Die Entwicklung der Anredekonvention im Deutschen

Pragmatischer Wandel der Höflichkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das „face-Konzept der Höflichkeit“ (Brown/Levinson 1978)

3. Anredebestimmende Variablen

4. Die Entwicklung der höflichen Anredepronomen
Stufe 1: Vom Germanischen zum Althochdeutschen
Stufe 2: Vom Althochdeutschen zum Frühneuhochdeutschen
Stufe 3: Das 17. Jahrhundert
Stufe 4: Das 18. Jahrhundert
Stufe 5: Das frühe 19. Jahrhundert
Stufe 6: Die Anredepronomen im Neuhochdeutschen

5. Anredepronomen im Anwendungsvergleich: Beispiele zeitgenössischer Autoren
Zu Stufe 4: Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“
Zu Stufe 5: Georg Büchners „Woyzeck“

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis
7.1. Primärliteratur
7.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Höflichkeit spielt im Zusammenleben einer Gesellschaft eine große Rolle, denn ohne sie ist ein soziales Miteinander kaum vorstellbar. Höfliches Verhalten äußert sich im alltäglichen Leben vor allem durch die Verwendung von Anredeformeln, die nach Werner Besch (²2003: 2599) Auskunft über zwischenmenschliche Beziehungsverhältnisse geben. Um ein effizientes Sozialverhalten innerhalb einer Sprechergemeinschaft zu gewährleisten müssen deren Mitglieder die jeweiligen Anredekonventionen lernen und befolgen. Ein Nicht-Einhalten kann sich störend auf das Miteinander der Gesellschaft auswirken. Da eine solche Gesellschaft stets von sprachlichen und sozialhistorischen Veränderungen und Umbrüchen geprägt ist, sind parallel dazu auch Anrede-Konventionen einem Wandel unterworfen.

Dieses pragmatische Sprachwandelphänomen soll Thema dieser Hausarbeit sein. Zunächst wird das „face-Konzept der Höflichkeit“ von Penelope Brown und Stephen Levinson von 1978 vorgestellt werden, da es die Grundlage der Anredeforschung darstellt. Anschließend folgt eine Erläuterung der „Anredebestimmenden Variablen“ nach Werner Besch (²2003), die die Anredekonventionen des Deutschen bestimmen und neben dem Höflichkeitskonzept von Brown und Levinson ebenfalls eine Erklärung für bestimmte Wandelphänomene bieten können. Daraufhin wird der Prozess des Anredewandels durchlaufen, der die verschiedenen Stufen der Anrede in der deutschen Geschichte beleuchtet. Dabei sollen bestimmte Phänomene, wie beispielsweise die Respektminderung der Pronomen er/sie am Anfang des 19. Jahrhunderts, oder die Anrede-Blüte im 18. Jahrhundert näher analysiert und anhand von Beispielen aus der deutschen Literatur verdeutlicht werden.

Das Ziel dieser Arbeit ist es herauszuarbeiten, welche Faktoren für den Wandel von Anredekonventionen verantwortlich sind und zu zeigen, wie sich diese Veränderungen in der deutschen Sprache und Gesellschaft äußern. Zuletzt soll sowohl ein Resümee der Arbeit, als auch ein Ausblick gegeben werden, was die deutsche Sprache in Zukunft von der höflichen Anrede zu erwarten hat.

2. Das „face-Konzept der Höflichkeit“ (Brown/Levinson 1978)

Unser Anredeverhalten wird permanent durch Höflichkeit gelenkt. Penelope Brown und Stephen Levinson definierten diese Tatsache unter dem Begriff ‚Face‘. Jeder Sprecher hat seinem Gesprächspartner und der Gesellschaft gegenüber das Bedürfnis sein Gesicht zu wahren. Dabei hat jede Person ein positives und ein negatives Gesicht, die beide durch Höflichkeitsinteraktion befriedigt werden wollen. Das ‚positive face‘ benötigt die Anerkennung von Mitmenschen, die sie unter anderem durch Betonung von Gemeinsamkeiten, wie beispielsweise einem Dialekt erreicht. Durch positive Höflichkeit stärkt man das positive Gesicht des Partners, zum Beispiel in dem man ihm Komplimente macht. Solche Komplimente konventionalisieren sich bei häufiger Benutzung, wie beispielsweise die beiden nominalen Anreden herre und vrouwe. Diese Ausdrücke waren im Mittelhochdeutschen. nur für Mitglieder des hohen Standes vorgesehen. Mit der Zeit wurden sie aber als Ausdruck von Höflichkeit auch in niedrigeren Schichten verwendet, was dazu führte, dass sich diese Anrede in allen gesellschaftlichen Stufen etablierte und in der deutschen Sprache als feste Anrede für alle Erwachsenen durchsetzte (vgl. Nübling ²2006: 160).

Das ‚negative face‘ versucht seine persönliche Handlungsfreiheit und die des Gesprächspartners vor Zwängen zu wahren, zum Beispiel mit Hilfe von Vermeidungsstrategien, wie Untertreibungen, illokutiver Zurückhaltung oder indirekten Formulierungen. So ist es möglich einen respektvollen Abstand einzuhalten, ohne sich seinem Gesprächspartner gegenüber direkt aussprechen zu müssen. Dies äußert sich beispielsweise in indirekter Kritik, wie „die Musik ist ganz schön laut“, die einem Gegenüber signalisiert, dass die Musik auf Grund ihrer Lautstärke leiser gestellt werden sollte. Die negative Höflichkeit ist eine der häufigsten Faktoren für Sprachwandel, denn solche indirekte Anredewege werden oft konventionalisiert und in die deutsche Sprache integriert (vgl. Simon 2007: 58-59).

3. Anredebestimmende Variablen

Neben den positiven und negativen Höflichkeitsstrategien des Menschen, die sich prägend auf die Anredekonventionen des Deutschen ausgewirkt haben, sind die sogenannten anredebestimmenden Variablen, die auch biologische Variablen genannt werden, wichtig für die Entwicklung des deutschen Höflichkeitssystems.

Im sozialen Miteinander einer Gesellschaft sind verschiedene Faktoren ausschlaggebend für eine entsprechende Anredeart. Nach Besch (²2003) wird zwischen biologischen und sozialen Variablen unterschieden. Zu den biologischen Variablen gehört unter anderem der Faktor des Lebensalters. Man findet ihn beispielsweise beim respektvollen Sie eines Kindes gegenüber eines Erwachsenen. Es handelt sich hierbei um eine Asymmetrie in wechselseitiger Anrede. Auch das Geschlecht ist eine solche Variable, vor allem in anderen Sprachen, bei uns eher weniger. Man findet in der deutschen Sprache Beispiele in der Politik (Frau Präsidentin), sonst findet man diesen Faktor nur in anderen Sprachen. Im Arabischen gibt es beispielsweise speziell männliche und speziell weibliche Anredepronomina. Dieses Phänomen lässt sich auf religiöse Bräuche zurückführen. Auch im Japanischen finden sich solche Unterscheidungen, die höfliche Stilebene wird in dieser Sprache auch als „Frauensprache“ bezeichnet, da Frauen sich dem männlichen Geschlecht gegenüber immer besonders respektvoll ausdrücken müssen (vgl. Besch, ²2003: 2602-2603).

Alter und Geschlecht stehen in starker Interrelation mit sozialen und situativen Gegebenheiten. Daher haben vor allem die sozialen Variablen einen erheblichen Einfluss auf die Anrede. Zu diesen gehört vor allem die gesellschaftliche Position einer Person. Bei einem sozial Höherrangigen kommt es häufig zu einer Höflichkeitssteigerung in der Anrede, beispielsweise durch Eigendegradierung, die sich unter anderem in der eher altertümlichen Form „meine Wenigkeit“ äußert. Die soziale Variable steht in der Rangfolge höher als Alter und Geschlecht und setzt diese beide in der Regel außer Kraft.

Rahmenbedingungen sind ebenfalls wichtige zusätzliche Steuerungen der Anrede, die der Situation stets angepasst sein muss. Der Grad der Formalität hat Steuerungsfunktion für die Anrede, denn je formaler die Situation, desto förmlicher die Anrede. Anredeformen sind auf Grund ständiger historisch-sozialer Veränderungen immer einem geschichtlichen Wandel ausgesetzt (vgl. Besch, 1996: 88).

4. Die Entwicklung der höflichen Anredepronomen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Graphische Darstellung nach Simon, 1997: 268)

Stufe 1: Vom Germanischen zum Althochdeutschen

Die Entwicklung der höflichen Anredepronomen erfolgt in sechs Zeitstufen. Die erste in schriftlichen Quellen nachweisbare Anredeform war das Du (2. Person Singular). Diese fungiert als Basisanrede während der gesamten deutschen Sprachgeschichte. Im Laufe der Zeit fügen sich weitere Personalpronomina in die Anredekonvention ein, die kontrastierend gebraucht werden und hinsichtlich ihres Grades der Höflichkeit differenziert werden (vgl. Simon, 1997: 268).

Im Germanischen besteht lediglich ein eingliedriges Anredesystem. Eine andere Form außer dem du- Pronomen ist nicht nachweisbar. Aus dieser Zeit ist nur wenig Quellenmaterial verfügbar um diese Behauptung zu stützen, also ist keine absolute Sicherheit über die Verwendung der Anredepronomina gegeben (vgl. Nübling, ²2006: 162).

Ein althochdeutsches Beispiel lässt sich dennoch anbringen, nämlich ein Ausschnitt aus dem Ludwigslied Vers 29-30. „Gode thancodun The sin beidodun Quadhun al: fromin, So lango beidon uuir thin.” (zit. n. Augst, 1977: 24)

(„Da dankten Gott, die ihn erwartet hatten. Alle sprachen: Herr, wir warten schon so lange auf dich.“)

Stufe 2: Vom Althochdeutschen zum Frühneuhochdeutschen

Im 9. Jahrhundert taucht zum ersten Mal das ir als eine Höflichkeitsform in der 2. Person Plural für eine Einzelperson auf, verbunden mit der entsprechenden Pluralform des Verbs. In einer Widmung an Bischof Salomo (Ad Salomonem 12) spricht Otfrid von Weißenburg um 865 seinen Lehrmeister mit dem ehrerbietenden ir an .

„thaz ir mih lertut harto“ (zit. n. Besch, 2003: 2600)

(„dass Ihr mich so vorzüglich [mit Euren Worten] lehrtet “)

Diese Art der Anrede bürgerte sich aber erst im Laufe des 11. und 12. Jahrhunderts im Sprachgebrauch ein. Klar erkennbare Regeln bei der Verteilung dieser Anredeformen sind noch nicht erkennbar, Schwankungen im Gebrauch sind dabei keine Seltenheit. Um 1200 etablierte sich dieses System vollends in einer von Regeln bestimmten höfischen-adligen Anredekonvention, wie beispielsweise in den Artustexten von Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach oder im Nibelungenlied (vgl. Nübling, ²2006: 163 / Ammon, 1972: 82). Diese Regeln werden durch die anredebestimmenden Variablen ‚soziale Position’ und ‚Alter’ bestimmt, wobei auch Asymmetrien häufig vorkommen. Der Höherstehende oder Ältere duzt den Niedrigeren beziehungsweise Jüngeren. Das ir wird üblicherweise für Klerus und Adel verwendet, wohingegen das du für die Untertanen bestimmt ist (vgl. Besch, 2003: 2600).

Ein möglicher Faktor für die Entwicklung des irzens könnte der lateinische Kontakteinfluss sein. Die lateinische Sprache war im Althochdeutschen die wichtigste Kontaktsprache und als Sprache der Gebildeten von hohem Ansehen. Die lateinischen Anredepronomen tu und vos stimmen mit der ahd. Pronominalverwendung du und ir überein, daher wahrscheinlich auch im Deutschen die Verwendung der 2. Person Plural. V os geht zurück auf die öffentliche Sprache in Erlassen, Geschäftsbriefen, Kurialschreiben. Der lateinische Amtsstil breitet sich mit der Zeit immer weiter auf die Volkssprache aus (vgl. Augst, 1977: 25). Diese neue Form der Anrede wird zum ersten Mal im Annolied von 1080 (V. 467-474) zur Sprache gebracht:

„Romêre einen nuwen sidde ane viengen sie begonden irzen den herrin den sidde hiez er duo zerin diutisce liute lêrin.“ (zit. n. Augst, 1977: 25)

(„Die Römer fingen eine neue Gewohnheit an. Sie begannen den Herrn zu ihrzen. Diese Gewohnheit befahl er den Deutschen zu lehren, um ihn zu ehren.)“

Als andere wichtige Faktoren kann man pragmatische Motive nennen. In der Entwicklung der deutschen Höflichkeitsstruktur sind die hierarchischen Strukturen der Gesellschaft in einem erheblichen Maße verantwortlich für die Herausbildung eines Anredepronomens, das die höheren Stände von den niedrigeren abgrenzt. Die Verwendung des ir für Adel und Klerus deutet einen Akt positiver Höflichkeit eines Untergebenen an. Das Pronomen der 2. Person Plural hat einen metaphorischen Gehalt, denn Pluralität symbolisiert in diesem Kontext Größe und Macht. Die Numerusverschiebung von Singular du auf Plural ir schmeichelt einem Gegenüber und lässt es mächtiger erscheinen. Man könnte dieses Phänomen allerdings auch als einen Akt negativer Höflichkeit ansehen, denn der Adressat wird als Teil einer größeren Gruppe verstanden und somit nicht direkt angesprochen. Daher muss er sich in seiner persönlichen Handlungsfreiheit nicht eingeschränkt fühlen, was seinen „negative-face-Bedürfnissen“ entgegen kommt (vgl. Simon, 2007: 59).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Anredekonvention im Deutschen
Untertitel
Pragmatischer Wandel der Höflichkeit
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
HS Sprachwandel
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V171437
ISBN (eBook)
9783640910588
ISBN (Buch)
9783640908523
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anrede, Pragmatik, Höflichkeit, Pragmatischer Wandel, Historische Sprachwissenschaften, Schiller, Kabale und Liebe, Büchner, Woyzeck, Anredepronomen
Arbeit zitieren
Charlotte Seeger (Autor), 2010, Die Entwicklung der Anredekonvention im Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171437

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