Der Kalte Krieg aus der Perspektive des Neorealismus


Seminararbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kernthesen des Neorealismus

Kurze Erklärung: Kalter Krieg, NATO, Warschauer Pakt

Der "Kalte Krieg" in der Perspektive des Neo-Realismus

Machtbalance zwischen Ost und West: Lagerbildung

Machtbalance zwischen Ost und West: Konflikte

Das Wettrüsten und die Stabilität des bipolaren Systems

Lücken: Was der Neorealismus nicht erklären kann

Schlussbetrachtung

Literatur:

Einleitung

„Seit den Auseinandersetzungen zwischen Rom und Karthago habe es keine solche Polarisation der Macht mehr gegeben wie zwischen den USA und der Sowjetunion."

Mit diesen Worten zitiert Rolf Steininger (2003: 17-18) US-Außenminister Dean Acheson. In einer Rede vor dem US-Kongress hatte Acheson bereits im Februar 1947 vorweggenommen, was die Weltpolitik in den folgenden Jahrzehnten prägen sollte: die Konfrontation zweier verschiedener Systeme. (vgl. Steininger 2003: 17-18) Während die USA, Frankreich und Großbritannien im Zweiten Weltkrieg noch Seite an Seite mit Rußland gegen Hitler-Deutschland gekämpft hatten, kam es schon relativ bald nach Kriegsende zu Konflikten zwischen Ost und West. Auf Seiten der USA misstraute man den Russen: „Die Sowjetunion, so hieß es da (in einem Bericht der USA, Anm. d. Verf.), stelle eine echte Bedrohung für die Freiheit in dieser Welt, in Europa und in den Vereinigten Staaten dar", schreibt Rolf Steininger über einen Bericht der US-Regierung aus der damaligen Zeit (Steininger 2003: 9).

Doch obwohl sich Kommunismus und Demokratie über Jahrzehnte hinweg unerbittlich gegenüber standen und die enormen Waffenarsenale Russlands und der USA die Welt mit einem Knopfdruck hätten auslöschen können, erwies sich dieser als "Kalter Krieg" bezeichnete Zustand rückblickend als vergleichsweise friedlich und stabil.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Theorien des Neorealismus anhand des Kalten Krieges anzuwenden und zu prüfen: Inwieweit kann man mit ihnen das politische Weltgeschehen in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts erklären? Welche Geschehnisse lassen sich außerdem nicht mit den Theorien von Kenneth Waltz und der von ihm begründeten Theorie erklären?

Zuerst möchte ich den Neorealismus in seinen für diese Arbeit relevanten Grundzügen vorstellen. Dazu ist es hilfreich, sich nicht nur auf die USA und die UdSSR, wie sie damals noch hieß, zu konzentrieren, sondern auch auf die beiden Bündnissen NATO und Warschauer Pakt einzugehen. Obwohl die NATO natürlich nicht nur aus den USA und der Warschauer Pakt nicht nur aus Russland allein bestanden, verwende ich sie in dieser Arbeit der Einfachheit halber synonym.

Mit diesem Instrumentarium des Neorealismus möchte ich anschließend den "Kalten Krieg" analysieren, indem ich das Geschehen in der damaligen Weltpolitik mit Theorien des Neorealismus zu erklären versuche. Warum sich diese Phase der Zeitgeschichte als so stabil erwiesen hat, will ich in einem weiteren Schritt erklären. Abschließend werde ich auf die Lücken eingehen, die sich nicht anhand des Neorealismus, sondern besser mit anderen Theorien der Internationalen Beziehungen erklären lassen.

Kernthesen des Neorealismus

Der Neorealismus zeichnet ein eher düsteres, archaisches Bild der internationalen Politik. Jeder Staat muss im zufolge stets darauf vorbereitet sein, von einem anderen angegriffen und vernichtet zu werden. Das hängt aus Sicht des Neorealismus stark damit zusammen, dass auf internationaler Ebene Anarchie herrscht (vgl. Baumann/Rittberger/Wagner 2001: 39).

Allein schon durch seine Entstehungsgeschichte ist der Neorealismus eng mit dem Ost-West-Konflikt verknüpft, denn er wurde durch eine Veröffentlichung von Kenneth Waltz im Jahre 1979 begründet (vgl. Schörnig 2003: 61-62). Demnach ist es die Struktur des internationalen Systems, die die Staaten von außen zu einem auf Sicherheit bedachten Handeln drängt und nicht wie bei den Realisten das Streben nach Macht (vgl. Baumann/Rittberger/Wagner 2001: 38-39).

Kenneth Waltz verzichtete bei seinen Untersuchungen auf die "möglichst vollständige Berück-sichtigung empirischer Daten", sondern forderte Vereinfachung (vgl. Schörnig 2003: 65). Gleichzeitig verzichtet er darauf, die Staatsform oder andere innerstaatliche Angelegenheiten in die Analyse mit ein zu beziehen. Man spricht hierbei auch vom Staat als "black box" (vgl. Schörnig 2003: 67). Außerdem lassen sich Staaten anhand ihrer Machtmittel („capabilities“) unterscheiden (vgl. Schörnig 2003: 67/68), wozu Waltz laut Baumann et. al. auch militärische Stärke zählt (vgl. 2001: 43).

Kurze Erklärung: Kalter Krieg, NATO, Warschauer Pakt

Unter dem Begriff des "Kalten Krieges" versteht man "eine politisch-ideologische, ökonomische, technologisch-wissenschaftliche und kulturell-soziale Auseinandersetzung, die ihre Auswirkungen bis in den Alltag zeigte. Nur in der Dritten Welt wurde der Kalte Krieg schließlich auch als konventionelle militärische Auseinandersetzung geführt“ (Stöver 2003: 9). Der Beginn des Kalten Krieges lässt sich laut Carl-Christoph Schweitzer grob auf das Frühjahr 1947 datieren, nachdem die Moskauer Viererkonferenz gescheitert und die Truman-Doktrin verkündet worden war (vgl. Schweitzer 1989: 85). US-Präsident Truman sagte im März 1947, dass allen "freien Völkern", die vom Kommunismus bedroht seien, amerikanische Unterstützung zugesichert werde (Truman-Doktrin) (vgl. Deppe 2006: 101, der damit Ulrich Huster zitiert.) Geprägt wurde der Begriff ursprünglich von einem Mitarbeiter eines Beraters des US-Präsidenten im Jahre 1946 (vgl. Stöver 2003: 9). Ein Jahr darauf wurde der Begriff vom amerikanischen Publizisten Walter Lippmann durch eine Veröffentlichung in die allgemeine politische Debatte eingeführt (vgl. Görtemaker auf bpb.de).

Die NATO (auch "Nordatlantikpakt", engl.: North Atlantic Treaty Organization) ist eine internationale Organisation, die für die politische und militärische Verteidigung gegründet wurde (vgl. Schubert/Klein auf bpb.de). Ihr wichtigstes Ziel war damals "die Abwehr der Expansionsabsichten des Kommunismus, insbesondere die Verteidigung gegenüber der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt (bis zu deren Auflösung 1991)" (Schubert/Klein auf bpb.de).

Gründungsmitglieder waren die USA, Kanada, Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Island, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen und Portugal. Später traten ihr Griechenland (1952), die Türkei (1952), die BRD (1955) und Spanien (1982) bei (vgl. Schubert/Klein auf bpb.de).

Am 14. Mai 1955 und somit nur fünf Tage nach dem NATO-Beitritt der BRD "schlossen Albanien, Bulgarien, Ungarn, die DDR, Polen, Rumänien, die Sowjetunion und die Tschechoslowakei den Warschauer Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“ (Steininger 2003: 29). Mit der "Warschauer Vertragsorganisation" (WVO), auch als Warschauer Pakt bekannt, "verpflichteten sich die der Kontrolle der UdSSR unterstehenden ostmitteleuropäischen Staaten zu „Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“ (Stöver 2003: 36).

Ungarn wollte 1956 aus dem Warschauer Pakt austreten, doch wegen der blutigen Niederschlagung des Ungarnaufstandes kam es nicht dazu. Das militärische Eingreifen des Bündnisses beendete 1968 den „Prager Frühling“ in der Tschechoslowakei. (vgl. Spiegel.de, Internet)

1961 brach Albanien mit der UdSSR. 1968 trat es aus der WVO aus, offiziell aus Protest gegen den Sowjeteinmarsch in der Tschechoslowakei. Mit der Auflösung der UdSSR löste sich 1991 schließlich auch der Warschauer Pakt auf (vgl. Schubert/Klein auf bpb.de).

Der "Kalte Krieg" aus der Perspektive des Neo-Realismus

Nun möchte ich untersuchen, inwieweit sich Strukturen und Ereignisse des "Kalten Krieges" mit Grundannahmen des Neorealismus erklären und einordnen lassen. Für die Untersuchung des Ost-West-Konflikts scheint er sehr gut geeignet zu sein, denn der Neorealismus suchte "nach einer Erklärung, warum sich die bipolare und darüber hinaus hochgerüstete Welt des Ost-West-Konflikts trotz wechselnder Phasen der Annährung und Konfrontation als erstaunlich stabil und kriegsabgeneigt erwiesen hatte" (Schörnig 2003: 62).

Beginnen wir mit der Bestimmung der politischen Struktur des internationalen Systems. Waltz spricht von drei Strukturmerkmalen, die dafür herangezogen werden können. Das erste ist das sogenannte Ordnungsprinzip („ordering principle“). Es gibt seiner Ansicht nach zwei Ordnungsprinzipien, nach denen die Einheiten im internationalen System geordnet sind: anarchisch oder hierarchisch (vgl. Schörnig 2003: 69). "Eine hierarchische Struktur zeichnet sich [...] durch das Vorhandensein einer übergeordneten Instanz mit Sanktionsgewalt (Gewaltmonopol), die den Schutz der einzelnen Einheiten garantiert" (Schörnig 2003: 69). Geht man davon aus, dass aus neorealistischer Sicht das internationale System bereits an sich anarchisch ist, könnte man im Falle des Ost-West-Konflikts sogar zu der Annahme gelangen, dass es hier vereinfacht gesagt zwei Lager gab, die eine gewisse Hierarchie erkennen ließen. Während es im Westen die USA waren, die Schutz garantierten, war es im Osten Russland.

Dies funktioniert natürlich nur, wenn man ausblendet, dass es auch "blockfreie" Länder gab, die keinem Lager zugerechnet werden konnten. China beispielsweise unterhielt zur UdSSR eher ambivalente Beziehungen, obwohl es ihr ideologisch nahe stand. „Die Blockfreiheit war ab 1947 zunächst in asiatischen Staaten propagiert worden, die die Unabhängigkeit anstrebten oder gerade erreicht hatten.“ [...] „Gemeinsame Erfahrung der meisten Mitglieder war die koloniale Ausbeutung“ (Stöver 2003: 40). Die USA und die UdSSR standen dieser Haltung jedoch sehr skeptisch gegenüber und nahmen dies als politische Unentschiedenheit war (vgl. Stöver 2003: 41).

Das zweite Strukturmerkmal zur Bestimmung der politischen Struktur des internationalen Systems ist die Funktionale Differenzierung („character of the units“), was auch als Arbeitsteilung zwischen den Staaten bezeichnet werden kann. Eine solche gab es beispielsweise zwischen sozialistisch/kommu-nistisch verfassten Staaten in Form von Gastarbeitern aus Vietnam oder "Arbeitsteilung" im Sinne von Nahrungslieferungen innerhalb des Warschauer Paktes. Man denke hier an Früchte aus Kuba für die DDR, um nur ein Beispiel zu nennen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Kalte Krieg aus der Perspektive des Neorealismus
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Lehrstuhl für Internationale Politik)
Veranstaltung
Seminar "Zwischenstaatliche Kooperationen" (IntBez, Teil II)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V171211
ISBN (eBook)
9783640903788
ISBN (Buch)
9783640903801
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kalte, krieg, perspektive, neorealismus
Arbeit zitieren
Christian Spöcker (Autor), 2011, Der Kalte Krieg aus der Perspektive des Neorealismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171211

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