"Une affaire de femmes" als Erinnerungsfilm

Claude Chabrol als Produzent einer 'mémoire des femmes'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1. Einleitung

Paris 1988. Frankreichs Katholiken werfen eine Tränengasbombe in ein Kino, das „Eine Frauensache“ zeigt. Einer der Zuschauer stirbt an den Folgen. In Gottes Namen, der aber auch der Name Pétains sowie seiner Heiligkeit in Rom ist. Denn von der Blasphemie des Films fühlen sich gleichermaßen die neuen Freunde der alten Kollaborationsregierung wie die Abtreibungsgegner in aller Welt getroffen. (Kuhlbrodt 1989)

Als Claude Chabrols Film Une affaire de femmes 1988 in die Kinos kam, war er nicht nur in Frankreich umstritten, sondern sorgte auch im Ausland für Aufsehen. Das Thema „Schwangerschaftsabbruch unter dem Vichy-Regime“ erweist sich in Frankreich als problematisch, wie das oben angeführte Zitat deutlich macht: Aus verschiedenen Lagern regte sich Widerstand gegen die Verfilmung dieses Stoffes, sei es nun von Seiten der Katholiken oder der Pétainisten. Wenn das Thema „Vichy“ im Medium Film verarbeitet wird, dann stehen zumeist männliche Schicksale im Vordergrund, wie beispielsweise in Louis Malles Film Lacombe Lucien aus dem Jahre 1974. Frauenschicksale werden nur selten und erst verstärkt in den letzten Jahren im Zusammenhang mit dem Themenkomplex «occupation, collaboration et résistance» thematisiert, wie zum Beispiel in La bicyclette bleue von Thierry Binistit aus dem Jahre 2000. Die Rolle der Frau und die Probleme, mit der Frauen zu dieser Zeit konfrontiert waren, speziell die Frage nach ungewollten Schwangerschaften, wurde bis zur Veröffentlichung von Une affaire de femmes kaum berücksichtigt. In der vorliegenden Arbeit soll der Versuch unternommen werden zu klären, ob Une affaire de femmes als Erinnerungsfilm bezeichnet werden kann und inwieweit es der Film vermag, eine alternative weibliche Erinnerung zu konstruieren. Das heißt konkret, dass im Folgenden herausgearbeitet werden soll, inwieweit der Film den Kriterien, die Astrid Erll und Stephanie Wodianka in Film und kulturelle Erinnerung. Plurimediale Konstellationen. an den Erinnerungsfilms anlegen, gerecht wird. Erll und Wodianka betonen ausdrücklich, dass es sich beim Erinnerungsfilm um ein „gesellschaftlich und plurimedial ausgehandeltes Phänomen“ handelt, das zwar als Beitrag zur Erinnerungskultur intendiert werden kann, aber erst in der Rezeption zu einem veritablen Erinnerungsfilm wird (Erll & Wodianka 2008: 2). Ob der Film es tatsächlich vermag, sein Wirkpotential zu entfalten, kann demnach nur durch eine filmimmanenten Untersuchung beantwortet werden, deren Ergebnisse von einer filmtranszendierenden Untersuchung gestützt werden müssen. Im Mittelpunkt der filmimmanenten Analyse soll zunächst Maries Verhältnis zu den Frauen, die ihre Hilfe bei einem Schwangerschaftsabbruch suchen, zu ihrer Familie und zur Vichy- Regierung stehen. Anschließend werden die Identifikationsmöglichkeiten, die der Film insbesondere den Zuschauerinnen bietet, ausgelotet. Die filmtranszendierende Untersuchung wird die Rezeption des Films in Frankreich und im Ausland beleuchten und so zeigen, inwieweit Une affaire de femmes als Erinnerungsfilm rezipiert wurde und wird.

2. Der geschichtliche Hintergrund

Um die Thematik des Films und deren Umsetzung historisch einordnen zu können, ist es wichtig, zu wissen, dass Claude Chabrol sich in Une affaire de femmes eines wahren und - wie der Filmkritiker Roger Ebert betont - in Frankreich allseits bekannten Stoffes angenommen hat (Ebert 1990). Der Film basiert auf dem realen Schicksal von Marie-Louise Giraud, die im Jahre 1943 als eine der letzten Frauen in Frankreich vom Vichy-Regime enthauptet wurde. Ihr Vergehen: Sie hatte Frauen als sogenannte „Engelmacherin“ bei Schwangerschaftsabbrüchen geholfen und wurde von ihrem Mann denunziert.

Chabrol deckt die Hintergründe ihrer Lebensgeschichte auf und zeigt, wie Marie in ihre Rolle als Engelmacherin „hineinrutscht“, als sie sieht, wie ihre Nachbarin versucht, in einem Senfbad sitzend abzutreiben. Marie erweist ihr einen Nachbarschaftsdienst und ihr wird klar, dass sie durch diese Dienste sich selbst und ihren Kindern ein besseres Leben ermöglichen kann. Ihrem aus dem Krieg zurückgekehrten Mann steht sie unterdessen distanziert gegenüber, sie erträgt seinen traumatisierten Zustand sowie seinen Alkoholmissbrauch nicht und beginnt eine Affäre mit einem Kollaborateur. Als ihr Mann davon erfährt, verrät er Marie bei der Vichy-Regierung, die sie verhaftet und schließlich zum Tode durch die Guillotine verurteilt.

Im Laufe des Films hilft Marie vielen Frauen bei einem Schwangerschaftsabbruch: Zunächst nur ihrer Nachbarin, aber als sich ihre Dienste herumsprechen, auch fremden Frauen. Letztere repräsentieren gewöhnliche Frauen im Frankreich der 1940er Jahre, in deren Leben Schwangerschaftsabbrüche ein ebenso alltägliches wie tabuisiertes Thema darstellen. Neben durchschnittlichen französischen Hausfrauen sind es aber auch Prostituierte, die Maries Dienste in Anspruch nehmen. So unterschiedlich diese beiden Gruppen wirken mögen, so sehr ähnelt sich doch ihre Lebenssituation unter dem Vichy-Regime: Seit 1920 war durch die loi de 1920 sowohl Empfängnisverhütung als auch Schwangerschaftsabbruch untersagt und 1942 verschärfte sich die Lage der Frau noch weiter: Die Vichy-Regierung erklärte Abtreibungen zu einem «crime contre l'État», für den sowohl Abtreibende als auch die sogenannten „Engelmacherinnen“ mit dem Tode bestraft werden konnten (Hartwig und Stenzel 2007: 334). Der Staat erwartete ein «impôt du sang» nicht nur in Form des Kriegsdienstes von Männern, sondern auch in Form zahlreicher Geburten zur zukünftigen Stärkung der französischen Armee von Frauen (Gauthier 2002: 52). Dieser Befehl manifestierte sich in Pétains Aufforderung an alle (potentiellen) Mütter Frankreichs «de ne pas reculer devant le sacrifice d'avoir au moins trois enfants» (Gauthier 2002: 52). Sowohl Prostituierte, denen regelmäßiger ungeschützter Geschlechtsverkehr den Lebensunterhalt sicherte, als auch Hausfrauen, die sich ihrem Mann auch nach der Geburt mehrerer Kinder nicht verweigern durften, wurden auf diese Weise durch die Vichy-Regierung der Kontrolle über ihren Körper beraubt und lebten in ständiger Gefahr vor den Sanktionen des Regimes:

[La loi de 1920] avait de quoi faire peur à tous: aux femmes qui avortaient ou qui simplement tentaient d'avorter; à leurs amies, à leurs maris qui les aident et devenaient donc complices; aux médecins qui risquaient, en plus des peines prévues, la suspension professionelle pendant cinq ans au moins ou l'interdiction absolue. (Gauthier 2002: 46)

In Une affaire de femmes wird sowohl das Schicksal der vom Gesetz Betroffenen als auch das Verhalten der Gesetzgeber selbst dargestellt, wobei der Fokus auf der Hauptdarstellerin Marie liegt. Eine umfassende Einsicht in die Lage der Frauen unter dem Vichy-Regime ergibt sich aus Maries Interaktion mit abtreibenden Frauen, mit ihrer Familie und schließlich mit der Regierung selbst. In ihr als „Engelmacherin“ manifestiert sich ein Stück Geschichte aus weiblicher Sicht, denn sie verkörpert einen Teil des französischen Alltagslebens unter dem Vichy-Regime, über den weitestgehend Stillschweigen herrschte (zumindest bis zur Veröffentlichung des Films) und der nicht in den Geschichtsbüchern erwähnt wird, weil es sich hier um einen spezifisch weiblichen Teil der Geschichtsschreibung handelt, die sonst weitestgehend von Männern dominiert wird.

3. Maries Verhältnis zu anderen Frauen, ihrer Familie und der Vichy- Regierung

Durch ihre Nachbarin kommt Marie zum ersten Mal dazu, einer anderen Frau bei einem Schwangerschaftsabbruch zu helfen. Sie weiß sofort, was zu tun ist, aber ob sie schon einen Schwangerschaftsabbruch an sich selbst durchgeführt hat oder einfach durch andere Frauen über theoretisches Wissen verfügt, bleibt offen. Auch scheint es zunächst so, als sei ihre Hilfe nicht mehr als ein Gefallen unter Nachbarinnen, die sich gut verstehen und in ihrer schwierigen Lage zusammenhalten müssen. Dementsprechend wird Marie auch nicht mit Geld entlohnt, sondern mit einem Grammophon. Trotzdem wird ihr in diesem Moment bewusst, wie lukrativ Dienste dieser Art für sie sein könnten. Ehe sich Marie versieht, verdient sie sich ihren Lebensunterhalt als „Engelmacherin“, und durch ihre Bekanntschaft mit der Prostituierten Lulu erweitert sich der Kreis der Frauen, denen sie bei Schwangerschaftsabbrüchen hilft. Ängstlich und vorsichtig stehen diese Frauen auf Maries Schwelle und sind ihr sehr dankbar für ihre Hilfe, wenngleich die Prozedur selbst mit großen Schmerzen einhergeht und hygienisch nicht einwandfrei ist bzw. sein kann. Indem der Film die Vorgehensweise nicht verharmlost, spricht er historische Tatsachen an, die in Zeitzeugenberichten betroffener Frauen oft anklingen:

[La faiseuse d'anges] a mis une toile cirée sur la table de la salle à manger et elle a commencé à me torturer. Ça a duré trois heures et demie, une bonne partie de la nuit. Pendant ce temps, mon vagin était distendu par un spéculum (je n'ai pas vu si elle le nettoyait) et elle enfonçait la sonde millimètre par millimètre. Quand elle voyait que je souffrais trop et que j'allais m'évanouir, elle criait:

- Espèce d'imbecile, vous n'allez pas crever ici, hein! Vous vous rendez compte des ennuis que j'aurais... (Gauthier 2002: 13 f.)

Dieses Zitat stammt aus dem Bericht einer Frau über eine Abtreibung, die sie in den 1960er Jahren hat durchführen lassen. Erschienen ist ihre Beschreibung in Xavière Gauthiers Buch Paroles d'avort é es, in dem Schwangerschaftsabbrüche vor der Verabschiedung der Loi Veil 1975 mit deren Durchführung heutzutage anhand authentischer und typischer Beispiele verglichen werden. Als Beispiel für einen Schwangerschaftsabbruch vor 1975 ist dieser Bericht zumindest mit den Umständen in den 1940er Jahren vergleichbar. In diesem Zitat wie auch in Une affaire de femmes zeigt sich in sehr drastischer Weise das ambivalente Verhältnis zwischen Engelmacherinnen und abtreibenden Frauen. So wie die Frauen, die Maries Dienste in Anspruch nehmen, auf ihre Hilfe angewiesen sind, so ist auch Marie auf die Bezahlung der Frauen angewiesen, mit deren Hilfe sie sich und ihren Kindern ein besseres Leben ermöglichen möchte.

Im Film ist Marie als Engelmacherin sehr präsent und in fast jeder Einstellung zu sehen. Indem Chabrol häufig halbnahe, nahe und große Einstellungsgrößen wählt, um die Handlung zu inszenieren, ist er sehr nah an seinen Darstellern dran, wodurch er Situationen sehr eindringlich darstellen kann. Auch zwischenmenschliche Beziehungen werden so sehr nachdrücklich vergegenwärtigt und den Zuschauern wird der emotionale Zugang zu der eher schwierigen Thematik des Films über das Innen- und Gefühlsleben der Figuren erleichtert.

Exemplarisch aufgezeigt werden soll das Verhältnis zwischen Marie und den Frauen, die sie aufsuchen, an einer Szene, in der Marie mit den Konsequenzen ihres Handelns konfrontiert wird: Ungefähr in der Mitte des Films wird sie von der Schwägerin einer Frau aufgesucht, die Maries Hilfe in Anspruch genommen hat. Sie konfrontiert Marie mit der Nachricht, dass diese Frau nach dem Schwangerschaftsabbruch verstorben ist und sich ihr Mann aus Verzweiflung darüber das Leben genommen hat. Mit den Kindern ihrer Schwägerin an der Hand sucht sie nun Marie auf, um ihr nachträglich das Geld für die Operation auszuhändigen. Nicht zuletzt geht es ihr aber auch darum, Marie vor Augen zu führen, wie unmoralisch sie handelt.

In dieser Szene manifestiert sich zunächst Maries Rolle als Engelmacherin: Schon die Aufnahme der Stricknadeln am Anfang der Szene weisen als „Arbeitsmaterial“ auf ihre Profession und die damit verbundenen Schmerzen für die Frauen hin (Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Szene aus Une affaire de femmes. Die Stricknadeln weisen auf Maries Tätigkeit als Engelmacherin hin.

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Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"Une affaire de femmes" als Erinnerungsfilm
Untertitel
Claude Chabrol als Produzent einer 'mémoire des femmes'
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Romanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V171423
ISBN (eBook)
9783640907977
ISBN (Buch)
9783640907670
Dateigröße
1135 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erinnerung, Chabrol, memoire, Vichy, Une affaire de femmes
Arbeit zitieren
Stephanie Lange (Autor), 2010, "Une affaire de femmes" als Erinnerungsfilm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171423

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