„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“(Luhmann 2009:9) Mit diesem Satz beginnt Niklas Luhmann 1996, über die Realität der Massenmedien zu schreiben, was auch das Thema der folgenden Arbeit sein wird. Fokussiert wird dabei auf die Fragestellung, ob Luhmanns Ansichten heutzutage noch aktuell und auf das auch auf das Gesellschaftssystem anwendbar sind. Thematisiert werden hauptsächlich die Funktionen von Journalismus, PR und Öffentlichkeit und ihre Relationen untereinander. Luhmanns Systemtheorie wird dabei genauer analysiert, kritisiert und gleichzeitig betrachtet, welche Weiterentwicklungen und Präzisierungen aus der Forschung entsprungen sind. Besonders bei der Frage, wo Öffentlichkeit im System zu verorten ist, fehlt es der Luhmannschen Theorie an konkreten Aussagen. Antworten darauf liefern Alexander Görke und Matthias Kohring, deren Ansätze genauer dargestellt werden sollen, da sie Öffentlichkeit als Funktionssystem betrachten. Sie zeigen, wo Öffentlichkeit ihren Platz im Gesellschaftssystem findet und wie sie dort ihre Funktion erfüllen kann. Aufgrund der Komplexität der Theorien und des Umfanges dieser Arbeit kann nur ein kleiner Ausschnitt der Luhmannschen Theorie und der aktuellen Forschung analysiert werden. Daher müssen Grundbegriffe und -operationen der Systemtheorie vorausgesetzt werden. Auch weitere Forschungsansätze, wie die von Marcinkowski, Rühl, Schmidt, Blöbaum und Spangenberg können leider im Einzelnen nicht ausführlich erläutert werden. Beginnend bei Luhmanns Versuch, eine allgemeine und abgrenzende Definition für das Massenmediensystem zu finden, beschäftigt sich diese Arbeit weiterhin mit den Realitäten der Massenmedien, der Codierung und den Programmbereichen. Das dritte Kapitel beinhaltet eine Auseinandersetzung mit den Massenmedien als Funktionssystem der Gesellschaft. Anschließend wird der Begriff der Öffentlichkeit aufgegriffen und genauer analysiert. Dabei werden die Theorieansätze von Görke und Kohring genutzt, um Luhmanns Theorie zu ergänzen und aktueller zu gestalten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Realität der Massenmedien
2.1 Definitionsversuch durch technische Abgrenzung
2.2 Illusion und Realitätskonstruktion
2.3 Codierung
2.4 Programmbereiche
3. Massenmedien als Funktionssystem
4. Öffentlichkeit
4.1 Luhmanns Definitionsversuch
4.2 Weiterentwicklung durch Görke und Kohring
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, Niklas Luhmanns Systemtheorie in Bezug auf die Realität der Massenmedien kritisch zu beleuchten und zu hinterfragen, ob seine theoretischen Ansätze in der heutigen Medienlandschaft noch Bestand haben. Dabei wird analysiert, wie Massenmedien als Funktionssystem operieren, welche Bedeutung der Codierung und den Programmbereichen zukommt und wie Öffentlichkeit innerhalb dieses Systems definiert und durch neuere Forschungsperspektiven weiterentwickelt wird.
- Grundlagen der Luhmannschen Systemtheorie zur Massenmedienrealität
- Mechanismen der Codierung und Programmbereiche (Nachrichten, Werbung, Unterhaltung)
- Die Funktion der Massenmedien als geschlossenes Funktionssystem
- Kritische Analyse des Begriffs Öffentlichkeit und deren systemtheoretische Verortung
- Diskussion aktueller Weiterentwicklungen durch Görke und Kohring
Auszug aus dem Buch
2.1 Definitionsversuch durch technische Abgrenzung
Luhmann definiert Massenmedien als „alle Einrichtungen der Gesellschaft [...], die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen.“ (Luhmann 2009:10) Dabei schreibt er der Technik eine Schlüsselrolle zu und nutzt technische Verbreitung und maschinelle Herstellung als entscheidendes Kriterium für die Zugehörigkeit zu Massenmedien (Vgl.Luhmann 2009:10). Eine weitere Abgrenzung erfolgt daraus, dass Sender und Empfänger durch die Zwischenschaltung von Technik nicht direkt miteinander interagieren können und somit eine Interaktion unter Anwesenden ausgeschlossen wird (Vgl.ebd). Unschlüssig ist dabei jedoch, warum Massenmedien das einzige System darstellen, in welchem Interaktionen nicht zugelassen werden, denn in allen anderen Funktionssystemen sind diese möglich (Vgl.Görke 1999:242). Für Luhmann ist daher nicht wichtig, was kommuniziert wird, sondern wie es verbreitet wird. Zu den Massenmedien zählt er folglich alle, durch Druckpresse hergestellten Medien, alle Herstellungen durch fotografische oder elektronische Kopierverfahren, Kommunikation über Funk und die Verbreitung jeder Art von Kommunikation über Filme, Disketten und CD’s. Kritisch ist zu betrachten, dass Luhmann die Entwicklung des Internets und des interaktiven Fernsehens vernachlässigt, die es dem Publikum bzw. den Empfängern ermöglichen, zu interagieren und Feedback zu geben. Diese Möglichkeit der Rückmeldung widerspricht auch der Luhmannschen Dreiteilung des Kommunikationsbegriffes. Demnach liegen Information und Mitteilung auf Seite der Senders – das Verstehen aber beim Empfänger. Das bedeutet, dass der Sender erst durch die Beobachtung von Anschlusskommunikation weiß, ob seine Nachricht vom Empfänger verstanden wurde. Hier entsteht zwangsläufig die Frage, ob Luhmanns Definitionen noch aktuell sind, und ob sie mit den neuen Medien und den neuen Möglichkeiten, die diese bieten, kompatibel sind, denn das Publikum bekommt durch interaktives Fernsehen, Blogs und Twitter-Plattformen die Möglichkeit, direktes Feedback zu geben, aktiv am Medium teilzunehmen und es zu beeinflussen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die systemtheoretische Betrachtung von Massenmedien durch Niklas Luhmann ein und skizziert die Zielsetzung der Arbeit, insbesondere die kritische Auseinandersetzung mit der Aktualität seiner Theorien unter Einbeziehung neuerer Ansätze.
2. Die Realität der Massenmedien: Dieses Kapitel untersucht die Luhmannsche Definition von Massenmedien, die Rollen von Realitätskonstruktion, den binären Code sowie die verschiedenen Programmbereiche der Medien.
3. Massenmedien als Funktionssystem: Hier werden die zentralen Funktionen der Massenmedien wie die Thematisierungs- und Synchronisationsfunktion analysiert, die das System innerhalb der Gesellschaft erfüllen muss.
4. Öffentlichkeit: Dieses Kapitel befasst sich mit der Definition und Verortung von Öffentlichkeit in der Systemtheorie und stellt die Erweiterungen durch die Ansätze von Görke und Kohring gegenüber.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert die Herausforderungen, vor denen die Systemtheorie angesichts der fortschreitenden gesellschaftlichen Differenzierung und digitaler Medienentwicklungen steht.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Niklas Luhmann, Massenmedien, Kommunikation, Öffentlichkeit, Journalismus, Realitätskonstruktion, Funktionssystem, Codierung, Thematisierungsfunktion, Synchronisation, Anschlusskommunikation, Medienforschung, System-Umwelt-Differenz, Mediensystem
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Relevanz der systemtheoretischen Ansätze von Niklas Luhmann zur Beschreibung der Massenmedien und deren Funktion in der heutigen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Definition der Massenmedien, deren interne Strukturierung durch Codes und Programme sowie die Rolle der Öffentlichkeit innerhalb des gesellschaftlichen Systems.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Luhmannsche Theorie kritisch zu hinterfragen, um zu prüfen, ob sie angesichts aktueller Entwicklungen wie dem Web 2.0 weiterhin tragfähig und aktuell ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, bei der Luhmanns Systemtheorie auf Grundlage der Literatur dargestellt und durch ergänzende Forschungsperspektiven (z.B. Görke, Kohring) erweitert und hinterfragt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die technische und systemtheoretische Definition von Massenmedien, die Mechanismen der Realitätskonstruktion sowie die speziellen Funktionen, die das Mediensystem für die Gesellschaft übernimmt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist maßgeblich durch Begriffe wie Systemtheorie, Massenmedien, Öffentlichkeit, Kommunikation und mediale Realitätskonstruktion charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise von Görke und Kohring von der Luhmanns?
Görke und Kohring versuchen, durch eine stärkere Einbeziehung der zeitlichen Komponente und der Differenzierung von Leistungssystemen (wie Journalismus) die Luhmannsche Theorie moderner zu gestalten und Schwächen in der Abgrenzung zu korrigieren.
Welches Problem sieht der Autor bei Luhmanns Definition der Massenmedien?
Der Autor kritisiert, dass Luhmanns Fokus auf die technische Verbreitung und eine starre Abgrenzung Schwierigkeiten hat, moderne interaktive Medienformen und das Feedback-Potenzial des Publikums adäquat zu erfassen.
- Arbeit zitieren
- Carolin Kertscher (Autor:in), 2010, Die Realität der Massenmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171336