Möglichkeiten der erlebnispädagogischen Arbeit auf einem Abenteuerspielplatz zur Intervention und Prävention des AD(H)S- Phänomens bei Kindern


Diplomarbeit, 2010
75 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 AD(H)S
2.1 Begriffsklärung
2.2 Klassifikationen
2.2.1 Symptomkatalog
2.2.2 ICD-
2.2.3 DSM IV
2.3 Erklärungsansätze
2.3.1 Hirnstoffwechselkrankheit
2.3.2 Genetische Disposition
2.3.3 Soziale Belastungen
2.3.4 Gesellschaftliches Phänomen
2.3.5 Umweltgifte
2.4 Diagnoseverfahren
2.5 Behandlungskonzepte
2.5.1 Kindzentrierte Behandlungsmaßnahmen
2.5.2 Familienorientierte Maßnahmen
2.5.3 Kindergarten- und schulbezogene Maßnahmen
2.5.4 Medikamentöse Behandlung

3 Erlebnispädagogik
3.1 Definitionsversuch der Erlebnispädagogik
3.2 Entwicklungsabriss und Leitgedanken der Erlebnispädagogik
3.3 Grundzüge der Methodik
3.4 Kritik zur Erlebnispädagogik
3.5 Kritik zur Erlebnisgesellschaft

4 AD(H)S und Erlebnispädagogik

5 Abenteuerspielplatz
5.1 Begriffsklärung
5.2 Qualitäten und Funktionen eines ASP
5.3 Elemente eines Abenteuerspielplatzes
5.3.1 Hüttenbau
5.3.2 Basteln und Bauen
5.3.3 Tierbereich
5.3.4 Garten und Streuobstwiesen
5.3.5 Feuerstelle und Lehmofen
5.3.6 Weitere wichtige Elemente und Angebote

6 AD(H)S auf dem ASP
6.1 Psychotherapeutische Wirkungen der Erlebnispädagogik
6.2 Möglichkeiten im primären Bereich
6.3 Möglichkeiten im sekundären Bereich
6.4 Möglichkeiten im tertiären Bereich

7 Zusammenfassung und Ausblick

Quellenverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Eine steigende Zahl von Menschen sieht sich, sei es aus persönlichen oder beruflichen Gründen, mit dem Thema einer so genannten „Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung“ konfrontiert. Die Diskussionen um das Verhalten mancher Kinder sind nicht nur wissenschaftlich, sondern auch gesellschaftlich in aller Munde. Bücher mit Titeln wie „Generation Doof“ oder „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ avancieren zu Bestsellern. Die gesellschaftlichen Meinungen über Kinder mit auffälligem Verhalten gehen von ganzheitlichen Betrachtungen bis zur Denunzierung als Mensch, der „nur nicht anders will“.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten][1]

Die Ideologie des Störungsbildes, welches sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt, ist keine grundlegend Neue. Diese scheint jedoch in seiner Ausbreitung und in seinen gesellschaftlichen Auswirkungen im ausgehenden 20. Jahrhundert sowie den ersten Jahren des 21. Jahrhundert, nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika, förmlich zu explodieren. Die stetig steigenden Diagnosezahlen und die ebenso starke Vermehrung von Angeboten zur Information, Behandlung, Weiterbildung, Spezialisierung etc. vermitteln die Brisanz dieser Thematik. Sie schaffen eine Diskussions- und Arbeitsbasis, schüren jedoch ebenso Unsicherheit und Hilflosigkeit bei Betroffenen und Fachleuten. Peter Fox ist kein diagnostizierter und bekennender AD(H)S`ler, seinen Gedanken entstammt jedoch folgender Liedtext:

Seine Worte beschreiben eindrucksvoll, wie es in meinem Verständnis einer AD(H)S- stigmatisierten Persönlichkeit in unserer Gesellschaft „gehen“ muss. Die damit verbundenen gesellschaftlichen und sozialen Erfahrungen und Erlebnisse im Kindesalter und der Pubertät haben enorme Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der betroffenen Person.

Meine pädagogische Arbeit brachte mich in der Vergangenheit vermehrt mit Kindern in Kontakt, die in irgendeiner Art und Weise und in unterschiedlichen Schweregraden von gesellschaftlichen Normen, die das Verhalten und die Leistungsfähigkeit betreffen, abwichen. Diese Abweichungen sind keineswegs nur im negativen Bereich angesiedelt. Durch frühzeitiges Erkennen und entsprechende Förderung können zum Beispiel Hochbegabungen auf mathematischem oder physikalischem Gebiet oder verborgene künstlerische Talente hervor gebracht werden.

Der Rahmen zu einer gesellschaftskonformen Entwicklung, welcher durch Werte und Normen wie zum Beispiel wirtschaftliche Leistungsorientierung, technologische Schnelllebigkeit, materieller Konsum und viele weitere Faktoren definiert wird, bildet „Leitplanken“, an denen sich augenscheinlich vermehrt Kinder den „Lack zerkratzen“.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil meiner bisherigen Arbeit war die Erlebnispädagogik, sowohl im Klassenverband und festen Gruppen, als auch in der Offenen Kinder und Jugendarbeit. In beiden Bereichen, die sich in der Arbeitsweise des ELAN e.V. und des DOMINO e.V. widerspiegeln, konnte ich entsprechende Erfahrungen und Eindrücke mit dieser Methode sammeln. Als Schlussfolgerung der gewonnenen Erkenntnisse erachte ich die Erlebnispädagogik als geeignete Methode um AD(H)S- betroffene Personen zu befähigen, mit der Etikettierung einer „Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung“ und ihren Auswirkungen auf intra- sowie interpersoneller Ebene möglichst „gelingend“ umzugehen sowie sich gesellschaftlichen Vorgaben anzunähern.

Für eine angemessene und ganzheitliche Bearbeitung der Problematik AD(H)S reicht es aber nicht, aus sich nur auf das Kind zu fokussieren. Das soziale Umfeld und die in ihm agierenden Personen sind ebenfalls in die Betrachtungen einzuschließen. Dies bezieht sich auf die gesellschaftspolitische, vor allem bildungspolitische Ebene, genauso wie auf die Netzwerke aus unterschiedlichen Professionen und Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.

Um diesen umfassenden Anforderungen gerecht zu werden, bietet sich ein Abenteuerspielplatz als eine Art Knotenpunkt an. Auf folgende Frage muss dabei eine Antwort gefunden werden:

Welche Möglichkeiten ergeben sich aus der erlebnispädagogischen Arbeit auf einem Abenteuerspielplatz zur Intervention und Prävention des AD(H)S- Phänomens bei Kindern?

Zur Einarbeitung in die Thematiken AD(H)S, Erlebnispädagogik und Abenteuerspielplatz sowie zur Beantwortung der aufgeworfenen Frage wird meine Arbeit folgenden Aufbau haben:

Kapitel zwei wird einen Überblick darüber geben, worum es sich bei AD(H)S handeln soll. Es wird kritisch dargestellt, welche Erklärungsansätze vorliegen, welche Klassifikationen und Symptomzuschreibungen existieren und wie diagnostiziert und behandelt werden sollte. Kapitel Nummer drei wird sich mit der Methode Erlebnispädagogik befassen. Ein Entwicklungsabriss verschafft einen geschichtlichen Überblick und soll die Leitgedanken der Erlebnispädagogik verdeutlichen. Neben der Darstellung von Grundzügen dieser Methode möchte ich mich kritisch mit ihr, aber auch mit der Einwirkung der „Erlebnisgesellschaft“ auf die erlebnispädagogische Arbeit auseinandersetzen. Im vierten Kapitel möchte ich einen Fokus darauf setzen, wie sich die Situation im Jahr 2010 bezogen auf die Begriffe AD(H)S und Erlebnispädagogik darstellt und ob sich Zusammenhänge erkennen lassen. Das fünfte Kapitel wird darstellen, worum es sich bei einem Abenteuerspielplatz handelt, welche Voraussetzungen charakteristisch sind und welche Funktionen diese erfüllen. In Kapitel sechs werde ich die vorangegangen Information verknüpfen und einige Möglichkeiten aufzeigen, welche die erlebnispädagogische Arbeit mit von AD(H)S- betroffenen Kindern und deren Bezugspersonen auf einem Abenteuerspielplatz bietet und welche Rolle er als Netzwerkpartner spielen kann. Die Zusammenfassung wird durch einen kurzen Ausblick ergänzt und bildet den Abschluss dieser Arbeit.

Eine umfangreiche Internetrecherche zu AD(H)S-spezifischen Angeboten auf Abenteuerspielplätzen brachte keine Erkenntnisse über Bestrebungen dieser Art. Erlebnispädagogik beschränkt sich in Bezug auf die „Behandlung“ von AD(H)S meist noch auf die Anwendung „alltagsferner“ Maßnahmen wie zum Beispiel dem Klettern[2], Kanu fahren oder ähnlichem. Sie bietet jedoch in Verbindung mit den Gegebenheiten eines Abenteuerspielplatzes auch ein enormes Potential an ganzheitlichen und lebensweltorientierten, alltagsnahen, kleinen und großen Möglichkeiten, welche zur „Behandlung“ von AD(H)S beitragen könnten. Nicht zuletzt bietet sich bei entsprechender wissenschaftlicher Fundierung und dem nötigen Weitblick vielleicht die Möglichkeit Vorurteile zu brechen und die Folgen der Stigmatisierung auf die Betroffenen zu mindern.

2 AD(H)

2.1 Begriffsklärung

Die Bezeichnungen für das, was Kinder mit gestörter Aufmerksamkeit und Hyperaktivität aus gesellschaftlicher und medizinischer Sicht zu „Zappelphilipp“ und „Hans guck in die Luft“ macht, sind wie bereits erwähnt nicht neu, dafür umso vielfältiger.

Wurden Verhaltensweisen dieser Art bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts noch als „Hyperkinetisches Syndrom“ (HKS) oder als unklar definierte minimale Hirnschädigung (MCD = „minimale cerebrale Dysfunktion“) bezeichnet, haben heute verschiedene Bezeichnungen wie „Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit und ohne Hyperaktivität“, „Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätssyndrom“ oder „Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung“ in die Literatur Einzug gehalten.[3]

Im weiteren Verlauf meiner Arbeit möchte ich mich auf die Bezeichnung „Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndrom“ und die daraus folgende Abkürzung AD(H)S festlegen. Ich entscheide mich für die Definition als Syndrom, da mit diesem Begriff „in der Medizin seit jeher Auffälligkeiten zusammengefaßt (sic!) (werden), die jede für sich noch nicht unbedingt pathologisch sind, deren regelhaftes gemeinsames Auftreten aber auf eine gemeinsame Störung hinweist.“[4] Für diese Arbeit soll das Verständnis als Syndrom zu Grunde liegen, da die Bezeichnung als Störung zwar medizinisch korrekt ist, jedoch den Beigeschmack besitzt, dass im „Kranken“ allein die Ursachen seines Verhaltens zu suchen sind.

In meinem Begriffsverständnis und der einheitlichen Bezeichnung möchte ich die beiden Subtypen, welche sich durch den Grad der Hyperaktivität unterscheiden, die durch das Ausbleiben oder Vorhandensein eines übermäßigen Bewegungsdrangs und motorischer Impulsivität gekennzeichnet sind, zusammenfassen.

2.2 Klassifikationen

Die Beschreibung der Symptomatiken von AD(H)S beziehungsweise jener Krankheitsbilder, die unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst, sowie die Benennung von Kriterien, die zur Diagnosestellung herangezogen werden, erfolgt in den Klassifikationsschriften ICD-10 und DSM-IV. Die Klassifikationsschemata sind nicht identisch, „stimmen aber in grundsätzlichen Aspekten überein.“[5] Dass die Gegenüberstellung der Schemata von enormer Wichtigkeit ist, zeigt sich bei der Zusammenführung und dem Vergleich von Studien hinsichtlich Prävalenz, Inzidenz und Therapieerfolgen der verschiedenen Länder und der angewendeten Klassifizierung. So ergibt sich nach Glaeske und Würdemann eine Prävalenz für Deutschland nach ICD-10 von 2,4% und nach DSM IV von 6% der Sechs- bis Zehnjährigen.[6] Ein beträchtlicher Unterschied.

Gemeinsamkeiten finden die Klassifizierungen auf zwei Linien.

Erstens kann die Diagnose erst vergeben werden, wenn das erstmalige Auftreten der Symptome vor dem sechsten Lebensjahr liegt, sie über sechs Monate bestehen und mehrere Bereiche des Kindes (Schule, Kindergarten, Familie) betreffen. In zweiter Linie stimmen sie überein, dass die Diagnose beim Vorherrschen anderen psychischen Erkrankungen und Störungen nicht vergeben werden darf. Als Beispiele sind die Teilleistungsstörungen, Autismus, Tic- Störungen, Psychosen und Nebenwirkungen medikamentöser Dauertherapie zu nennen.[7]

Kritisch anzumerken ist, dass soziale, familiäre und psychische Hintergründe in den Diagnosekriterien der beiden Klassifikationssysteme nicht berücksichtigt und in den Untersuchungen zu ADHS zu wenig oder gar nicht einbezogen werden, für eine kompetente Diagnose aber unerlässlich sind.[8]

2.2.1 Symptomkatalog

Sowohl das ICD-10 als auch das DSM-IV geben eine nicht geringe Zahl an Verhaltensweisen an, welche als Symptome einer AD(H)S definiert werden. Die Beschreibung der Symptome erfolgt über die drei Bereiche Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. In deutschen Bearbeitungen werden sie wie folgt benannt:

Unaufmerksamkeit:

- beachtet Einzelheiten häufig nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei Schularbeiten, der Arbeit oder anderen Tätigkeiten,
- hat oft Schwierigkeiten die Aufmerksamkeit über längere Zeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten,
- hört scheinbar oft nicht zu wenn andere ihn/sie ansprechen,
- führt Anweisungen anderer häufig nicht vollständig durch und kann Aufträge nicht zu Ende bringen,
- hat häufig Schwierigkeiten in der Organisation von Aufgaben und Aktivitäten,
- vermeidet häufig, beschäftigt sich oft nur widerwillig oder hat eine Abneigung gegen Aufgaben die länger andauernder geistiger Anstrengung bedürfen,
- verliert häufig Gegenstände, die für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt werden,
- lässt sich oft leicht von äußeren Reizen ablenken,
- ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich.
Hyperaktivität:
- zappelt oft mit Händen und Füßen oder rutscht im Sitzen herum,
- steht häufig in Situationen, in denen Sitzen bleiben gefordert ist, auf,
- läuft oft herum oder klettert exzessiv in unpassenden Situationen,
- hat oft Schwierigkeiten ruhig zu spielen oder sich ruhig mit Freizeitaktivitäten zu beschäftigen,
- handelt oftmals als wäre er/sie von etwas getrieben, scheint immer „auf Achse“ zu sein,
- er/ sie redet übermäßig viel.
Impulsivität:
- platzt oft mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist,
- kann nur schwer warten, bis er/ sie an der Reihe ist,
- häufiges Unterbrechen und Stören anderer.[9]

Anhand der Anzahl und ihrer Bereichsverteilung lassen sich die unterschiedlichen Störungen, welche sich unter AD(H)S sammeln, diagnostizieren.

Zu erwähnen ist an dieser Stelle die unterschiedliche Anzahl der Symptome in den unterschiedlichen Klassifikationssystemen, welche präsent sein müssen, um eine Diagnose zu rechtfertigen. Ihr Verteilungsverhältnis wird in der jeweiligen Klassifikation angegeben.

2.2.2 ICD-10

Das ICD-10[10] ist das Diagnoseschema der „World Health Organization“. Es unterscheidet im Kapitel V unter der Überschrift „Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ die für die AD(H)S- Thematik relevanten Diagnosen:

- „einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“(F90.0)
- „hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens“(F90.1)
- „sonstige hyperkinetische Störungen“(F90.8)
- „Hyperkinetische Störung nicht näher bezeichnet“(F90.9)

Störungen, bei dessen Vorliegen eine AD(H)S- Diagnose nicht vergeben werden kann, sind:

Affektive Störungen (F30-F39), Angststörungen (F41.-, F93.0), Schizophrenie (F20.-) und Tiefgreifende Entwicklungsstörungen (F84.-).[11]

Zur Diagnosestellung der „einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung“ müssen sechs Symptome der Kategorie Unaufmerksamkeit, drei der Kategorie Hyperaktivität und ein Symptom der Kategorie Impulsivität vorhanden sein.

Charakteristische Merkmale der hyperkinetischen Störungen sind ein Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen, die kognitiven Einsatz verlangen. Diese Tätigkeiten auch zu Ende zu bringen ohne vorher zu einer anderen zu wechseln, fällt schwer. Dieser Mangel an Ausdauer geht mit einer überschießenden, mangelhaft regulierten und desorganisierten Aktivität einhergeht. Kinder mit hyperkinetischen Störungen erscheinen oft achtlos und impulsiv. Sie werden oft bestraft, obwohl sie eher aus Unachtsamkeit als aus Vorsatz Regeln verletzen.

Andere Auffälligkeiten können zusätzlich vorliegen. Das überproportionale Vorkommen spezifischer Verzögerungen der motorischen und sprachlichen Entwicklung legt nahe, dass eine Beeinträchtigung kognitiver Funktionen häufig ist. Bei anderen Kindern sind AD(H)S- Kinder oft unbeliebt und können isoliert werden. Die Beziehung zu Erwachsenen ist meist durch eine Distanzstörung und mangelhafte Vorsicht und Zurückhaltung geprägt. Dissoziales Verhalten und niedriges Selbstwertgefühl sind mögliche sekundäre Komplikationen.[12]

Die Klassifikation von ADS findet sich unter „Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“(F98.8) unter der Bezeichnung „Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität“[13].

Gegenüber der Ursachenproblematik, welche den Störungen der Kategorie F9 und somit den AD(H)S relevanten Diagnosen zu Grunde liegen, äußern sich Müssigbrodt u.a. in ihrer Beschreibung dahingehend, dass eben diese Kategorie „überwiegend durch psychosoziale Belastungsfaktoren ausgelöste Störung bei Kindern und Jugendlichen“[14] beinhaltet.

2.2.3 DSM IV

Das DSM-IV[15] stellt das US-amerikanische Klassifizierungssystem für mental-psychische Störungen dar. Da die Anfänge der AD(H)S- Erforschung in den Vereinigten Staaten von Amerika zu finden sind, ist das DSM-IV heute das von diesem Forschungsbereich bevorzugte Schemata. Es klassifiziert unter der Überschrift „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ drei Subtypen: den vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Typus (314.01), den vorwiegend unaufmerksamen Typus (314.00) und den Mischtypus (314.01).[16] Im DSM-IV wird der bereits beschriebene Symptomkatalog zu Grunde gelegt und es werden weitere Kriterien zur Diagnosestellung vorgegeben.

Diese Kriterien sind:

- eine Beeinträchtigung durch die Symptome erfolgt in zwei oder mehr Bereichen (Schule, Arbeit, Familie etc.),
- deutliche Hinweise auf klinische Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen,
- die Symptome können nicht durch eine andere psychische Störung besser erklärt werden und sie treten auch nicht ausschließlich im Verlauf einer anderen psychischen Störung auf.

Sind diese Kriterien erfüllt, entscheidet die Anzahl der Symptome und deren Gruppenzugehörigkeit über die genaue Diagnosestellung. Liegen mindestens sechs der Symptome aus der Kategorie Unaufmerksamkeit vor, ist die „Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, Vorwiegend Unaufmerksamer Typus“ zu diagnostizieren. Sind sechs Symptome der Kategorie Hyperaktivität/ Impulsivität gegeben, ist die Diagnose „Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitäts-störung, Vorwiegend Hyperaktiv- Impulsiver Typus“ anzusetzen. Sind jeweils sechs Symptome beider Kategorien zu verzeichnen, stellt „Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, Mischtypus“ die korrekte Diagnose dar.[17]

2.3 Erklärungsansätze

Die Suche nach den auslösenden Faktoren einer AD(H)S hat zu mehreren Erklärungsansätzen geführt. Diese werden mehr oder weniger stark in der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte geachtet und diskutiert. Sie haben jedoch eines gemeinsam: ihnen fehlt allen ein endgültiger wissenschaftlich überprüfbarer Beweis. Sie stützen sich zu großen Teilen auf kausale Annahmen, welche auch in heutiger Zeit mit keinem Blut- oder Urintest, mit keinem Fragebogen oder psychologischem Test und auch mit keinem hochmodernen bildgebenden Verfahren[18] einen krankhaften Befund nachweisen konnten. Somit bleiben sie, trotz einer unüberschaubaren Zahl von Arbeiten doch Hypothesen.[19] Dies hat sich entgegen aller Bemühungen in den letzten Jahrzehnten nicht geändert.

Im Fokus des wissenschaftlichen Diskurses und der Bemühungen der Forschung zu den Ursachen von AD(H)S stehen heute die Annahme einer Hirnstoffwechselkrankheit und die Auffassung eines ursächlichen Zusammenhangs mit einer Gendisposition oder einem Gendefekt. Die Möglichkeit der Verursachung von AD(H)S durch belastende soziale Faktoren wie Familienkonstellation, Freizeit- und Bildungsmöglichkeiten findet zwar ebenso oft statt, das wissenschaftliche Fundament ist jedoch bei weitem nicht so stark wie das der oben genannten Richtungen. Soziale Belastungen werden eher als Verstärker denn als Verursacher angenommen und finden deshalb dahingehend Bedeutung. Ich erachte sie jedoch als eben so wichtig und möchte auch die existierenden Annahmen in diesem Sinn darlegen.

Kurz anschneiden möchte ich auch die Erklärungsansätze, welche A(D)HS als „Märchen“[20] oder als gesellschaftliches Phänomen erklären wollen und jene, die Umweltgifte als verursachende/ verstärkende Faktoren zu Grunde legen. Die Diskussion um die Ursachen ist ebenso vielfältig wie die Diskussion um eine mögliche, sich auf den jeweiligen Erklärungsansatz beziehende erfolgreiche Therapie.

Es scheint klar, dass eine Versteifung auf eine der Erklärungen der Komplexität von AD(H)S nicht gerecht wird.[21] Dennoch wird in der Fachliteratur die „Dopaminmangelhypothese“ oder die Verursachung durch eine Gendisposition überproportional erörtert und teils gar als monokausal dargestellt.

2.3.1 Hirnstoffwechselkrankheit

Seit Bradley im Jahr 1937 über die Beeinflussung der Hyperaktivität durch die Stimulanz Benzedrin[22] berichtete, sucht die neurobiologische Forschung nach plausiblen Erklärungsmodellen für die zunächst MCD und später AD(H)S genannten Verhaltensausprägungen.

Die fortschreitende Forschung zur Funktionsweise von Neurotransmittern[23] „ erlaubte die Hypothese, dass die Störung der Aufmerksamkeit und des motorischen Aktivitätsniveaus Ausdruck einer Hirnstoffwechselproblematik sein könnte.“[24] In diesem Zusammenhang rückten zwei Arten von Neurotransmittern in den Blickwinkel der Wissenschaft: Dopamin und Noradrenalin.

Die Dopaminmangelhypothese wurde aus der dopaminfreisetzenden Wirkung von Amphetaminen, welche Bradley mit seinen Versuchen mit oben genannter Stimulanz angestoßen hatte, abgeleitet. Sie geht von einem Dopamindefizit aus. Dopamin ist der Botenstoff jener Hirnregionen, in denen die Steuerung von Aufmerksamkeit, Spontanität des Verhaltens und Selbstkontrolle verortet ist.[25] Aus einem Dopaminmangel heraus hält es Neuhaus für sehr wahrscheinlich, dass „Betroffene ein angeborenes neurochemisches Verlangen danach haben, ihr Dopaminssystem anzuregen (durch Neues, Spannendes, Aktivität, leider auch durch Substanzen, die dort ‚angreifen’ und zu vermehrter Dopaminausschüttung führen).“[26] Es wird suggeriert, dass das unerwünschte Verhalten gezielt auf die Steigerung der Dopaminausschüttung abzielt.

Noradrenalin ist der Botenstoff des Orientierungs- und Wachheitsnetzwerkes unseres Gehirns. Das noradrenerge Neurotransmittersystem „sollte das Aufmerksamkeitssystem gleichmäßig aktivieren, damit jederzeit Wissen aus dem Langzeitgedächtnis abrufbar ist.“[27] Diese Hirnregion wird bei AD(H)S ebenfalls als dysreguliert dargestellt.

Die Regulation der Dysfunktionen beider Botenstoffsysteme erfolgt über Stimulanzien oder selektive Noradrenalin- Wiederaufnahmehemmer.

Erkenntnisse der neueren Hirnforschung, welche sich mit der Neuroplastizität des Gehirns beschäftigt, belegen die Wandelbarkeit des Gehirns. Die Veränderbarkeit der Hirnstruktur gewinnt als nichtmedikamentöse Behandlung der dysregulierten Hirnregionen an Bedeutung. Für Bonney ergeben sich aus der neuroplastischen Sichtweise auch Chancen, „die Bedeutung der Entwicklungsfaktoren für ein Verhaltensphänomen zu erfassen“, welches unter statischem Blick mit dem „Dopaminstoffwechsel in Verbindung gebracht wird“[28]. Ein sinnvoller Ansatz, wenn man nicht nur die Symptombehandlung, sondern auch die Ursachenbearbeitung verfolgen möchte.

2.3.2 Genetische Disposition

Wie bereits erwähnt, wird eine genetische Disposition ebenso als „unumstößliches Faktum“[29] in der AD(H)S- Verursachung angenommen. Die soziobiologische Forschung, welche sich der kontinuierlichen Untersuchung von genetischen Veränderungen als Ursache von Verhaltensauffälligkeiten angenommen hat, spricht im Zusammenhang mit AD(H)S von einer genetisch vermittelten Störung.

Bonney beschreibt jene Gene, welche in der Diskussion um den Zusammenhang mit dem Verhaltensmuster der AD(H)S stehen und erforscht werden. So deutete die Überpräsenz des männlichen Geschlechts (10:1 bis 3:1) auf einen Zusammenhang mit geschlechtsbestimmenden Genkonstellationen. Eine Konkordanzrate von 30% bis 60% bei Zwillingen führte zu einer wissenschaftlichen Untersuchung zwillingsspezifischer Genmuster. Heute werden bereits mehr als 20 verschiedene Gene, die das Neurotransmittersystem mit steuern und die Dopamin- Rezeptorgene D1 und D5 zur wissenschaftlichen Klärung der Ursachen von AD(H)S untersucht.[30]

Es scheint für die Ursachenklärung einer AD(H)S hilfreich, Genveränderungen und ihre Auswirkungen auf spezifische Hirnregionen und Botenstoffsysteme zu untersuchen.

Letztlich ermöglicht erst eine epigenetisch- neuroplastische Sicht- und Untersuchungsweise die Entwicklung und Beeinflussung der AD(H)S durch Lernprozesse und Umwelterfahrungen zu verstehen und entsprechende Interventions- und Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.

Ein rein genetischer Ansatz zur Klärung der Verursachung einer AD(H)S ist unzureichend. Eine mögliche Abwendbarkeit einer AD(H)S bei vorliegender Gendisposition wird nicht berücksichtigt. Dies verdeutlicht Biegert, wenn er schreibt: „Erst die Kombination aus genetischer Disposition und Sozialisation (Elternhaus, Schule, Gleichaltrige) führt am Ende zum manifesten Verhaltens- bzw. Persönlichkeitsstatus.“[31] Nach diesem Ansatz wird letztlich ein Gendefekt oder ein Genfehler als biologische Ursache vermutet, welcher zurzeit (noch) nicht behoben werden kann. Somit bleibt lediglich die Regulierung der Botenstoffe bzw. ihrer Rezeptoren durch entsprechende Medikamente.[32]

2.3.3 Soziale Belastungen

Wie bereits am Anfang dieses Kapitels angedeutet, wird sozialen Belastungen eher eine Verstärkerrolle als eine ursächliche Wirkung zugeschrieben. Da es, im Gegensatz zu den Erklärungsansätzen bezüglich einer Hirnstoffwechselkrankheit und der Verursachung durch eine genetische Disposition, keine vergleichbaren Untersuchungen zu sozialen Belastungen gibt, wehren sich insbesondere Eltern und Lehrkräfte gegen eine mögliche Verursachung von AD(H)S durch das soziale Umfeld und seinen Anforderungen.[33]

Eine der gravierendsten Veränderungen im familiären Kontext ist, insbesondere in der Mittelschicht, das gesteigerte Volumen der Erwerbsarbeit und somit die Reduzierung der (Erziehungs-) Zeit, welche mit den Kindern verbracht werden kann. Aber auch der Wandel zur Kleinfamilie durch sinkende Geburtenraten, hohe Scheidungsraten und eine steigende Zahl allein erziehender Mütter und Väter sind Bedingungen, die bei einer ganzheitlichen Ursachenforschung von AD(H)S berücksichtigt werden müssen. Die Angst vor Verarmung und sozialem Abstieg der Eltern sowie die veränderten Strukturen der Arbeitswelt[34] können sich direkt auf die Kinder übertragen und auswirken.

Aber auch die zunehmende Heterogenisierung der Lebensbedingungen von Kindern, die gesteigerte Abdeckung von Erziehung durch Dienstleistungsberufe und die weiterhin vorherrschende männliche Minorität in der Erziehung stellen Umweltfaktoren dar, welche für die Entwicklung von Kindern als eher negativ betrachtet werden können.[35]

Auch der technologische Fortschritt hat nicht nur Sonnenseiten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit möchte ich abschließend noch einige Faktoren nennen, welche sich aus der Entwicklung zu enormen und weiter steigenden Informations- und Medienangebot ergeben. So ist beispielsweise bei der Gestaltung von Kindersendungen die Tendenz zu erkennen, dass ein Trend zu immer schnelleren Schnitten und grafischer Aufarbeitungen zu verzeichnen ist. Eine kurze Aufmerksamkeitsspanne wird den Kindern somit anerzogen, die Gier nach immer neuen Reizen gefördert und die Differenzierung nach wichtigen und unwichtigen Informationen, auf Grund ihrer Fülle und Schnelllebigkeit, erheblich erschwert.[36]

Dass soziale Belastungen, mit denen Kinder in unserer Gesellschaft konfrontiert werden, in die Ursachenforschung einer AD(H)S einbezogen werden müssen, scheint somit klar. Unklar scheint, warum dies in den letzten Jahrzehnten so sträflich vernachlässigt wurde.

2.3.4 Gesellschaftliches Phänomen

Die Ansicht, AD(H)S könnte eine Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen sein, wird vorwiegend in Schriften diskutiert, welche sich kritisch mit einer reinen biochemischen Verursachung der „Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörung“ auseinander setzen. In der Vielzahl von Ratgebern taucht dieser Ursachenansatz selten bis gar nicht auf.

So beschreibt Amft, dass AD(H)S „ in erster Linie Ausdruck einer misslingenden kindlichen Entwicklung, deren allgemeine Ursache in der Diskrepanz zwischen menschlicher Natur und Gesellschaftssystem liegt“[37] sei und somit als Phänomen bzw. Konstrukt zu bewerten ist. Jede Gesellschaft hat enormen Einfluss darauf, was als „normal“ oder als „psychisch krank“ gilt. So werden Kinder, welche mit AD(H)S assoziierte Verhaltensweisen zeigen, in Kulturen mit großzügigeren Verhaltensmaßstäben möglicher Weise als völlig gesund betrachtet. Als Gegenstück hierzu existieren jedoch auch Gesellschaften mit noch rigideren Verhaltensnormen[38], in denen Kinder beispielsweise als hyperaktiv definiert werden, jedoch nach Standards der westlichen Industriestaaten als „normal“ gelten.[39] Es könnte also sein, dass die beschriebenen und oft beklagten Verhaltensweisen „normale“ Reaktionen der Kinder auf jene Lebensumstände sind, die wir ihnen schaffen.

In der Gesellschaft in der Werte wie Kooperation und Sicherheit zunehmend durch Werte wie Vorherrschaft und Konkurrenzdenken verdrängt werden, macht es nach Hartman Sinn, jene Verhaltensweisen, die nicht zur Aufrechterhaltung und Verstärkung dieser Werte und Fähigkeiten dienen, durch die politisch Verantwortlichen zu unterbinden, auszugrenzen und zu pathologisieren.[40] AD(H)S als gesellschaftliches Phänomen zu verstehen, ist geprägt durch zwei Aspekte: die Verwahrlosung von Kindern durch mangelnde Beziehungs- und Erziehungsumwelt mit defizitären Folgen für die psychostrukturelle Entwicklung der Kinder einerseits und der Anpassung der Menschen an die herrschenden Bedingungen der Gesellschaft, welche in steigender Zahl mit psychischen und psychosomatischen Störungen und Krankheiten verbunden ist andererseits.[41]

Der Wandel fachlicher Prioritäten in der psychologischen Forschung von äußerem Verhalten hin zur Fokussierung auf die Funktion des Geistes kam dem Bestreben ein „kognitives Problem (die Aufmerksamkeitsdefizit- Störung) zu kreieren“[42], welches sich hauptsächlich durch Psychopharmaka behandeln lässt, wie gerufen und wird nicht zuletzt durch den ökonomischen Aspekt, die finanzielle Bereicherung von Pharmaunternehmen, ÄrztInnen, PsychologInnen, LernspezialistInnen, AutorInnen und weiteren Berufsgruppen untermauert.

2.3.5 Umweltgifte

Die Diskussion um eine mögliche Verursachung von AD(H)S durch Umweltgifte bzw. ihrer Wirkungen als Risikofaktoren wird in zunehmendem Maß wissenschaftlich als auch unwissenschaftlich diskutiert. Es scheint jedoch verwunderlich, warum die AD(H)S- Forschung mögliche Wechselwirkungen von Neurotoxinen und genetischen Faktoren nicht näher in Betracht und in Untersuchung ziehen.[43] Die mögliche Verursachung und Verstärkung der AD(H)S durch Nahrungsmittelzusätze und Umweltgifte wie Blei, Pestizide, Tabakrauch, Quecksilber und vieles mehr ist ein heikles und darüber hinaus dringliches Thema. Heikel dahingehend, dass „wichtige wissenschaftliche Fakten zum Schädigungspotential ausgeblendet und finanzielle Interessen als gleichwertig diskutiert werden“[44]. Dringlich, da die Belastung durch Umweltgifte stetig zunimmt und uns manche „Substanz“ gar fahrlässig und ohne wissenschaftlich bewiesene Nützlichkeit untergejubelt wird.[45]

Die meisten Grenzwerte sind aus medizinischer Perspektive für Erwachsene erforscht und entsprechend festgesetzt. Ähnlich der Entwicklungspsychologie muss sich auch in der Medizin eine pädiatrische Sicht einstellen, die die besonderen Auswirkungen von Umwelteinflüssen auf den kindlichen Körper berücksichtigt. Die Erkenntnis, dass sie eben doch keine kleinen Erwachsenen sind, sollte auch Konsequenzen nach sich ziehen. Umweltgifte sind für Kinder besonders risikoreich da sie im Gegensatz zu Erwachsenen:

- „eine größere Hautoberfläche relativ zum Körpergewicht haben,
- ein größeres Atemvolumen im Verhältnis zum Körpergewicht besitzen,
- eine erhöhte Nahrungsaufnahme relativ zum Körpergewicht haben,
- eine höhere Resorption von Umweltgiften im Magen- und Darmtrakt aufweisen,
- weniger und unzureichend entwickelte Entgiftungsenzyme besitzen,
- eine unvollständig entwickelte Nieren- und Leberfunktion aufweisen,
- gerade in jüngeren Jahren ein schwächeres Immunsystem haben,
- durch ihre geringe Größe stärker von Schadstoffen in Bodennähe betroffen sind.“[46]

2.4 Diagnoseverfahren

Die klinische Diagnose von AD(H)S beruht in Deutschland zu meist auf dem Klassifizierungsschema ICD-10. Die Leitlinien zur Diagnostik von AD(H)S sind sehr stark an den Symptomen orientiert, was wiederum Nährboden für symptomorientierte Behandlungsstrategien liefert und somit die Ursachen für die Entstehung und Ausprägung der Symptomatik ausklammert.[47]

Eine Diagnose von AD(H)S kann nur gelingen, wenn sie auf einem multiperspektivischen Fallverständnis beruht, bei der „ÄrztInnen eine präzise Differentialdiagnose vornehmen und Eltern, LehrerInnen, PsychologInnen und SozialpädagogInnen ihre Verhaltensbeobachtungen über längere Zeiträume einbringen.“[48]

Eine Diagnose im multiperspektivischen bzw. multiaxialen Sinn sollte zusammengefasst folgende Bereiche abdecken:

- aktuelle psychiatrische Problematik,
- körperliche Symptomatik / allgemeine Gesundheit,
- intellektuelle Entwicklung und Intelligenzniveau,
- Entwicklungs- und Teilleistungsstörungen,
- psychosoziale Umstände und psychosoziales Anpassungsniveau.

Portmann beschreibt, dass das einzige Verfahren, welches speziell für die Diagnose von ADHS entwickelte wurde, einfache Fragebögen sind, welche die Diagnosekriterien der ICD-10 und DSM-IV zusammenfassen und „für den Alltagsbedarf übersetzen“.[49]

Diese Fragebögen sind nicht nur dahingehend kritisch zu sehen, dass ihre Aussagekraft von der Subjektivität des Bewertenden geprägt ist. Sie sind beispielsweise eher unspezifisch, da beschriebene Verhaltensweisen auch Anzeichen anderer Störungen gleich welcher Art sein können. Ebenso sind sie eher unzuverlässig, da die Hauptsymptome wie geringe Konzentration und hoher Aktivitätsgrad allgemein zu Kindern gehören. Dass diese Fragebögen psychische, soziale und familiäre Hintergründe wenig bis gar nicht einbeziehen, macht eine zuverlässige Diagnosestellung nicht einfacher. Rossi und Bürgi zeigen konkret, welche Aufgabe der Diagnostik eigentlich zukommt:

„Eine Diagnostik bei ADHS- Verdacht muss nicht in erster Linie nachweisen, ob, sondern warum Aufmerksamkeits- und Impulsregulationsstörungen vorliegen.“[50]

Dass dies zurzeit bei AD(H)S noch nicht im nötigen Umfang realisiert ist, zeigen nicht zuletzt die andauernde Ursachendiskussion und die dieser zu Grunde liegenden Zweifel von Gültigkeit und Vollständigkeit der existieren Erklärungsansätze.

[...]


[1] Peter Fox in „Lok auf zwei Beinen“

[2] o.N. (2007), 30

[3] Portmann (2003), 10f; Aust- Claus u. Hammer (2002), 18; Hüther u. Bonney (2007), 12; Köckenberger (2001), 12; Mattner in Amft u.a. (2004), 14f

[4] Hüther u. Bonney (2007), 21

[5] Glaeske u. Würdemann In: Bonney (Hrsg.)(2008), 55

[6] Glaeske u. Würdemann In: Bonney(Hrsg.)(2008), 57

[7] Glaeske u. Würdemann In: Bonney(Hrsg.)(2008), 56f

[8] Hüther u. Bonney (2007), 104f; Portmann (2003), 31

[9] Portmann (2003), 28ff

[10] International Classification of Disease

[11] Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (2009), 171

[12] Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (2009), 220

[13] Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (2009), 225

[14] Müssigbrodt u.a. (2006), 133

[15] Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders

[16] Saß u.a. (1998), 64

[17] Portmann (2003), 28ff; Saß u.a. (1998), 62ff

[18] z.B.: Elektroenzephalografie (EEG), Computertomographie (CT), Magnet- Resonanz- Therapie (MRT, auch Kernspintomographie genannt)

[19] Hüther und Bonney (2007), 19

[20] Armstrong (2002)

[21] Brandau in Bonney (Hrsg.)(2008), 34

[22] Benzedrin ist ein Amphetamin und wurde erstmals 1927 synthetisch hergestellt.(wissenschaft-online.de)

[23] Botenstoffe im Gehirn

[24] Bonney in Bonney (Hrsg.)(2008), 19

[25] Hüther u. Bonney (2007), 18

[26] Neuhaus (2007),45

[27] Neuhaus (2007),47f

[28] Bonney in Bonney (Hrsg.)(2008), 20

[29] Bonney in Bonney (Hrsg.)(2008), 21

[30] Bonney in Bonney (Hrsg.)(2008), 21

[31] Biegert in Fitzner u. Stark (Hrsg.)(2000), 29

[32] Hüther u. Bonney (2007), 20

[33] Portmann (2003), 23

[34] Zum Beispiel die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die eine permanente Angst vor Arbeitslosigkeit mit sich bringt.

[35] Amft in Amft u.a.(2004), 140ff

[36] Armstrong (2002), 52f; Portmann (2003), 24

[37] Amft in Amft u.a.(2004), 146

[38] z.B. China oder Indonesien

[39] Armstrong (2002)

[40] Hartmann in Fitzner u. Stark (Hrsg.)(2000), 55f

[41] Amft in Amft u.a. (Hrsg.)(2004), 146f

[42] Armstrong (2002), 33

[43] Sauerbrey (2008), 314

[44] Sauerbrey (2008), 317

[45] z.B. der Zusatz von Fluorid in Produkten zur Zahnpflege. (zentrum-der-gesundheit.de)

[46] Sauerbrey (2008), 314f

[47] Hüther u. Bonney (2007), 103f

[48] Brandau in Bonney (2008), 37

[49] Portman (2003), 30

[50] Rossi u. Bürgi (o.J.), 4f

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten der erlebnispädagogischen Arbeit auf einem Abenteuerspielplatz zur Intervention und Prävention des AD(H)S- Phänomens bei Kindern
Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
75
Katalognummer
V171302
ISBN (eBook)
9783640906253
ISBN (Buch)
9783640906185
Dateigröße
1362 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
möglichkeiten, arbeit, abenteuerspielplatz, intervention, prävention, ad(h)s-, phänomens, kindern
Arbeit zitieren
Diplom Sozialpädagoge/Sozialarbeiter (FH) Michael Frank (Autor), 2010, Möglichkeiten der erlebnispädagogischen Arbeit auf einem Abenteuerspielplatz zur Intervention und Prävention des AD(H)S- Phänomens bei Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171302

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