Die Geschichte der Emanzipation der Juden in Deutschland vor Ausschwitz


Facharbeit (Schule), 2011
19 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Der Begriff: Emanzipation

3. Der deutsche Weg der Judenemanzipation
3.1. Vom Absolutismus bis zur Gleichberechtigung im Deutschen Reich
3.2. Ursache der schwerfälligen Judenemanzipation in Deutschland und Österreich
3.3. Die verfassungsrechtliche Judenemanzipation – Nur eine Illusion?
3.4. Die Weimarer Republik und das Ende der Judenemanzipation

4. „Jüdischer Selbsthass“ und jüdische Selbstachtung in der deutschen Literatur und Publizistik
4.1. Karl Kraus – Gesellschaftskritiker
4.2. Arnold Zweig – Schriftsteller
4.3. Ursache für das unterschiedliche Selbstbild

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Arbeitsprozessbericht

1. Vorwort

Die Debatte über die Emanzipation von Minderheiten wurde erst im vergangenen Jahr wieder lautstark diskutiert, nachdem Thilo Sarazzin sein Buch „Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzten“ veröffentlichte.

Wenn die Bevölkerung heutzutage angeregt wird, etwas über die Geschichte der Deutschen zu sagen, fällt immer wieder der Begriff Holocaust – eine schreckliche Zeit der Judenvernichtung. Zugleich wirft dieser ein Schattenbild über Deutschland – Deutsche als Täter, Juden als Opfer. Dieser Sachverhalt erklärt mein Interesse an diesem Thema. Denn was war mit den Juden vor dem Holocaust? Wie entwickelte sich ihre gesellschaftliche Stellung in Deutschland?

Meine Facharbeit beruht auf der Untersuchung und Analyse von Primär- und Sekundärquellen mit dem Ziel, die Geschichte der Emanzipation der Juden vor dem Holocaust näher zu erläutern, die Ursache für die schwerfällige Entwicklung in Deutschland und Österreich herauszuarbeiten und interessante Personen und deren Selbstbild des Judentums hervorzuheben.

Daraus ergibt sich für mich die folgende Vorgehensweise:

Zur Vorbereitung meiner eigentlichen Analyse definiere ich zunächst den Begriff „Emanzipation“ und erläutere anschließend die Geschichte der Juden bis zur Gleichberechtigung in der Verfassung des Deutschen Bundes.

Um eine Ursache für die schwerfällige Entwicklung zu verdeutlichen, vergleiche ich hierbei den Prozess der Emanzipation in Deutschland mit der Gleichstellung in den fortgeschrittenen westlichen Ländern. Anschließend werde ich den Umgang mit der verfassungsrechtlichen Gleichstellung der Juden analysieren und dabei die Ausbreitung des Antisemitismus als bedeutendes Thema erachten. In Folge dessen werde ich das damalige Selbstbild der Juden anhand verschiedener Persönlichkeiten in Literatur und Publizistik ergründen. Aufgrund dieser vielseitigen Betrachtung der Judenemanzipation vor dem Holocaust kann ich letztendlich zu einem zusammenfassenden Fazit kommen.

2. Der Begriff: Emanzipation

Ursprünglich ist die Emanzipation ein Begriff der römischen Rechtssprache. Durch ihn wird der Vorgang bezeichnet, der den Sohn unabhängig von dem Vater in das soziale Umfeld führt. Im Verlauf der Geschichte meint die Emanzipation die Gleichstellung benachteiligter Gruppen. Insbesondere durch die Aufklärung im Zusammenhang mit der französischen Revolution erhält der Begriff seine politische Intention im Sinne von rechtlicher Befreiung sozialer, unterdrückter Gruppierungen und Stände.[1] Bezogen auf mein Thema ist mit der Emanzipation die Gleichberechtigung der Juden gemeint.

3. Der deutsche Weg der Judenemanzipation

3.1. Vom Absolutismus bis zur Gleichberechtigung im Deutschen Reich

Im Zeitalter des Absolutismus waren die Juden in den Teilstaaten des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ eine vom Christentum abgesonderte, als „Volk der Gottesmörder“ diskriminierte Bevölkerungsgruppe. Ihr Rang und das Ansehen in der Gesellschaft waren durch den Wohlstand geregelt. Grundsätzlich waren alle Juden von der Produktion materieller Güter ausgeschlossen. Doch ihren teilweise ökonomisch notwendigen Funktionen war es zu verdanken, dass sie allen Verfolgungen standhielten und nach Vertreibungen zurückgerufen wurden. Durch die christliche Obrigkeit waren die Juden in ihrem Leben stark eingeschränkt. Vorschriften regelten ihren Wohnort, setzten ihren Beruf fest und bestimmten die Anzahl der Kinder, die heiraten durften. Während dieser allgemein schlechten Lage fanden Juden ihren Halt in der Gemeinde.[2] Der Preußenkönig Friedrich II. entwickelte 1750 erstmals ein Generalreglement für Juden, welches allerdings noch sehr mittelalterlich orientiert war. Die Juden wurden aufgrund ihres Wohlstands bezogen auf die Nützlichkeit in sechs verschiedene Gruppen aufgeteilt.[3]

In Folge dessen begann mit der Aufklärung die abschwächende Ausgrenzung der Juden. Nennenswerte Aufklärer, wie Lessing und sein Freund Mendelssohn, ein jüdischer Philosoph, waren empört über die Unterdrückung der Juden. Daraus resultierte 1781 das Buch „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden.“ Von Christian Wilhelm von Dohm verfasst, welcher unter entscheidendem Einfluss von Mendelssohn stand. Ähnlich wie Lessing erklärte er die Verelendung der Juden nicht aus religiösen oder sozialen Gründen, sondern vielmehr aus jahrhundertlangen Unterdrückungen. Doch auch er war der Meinung, die Juden müssen sich dem Staat als nützlich erweisen.[4] Darüber hinaus erließ der Habsburgerkaiser Joseph II. sechs Toleranzpatente für die jüdische Bevölkerung. Sein Ziel war jedoch nicht die Abschaffung der jüdischen Benachteiligung, sondern es verbarg sich die Absicht der Stärkung des Absolutismus dahinter.[5]

Bei Ausbruch der Französischen Revolution lebten die Juden in Deutschland, trotz Bemühungen der Aufklärer unter entwürdigten Ausnahmegesetzen. Der Einfluss war für die Juden zunächst sehr positiv anzusehen. So erhielten sie bürgerliche Rechte in den linksrheinischen, von Frankreich eroberten Gebieten. Die von Napoleons Bruder Jerôme verkündete Verfassung des Königreichs Westfalen genehmigte darüber hinaus die volle Gleichstellung der Juden gegenüber der christlichen Bevölkerung.[6] Der aufkommende Nationalismus unter der Vorherrschaft von Napoleon verband sich jedoch mit der Ideologie der Reinheit Deutschlands. Somit wurde die Judenfeindschaft weiträumig nur durch eine Hierarchie von Menschenrassen ersetzt. Zur Veranschaulichung dessen ist die „Christlich-Deutsche Tischgesellschaft“ heranzuziehen, welche die „Kennzeichen des Judentums“ definierten. Sie unterstellten den Juden unter anderem „ den plumpen Körperbau, widerwärtige Erbkrankheiten, Umgehung eigener und fremder Gesetze, wie auch Missachtung der Befehle der Obrigkeit.“[7] Um diese Französische Vorherrschaft zu besiegen, waren das preußische Militär und die Staatsmänner gezwungen, einige Reformen durchzuführen. Die Freiherren vom Stein und Hardenberg legten bei ihren Reformen viel Wert darauf, die absolutistische Staatsform unangetastet zu lassen. Das letzte Reformgesetz des Staatskanzlers Hardenberg, das „Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem preußischen Staat“ vom 11. März 1812, schaffte die Autonomie der Gemeinden ab, ermöglichte Freizügigkeit und freie Berufswahl und legte den preußischen Juden die gleichen Pflichten auf, wie der restlichen Bevölkerung. Dennoch blieben sie von allen Staatsämtern, der Justiz und der Offizierslaufbahn ausgeschlossen. Außerdem galt das Edikt nur den Juden, welche Konzessionen und Schutzbriefe vorweisen konnten. Es wurde darüber hinaus bereits zehn Jahre später in der Restaurationsphase größtenteils zurück genommen und in den zuvor, durch den Wiener Kongress 1815, dazukommenden Teilgebiete erst gar nicht eingeführt. Die konservative Obrigkeit definierte den Staat damit als christlich. Juden aus dem preußischen Rheinland waren, trotz des „Code Civil“, der bis 1900 in Kraft war und die Gleichheit vor dem Gesetz vertrat, teilweise gezwungen sich taufen zu lassen um Berufsfreiheit zu erlangen. In der Habsburgermonarchie war es ausschließlich wohlständigen Juden möglich, zu wirtschaftlich wichtigen Positionen oder dem Adel aufzusteigen. Kurz vor dem Wiener Kongress war die Lage der Juden somit nicht groß verändert.[8]

In der Restaurationsphase bestand wenig Interesse an der Emanzipation der Juden. Weder die konservative Obrigkeit, noch die Opposition, welche die politische Einigung Deutschlands forderten, setzten sich für die Gleichstellung der Juden ein. Doch in den dreißiger Jahren entwickelte sich eine Gruppierung junger jüdischer Gebildeter mit neuen Erkenntnissen. Zuvor genossen sie eine weltliche Erziehung, wagten kulturelle Annäherung an Nichtjuden und hatten Abstand von dem jüdischen, durch Religion geregelten Leben. Diese Erkenntnisse lassen sich durch ein Zitat des bedeutendsten Repräsentanten, Gabriel Riesser, erklären:

„Bietet man mir mit der einen Hand die Emanzipation, auf die alle meine innigsten Wünsche gerichtet sind, mit der anderen die Verwirklichung des schönen Traums von der politischen Einheit Deutschlands mit seiner politischen Freiheit verknüpft, ich würde ohne Bedenken die letztere wählen, denn ich habe die feste, tiefste Überzeugung, dass in ihr auch jene enthalten ist.“[9]

Dieses Zitat erklärt die neue Sicht, eine Verbindung zwischen der Judenemanzipation und den Demokratiebestrebungen zu setzen. Durch eine berühmte Rede, Gabriel Riessers, beschloss auch die Frankfurter Paulskirchenversammlung die Gleichberechtigung der Juden, welche jedoch durch die Ablehnung der Kaiserkrone von Friedrich Wilhelm IV. nicht verwirklicht werden konnte.[10] Doch diese Zustände aus dem Vormärz konnten nicht vollständig vertrieben werden und hatten entscheidenden Einfluss auf die Geschichte der Emanzipation. Auch wenn die „Grundrechte des deutschen Volkes“ und die damit verbundene Gleichberechtigung in Teilstaaten des Deutschen Bundes zunächst durch die Wiederbelebung des Deutschen Bundestags 1850 wieder aufgehoben wurden, konnte sich die rechtliche Ausgrenzung auf Dauer nicht durchsetzen. Somit kam es nach einer langwierigen und schwerfälligen Zeit der Judenemanzipation in Deutschland zu einem Gesetz im gesamten Gebiet des Deutschen Reiches, welches die Gleichstellung der Juden garantierte.[11]

3.2. Ursache der schwerfälligen Judenemanzipation in Deutschland und Österreich

Durch die folgende Darstellung werde ich versuchen zu erklären, warum die Eingliederung der Juden in Deutschland und Österreich so mühselig war, jahrzehntelang dauerte, häufig Rückschläge erlitt und letztendlich scheiterte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch Betrachtung der unterschiedlichen Entwicklung der Emanzipation in den westlich fortgeschrittenen Ländern werden Ursachen für die schwerfällige Emanzipation der Juden in Deutschland und Österreich deutlich. Eines der bedeutendsten Merkmale ist die fehlende Revolution von „unten“ in Deutschland und Österreich. Anstatt dessen kam es ausschließlich zu Emanzipationsgesetzen durch die traditionelle Obrigkeit. Diese Gesetze verfolgten jedoch meist taktische Ziele, wie die Stärkung des Absolutismus oder die Ausbeutung der Juden aufgrund ihrer „Nützlichkeit“ für den Staat. In anderen Ländern jedoch erkämpften sich die Bürger meist eigenständig die Unabhängigkeit und Gleichberechtigung, was dann auch den Juden zugute kam. In Deutschland ließ das weitgehend ungenügende Bewusstsein der Bevölkerung eine Integration von Juden kaum zu.[12]

[...]


[1] Emanzipation, http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/geschichte/index,page=1091690.html , zuletzt gesehen 01.03.11

[2] GRAB, Walter: Der deutsche Weg der Judenemanzipation 1789-1938. E. Piper GmbH & Co.KG, München 1991 S.9

[3] Ebd. S.11

[4] Vgl. MÖLLER, Horst: Aufklärung, Judenemanzipation und Staat. Ursprung und Wirkung von Dohms Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Judenemanzipation“. In: Walter Grab (Hrsg.): Deutsche Aufklärung und Judenemanzipation. Tel Aviv 1980, S.119-153

[5] Vgl. KARNIEL, Joseph: Die Toleranzpolitik Kaiser Joseph II.. Gerlingen 1985.

[6] Vgl. BERDING, Helmut: Napoleonische Herrschafts- und Gesellschaftspolitik im Königreich Westfalen 1807-1813. Göttingen 1973.

[7] Vgl. HÄRTL, Heinz: Romantischer Antisemitismus. Arnim und die „Tischgesellschaft“. Weimarer Beiträge 33/1987, Heft 7, S.1159-1173

[8] Vgl. STRENGE, Barbara: Juden im preußischen Justizdienst 1812-1918. Der Zugang zu den juristischen Berufen als Indikator der gesellschaftlichen Emanzipation. München 1996, S.343-361.

[9] Zitiert bei FRIEDLÄNDER, Fritz: Das Leben Gabriel Riessers. Ein Beitrag zur inneren Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert. Berlin 1926, S.88.

[10] HEID, Ludgar: Judenemanzipation und deutsche Einheit. Gabriel Riesser, ein wiederentdeckter deutscher Parlamentarier. http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.1448.html „Jüdische Zeitung“, September 2008.

[11] BATTENBERG, Friedrich: Die Revolution von 1848 und ihre Folgen. http://www.ieg-ego.eu/de/threads/europaeische-netzwerke/juedische-netzwerke/friedrich-battenberg-judenemanzipation-im-18-und-19-jahrhundert#DieRevolutionvon1848undihreFolgen, 12.03.2010.

[12] GRAB: 1991, S.19-26.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Geschichte der Emanzipation der Juden in Deutschland vor Ausschwitz
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V171398
ISBN (eBook)
9783640907830
ISBN (Buch)
9783640908059
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ausschwitz, Juden, Emanzipation, Rathenau
Arbeit zitieren
Marius Röttig (Autor), 2011, Die Geschichte der Emanzipation der Juden in Deutschland vor Ausschwitz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171398

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