Das Wunderbare in Tiecks "Der Blonde Eckbert"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff des Wunderbaren
2.1 Der Begriff des Wunderbaren in Tiecks Aufsatz „Über Shakespeares Behandlung des Wunderbaren“

3. Wunderbare Elemente in „Der Blonde Eckbert“
3.1 Wunderbare Elemente bei Bertha
3.2 Wunderbare Elemente beim Eckbert

4. Der Transfer wunderbarer Elemente Shakespeares in den „Blonden Eckbert“
4.1 Wunderbare Elemente der Komödie
4.2 Wunderbare Elemente der Tragödie

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Der Schriftsteller Ludwig Tieck verfasste im Jahre 1796 sein Werk „Der Blonde Eckbert“. Ein Jahr darauf erschien die Erzählung bei C.A. Nicolai im ersten Band der Volksmärchen. 1812 wurde sie ein wenig abgeändert und im ersten Band der Sammlung Phantasus gedruckt.[1]

„Der Blonde Eckbert“, in welchem Tieck „alle Märchenmotive, die im Verlaufe der Phantasuserzählungen ihre Auswertung und Aufwertung erfahren, vordeutend vorwegnimmt“[2], eröffnet den Beginn seiner novellistischen Märchenproduktion.

Das Werk hat von allen Phantasus-Märchen den größten Rezeptionserfolg und unterliegt einer Vielzahl von Deutungsversuchen, welche aufgrund der Unstimmigkeiten motivischer, gattungstechnischer und literarmoralischer Art dieses Phantasusmärchens sowie seiner „dargestellten, katastrophalen Verschränkung von Traum und Bewußtsein, Bericht und Märchen“[3] ihren sinngebenden Charakter einbüßen müssen.

Ein Rezensent in der Jenaer Allgemeinen Literatur-Zeitung behauptet: „Selbst ein Machtspruch aus dem Geisterreiche wäre uns erträglicher gewesen als dieser gänzliche Mangel einer befriedigenden Aufklärung.“[4] Gerade diese unauflösbaren sowie bizarren Elemente, welche im „Blonden Eckbert“ zahlreich vertreten sind, üben eine unerklärbare Faszination auf den Leser aus und konfrontieren diesen mit dem Begriff des Wunderbaren.

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll die Frage geklärt werden, inwieweit Tieck die wunderbaren Elemente Shakespeares in seinem Märchen „Der Blonde Eckbert“ übernommen hat. Da der Versuch, eine allumfassende, diachrone Typologie des Begriffs des Wunderbaren bei Tieck anzufertigen, zum Scheitern verurteilt wäre, wird eine synchrone Betrachtungsweise des Begriffes sowie seiner Ausgestaltung anhand des Shakespeare-Aufsatzes angestrebt.

Die Quellenlage zu dieser Thematik gestaltet sich schwierig, da Tiecks Shakespeare-Aufsatz nur wenig Beachtung in der Sekundärliteratur gefunden hat. Allein in der Einleitung für Tiecks spätere Novellentheorie findet sich eine Auseinandersetzung mit diesem. Auch die Phantasusmärchen werden in der Forschungsliteratur kaum aufgegriffen, wobei der „Blonde Eckbert“ zu den wenigen Ausnahmen zählt, die des Öfteren als Gegenstand der Forschung fungieren. Als primäres Medium zur Erstellung dieser Hausarbeit fungierte der Shakespeare-Aufsatz von Tieck in den „Ausgewählten kritischen Schriften“, welche Ernst Ribbat herausgegeben hat.

Als ebenso hilfreich gilt es, die publizierte Dissertation von Armin Giese hervorzuheben, welche einen umfangreichen Überblick über Tiecks Werke und deren Bedeutungen liefert und sich zudem intensiv mit dem Shakespeare – Aufsatz von Tieck auseinandersetzt.

Im ersten Part findet eine Auseinandersetzung mit dem komplexen Begriff des Wunderbaren statt. Hierbei nehmen insbesondere die in Tiecks Aufsatz „Über Shakespeares Behandlung des Wunderbaren“ aufgeführten Elemente des Wunderbaren einen hohen Stellenwert ein, da sie sich auf die weiteren Ausführungen in dieser Arbeit konzentrieren. In Folge werden die wunderbaren Elemente im „Blonden Eckbert“ herausgearbeitet, woraufhin im letzten Teil untersucht wird, ob sich in diesem Märchen Parallelen zu Shakespeare finden lassen und Tieck sich bei der Darstellung der wunderbaren Elemente auf sein großes Vorbild gestützt hat.

2. Der Begriff des Wunderbaren

Generell umfasst der Bereich des Wunderbaren alle thematischen Elemente, die Stamm unter dem Sammelbegriff „magische Geisterwelt“[5] zusammenfasst.

Eine allgemein gültige Definition für das Wunderbare gab es allerdings weder zu Lebzeiten Tiecks, noch zu einem anderen Zeitpunkt. Tieck stellt allerdings das Wunderbare in den Mittelpunkt seines Aufsatzes über Shakespeare und greift somit einen Zentralbegriff der herrschenden Kunsttheorien auf.[6]

2.1 Der Begriff des Wunderbaren in Tiecks Aufsatz „Über Shakespeares Behandlung des Wunderbaren“

Das Wunderbare wurde von Tieck als literarisches Element und Strategie zur Provokation bestimmter Reaktionen und Affekte verstanden. Dem Schriftsteller liegt es in seinem Shakespeare - Aufsatz fern, die Domäne des Wunderbaren abzustecken und gegen weitere Konzepte abzugrenzen. Vielmehr legt er eine „Analyse der dichterischen Technik“[7] Shakespeares dar.[8]

Das zunächst auftretende Problem in Tiecks Aufsatz ist die Trennung in Komödie und Tragödie. Im Folgenden werden beide Gattungen mit ihren jeweiligen Elementen des Wunderbaren separat benannt. Später wird in Punkt 4 verglichen, welche Elemente Tieck verstärkt im „Blonden Eckbert“ aufgegriffen hat.

In der Komödie besteht ein Element des Wunderbaren in der „Darstellung einer ganzen wunderbaren Welt, damit die Seele nie wieder in die gewöhnliche Welt versetzt, und so die Illusion unterbrochen werde. Dadurch, daß die dargestellten Wunder nicht ganz unbegreiflich scheinen.“[9] Es ist also wichtig, dass sich das Wunderbare wie ein roter Faden durch das gesamte Stück zieht und niemals isoliert steht. Somit wird es gewöhnlich, da der natürliche Maßstab nicht mehr existiert. Auch „durch die Mannigfaltigkeit der Darstellungen, und durch die Milderung der Affekte“[10] soll eine Illusion geschaffen werden, die den Leser bewusst in die wunderbare Welt eindringen und die Übernatürlichkeiten als nicht fraglich betrachten lässt. Durch die Verknüpfung der wunderbaren sowie wirklichen Welt wird eine Mannigfaltigkeit erschaffen. Das Wunderbare wird somit über das gesamte Stück verteilt und erhält beim Rezipienten die Illusion in gleich bleibender Kraft. Alle im Stück vorkommenden Affekte gilt es, in Balance zu halten und deren Ausführung in einem „hohen Grade“[11] zu vermeiden, so dass die „Extreme der Leidenschaften“[12] gar nicht erst aufkommen und den Leser durch starke Emotionen bzw. Mitgefühl aus dessen wunderbaren Welt reißen.

Ein ebenso wichtiges Kriterium für das Wunderbare besteht im Einfügen komischer Elemente. Durch „das Komische“[13] wird das Fürchterliche und Lächerliche in einem vereint. Dies führt wiederum zu einem Schwindel der menschlichen Seele, indem die Urteilskraft des Lesers derart verwirrt wird, dass er die Kennzeichen des Wahren bzw. des Irrtums vergisst und er sich letztendlich gänzlich der Täuschung hingibt.[14]

Das vierte und letzte Grundpostulat in der Komödie wird durch einen völlig mechanischen Kunstgriff geschaffen: Die Musik. Diese besticht die Phantasie des Rezipienten im Voraus, schläfert so den rationalen Verstand ein und macht ihn zugänglich für das Übernatürliche.[15]

In der Tragödie ist das zentrale Merkmal – im Gegensatz zur Komödie - die Erregung von „Furcht und Mitleid“[16] beim Rezipienten. Ebenso soll die Geisterwelt hierbei entfernter und unbegreiflicher für den Rezipienten dargestellt werden. Sie soll der wirklichen Welt untergeordnet sein, so dass nur ein punktueller Einsatz des Wunderbaren erfolgt.[17] Wie schon bei der Komödie wird auch hier das Wunderbare auf eine bestimmte Art und Weise vorbereitet, damit der Klischeehaftigkeit und Unglaubwürdigkeit des Geschehens vorgebeugt wird.[18] Das letzte Element besteht darin, dass der Dichter für das Wunderbare fast immer eine natürliche Erklärung übrig hat.[19] Die Geisterwelt wird meist nur von einer Figur wahrgenommen und lässt sich dadurch in Frage stellen.

3. Wunderbare Elemente in „Der Blonde Eckbert“

3.1 Wunderbare Elemente bei Bertha

Der größte Teil des „Blonden Eckbert“ berichtet über die Kindheit und Jugend von Eckberts Frau Bertha. Hierbei findet ein Wechsel von wirklicher Welt in eine wunderbare Gegenwelt statt. Bertha ist eine Träumerin, welche durch ihre Tagträume und Phantastereien der realen Lebenswirklichkeit entfremdet ist. Diese Eigenschaft lässt die „Transzendierung von zwei Wirklichkeitsebenen, Alltagsrealität und Märchenbereich“[20] erst möglich werden. Ihre unnachgiebige Sehnsucht nach dem „jeweils anderen Zustand […] bringt die Heldin in heillose Verstrickung.“[21] Dieses Verlangen veranlasst Bertha, ihr gewohntes Leben zu verlassen und wandert ins Gebirge. Ihr Gefühl mutierte wegen ihrer Einsamkeit zunehmend in Unwohlsein. Zudem nahm die Natur um sie herum unheimliche, nahezu dämonisch-beseelte Züge an:

„Die Felsen um mich her gewannen jetzt eine andre, wie seltsamere Gestalt. […] hier traf ich aber gar keine menschliche Wohnung und konnte auch nicht vermuten in dieser Wildnis auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich musste oft dicht an schwindlichten Abgründen vorbeigehn, […] ich weinte und schrie, und in den Felsentälern hallte meine Stimme auf eine schreckliche Art zurück. […] in der Nacht hörte ich die seltsamsten Töne […].“[22]

Diese Erfahrung der Bedrohung durch die Natur[23], des „Gebirge[s] […], das Tieck mit den sprachlichen Mitteln des Schauerromans […] zu einer Angstlandschaft macht“[24] ist einerseits rational erklärbar, bleibt andererseits aber ambivalent und stimmt den Rezipienten auf das Wunderbare ein.

[...]


[1] Vgl. Bärtsch, Hedwig: Der blonde Eckbert, in: Kunstmärchen. Erzählmöglichkeiten von Wieland bis Döblin, hrsg. von Rolf Tarot, Bern 1933, S. 93.

[2] Thalmann, Marianne: Ludwig Tieck. Der Romantische Weltmann aus Berlin, München 1955, S. 890.

[3] Hillmann, Heinz: Ludwig Tieck, in: Deutsche Dichter der Romantik. Ihr Leben und Werk. Unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter, hrsg. von Benno von Wiese, Berlin 1971, S. 121.

[4] Allgemeine Literatur-Zeitung , 2. Dezember 1797, Sp. 565, vgl. auch Giese, Armin: Die Phantasie bei Ludwig Tieck - ihre Bedeutung für den Menschen und sein Werk, Univ. Diss.: Hamburg 1973, S. 201.

[5] Stamm, Ralf: Ludwig Tiecks späte Novellen. Grundlage und Technik des Wunderbaren, Stuttgart 1973, S. 20.

[6] Vgl Giese, S. 53.

[7] Stamm, S. 20.

[8] Vgl. Giese, S. 53.

[9] Giese, S. 689.

[10] Ebd., S. 698.

[11] Tieck, Ludwig: Shakespeare’s Behandlung des Wunderbaren (1796), in: Ausgewählte kritische Schriften, hrsg. von Ernst Ribbat. Tübingen 1975, S. 700.

[12] Ebd., S. 700.

[13] Ebd., S. 702.

[14] Vgl. Tieck, Shakspaere, S. 704.

[15] Ebd., S. 707-709.

[16] Tieck, Shakspeare, S. 709.

[17] Vgl. Tieck, Shakespeare, S. 709-710.

[18] Vgl. Ebd., S. 713.

[19] Ebd., S. 716.

[20] Tismar, Jens: Kunstmärchen, Stuttgart ² 1983, S. 40.

[21] Ebd., S. 40.

[22] Tieck, Ludwig: Der Blonde Eckbert, in: Phantasus, Band 6, hrsg. von Manfred Frank, Frankfurt a.M. 1985, S. 129-130.

[23] Vgl. Fischer, Jens, M.: Das Phantastische bei Ludwig Tieck, in: Phantastik in Literatur und Kunst, hrsg. von Christian W. Thomsen und Jens Malte Fischer, Darmstadt 1980, S. 47.

[24] Vgl. Fischer, S. 143.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Wunderbare in Tiecks "Der Blonde Eckbert"
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V171491
ISBN (eBook)
9783668171190
ISBN (Buch)
9783668171206
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wunderbare, tiecks, blonde, eckbert
Arbeit zitieren
Katrin Bogner (Autor), 2008, Das Wunderbare in Tiecks "Der Blonde Eckbert", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171491

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