolution propagierten Idealen, namentlich Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, war auch bis in die französische Kolonie Saint Domingue ein Versprechen gelangt, welches einmal ausgesprochen, nicht mehr zu vergessen war. Das bürgerliche Glücksversprechen hatte ideologischen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft, jedoch in unterschiedlichem Maße. Die Revolution auf Saint-Domingue begann demnach mit der Erhebung der Europäerinnen. Der Kampf um Gleichberechtigung der freien Schwarzen und um die koloniale Autonomie vollzog sich von 1788 bis 1791 (Vgl. Buisson/ Schottelius 1980: 137ff). Es wurden Revolutionskomitees errichtet und die Konflikte zwischen grand und petites blanches waren unübersehbar. Die klaffende Diskrepanz, zwischen der französischen Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte auf der einen, und der weitergeführten Unmenschlichkeit der Sklaverei, Ungleichberechtigung und alltäglicher Diskriminierung auf der anderen Seite, waren die Streitpunkt. Die Ablehnung der Forderung nach Gleichberechtigung von freien Schwarzen und Weißen durch die weißen Franzosen war der entscheidende Punkt, für die praktische Umsetzung der theoretischen Debatten um Gleichberechtigung, in Form der Erhebung in einem Aufstand. 1790 begann mit einem Aufstand im Norden ein kurzes gewaltiges Aufbegehren, mit der Forderung nach Gleichberechtigung. Interessanterweise blieb die Sklaverei allerdings unhinterfragt und mangels fehlender Unterstützung durch Maroons oder andere potenzielle Verbündete, konnte der Aufstand schnell niedergeschlagen werden. 1791 erklärte die Pariser Nationalversammlung jedoch schließlich die offizielle Gleichstellung frei geborener Schwarzer. Dieser entscheidende Schritt, welcher zur Beruhigung der Lage auf Saint- Domingue hätte beitragen können wurde allerdings abrupt unterbrochen von mehreren

Aufständen der versklavten Afrikanerlnnen.

2.4 Der Sklavenaufstand auf Saint-Domingue

Schon zuvor hatte es begrenzte Aufstände auf Plantagen gegeben, aber die Herstellung eines Zusammenhangs und gemeinsamen Zielen der Aufständischen hatte es bis dato nicht gegeben. In einem Monat wurde das Rückgrat der Wirtschaft, mit etwa 1000 zerstörten Plantagen empfindlich gestört. In einem Bericht aus dem Jahr 1903 werden die aufständigen Sklavinnen als Barbaren sondergleichen dargestellt:

„Auf der Planzung 'Turpin' hatte der Aufruhr um Mitternacht begonnen. Mehrere hundert Neger hatten sich der Person des Pflanzers, dessen Frau, des Inspektors und anderer bemächtigt, und sie unter fürchterlichen Foltern getötet. [...] Während man die Frauen und Mädchen erst schändete, bevor man ihnen den Tod gab, wurden die Kinder aufgespiest und die Männer in scheusslicher Weise verstümmelt“ (Sundstrahl 1903: 80-81).

Damit noch nicht genug, war die Situation neben den revoltierenden und sich selbst und andere befreienden Sklavinnen noch in einen chaotischen Makro-Kontext einzuordnen. Die Sklaven- und Plantagenbesitzer waren völlig zerstritten und es tobten in Europa seit 1792 Revolutionskriege zwischen Frankreich, Spanien und England, die sich auch auf Saint- Domingue entluden (Vgl. Gliech 2005: 85ff.). Dieser Hintergrund macht deutlich, warum es seit dem Beginn der Sklavenaufstände nicht mehr gelang die Insel zurück unter weiße Kontrolle zu bringen, zumal alle beteiligten Parteien immer wieder auf Sklaven zurückgriffen um für Ihre jeweilige Seite entweder zwischen dem verfeindeten Norden und Süden, zwischen Republikanern und Reaktionären oder Frankreich und Spanien einen entscheidenden Sieg davon zu tragen. Als schließlich jakobinische Kommissare aus Paris geschickt wurden, um die Ordnung auf Saint-Domingue wieder herzustellen und das neue französische Recht mit dem Gesetz zur rassischen Gleichstellung, welches am 04.04.1792 in Kraft getreten war, durchzusetzen, fiel die Entscheidung an welcher Front sie kämpfen sollten notgedrungener Weise zugunsten der aufständigen Sklaven aus. Der Krieg Frankreichs gegen Spanien und England welcher 1793 begonnen hatte, sollte nun mittels der Unterstützung durch Maroons und Aufständische auf Saint-Domingue entschieden werden. Die Sklaverei wurde de facto in der französischen Kolonie abgeschafft, was de jure dann am 04.02.1974 nachträglich legitimiert wurde, und die SklavInnen wurden im Kampf gegen Spanien in die Armee aufgenommen. Die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurden mit diesen Gesetzen, als direkte Folge der Aufstände der SklavInnen, nun auch endlich in Übersee eingelöst. Einen entscheidenden Einschnitt beim Kampf der Schwarzen Rebellen war der Aufstieg des ehemaligen Sklaven Toussaint L'ouverture.

[...]

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Details

Titel
Die Sklavenrevolution von Saint-Domingue
Untertitel
Von der „Perle der Antillen“ zur Schwarzen Republik
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V171155
ISBN (eBook)
9783640903238
ISBN (Buch)
9783640903467
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Toussaint, L'ouverture, Haiti, Saint-Domingue, Revolution, Sklavenbefreiung, Frühe Neuzeit
Arbeit zitieren
Daniel Schuch (Autor), 2011, Die Sklavenrevolution von Saint-Domingue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171155

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