Niederdeutsch im aktuellen Sprachgebrauch


Seminararbeit, 2008

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichni

1. Einleitung

2. Wer spricht niederdeutsch?

3. In welchen Situationen wird niederdeutsch gesprochen?
3.1. Private Verwendung des Niederdeutschen
3.2. Öffentliche Verwendung des Niederdeutschen

4. Die Pflege der niederdeutschen Sprache als Kulturgut

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Neben der hochdeutschen Sprache wurde das Niederdeutsche lange nicht gepflegt und wenig beachtet. Das liegt an der oft negativen Auffassung von Dialekten und der geringen Achtung, die den Menschen, die sie sprechen, entgegengebracht wird. Von Generation zu Generation gibt es dadurch immer weniger Menschen, die die niederdeutsche Sprache beherrschen.

Diese Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, inwieweit überhaupt noch niederdeutsch gesprochen wird. Auch soll geklärt werden, in welcher Situation das Niederdeutsche dem Hochdeutschen vorgezogen wird.

Dabei soll es auch um das bestehende Vorurteil gehen, dass das Sprechen von Dialekten ein Zeichen für eine geringe Bildung sei. Die verschiedenen Statistiken und Untersuchungen, die dazu herangezogen werden, beschäftigen sich größtenteils mit speziellen Orten oder größeren Gebieten. Da hier aber der gesamte Sprachraum untersucht werden soll können die angegebenen Werte höchstens als Richtwerte gelten.

Dazu habe ich eine eigene kleine Befragung in meinem Heimatdorf Velstove (Stadt Wolfsburg) durchgeführt, die sich aber nur auf einige spezielle Fragen konzentriert und so keineswegs als empirische Untersuchung gelten kann, da sie nur an Einzelpersonen durchgeführt wurde. Sie dient nur dazu, auf einige spezielle Sachverhalte hinzuweisen und auf besondere Fragen genauer einzugehen.

Näher werde ich darauf in Punkt 3 eingehen, wenn ich mich mit der Frage beschäftige, in welchen Situationen die niederdeutsche Sprache angewendet wird und wann ihr das Hochdeutsche vorgezogen wird. Dabei hilft die Befragung, die Gründe für einige Tatsachen zu klären, die in statistischen Untersuchungen nicht berücksichtigt werden können.

Unter Punkt 4 wird dann untersucht, inwieweit die niederdeutsche Sprache (wieder) gepflegt wird und was zu ihrem Erhalt unternommen wird. Dabei soll geklärt werden, wie weit tatsächlich ein Imagewandel stattgefunden hat, durch den das Niederdeutsche wieder mehr Beachtung findet.

2. Wer spricht niederdeutsch?

Es gibt sehr verschiedene Studien, die untersuchen, wie viele Menschen niederdeutsch sprechen. Dabei haben diese Studien unterschiedliche Fragestellungen und Zielsetzungen.

Einige versuchen insgesamt die niederdeutsche Sprachkompetenz festzustellen und unterscheiden dabei nach aktivem und passivem Sprachvermögen.[1] Auch werden verschiedene Altersgruppen festgesetzt, um die Entwicklung von Generation zu Generation festzustellen.[2] Dabei ergibt sich, dass die niederdeutsche Sprachkompetenz von Generation zu Generation stetig abnimmt, die passive Sprachkompetenz jedoch sehr viel langsamer als die aktive.[3]

Daran ist zu erkennen, dass die regelmäßige Verwendung des Niederdeutschen nicht weitergegeben wird, da aber die passive Sprachkompetenz auch bei jüngsten untersuchten Gruppe noch zu großen Teilen vorhanden ist,[4] zeigt sich, dass auch sie noch mit dem Niederdeutschen in Kontakt kommt. So ist festzustellen, dass niederdeutsch auch in Gegenwart jüngerer Menschen häufig gesprochen wird.

Eine allgemeine Studie zur Kenntnis von Dialekten aus den 80er Jahren zeigt dabei längst nicht eine so deutliche Abnahme von Dialektkenntnis. Es liegen sogar Schwankungen vor, die der stetigen Abnahme der Kenntnis des Niederdeutschen gegenüber stehen.[5] Dies zeigt, dass andere Dialekte mehr gepflegt werden, oder zumindest über längere Zeit mehr geschätzt wurden als das Niederdeutsche.

Auch wird deutlich, dass sich die Statistiken zwischen den Bundesländern etwas unterscheiden.[6] Grob zusammengefasst kann man sagen, dass die niederdeutsche Sprachfähigkeit gen Süden etwas abnimmt. So liegt die aktive Sprachkompetenz des Niederdeutschen in Schleswig – Holstein deutlich höher, als die in Nordrhein – Westfalen.[7]

Sogar innerhalb von Niedersachen ist dieses Nord – Süd – Gefälle festzustellen, die aktive Sprachkompetenz des Niederdeutschen ist im nördlichen Niedersachsen beinahe doppelt so hoch wie im südlichen Niedersachsen.[8] Ansonsten ist zu erkennen, dass es deutliche Unterschiede zwischen ländlichen Gegenden und Städten gibt.[9]

Schon die allgemeine Studie zur Dialektkompetenz zeigt, dass es besonders bei der jüngsten untersuchten Gruppe starke Schwankungen zwischen in Städten lebenden und in ländlichen Gegenden lebenden Jugendlichen gibt.[10]

Bei den über 60-jährigen ist dagegen fast kein Unterschied festzustellen, wodurch deutlich wird, dass vor allem in den Städten die allgemeine Dialektkenntnis abgenommen hat.

Diese lässt sich auch speziell auf das Niederdeutsche übertragen, das in ländlichen Gegenden tatsächlich häufiger verwendet wird, als in Städten, da im städtischen Umfeld die Vertrautheit fehlt, die als Charakteristik der niederdeutschen Sprachverwendung angegeben wird.

Eine weitere Fragestellung in diesem Zusammenhang ist die versuchte Schichteinordnung der Dialektsprecher. Bestehende Vorurteile gaben Anlass zu einer Untersuchung, ob Verwendung von Dialekt, ebenso wie die Verwendung des „restringierten Kodes“ ein Merkmal für die Angehörigkeit unterer sozialer Schichten sei.[11] Dabei wird aber deutlich, dass diese These problematisch ist, da es kein klares „Ja“ oder „Nein“ auf diese Frage gibt, weil sie ein viel zu eingeschränktes Blickfeld voraussetzt, das einige wichtige Faktoren außer Acht lässt.[12]

Außerdem zeigt sich, dass es fast niemand mehr ausschließlich niederdeutsch spricht,[13] wie es einmal der Fall war, so dass die ausschließliche Kenntnis des Niederdeutschen tatsächlich eine große Einschränkung bedeutete, da man keine Möglichkeit hatte, sich mit Hochsprechern überhaupt zu verständigen. Stattdessen wird die Beherrschung des Niederdeutschen heute eher als Sprachvarietät und damit als Bereicherung angesehen.[14]

3. In welchen Situationen wird niederdeutsch gesprochen?

Die vorangehenden Ergebnisse zeigen, dass das Niederdeutsche nicht mehr so oft wie früher verwendet wird und zumindest einige Zeit über an einem Imageschaden gelitten hat. Dieses Kapitel soll deshalb untersuchen, welche Gründe der stetige Rückgang der Verwendung des Niederdeutschen hat und wo die Gründe für die in Kapitel 2 beschriebenen Daten liegen.

3.1. Private Verwendung des Niederdeutschen

Ein Grund dafür, dass die Verwendung des Niederdeutschen immer weiter zurückgeht, ist das Schwinden der nach außen geschlossenen Dorfgemeinschaft.[15]

Durch die zunehmende Mobilität der Dorfbewohner und die Verlagerung von Einkaufsmöglichkeiten aus dem Dorf in die Stadt öffnet sich die einst geschlossene Gemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl geht verloren.[16]

Dass dieses Zusammengehörigkeitsgefühl aber notwendig für die regelmäßige Verwendung des Niederdeutschen ist, zeigt das von mir angeführte Beispiel auf der nächsten Seite.

Eine Sprachstudie aus den 70er Jahren, in der die soziale Bewertung von unterschiedlichen deutschen Dialekten untersucht wurde, hat ergeben, dass zumindest zu dieser Zeit der hamburgische, also niederdeutsche, Dialekt auf der Beliebtheitsskala ganz oben lag.[17]

Dies zeigt, dass das allgemeine Image des Niederdeutschen keineswegs so negativ wie oft vermutet ist. Dabei wurden Menschen aus verschiedenen Gebieten Deutschlands nach ihren dialektalen Vorlieben gefragt.

Interessant ist aber, dass die Hamburger selbst ihren Dialekt sehr viel negativer einordneten, als z. B. Münchner den ihren.[18] Dies zeigt, dass das schlechte Image des Niederdeutschen aus dem eigenen Sprachraum und von den Sprechern selbst kommt. So müssen bei vielen Verwendern des niederdeutschen Dialekts schlechte Erfahrungen mit diesem vorliegen.

Was genau diese Erfahrungen sind, ist über eine Statistik schwer zum Ausdruck zu bringen, da es sich hierbei um Einzel – Erfahrungen handelt, die nur schwer zu einer allgemeinen Statistik zusammenzufassen sind, ohne dass wichtige Einzelheiten auf der Strecke bleiben.

In vielen Untersuchungen wird angegeben, dass die Generation der heute 60 - bis 80 – jährigen ihre niederdeutsche Sprachfähigkeit nicht an die Kinder weitergegeben haben, damit diese in der Schule keine Probleme bekommen.[19]

Dabei ist zu bedenken, dass diese Generation größtenteils in ihrem Elternhaus nur Niederdeutsch lernte, so dass in der Schule mühsam hochdeutsch gelernt werden musste.

Auch im Arbeitsleben ergaben sich große Schwierigkeiten. In den Statistiken finden sich hierzu nur Andeutungen. Um herauszufinden, wo genau diese Schwierigkeiten liegen, habe ich in Velstove einige Personen, die zwischen 1916 und 1938 geboren wurden, befragt. Dabei ergab sich Folgendes:

Große Schwierigkeiten ergaben sich vor allem für die Männer, die außerhalb des Dorfes (vorrangig im Volkswagenwerk) arbeiteten. Durch die hohe Anzahl von Arbeitern aus verschiedenen Teilen Deutschlands herrschte ein großes Unverständnis gegenüber der niederdeutschen Sprache.

Damit verbunden waren nicht nur Verständigungsschwierigkeiten, sondern auch zunehmend geringere Anerkennung gegenüber den niederdeutsch sprechenden. Diese gaben sich mit ihrer Sprechweise sofort als Dorfbewohner zu erkennen, wodurch auch ihre Bildung angezweifelt wurde.

Um einen guten Eindruck zu machen bemühten sich auch Dorfbewohner, in der Stadt hochdeutsch zu sprechen und die Verwendung des Niederdeutschen wurde auf das Dorf und die Familie beschränkt. Hier werden die Gründe deutlich, durch die das Niederdeutsche auf das ländliche Umfeld begrenzt wurde. Außerhalb des Dorfes stieß diese Sprechart in den 50er bis 70er Jahren auf Unverständnis und führte zu Vorurteilen, die sich teilweise noch immer halten, wie man an der Untersuchung zur Schichteinordnung der Dialektsprecher erkennt.[20]

[...]


[1] vgl. Stellmacher (2000), S. 102ff

[2] vgl. Föllner, S. 110

[3] vgl. ebenda, S. 110

[4] vgl. ebenda, S. 110

[5] vgl. Mattheier, S. 43

[6] vgl. ebenda, S. 101ff

[7] vgl. ebenda, S. 101ff

[8] vgl. Föllner, S. 102ff

[9] vgl. ebenda, S. 118

[10] vgl. Mattheier, S. 44

[11] vgl. Hasselberg, S. 1468f

[12] vgl. ebenda 1473

[13] vgl. Föllner, S. 113

[14] vgl. ebenda, S. 113

[15] vgl. Menge, S. 14

[16] vgl. Stellmacher (1981), S. 27

[17] vgl. Ammon, S. 1499

[18] vgl. ebenda, S. 1499

[19] vgl. Föllner, S. 112

[20] vgl. Ammon

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Niederdeutsch im aktuellen Sprachgebrauch
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar: Sprachgeschichte im Überblick
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
12
Katalognummer
V171429
ISBN (eBook)
9783640908264
ISBN (Buch)
9783640918522
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
niederdeutsch, sprachgebrauch, Dialekt, Vorurteile
Arbeit zitieren
Franziska Theresa Miethe (Autor), 2008, Niederdeutsch im aktuellen Sprachgebrauch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171429

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