Textsortenwissen als Texterwartung des Rezipienten zum strategischen Verstehen einer Werbeanzeige


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

23 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Text- und Textsortenbestimmung
2.1. Integrativer Textbegriff
2.2. Textsortenbegriff

3. Textsortenwissen als der schematische Sinnsteuerungsfaktor

4. Textsortenwissen als Texterwartung des Rezipienten zum strategischen Verstehen einer Werbeanzeige

5. Schluss

1. Einleitung

Gegenstand der Textlinguistik ist die Anwendung und Ausweitung der Kenntnisse der modernen Sprachwissenschaft auf Texte und ihr Funktionieren in der Kommunikation:

Die linguistische Textanalyse setzt sich zum Ziel, die Struktur, d. h. den grammatischen und thematischen Aufbau sowie die kommunikative Funktion konkreter Texte transparent zu machen und nachprüfbar darzustellen. Sie kann dadurch Einsichten in die Regelhaftigkeit von Textbildung (Textkonstitution) und Textverstehen (Textrezeption) vermitteln und dazu beitragen, die eigene Textkompetenz zu verbessern, d. h. die Tätigkeit zu fördern, fremde Texte zu verstehen und eigene Texte zu produzieren.[1]

Mit anderen Worten, Aufgabe der Textlinguistik ist es, die allgemeinen Bedingungen und Regeln der Textkonstitution systematisch zu beschreiben und ihre Bedeutung für die Textrezeption zu erklären. Was ist ein Text? Welche Kriterien muss ein Text erfüllen und wie werden Texte verstanden? Das sind die zentralen Fragestellungen der Textlinguistik. Daran anschließend ergibt sich die Problematik der Texttypologie, d. h. der Kategorisierung von Texten in bestimmte Textsorten. Die Ansätze für eine Textsortenbestimmung sind dabei, adäquat zu den allgemeinen Bedingungen und Regeln der Textkonstitution, sehr unterschiedlich. Grundsätzlich wird auch in der linguistischen Textsortenlehre in Anlehnung an die Texttheorie zwischen zwei Hauptforschungsrichtungen unterschieden.2 Der sprachsystematisch ausgerichtete Forschungsansatz versucht aufgrund struktureller, d. h. vor allem grammatischer Merkmale eine Beschreibung und Abgrenzung von Textsorten. Die situativen und kommunikativ-funktionalen Aspekte sind die Kriterien, die der kommunikationsorientierte Forschungsansatz zur Lösung der Textsortenproblematik anwendet.

Unterstellt wird, dass Textrezipienten bzw. Textproduzenten über ein Textsortenwissen verfügen, was vor allem auf stark normierte Textsorten wie Wetterbericht, Kochrezept oder Testament zutrifft.3 Mit anderen Worten, es ist relativ unproblematisch, den konkreten Text der jeweiligen Textsorte zuzuordnen. Das Ziel der folgenden Arbeit besteht in der exemplarischen Beschreibung des Textverstehensprozess und der Relevanz des Textsortenwissens. Ausgangspunkt für die Untersuchung ist dabei die Annahme, „dass der Text vom Rezipienten nicht mechanisch ins Gedächtnis eingeprägt ist, sondern aktiv durch Zielsetzungen, Vorwissen und Strategien des Rezipienten rekonstruiert werden kann.“4 Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Textrekonstruktion bzw. dem Textverstehensprozess und dahingehend mit dem Einfluss des Textsortenwissens auf die Textverarbeitung des Rezipienten. Der Inhalt der folgenden Kapitel bildet dabei die theoretische Grundlage für die Untersuchung des Textverstehens. Hier soll anhand der zwei Hauptforschungsrichtungen geklärt werden, was in der Textlinguistik unter einem Text und unter einer Textsorte verstanden wird. Daran anschließend werden mit Hilfe der Analyse einer Werbeanzeige die Prozesse des Textverstehens skizziert. Die Analyse soll zeigen, welche Faktoren Einfluss auf das Textverstehen haben und wie Textsortenwissen als Texterwartung insgesamt den Prozess der Textverarbeitung steuert.

2. Text- und Textsortenbestimmung

2.1. Integrativer Textbegriff

Die Literatur über Textlinguistik weist häufig sehr verschiedene Textdefintionen auf, die sich jedoch im Grunde auf zwei Hauptrichtungen zurückführen lassen. Differenziert wird zwischen dem sprachsystematisch ausgerichteten und dem kommunikationsorientierten Ansatz.5 Untersucht man die alltagssprachliche Verwendung des Wortes Text (Vgl. Wörterbücher der deutschen Gegenwartssprache), stellt man ebenfalls fest, wie unterschiedlich teilweise die Wortbedeutungen sind. Fasst man die diversen Bedeutungen zusammen, ergibt sich jedoch eine Kernbedeutung, die Text als eine schriftlich fixierte sprachliche Einheit beschreibt, die in der Regel mehr als einen Satz umfasst. Diese Definition trägt sehr allgemeinen Charakter und entspricht vordergründig dem in der Textlinguistik verwendeten sprachsystematischen Ansatz, bei dem die Methodik von Satzgrammatiken auf eine so verstandene Textgrammatik übertragen wird.6 Der Satz gilt als die oberste linguistische Bezugseinheit und die Analyse und Deskription der Struktur des Satzes wird auf den Text übertragen und der Text wird somit als komplexe sprachliche Einheit verstanden, die aus einer Verkettung von Sätzen besteht. Laut Brinker drückt sich darin die Auffassung aus, „dass nicht nur die Wort- und Satzbildung, sondern auch die Textbildung durch das Regelsystem der Sprache gesteuert wird und auf allgemeinen, sprachsystematisch zu erklärenden Gesetzmäßigkeiten gründet.“7 Konsequenz dieser Auffassung ist die Schlussfolgerung, dass ein Text einzig und allein durch den Gebrauch bzw. die Verkettung bestimmter syntaktischer Elemente wie Pronomina zustande kommt.

Hauptkritikpunkt am sprachsystematischen Ansatz ist dessen Vernachlässigung der kommunikativen Funktion von Texten. Er berücksichtigt nicht, dass Texte immer in eine Kommunikationssituation eingebettet sind bzw. in einem konkreten Kommunikationsprozess stehen, in dem Sprecher und Hörer bzw. Autor und Leser mit ihren sozialen und situativen Voraussetzungen und Beziehungen die wichtigsten Faktoren darstellen.8 Deshalb stützt sich der kommunikationsorientierte Ansatz vor allem auf die innerhalb der angelsächsischen Sprachphilosophie entwickelte Sprechakttheorie von Austin und Searle. Unter sprechakt-theoretischer Perspektive wird der Text nicht mehr bloß als grammatisch verknüpfte Satzfolge, sondern als komplexe sprachliche Handlung, mit der der Sprecher oder Schreiber eine bestimmte kommunikative Beziehung zum Hörer oder Leser herzustellen versucht, verstanden.

Die kommunikationsorientierte Textlinguistik fragt also nach den Zwecken, zu denen Texte in Kommunikationssituationen eingesetzt werden können und auch tatsächlich eingesetzt werden; kurz: sie untersucht die kommunikative Funktion von Texten. Die kommunikative Funktion legt den Handlungscharakter fest; sie bezeichnet […] die Art des kommunikativen Kontakts, die der Emittent (d.h. der Sprecher oder Schreiber) mit dem Text dem Rezipienten gegenüber zum Ausdruck bringt (z.B. informierend oder appellierend); erst sie verleiht dem Text also einen bestimmten kommunikativen ‚Sinn’.9

Nach kommunikationsorientiertem Ansatz stellen Texte eine sprachliche Handlung dar, die eine bestimmte kommunikative Funktion (Informationsfunktion, Appellfunktion, Obligations-funktion, Kontaktfunktion und Deklarationsfunktion)10 erfüllt. Dies wiederum impliziert, dass Textproduktion intentional gesteuert ist. Die Standpunkte des sprachsystematischen und kommunikationsorientierten Forschungsansatzes sind jedoch nicht als alternativ sondern als komplementär und integrativ zu betrachten.

Brinker konstatiert, dass eine adäquate linguistische Textanalyse die Berücksichtigung beider Forschungsrichtungen erfordert, wobei der kommunikationsorientierte Ansatz die theoretisch-methodische Bezugsgrundlage bilden muss. Deshalb bildet Brinker folgende Textdefinition:

Der Terminus ‚Text’ bezeichnet eine begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert.11

Die sprachliche Ebene ist somit in die kommunikative Ebene integriert, denn erst die kommunikative Intention forciert die Verwendung der sprachlichen Zeichen. Bei den sprachlichen Zeichen unterscheidet Brinker zwischen einfachen (elementaren) sprachlichen Zeichen (z.B. Morphemen) und komplexen Zeichen (z.B. Wortgruppen und Sätze). Die kommunikative Funktion determiniert die Abfolge der sprachlichen Zeichen im Text, die kohärent also in sich geschlossen sein muss. Erst durch die kommunikative Funktion wird das Kriterium der Textualität erfüllt.

Die Faktoren, die in der sprachsystematischen Ebene und kommunikativ-funktionalen Ebene integriert sind und Einfluss auf Textrezeption und -produktion bzw. auf die Erfüllung des Kriteriums der Textualität haben, sind sehr vielfältig. Das Wissen über diese Faktoren und die adäquate Verarbeitung der Elemente beschreibt die Textkompetenz.12 Damit ein Sprachteilhaber einem Text einen kommunikativen Sinn zuschreiben kann, sind mehrere Kenntnisse notwendig. Es sind u. a. Kenntnisse über Handlungstypen, Kenntnisse über Korrelationen zwischen Merkmalen sprachlicher Ausdrücke und sozialen und kulturellen Verwendungssituationen, Kenntnisse über Typen von Texten und Kenntnisse über die Rolle sprachlicher Handlungen in gesellschaftlichen Institutionen notwendig. Hinzu kommt, vor allem in Bezug auf die Entwicklung und den vermehrten Einsatz multimedialer Texte in der Gegenwart, der Einbezug von nicht-sprachlichen Elementen in der schriftlichen Kommunikation. Dahingehend postuliert Jang-Geun Oh:

Ein Text muss also nicht nur aus sprachlichen Elementen (Signalen) bestehen, sondern kann durch nicht-sprachliche Elemente (in der mündlichen Kommunikation etwa durch Mimik und Gebärden, in der schriftlichen etwa durch Illustration, Druckgestaltung, Firmenemblemen etc.) ergänzt oder begleitet werden oder sogar überwiegend aus solchen bestehen (z.B. bei textarmen Werbeanzeigen).13

Die Kriterien des integrativen Textbegriffs spiegeln sich auch in den Textualitätskriterien von de Beaugrande und Dressler wieder. Sie tragen sieben Kriterien zusammen, die ein Text erfüllen muss, um als solcher zu gelten.14 Das Kriterium der Kohäsion beschreibt vor allem die grammatischen Abhängigkeiten der Sprachverwendung. Kohäsion betrifft die Art, wie die Komponenten des Oberflächentextes, d.h. die Worte, wie wir sie hören oder sehen, miteinander verbunden sind. Das zweite Kriterium, die Kohärenz, bezeichnet die Relation zwischen Spracheinheiten unter dem Aspekt der Kausalität, d.h. dem inhaltlichen Zusammenhang eines Textes. Kohäsion und Kohärenz beziehen sich auf Operationen, die direkt das Textmaterial betreffen. Die textzentrierten Kriterien wie Kohäsion und Kohärenz finden Einfluss in die verwenderzentrierten Kriterien wie Intentionalität, Akzeptabilität, Informativität, Situationalität und Intertextualität. Intentionalität bezieht sich dabei auf die Einstellung des Textproduzenten, einen kohäsiven und kohärenten Text zu bilden, bzw. Wissen zu verbreiten oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Das Kriterium Akzeptabilität betrifft die Einstellung des Rezipienten, einen kohäsiven und kohärenten Text zu erwarten, der für ihn nützlich oder relevant ist. Diese Einstellung spricht beispielsweise auch auf den Faktor Textsorte für das Textverstehen an, der Gegenstand der Analyse im vierten Kapitel ist. Informativität als weiteres Textualitätskriterium bezeichnet das Ausmaß der Erwartetheit bzw. Unerwartetheit oder Bekanntheit bzw. Unbekanntheit der dargebotenen Textelemente. Damit bezieht sich Informativität auf den Interessantheitsgrad eines Textes, der ausschlaggebend für die Intensität der Textrezeption ist. Die Relevanz eines Textes für eine Kommunikationssituation beschreibt das Kriterium der Situationalität, d.h. der intendierte Gebrauch eines Textes sollte offensichtlich sein. Das letzte Kriterium ist die Intertextualität. Sie betrifft die Faktoren, welche die Verwendung eines Textes von der Kenntnis eines oder mehrerer vorher aufgenommener Texte abhängig macht. Bei der Produktion und Rezeption fließen die Vorkenntnisse des jeweiligen Akteurs mit ein und forcieren somit die Art und Weise der Darbietung auf Produktionsseite und den Verstehensprozess auf der Rezeptionsseite. Somit ist Intertextualität, ganz allgemein, für die Entwicklung von Textsorten als Klassen von Texten mit typischen Mustern von Eigenschaften verantwortlich. Aufgrund der Erlangung und Entwicklung von Kenntnissen bezüglich der Vielfalt von Texten haben Akteure ein Textsortenwissen, welches ihnen ermöglicht, Texte entsprechend einer Klasse einzuordnen und welches ihre Textverarbeitung steuert.

[...]


[1] Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden. 4. Auflage. Berlin: Schmidt, 1997. S. 8.

2 Vgl. Brinker, 1997. S. 131 f.

3 Vgl. Brinker, 1997. S. 131 f.

4 Oh, Jang-Geun: Das strategische Textverstehen. Theoretische Grundlagen, Methode und Anwendung des strategischen Textverstehens. Diss. Münster: Universität, 2000. S. 2.

5 Vgl. Brinker, 1997. S. 12 ff

6 Vgl. Brinker, 1997. S. 12 ff

7 Brinker, 1997. S. 14

8 Vgl. Brinker, 1997. S. 15.

9 Brinker, 1997. S. 15.

10 Vgl. Brinker, 1997. S. 104 ff.

11 Brinker, 1997. S.17.

12 Vgl. Krause, Wolf-Dieter (Hrsg.): Textsorten. Kommunikationslinguistische und konfrontative Aspekte. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2000. S. 23 ff.

13 Oh, 2000. S. 33.

14 Vgl. De Beaugrande / Dressler: Einführung in die Textlinguistik. Tübingen: Niemeyer, 1981.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Textsortenwissen als Texterwartung des Rezipienten zum strategischen Verstehen einer Werbeanzeige
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
HpS: Lesen: Psycholinguistische und kognitionswissenschaftliche Aspekte zu Textverstehen und Textverständnis
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V17121
ISBN (eBook)
9783638217699
ISBN (Buch)
9783638645010
Dateigröße
4050 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Textsortenwissen, Texterwartung, Rezipienten, Verstehen, Werbeanzeige, Lesen, Psycholinguistische, Aspekte, Textverstehen, Textverständnis
Arbeit zitieren
Mag. Medienwissenschaft Holger Koch (Autor), 2003, Textsortenwissen als Texterwartung des Rezipienten zum strategischen Verstehen einer Werbeanzeige, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17121

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