"Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Lenz. Komödie, Tragödie oder bürgerliches Trauerspiel?


Seminararbeit, 2007
15 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Gattungstypen Komödie, Tragödie, bürgerliches Trauerspiel
2.1 Definition und Merkmale der Gattung Komödie
2.1.1 Definition der Komödie
2.1.2 Merkmale bzw. Besonderheiten der Komödie bei Lenz
2.2 Definition und Merkmale der Gattung Tragikomödie
2.2.1 Definition der Tragikomödie
2.2.2 Merkmale bzw. Besonderheiten der Tragikomödie bei Lenz
2.3 Definition und Merkmale der Gattung bürgerliches Trauerspiel
2.3.1 Definition des bürgerlichen Trauerspiels
2.3.2 Merkmale bzw. Besonderheiten des bürgerlichen Trauerspiels bei Lenz

3. Analyse des Textinhalts im Hinblick auf die gattungsmäßige Bestimmtheit
3.1 Gattungsmäßige Bestimmtheit des Textinhalts unter Berücksichtigung der drei Typen Komödie, Tragikomödie und bürgerliches Trauerspiel

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Eine Komödie“ ist das erste große Drama des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz. Es wurde in den Jahren 1771/72 von diesem verfasst und kurze Zeit später anno 1774 anonym in Leipzig gedruckt.

Aufgrund der Besonderheit seiner inhaltlichen Merkmale wie der mehrsträngigen, durch Zeit- und Raumsprünge zerrissenen Handlung, der gebrochenen Charaktere sowie des vielschichtigen Problemgehalts übt dieses Drama bis heute eine ungeheure Faszination und Diskussionsfreude aus. Bereits die Gattungsbezeichnung Komödie im Untertitel erweckt gravierende Meinungsverschiedenheiten im Kreise der Interpreten sowie eine Distanz zur Sichtweise von Lenz.

Während Karl S. Guthkes das Hofmeisterdrama zum Beweisstück der Tragikomödie deklarieren wollte, favorisierten spätere Kritiker wie Hinck und Glaser das Lust- und Trauerspiel als geeignete Gattung. Der Rezensent des Leipziger Almanachs der deutschen Musen auf das Jahr 1775 bekräftigt, „wenn das kein Trauerspiel ist […], so möchte manche französische Tragödie dagegen Lustspiel heißen.“[1]

Die diversen Haltungen der Interpreten sind nicht verwerflich, wenn man die Tatsache betrachtet, dass der Hofmeisterverfasser selbst erhebliche Schwankungen im Hinblick auf die Gattungsbezeichnung unterlag. Trotz der Bezeichnung Komödie im Untertitel bezeichnet Lenz das Drama gegenüber Salzmann mehrmals als Trauerspiel.

Gegenstand dieser Hausarbeit ist es, die Gattungsbezeichnung Komödie, welche für das Hofmeisterdrama gewählt wurde, zu durchleuchten. Hierbei wird die vieldiskutierte Frage in den Fokus der Betrachtung gestellt, ob es im Hinblick auf den besonderen Formtypus des Werks rechtens ist, ihr allein die Bezeichnung Komödie zuteilwerden zu lassen. Könnte man dem Hofmeisterdrama nicht auch die Gattung der Tragikomödie oder des bürgerlichen Trauerspiels zuschreiben?

Zur Beantwortung dieser Frage gliedert sich die Hausarbeit in zwei Teile. Zunächst werden die Besonderheiten bzw. Merkmale der drei Gattungen Komödie, Tragikomödie sowie bürgerliches Trauerspiel ausführlich dargestellt und eindeutige Differenzen herausgearbeitet. Im nächsten Schritt wird der Inhalt des Hofmeisterdramas unter dem Blickwinkel der im Vorfeld untersuchten Gattungsarten analysiert. Hierzu werden zudem die Meinungen diverser Interpreten mit einfließen.

2. Die Gattungstypen Komödie, Tragödie, bürgerliches Trauerspiel

2.1 Definition und Merkmale der Gattung Komödie

2.1.1 Definition der Komödie

Den Begriff Komödie beschreibt Aristoteles als die „Nachahmung von schlechteren Menschen, aber nicht im Hinblick auf jede Art von Schlechtigkeit, sondern nur insoweit, als das Lächerliche am Hässlichen teilhat. Das Lächerliche ist nämlich ein mit Hässlichkeit verbundener Fehler, der indes keinen Schmerz und kein Verderben verursacht, wie ja auch die lächerliche Maske hässlich und verzerrt ist, jedoch ohne den Ausdruck von Schmerz.“[2]

2.1.2 Merkmale bzw. Besonderheiten der Komödie bei Lenz

Unumstrittene Merkmale, welches den Gattungstypus der Komödie auszeichnet, sind der meist glückliche Ausgang, die Themen- und Stoffwahl aus dem Bereich des Alltäglichen, die Tendenz zu stereotyper Handlungsführung und Personentypisierung sowie einer Darstellungsperspektive, die zum Großteil den sozial niedrig Gestellten entsprach. Bei der Komödie wurden ausschließlich Figuren aus den unteren Schichten dargestellt, über welche die Menschen lachen konnten. Das Lachen stellt allerdings bei Lenz kein typisches Kriterium für die Gattung Komödie dar: „Ich nenne durchaus Komödie nicht eine Vorstellung, die bloß Lachen erregt […].“[3]

Diese Meinung von Lenz bekräftigt auch Sulzer mit den Worten, dass es nicht Absicht des Genres sei, zu lachen, sondern es vielmehr ihren Focus darauf konzentriert, im Sinne eines weitgefassten Horazischen delectare zu belustigen. Die ausgewählten Sujets sollten daher nicht lächerlich, sondern vielmehr interessant sein.[4]

Lenz sieht die Hauptempfindung der Komödie nicht in der Person, sondern vielmehr in der Begebenheit und drückt dies mit folgenden Worten aus:

„Die Personen sind für die Handlungen da – für die artigen Erfolge, Wirkungen, Gegenwirkungen, ein Kreis herumgezogen, der sich um eine Hauptidee dreht - Und es ist eine Komödie. Ja wahrlich, denn was soll sonst Komödie in der Welt sein?“[5]

Die Komödie des Sturm und Drang sieht ihren Ausgangspunkt in der Fremdheit zwischen Individuum und Gesellschaft sowie beider mit sich selbst. Diese resultiert aus der Emanzipation des Individuums und der damit verbundenen Heterogenität der Gesellschaft. Die Komödie zeigt kritisch auf, wie die Welt und das Ich den Dialog verweigern, dass in der Fremdheit nicht Schicksal waltet, sondern sich Versagen auftut.[6]

2.2 Definition und Merkmale der Gattung Tragikomödie

2.2.1 Definition der Tragikomödie

Die Gattung Tragikomödie erwuchs aus dem lateinischen Begriff tragicocomoedia, welcher eine Wortprägung des römischen Komödiendichters Plautus ist. Mit diesem Begriff bezeichnete er scherzhaft die Mischung verschiedener Stil- und Handlungsebenen, um die Präsenz von Göttern, Heroen und einem Sklaven in einem Drama zu thematisieren. Die Tragikomödie findet – im Gegensatz zu ihren Nebengattungen Komödie und Tragödie - keinen eigenen Platz in der antiken Dramentheorie, da sie zunächst ein einmaliges Wortspiel darstellte, welches die Verkleidung von Göttern als Sterbliche motivieren sollte.[7]

2.2.2 Merkmale bzw. Besonderheiten der Tragikomödie bei Lenz

Gemäß Guthke hat man es bei Lenz „mit einer Tragikomödie im synthetischen Sinne zu tun, mit einem Spiel, das man mit einem weinenden und lachenden Auge sieht, in dem das eine nur die Kehrseite des anderen ist und beide sich gegenseitig verstärken.“[8] Hierbei wird deutlich, dass es sich bei der Tragikomödie um eine Mischung aus den bislang voneinander getrennten Formtypen Komödie sowie Tragödie handelt. Deren Bauform zeichnet sich durch die Inkongruenz von Charakter und Situation aus, bei welcher sich ein durch seine übermäßige Phantasiebestimmtheit komischer Charakter in einer „schrecklichen“[9] und „grausamen“[10] Lage befindet. Das heißt, es besteht eine erhebliche Kontrastierung zwischen Situation und Person. Eine Situation zeichnet sich durch tragische Momente aus, welche Unheil in sich bergen, das jederzeit ausbrechen kann. Auch die sich in dieser Situation befindliche Person ist aufgrund ihres schwächlichen Charakters zum Tragischen fähig. Da in dem Drama sowohl Person als auch Situation selbst in der tiefsten Tragik ihre Lächerlichkeit bewahren, bietet sich uns der Gesamteindruck der Tragikomödie, in welchem sich sowohl Tragik als auch das Komische gegenseitig steigern. In diesem Gattungstypus sind dementsprechend lustige wie traurige, mitfühlende Sequenzen enthalten – ein „Lachen und Weinen zugleich“[11].

Ein weiteres Kriterium, dass bei der Tragikomödie oftmals zum Tragen kommt, ist die Tatsache, dass eine Handlung im Drama unausweichlich auf ein tragisches Ende zusteuert und im letzten Moment doch noch einen guten Ausgang findet. Zudem findet sich bei dieser Gattung ein sozial gemischter Personenkreis.[12]

2.3 Definition und Merkmale der Gattung bürgerliches Trauerspiel

2.3.1 Definition des bürgerlichen Trauerspiels

Beim bürgerlichen Trauerspiel handelt es sich um ein stilistisch – strukturell, geistesgeschichtlich und soziologisch heterogenes Segment bürgerlicher Dramatik. Dieses trennt sich Mitte des 18. Jahrhunderts vom klassizistischen Tragödienbegriff und verlagert tragische Konflikte aus dem öffentlichen Raum in die häuslich-familiäre Lebenssphäre innerhalb der bürgerlichen Lebens- und Wertewelt.[13]

2.3.2 Merkmale bzw. Besonderheiten des bürgerlichen Trauerspiels bei Lenz

„Das bürgerliche Drama ist das erste, welches aus bewusstem Klassengegensatz erwachsen ist; das erste, dessen Ziel es war, der Gefühls- und Denkweise einer um Freiheit und Macht kämpfenden Klasse, ihrer Beziehung zu den andern Klassen, Ausdruck zu geben.“[14]

Das bürgerliche Trauerspiel ist ohne Zweifel eine Fortschreibung der antiken Poetik. Nur die Besetzung des Personals hat sich im 18. Jahrhundert gewandelt.

Während die Handlung zuvor mit Kontroversen zwischen meist adeligen Menschen und Göttern benetzt war, treten nun familiär bestimmte Konflikte der bürgerlichen Moral und solche zwischen der höfisch – feudalen Ordnung und dem Wertesystem Bürgerlichkeit zur Diskussion. Es werden hierbei Themen aus der bürgerlichen Öffentlichkeit thematisiert. Im Focus des Geschehens steht ein vom Aufklärungsethos der Wissenschaften und der Gelehrsamkeit inspirierter Intellektueller, welcher als freischwebende Existenz um des bloßen Überlebens willen in einem soziologischen Vakuum zur Unterordnung bzw. Anpassung an feudalistische Gesellschaftsstrukturen gezwungen ist.[15]

Da sich zu dieser Zeit das Publikum aus sozio-ökonomischen Gründen nicht mehr mit den Heldenfiguren identifizieren konnte, wurden bürgerliche Helden gefordert. Im Zentrum dieser Gattung stehen das Moment der Rührung sowie die Kultivierung der Mitleidsfähigkeit des Publikums. Durch Identifikation mit den Figuren auf der Bühne erstrebte man eine sittliche Besserung des Zuschauers, die bei dem bürgerlichen Trauerspiel über eine Gemütsregung erlangt werden sollte.[16]

[...]


[1] Zelle, Carsten: Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Drei Bemerkungen dazu, was bei Lenz gespielt wird, in: J.M.R Lenz als Alternative? Positionsanalysen zum 200. Todestag, hrsg. u. eingel. von Karin A. Wurst, Köln 1992, S. 141.

[2] Aristoteles: Poetik (ca. 340 v. Chr.). Dt. von Manfred Fuhrmann. Stuttgart 2005, vgl. auch Jeßing, Benedikt/Köhnen, Ralph, Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Stuttgart ²2007, S. 159.

[3] Simon, Ralf : Theorie der Komödie – Poetik der Tragödie. Bielefeld 2001, S. 20.

[4] Vgl. Sulzer, Georg, Johann: Allgemeine Theorie der schönen Künste, Band 1, Leipzig ²1792, S. 486-500.

[5] Lenz, Jakob, Michael, Reinhold: Anmerkungen übers Theater. In: Lenz, Werke und Briefe in drei Bänden. Hrsg. V. Sigrid Damm, Band 2, Berlin 1987, S. 669 – 670.

[6] Vgl. Arntzen, Helmut: Die Komödie der Entfremdung. Lenz und Klinger, in: ders.: Die ernste Komödie. Das deutsche Lustspiel von Lessing bis Kleist, München 1968, S. 85-86.

[7] Vgl. Günther, Horst: Tragikomödie. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Hrsg. Von Kohlschmidt, Werner/ Mohr, Wolfgang, Band 4: S1 – Z, Berlin 1931, S. 523 – 530.

[8] Guthke, Karl: Lenzens Hofmeister und Soldaten. Ein neuer Formtypus in der Geschichte des deutschen Dramas, In: Wirkendes Wort 9 (1959), S. 276.

[9] Rosanow, R., M.: Lenz, Leipzig 1909, S. 231.

[10] Köhler, Fritz: Klingers Lustspiele, Diss. Breslau 1928, S. 17.

[11] Eloesser, A.: Das bürgerliche Drama, Berlin 1898, S. 129.

[12] Vgl. Guthke, Lenzens Hofmeister und Soldaten, S. 277.

[13] Vgl. Eke, Norbert, Otto: Bürgerliches Trauerspiel. In: Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. Hrsg. Von Brunner, Horst/ Moritz, Rainer, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Berlin 2006. S. 68 – 70.

[14] Lukacs, Georg: Zur Soziologie des modernen Dramas, Tübingen 1909, S. 277.

[15] Vgl. Durzak, Manfred: Das bürgerliche Trauerspiel als Spiegel der bürgerlichen Gesellschaft, in: Propyläen Geschichte der Literatur, Bd. 4: Aufklärung und Romantik 1700-1830, Berlin 1983, S. 134.

[16] Vgl. Durzak, Das bürgerliche Trauerspiel, S. 122.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
"Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Lenz. Komödie, Tragödie oder bürgerliches Trauerspiel?
Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V171493
ISBN (eBook)
9783668171237
ISBN (Buch)
9783668171244
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hofmeister, vorteile, privaterziehung, jakob, lenz, komödie, tragödie, trauerspiel
Arbeit zitieren
Katrin Bogner (Autor), 2007, "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" von Jakob Lenz. Komödie, Tragödie oder bürgerliches Trauerspiel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171493

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