Der Staat aus der Perspektive von Thomas Hobbes und Michel Foucault


Seminararbeit, 2011
17 Seiten, Note: 2,3

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I. Einleitung

Zu Beginn dieser Arbeit ist grundlegend festzustellen, dass man sich mit dieser Themenstellung im Bereich der politischen Philosophie bewegt. Der Staatsbegriff nimmt in dieser eine zentrale Rolle ein, denn staatliche Gebilde sind sehr mächtige Institutionen, welche das Leben von Individuen und Gruppen aufs Tiefste und in vielfältiger Weise – sowohl negativ, als auch positiv – beeinflussen.[1] Eine allgemeine Definition des Staates geht zumeist von Max Weber (1864-1920) aus. Er beschreibt ihn als politische Herrschaftsagentur, die innerhalb eines geographisch determinierten Herrschaftsgebietes das Monopol auf Gesetzgebung und Ausübung von Zwangsmitteln besitzt.[2] Dem Staatsterritorium und der Staatsgewalt wird als weiterer Faktor das Staatsvolk, im Sinne von Jellinek, hinzugefügt.[3] Ein Staat verfügt folglich über ein eigenes Territorium und stützt sich auf eine Bevölkerung, die sich selbst reproduziert und die mehr oder minder in ein soziales Gefüge eingebettet ist. Geführt wird der Staat durch eine Regierung, die das alleinige Recht auf verbindliche, letztinstanzliche Weisungen und deren Durchführung, durch Justizsystem, Verwaltung und Polizei inne hat. Somit liegt das Gewaltmonopol bei der Regierung, die von der Bevölkerung autoritativ anerkannt werden muss. Weiterhin muss der Staat von anderen Staaten politisch unabhängig sein und als souverän gelten.[4]

Diese Arbeit soll sich mit der Entstehung des Staates anhand der Theorie von Thomas Hobbes und Michel Foucault beschäftigen, um letztendlich beide Theorien gegenüber stellen zu können. Bei Hobbes scheint dies einfach, da er sich im Leviathan explizit mit der Staatsbegründung auseinandersetzte. Im Gegensatz dazu ist dieses Unterfangen bei Foucault mit einigen Schwierigkeiten behaftet, da er den Staat und dessen Begründung nicht an sich definierte, sondern diese Thematik in einem ganzen System von Begrifflichkeiten, wie Macht, Dispositive, Gouvernementalität usw. verbarg. In dieser Arbeit sollen diese Begrifflichkeiten nicht geklärt werden, sondern mein Ansporn ist es, eine relativ klare Staatsherleitung im foucaultschen Sinne herauszuarbeiten. In einem Quellenkapitel soll zunächst eine Einordnung und ein Überblick über Hobbes und Foucault geliefert werden, da ich die Ansicht vertrete, dass nur eine historische Kontextualisierung einen adäquaten Zugang zu den Persönlichkeiten, den jeweiligen Werken und den damit verbundenen Theorien ermöglicht. Dem schließt sich eine Darlegung der hobbesschen Staatstheorie an und dem folgend eine Interpretation der foucaultschen Überlegungen zum Staat. Im Schluss dieses wissenschaftlichen Aufsatzes werden die Ergebnisse zusammengefasst, um ein abschließendes Fazit formulieren zu können.

II. Quellenkapitel

2.1. Thomas Hobbes

Thomas Hobbes wurde 1588 in Malmesbury, England, geboren. Da sein Vater der hiesige Landpfarrer war, erhielt er schon frühzeitig eine exzellente Ausbildung.[5] Bereits mit 15 Jahren (1603) war er an der scholastischen Universität Oxford eingeschrieben und studierte dort Metaphysik, Physik und scholastische Logik. 1607 beendete er sein Studium mit dem niedrigsten Grad, dem Baccalaureus artium und trat als Hauslehrer in den Dienst des Herzogs von Hardwicke. Hier hatte er die Möglichkeit, seinen Schützling auf dessen Grande Tour zu begleiten, dadurch trat er mit großen Denkern seiner Zeit, wie Francis Bacon, Galileo Galilei, Rene Descartes und Marin Mersenne, in Kontakt.[6] Nach England zurückgekehrt fand Hobbes die Zeit, sich ausgiebig mit den Denkern der Antike zu beschäftigen. Weiterhin entwickelte er eine starke Vorliebe für die Methode der Naturwissenschaft und versuchte, diese auf den Sektor der Philosophie zu übertragen.[7]

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts befand sich England in einer politisch brisanten Phase. Einerseits flammte der nachreformatorische Konflikt zwischen den calvinistischen Puritanern und der katholisch geprägten anglikanischen Staatskirche neu auf, andererseits geriet der alte Adel, an dessen Spitze Jakob I. (1603-1625) stand, in Streitigkeiten mit dem englischen Parlament. Charles I. (1625-1649) verschärfte die Konflikte zusehends und löste das Parlament immer wieder auf. Dennoch schaffte man es, mit der Petition of Rights (1628) bürgerliche Freiheiten gegenüber dem König durchzusetzen.[8] Als Hobbes sich mit den Schriften „On humane nature" und "De corpore politico"[9] auf die Seite des Monarchen stellte, sah er sich durch Anfeindungen des Parlamentes gezwungen, 1640 ins Exil nach Paris zu fliehen.

Von hier aus versuchte Hobbes, mit „De Cive“[10] anonym Einfluss auf die, nun im Bürgerkrieg (März 1642) befindliche, englische Heimat zu nehmen. „De Cive“ ist eigentlich der letzte und dritte Teil seiner „Elementa philosphia“, jedoch aufgrund der Verhältnisse in ganz Europa zog er diesen vor. Zielpunkt dieses Werkes war, wie der Name es schon verrät, der Bürger. Man könnte „De Cive“ in drei Teile – Freiheit, Staatsgewalt und Religion – untergliedern. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Naturzustand des Menschen, der zweite legt die Notwendigkeit einer stabilen Regierung für den Menschen dar und der dritte setzt dies alles in einen religiösen Kontext. Ebenfalls in die Pariser Exilzeit fällt die Abfertigung seines großen Hauptwerkes, des „Leviathan“[11]. Dieses opus magnum besteht aus 4 Büchern – „Vom Menschen“, „Vom Staat (engl.: Commonwealth)“, „Vom christlichen Staat“ und „Vom Königreich der Finsternis“ – wovon lediglich die ersten Zwei von Bedeutung für seine Staatstheorie sind. Die anderen Beiden sind aus heutiger Sicht nicht von Relevanz, aber zur damaligen Zeit waren es gerade diese beiden Bücher mit ihrer scheinbar kirchenfeindlichen Tendenz, die Hobbes die meisten Probleme einbrachten. So floh er nach der Veröffentlichung des „Leviathan“ 1651 aus Angst vor den französischen Geistlichen aus Paris zurück nach England. Um in England seinen Lebensabend verbringen zu können, war es jedoch notwendig, sich der Militärdiktatur Oliver Cromwells (1649-1658), der als Sieger aus den Bürgerkriegen hervorging, zu unterwerfen. Das restliche Leben von Thomas Hobbes könnte man als ruhig beschreiben, aber die ständigen Anfeindungen der Geistlichkeit sollten bis zu seinem Tod im Jahre 1679 nicht abklingen.[12]

Allgemein gesehen war Philosophie für Hobbes die rationale Erkenntnis von Ursache-Wirkung-Zusammenhängen, welche auf Grundlagen der Naturwissenschaften aufbauten und frei von jeglicher Metaphysik sein sollten. Die Aufgabe der hobbesschen Philosophie als Ursachenforschung war folglich die Analyse komplexer Erscheinungen auf ihre einzelnen Elemente hin, um diese letztendlich auf universale Prinzipien zurückzuführen. Dies ist vergleichbar mit der fortschrittlichsten mechanischen Apparatur der damaligen Zeit, der Uhr. Die komplexe Erscheinung Uhr mit ihren Funktionen kann man demnach nur verstehen, wenn man diese in ihre kleinsten Teile zerlegt und wieder zusammenfügt.[13]

2.2. Michel Foucault

Paul-Michel Foucault wurde 1926 als zweites von drei Kindern des Chirurgen und Anatomieprofessors Paul-André Foucault in Poitiers geboren. Nach seiner Poitierser Gymnasialzeit, in der er den 2. Weltkrieg nur am Rande wahrnahm[14], studierte er in Paris 1946 an der École Normale Supérieure Philosophie und Psychologie. Im Jahre 1951 erhielt er die Agrégation (Lehrbefugnis) in Philosophie und im Jahr darauf folgte das Diplom in Psychopathologie. Von 1955-1958 war er Assistent und Lehrer an der schwedischen Universität von Uppsala und ging danach als Direktor des Centre Français nach Warschau. Aufgrund eines privaten Zwischenfalls musste er diese Stelle 1959 aufgeben und nahm einen Posten am Hamburger Institut Français an, den er wiederum zugunsten seiner akademischen Karriere bereits 1960 wieder aufgab und als Privatdozent an der Universität Clermont-Ferrand lehrte. Im folgenden Jahr erschien Foucaults Dissertation mit dem Titel „Wahnsinn und Gesellschaft“, welche ihm anscheinend bereits 1961 die Professur in Clermont-Ferrand einbrachte. Prägend für das foucaultsche Denken waren wohl die Jahre 1966-1970. Von 1966-1968 arbeitete er als Gastdozent in Tunis und erlebte dort die Studentenrevolte. Ebenfalls in dieser Zeit veröffentlichte Foucault sein Werk „Die Ordnung der Dinge“ mit dem er seine größten Erfolg erzielen sollte. Zurück in Frankreich wirkte er an der Begründung der Reformhochschule Université Paris VIII mit, von der die 68-er Bewegung ausging. Foucault beteiligte sich aktiv an den Demonstrationen, aber längst nicht so intensiv wie Jean-Paul Sartre (1905-1980). Mit der Aufnahme an das prädestinierte Collège de France 1970 – für Foucault wurde eigens ein neuer Lehrstuhl „Geschichte der Denksysteme“ geschaffen – kehrte etwas mehr Ruhe in sein Leben ein. Die großen Freiheiten, die das Collège de France seinen Dozenten ließ, ermöglichten Foucault ein intensives Arbeiten und ausgedehnte Reisen nach Japan und in die USA. Ab 1981 setzte er sich wieder stark politisch für die Gewerkschaftsbewegung „Solidarność“ ein. 1984 verstarb Foucault an den Folgen einer HIV-Infektion, jedoch nicht ohne zuvor ein Publikationsverbot für posthume Veröffentlichungen zu erlassen. Weiterhin zerstörte er einen Großteil seiner Unterlagen,[15] was den heutigen Zusammenfassungen und Darstellung eine gewisse Fragmentation verleiht.[16] Seine erhaltenen Werke lassen sich in drei Phasen unterteilen. Die erste ist die strukturelle Phase in der er sich mit Wissens- und Machtdiskursen beschäftigte, die für das Individuum nur bestimmte Diskurspraktiken zuließen.[17] Foucault ging es unter diesem Aspekt um eine Analyse der gesellschaftlichen Praktiken, um die dahinter stehenden Muster und Regeln erkennbar zu machen. Die zweite Schaffensphase ist die genealogische Periode, in der sich alles um den Ursprung des historischen Diskurses drehte. Hierbei spielen die auf den Körper ausgeübten Disziplinarmächte eine entscheidende Rolle.[18] In der dritten Phase, die Geschichte des Begehrungsmenschen, versucht er der Frage nachzugehen, durch welche Diskurse und Selbsttechniken sich ein Individuum als Subjekt konstituiert und erkennt.[19] Selbst fasst Foucault seinen Bearbeitungsrahmen wie folgt zusammen: „Ich habe versucht, drei große Problemtypen auszumachen: das Problem der Wahrheit, das Problem der Macht und das Problem der individuellen Verhaltensführung.“.[20] An dieser Stelle müssen wir feststellen, dass Foucault sich scheinbar nicht mit unserer Thematik beschäftigte und in der Tat kommt die Frage nach der Staatsbegründung nur am Rande und in seinen Werken gar nicht vor. Jedoch trotz des Verbotes posthumer Veröffentlichungen lassen sich kleine Abhandlungen, die diesen Themenbereich streifen, finden. Vor allem sind seine Vorlesungen am Collège de France von hohem Wert, denn Foucault begriff sich vornehmlich als Historiker und nahm daher stark auf den geschichtlichen Kontext Bezug, um seine Thesen zu verdeutlichen und zu erklären.[21] Ich würde dies als historisch-analytische Methode bezeichnen, in der er nicht umher kam, eine Genealogie des modernen Staates aufzustellen, wenn er die heutige Gesellschaft, unter dem Konzept der Gouvernementalität, betrachten möchte.

[...]


[1] Z.B. durch Bildungs- und Gesundheitswesen, Grundrechte, Militärdienst, Kriege, Steuern, Strafen jeder Art usw..

[2] Vgl. Weber, Max. Wissenschaft als Beruf 1917 - 1919, Politik als Beruf 1919. Hrsg.: Mommsen, Wolfgang Justin. Tübingen 1994. S. 35ff.

[3] Vgl. Jellinek, Georg. Allgemeine Staatslehre. Bearb. v. Jellinek, Walter. Berlin 1921³. S. 406-427.

[4] Vgl. zur Staatsdefinition: Horn, Christoph. Einführung in die politische Philosophie. Darmstadt 2003. S. 8ff. Jedoch ist hier anzumerken, dass die dargelegte Definition freilich nur eine Idealvorstellung ist, die man nur als Theorie begreifen kann.

[5] Vgl. Höffe, Otfried. Thomas Hobbes. München 2010. S. 27.

[6] Vgl. Höffe. 2010. S. 29.

[7] Vgl. Höffe. 2010. S. 32-34.

[8] Vgl. Carlin, Norah. The causes of the English Civil War. Oxford [u.a.] 1999. 149-155.

[9] Ediert in: Hobbes, Thomas. Human Nature and De Corpore Politico. Bearb. v. Gaskin. New York 1994. S. 21-228.

[10] Hobbes, Thomas. Vom Bürger. In: Hobbes, Thomas. Vom Menschen. Hrsg.: Gawlick, Günter. Hamburg 1994³. S. 57-328. Infolge nur noch: De Cive. Cap.

[11] Hobbes, Thomas. Leviathan or the matter, form, and power of a commonwealth, ecclesiastical and civil: erster und zweiter Teil. Übers.: Mayer, Jacob-Peter. München 2006. Infolge nur noch: Levi. Cap.

[12] Zum Leben und Wirken Thomas Hobbes vgl. Höffe. 2010. S. 27-60. u. Hanst, Michael. Hobbes Thomas. In: BBKL Bd. II. Hamm 1990. Sp. 907-911.

[13] Vgl. Burkard, Franz-Peter; Kunzmann, Peter; Wiedmann, Franz. Dtv-Atlas Philosophie. München 2009. S. 116ff. u. Höffe. 2010. S. 64ff.

[14] Vgl. Foucault, Michel. Dits et Ecrits. Schriften: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits: Band IV. 1980-1988. Hrsg.: Defert, Daniel. Paris 2005. Infolge nur noch De E. IV. S. 645f.

[15] Vgl. Ruffing, Reiner. Michel Foucault. Paderborn 2008. S. 26.

[16] Zum Leben und Wirken Foucaults vgl. Marti, Urs. Michel Foucault. München 1999². S. 10ff. u. Ruffing. 2008. S. 9ff.

[17] Z.B. die Werke Wahnsinn und Gesellschaft, Geburt der Klinik, Die Ordnung des Diskurs und Archäologie des Wissens.

[18] Z.B. Gefängnismacht, Normalisierungsmacht und Macht der Psychiatrie; Werke: Überwachung und Strafen, Dispositive der Macht und Mirkrophysik der Macht.

[19] Werke: Der Wille zum Wissen, Der Gebrauch der Lust, Die Sorge um mich und Diskurs und Wahrheit. Zur Einteilung vgl. Ruffing. 2008. S. 8-9.

[20] De E. IV. S. 860.

[21] Zur Wertung der Werke unter Einbezug der Sammelschriften „ Dits et Ecrits“ und der Vorlesungen am Collège de France siehe: Ruoff, Michael. Foucault-Lexikon: Entwicklung, Kernbegriffe, Zusammenhänge. Paderborn 2009². S. 13-60.

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Der Staat aus der Perspektive von Thomas Hobbes und Michel Foucault
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Politische Philosophie
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V171244
ISBN (Buch)
9783640904938
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
staat, perspektive, thomas, hobbes, michel, foucault
Arbeit zitieren
Pierre Köckert (Autor), 2011, Der Staat aus der Perspektive von Thomas Hobbes und Michel Foucault, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171244

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