Das Konzept Kinderarmut


Hausarbeit, 2010

17 Seiten, Note: 1,3

Jenny Kottke (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Was versteht man eigentlich unter Armut?
1.1 Armutskonzepte
1.1.1 Absolute Armut
1.1.2 Relative Einkommensarmut
1.1.3 Deprivationsarmut
1.1.4 Unterversorgungsarmut

2 Welches Ausmaß und welche Ursachen hat Kinderarmut in Deutschland?
2.1 Statistische Grundlagen
2.2 Ursachen von Kinderarmut

3 Welche Folgen bringt Kinderarmut mit sich?
3.1 Vielfältige Folgen von Kinderarmut
3.2 Frühe Auswirkungen auf die Lebenslagedimensionen

4 Wie kann man gegen Kinderarmut vorgehen?
4.1 Politischer Handlungsbedarf
4.2 Sozialarbeiterische Handlungsansätze

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

»In der Bundesrepublik wachsen um die Jahrtausendwende immer mehr Kinder und Jugendliche in Armut auf. Sozialwissenschaftler/innen sprechen deswegen von einer „Infantilisierung der Armut“ und rechnen vor, dass Kinder mittlerweile diejenige Altersgruppe bilden, die am häufigsten und am massivstem von Armut bedroht ist. «

(Butterwegge 2000, S. 7)

Angesichts dessen, dass Kinder unsere Zukunft sind, sollte uns diese Feststellung zum Nachdenken bringen und zum Umdenken bewegen. Schließlich bedeutet Armut nicht nur, dass man im Monat nicht so viel Geld zur Verfügung hat wie Andere. Auswirkungen von Armut sind aufgrund ihrer Vielschichtigkeit im gesundheitlichen Befinden, bei der Teilnahme am kulturellen Leben und oftmals in vielen anderen Lebensbereichen gleichzeitig merkbar. Die dadurch entstehenden Defizite im Leben eines Kindes oder eines Jugendlichen prägen sie für ihr Leben und sind mit der Zeit immer schwieriger auszugleichen. Umso wichtiger ist es, frühzeitig Präventionsmaßnahmen anzugehen und umzusetzen, da gerade bei einer frühen Erkennung von Armutsgefährdung schneller und einfacher Abhilfe geschaffen werden kann.

Die Relevanz des Themas wird auch darin deutlich, dass Armut und insbesondere Kinderarmut, häufig in den Medien publiziert wird. Gerade in der aktuellen Hartz-4-Debatte kommt zum Tragen, dass die pauschalen Regelsätze, die jüngst vom Bundessozialgericht als verfassungswidrig beurteilt wurden, nicht dem tatsächlichen Bedarf eines Kindes entsprechen. Der öffentliche Diskurs sollte nicht erneut ohne Folgen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene in der Versenkung verschwinden, sondern nachhaltig Verbesserungen anstreben.

In dieser Hausarbeit wird versucht, das Ausmaß von Kinderarmut in Deutschland und deren Folgen herauszuarbeiten. Der sich daraus ergebende (politische) Handlungsbedarf spielt eine wichtige Rolle für die Sozialarbeit, stellen Kinder und Jugendliche doch ein breites Handlungsfeld der Sozialen Arbeit dar und zählen auch in Zukunft zu dem Klientel der Sozialarbeiter.

1 Was versteht man eigentlich unter Armut?

1.1 Armutskonzepte

„Armut“ ist ein Begriff, dem im Alltagsverständnis verschiedene Bedeutungen zugeschrieben werden. Viele haben ihr eigenes Verständnis von dieser Bezeichnung, die meisten werden Armut vermutlich mit der vom Massenelend geprägten Dritten Welt in Verbindung bringen. Auch in der aktuellen Armutsforschung findet man unterschiedliche Auffassungen von Armut, bei denen jedoch „trotz aller Divergenzen weitestgehend Konsens hinsichtlich folgender Aspekte“ herrscht (Zimmermann 2000, S. 64): es gibt keine allgemeingültige, einheitliche Definition von Armut für alle Gesellschaften. Was genau man unter Armut versteht, ist jeweils von den gesellschaftlichen Gegebenheiten abhängig. Im Nachfolgenden werden gängige Armutskonzepte kurz vorgestellt. Kernstück der Hausarbeit ist das Armutskonzept, welches im Rahmen der 1. AWO-ISS-Studie entwickelt wurde. Darauf aufbauend werden in Kapitel 3 die Folgen von Armut dargelegt.

1.1.1 Absolute Armut

Unter absoluter Armut versteht man das Fehlen materieller Lebensgrundlagen wie ausreichend Kleidung und Nahrung (vgl. Klocke 2001, S. 7). Die daraus resultierende Notsituation bedroht die physische Existenz einer Person, die nicht mehr dauerhaft gesichert werden kann, wenn ein Mangelzustand gegeben ist (vgl. Jetter 2004, S. 21). Dieses körperliche Überleben spielt eher in weniger gut entwickelten Ländern eine Rolle, v.a. in der Dritten Welt spricht man von einer absoluten Armut.

1.1.2 Relative Einkommensarmut

In den postmodernen Industriegesellschaften, zu denen auch Deutschland und andere europäische Staaten gehören, ist „überwiegend eine relative Armut“ (Klocke 2001, S. 7) gemeint. Die relative Armut unterteilt sich in relative Armut innerhalb eines Lebenslageansatzes und relative Einkommensarmut innerhalb eines Ressourcenansatzes. Einkommensarmut ist auf den finanziellen Aspekt gerichtet und orientiert sich an einem bedarfsgewichteten Nettoäquivalenzeinkommens. In der EU verwendet man hierzu die Skalen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Demnach ist Armut abhängig von einem sogenannten Äquivalenzeinkommen und einem Median des Einkommens der Gesamtbevölkerung (vgl. Klocke 2001, S. 7-8). Als Schwelle zur Armutsbetroffenheit hat sich erst die „50-Prozent-Grenze“ (Jetter 2004, S. 22) etabliert, d.h. als arm gilt, wer weniger als 50 % des durchschnittlichen Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung hat. Mittlerweile hat sich die EU jedoch auf einen Schwellenwert von 60 % zur Abgrenzung des Armutsrisikos geeinigt (vgl. Klocke 2001, S. 9). Umfassendere sozio-kulturelle Faktoren werden bei dieser Armutsdefinition außer Acht gelassen. Kritisiert wird daher, dass eine „einseitige Ausrichtung am Einkommen“ (Klocke 2001, S. 8) das Ausmaß von Armut nicht angemessen erfassen kann.

1.1.3 Deprivationsarmut

Im Gegensatz zu den beiden zuvor genannten Armutskonzepten, bezieht sich der Ansatz der Deprivationsarmut auf einen Lebensstandard, der als allgemein notwendig erachtet wird. Hier steht nicht der materielle Verfügungsspielraum an sich eine Rolle, sondern von der Gesellschaft mit einem bestimmten Wert belegte ‚Items’. Welche Items, also Konsumgüter und Ausstattungsmerkmale, von einer Gesellschaft zum Lebensstandard gezählt werden, wird mit Hilfe von empirischen Erhebungsverfahren ermittelt. Dazu wird ein bestimmter Teil der Bevölkerung befragt, inwiefern z.B. soziale Kontakte von Bedeutung sind und welche Items der Wohnraumversorgung zum Lebensstandard gehören. Daraus ergibt sich in der Auswertung eine Übersicht, welche Items man in welchem Maß benötigt, um den notwendigen Lebensstandard zu erfüllen. Sobald ein Individuum aus finanziellen Gründen über weniger als 20 % dieser Lebensstandardmerkmale verfügt, wird von Armut gesprochen (vgl. Klocke 2001, S. 8). Insofern sind finanzielle Mittel nicht gänzlich irrelevant, sondern Voraussetzung für die Möglichkeit der Beschaffung entsprechender Ausstattungsmerkmale und Konsumgüter.

1.1.4 Unterversorgungsarmut

Die beim Konzept der Einkommensarmut fehlenden Aspekte werden im Konzept der Unterversorgungsarmut aufgegriffen. Hier wird Armut umfassender und in ihrer ganzen Komplexität betrachtet. Es schließt wichtige Lebensbereiche wie Freizeit, Arbeit und kulturelle Teilhabe mit ein (vgl. Klocke 2001, S. 8).

Kritisiert wird bei diesem Lebenslageansatz, dass oftmals nicht klar ist, welche Lebensbereiche in welchem Umfang mit einbezogen werden. In der mehrjährigen, vertiefenden 1. Studie der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) werden diese genauer definiert (vgl. Klocke 2001, S. 8) und ein Konzept entwickelt, welches von einem kindgerechten Armutsbegriff ausgeht. Demnach ist Armut so zu verstehen, dass mehrere Lebenslage-Dimensionen eine Rolle spielen, die familiäre Gesamtsituation mit einbezogen werden muss und die subjektive Wahrnehmung der Kinder zu berücksichtigen ist (vgl. Holz/Skoluda 2003, S. 7). Grundlegend für die Einstufung von Kindern in „arm“ und „nicht-arm“ war die politische Armutsgrenze, d.h. die Sozialhilfegrenze. Als arm gilt, wer entsprechende Leistungen bezieht oder wer so wenig Einkommen hat, dass er unter der Sozialhilfegrenze liegt (vgl. Holz/Skoluda 2003, S. 19-20).

Im Mittelpunkt dieses Konzeptes stehen die verschiedenen Dimensionen der Lebenslage einer Person. Als eine Lebenslage bezeichnet man „die Lebenssituation von Menschen in biologischer, psychischer und sozialer Hinsicht“ (Holz 2006, S. 4). Es werden neben der rein materiellen Situation des gesamten Haushaltes vier Typen bzw. Dimensionen der Lebenslage eines Kindes unterschieden. Die erste Dimension umfasst die konkrete materielle Versorgung des Kindes, d.h., wie viel Geld für überwiegend Nahrung, Wohnen und Kleidung zur Verfügung steht. Die Versorgung im kulturellen Bereich wird in der 2. Lebenslagedimension zusammengefasst. Diese beinhaltet u.a. die sprachlichen und kulturellen Kompetenzen, aber auch Bildungsstand und allgemeine kognitive Entwicklung. Eine weitere Lebenslagedimension widmet sich den sozialen Kontakten und Kompetenzen. Die 4. Dimension bezieht sich auf die psychische und physische Verfassung des Kindes, die die gesundheitliche Lage beschreibt (vgl. Holz/Skoluda 2003, S. 7).

Es soll also nicht nur die finanzielle Situation an sich betrachtet werden, sondern ein umfassendes Bild der kindlichen Lage, das den Grad des Wohlbefindens verdeutlicht. Das Lebenslagekonzept soll dazu dienen, die Gesamtchancen eines Individuums „durch die quantitative und qualitative Beschaffenheit und die Ausgestaltung verschiedener Lebensbereiche“ (Holz 2004, S. 4) zu erfassen.

Für genauere Differenzierungen wurden in der 1. AWO-ISS-Studie drei Kontrastgruppen gebildet. Diese unterscheiden sich bezüglich der Anzahl etwaiger Mängel und Benachteiligungen in den einzelnen Lebenslagedimensionen. So bedeutet ‚im Wohlergehen aufwachsen’, dass die Lebenslagedimensionen des Kindes nicht defizitär sind und die Zukunftschancen als positiv zu werten sind (vgl. Holz 2004, S. 6). In Benachteiligung aufwachsen heißt, dass es in einer oder zwei Dimensionen Mängel gibt und es zu Auffälligkeiten wie beispielsweise schlechtere schulische Leistungen oder vermehrtes Aufkommen eines psychosomatischen Symptoms kommt (vgl. Holz/Skoluda 2003, S. 22 f.). Als multiple Deprivation bezeichnet man die Situation eines Kindes, wenn die Einschränkungen in mehreren Dimensionen nachweisbar und vielfältig sind (vgl. Holz 2004, S. 6). Die Kontrastgruppen richten sich nach diesen Ausprägungen der Lebenslage und der materiellen Situation. Da durchaus auch bei nicht-armen Kindern eine multiple Deprivation vorkommen kann, ist „nicht-arm, multipel depriviert“ eine der Kontrastgruppen. Bei den armen Kindern wird zwischen denen, die “im Wohlergehen“ und denen, die „multipel-depriviert“ aufwachsen, unterschieden (vgl. Holz/Skoluda 2003, S. 8 f.).

In Kapitel 3.2 werden die Auswirkungen auf die Lebenslagedimensionen dargestellt.

2 Welches Ausmaß und welche Ursachen hat Kinderarmut in Deutschland?

2.1 Statistische Grundlagen

Im Vorfeld ist zu erwähnen, dass es für die Analyse der Armutsverteilung in Deutschland drei Quellen der amtlichen Statistik gibt: die EU-SILC, die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe sowie den Mikrozensus. Aufgrund der unterschiedlichen Erfassungsmethoden kann es zu kleineren Abweichungen in den Ergebnissen kommen (vgl. Gerhardt 2009. S. 3).

Allgemein kann man jedoch sagen, dass bei der Betrachtung statistischer Erhebungen auffällt, dass Kinder und Jugendliche dem Armutsrisiko unproportional häufig ausgesetzt sind. Zudem stieg das Risiko, dass Personen unter 18 Jahren in einem Haushalt leben, der von Armut bedroht wird, von 1992 bis 2002 stetig an (vgl. Klocke 2001). Dies ist besonders hervorzuheben, da Deutschland insgesamt zu den reichen Ländern zählt. Die hohe Zahl der von Armut bedrohten oder in Armut lebenden Kindern entspricht also nicht den Erwartungen, die man an ein hoch entwickeltes Land stellt.

Auffällig ist auch, dass die relative Einkommensarmut bei Haushalten mit mehr als einem Kind ansteigt. Bei drei Kindern ist die Quote etwa doppelt so hoch (33 %) als bei nur einem Kind (ca. 12 %). Ein Risiko scheint ebenso zu sein, wenn es sich um ein alleinerziehendes Elternteil handelt. Auch hier ist die Armutsrisikoquote doppelt so hoch als bei Kindern, die in einem Paarhaushalt leben (vgl. MAGS 2009, S. 13).

Weiterhin sind regionale Unterschiede festzustellen. So ist allgemein in Ostdeutschland die Armutsquote höher als die des Bundesdurchschnitts. Wenn man die Bevölkerung hinsichtlich ihrer Nationalität unterscheidet, stellt man fest, dass einheimische Deutsche mit knapp 13 % im Jahre 2006 weniger häufig von Armut betroffen sind als Nicht-Deutsche, deren Armutsquote mit rund 23 % beinahe doppelt so hoch ist (vgl. Destatis 2008, S. 167).

Im europäischen Vergleich ist festzustellen, dass das Armutsrisiko der Bundesrepublik Deutschland etwa im Mittelfeld der EU-Mitgliedsstaaten liegt. Die Quote der Armutsgefährdung lag im Jahre 2003 bei ca. 15 %, derzeit leben „über 2,5 Millionen Kinder in Einkommensarmut“ (Dt. Kinderschutzbund 2010 a). Die skandinavischen Länder lagen mit ca. 11 bis 13 % knapp unter dieser Quote. Besonders in den osteuropäischen Staaten liegt die Armutsquote über dem europäischen Durchschnitt, teilweise sind über 20 % der gesamten Bevölkerung von Armut bedroht (vgl. Guio 2005, S. 2).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Konzept Kinderarmut
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Sozialpolitik
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V171346
ISBN (eBook)
9783640906512
ISBN (Buch)
9783640906765
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialpolitik, Kinderarmut, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Jenny Kottke (Autor), 2010, Das Konzept Kinderarmut, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171346

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