Dass Tolstois Werke ohne Komplexe der Philosophie und vor allem der (christlichen) Moral nicht auskommen, sollte jeder Leser bemerken. Tolstoi selbst war nicht nur ein großer Autor, sondern auch ein großer Leser und Denker, was sich in seinem Werk widerspiegelt. Betrachtet man seine drei „großen Romane“, zeigt sich, dass es eine mehr oder weniger konstante Figur gibt, die sich stufenweise mit den Romanen und Tolstois eigenen Moralvorstellungen entwickelt und mehr als alle anderen Figuren diesen moralischen Aspekt ins Werk bringen. Ähnlich wie Tolstoi nicht nur Schreiber, sondern auch Leser ist, sind diese Figuren weniger Moralprediger als gleichzeitig Moralsuchende.
Der moralische Sucher in Anna Karenina manifestiert sich in Konstantin Lewin. Damit steht er diesbezüglich in der Nachfolge Pierre Besuchows (Krieg und Frieden) und ist Vorgänger Dmitri Nechljudows (Auferstehung). Diese Aussage auszuführen und auch umfangreich zu beweisen, ist allerdings im Folgenden nicht vorgesehen, aufgrund des Umfangs von circa 4000 Roman-Seiten und der Begrenztheit der vorliegenden Arbeit. Allerdings soll eine Erläuterung des injizierenden Gedankens der Analyse vorangestellt werden.
Auch soll klargestellt werden, dass ich in keiner Weise der Aussage „für Lewin gibt es keinen Prototyp, er ist nicht Tolstoi“ , widersprechen will. Es soll nicht angenommen werden, dass das Niveau dieser Arbeit sich auf Figur X ist der Autor selbst erstreckt. Lewin ist genauso sehr Tolstoi wie Anna und Oblonski; nur übernimmt Lewin eine bestimmte Rolle, die dem moralischen und Moralsuchenden Autor nahekommt.
Um diesen Tolstoi erkennen und verstehen zu können, sollen im Folgenden zwei Biografien herangezogen werden, die nicht nur Einblick in das Leben des Autors, sondern auch in sein moralisches Streben und Schaffen ermöglichen sollen. Dabei soll die bereits zitierte Schklowski-Biografie die Biografie des Engländers Andrew Wilson, der einen etwas neutraleren Blick auf den Autor hat, unterstützen, wobei Wilson in englischer Sprache zitiert wird. Des Weiteren soll die Analyse durch Autoritäten der Slawistik wie Vladimir Nabokov und Georg Lukács unterstützt und durch zeitgenössische Beiträge der Slawistik begleitet werden. Hierfür werden Essays von Priscilla Meyer, Thomas Newlin und Julie de Sherbinin herangeführt, die zum Teil alte Ergebnisse der Tolstoi-Forschung neu beleuchten oder Geschehnissen aus seinem Leben akute Relevanz verleihen.
- Arbeit zitieren
- Josua Heitkamp (Autor:in), 2025, Das moralische Sprachrohr in Tolstois Romanen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1711664